In Plastik verpackte Tomaten liegen am 18.10.2017 in eiem Supermarkt in Würzburg (Bayern) neben losen Tomaten zum Verkauf aus. (Quelle: dpa / Daniel Karmann)
Audio: Inforadio | 27.12.2018 | Gespräch mit Matthias Fabian vom Bundesumweltamt | Bild: dpa-Symbolbild / Daniel Karmann

Rückblick 2018 | Aktion zur Fastenzeit - Was vom Plastik übrig blieb

Angesichts der Flut von Plastikmüll hat die EU kürzlich Einweg-Plastik verboten. Wäre das schon früher passiert, hätte es meine Familie leichter gehabt: Denn in der Fastenzeit verzichteten wir - mit Mühe - auf Plastik. Was ist daraus geworden? Von Bettina Rehmann

Wütend reißt die ältere Dame die durchsichtige Verpackung von den Bundmöhren und wirft sie zurück ins Gemüseregal. "Muss das denn noch extra verpackt sein", schimpft sie eher, als sie es fragt, laut in den Supermarkt hinein. Sie schaut mich erwartungsvoll an, ich stimme natürlich zu. Doch gleichzeitig bin ich beschämt. Ich wollte selbst gerade zu den in Plastikfolie verpackten Bio-Zucchini greifen, was ich jetzt lasse. Hier, im Discounter um die Ecke, ist die Auswahl an ökologisch oder gar nicht verpackten Produkten eher bescheiden.

Gerade erst wurde ein EU-weites Verbot von Einweg-Plastik auf den Weg gebracht. Aber wohl erst in ein paar Jahren wird ein entsprechendes Gesetz gelten, das Wegwerfartikel aus Kunststoff verbieten soll. Ob unnütze Verpackungen wie die Tüte um die Bundmöhren oder der Plastiküberzug der Bio-Gurke dann auch passé sind, ist offen. Ich kann die verzweifelte Wut der Kundin aus der Gemüseabteilung so gut nachvollziehen: In der Fastenzeit habe ich sechs Wochen lang dokumentiert, wie Plastikverzicht im Alltag meiner Familie funktioniert. Am meisten beschäftigt hat uns der Verzicht im Bereich Lebensmittel. Und warum Obst und Gemüse verpackt ist, wie es eben verpackt ist, ist bisweilen nicht nachzuvollziehen. 

Während des Experiments weniger Bio

In den Reaktionen und Kommentaren schilderten viele, sie würden auch versuchen wollen, auf Plastikverpackungen zu verzichten, jedoch ist in den Supermärkten nach wie vor das meiste in Plastik eingepackt, bemerkenswerterweise auch Bioprodukte (man könnte meinen, dass Bio auch "bio" verpackt sein sollte, aber das ist eine andere Diskussion). Während unseres Experiments – wir konsumierten nahezu kein Plastik in der Zeit und reduzierten unseren Müll drastisch – haben wir uns häufig für Produkte entschieden, die wir sonst nicht gekauft hätten.

So griffen wir beispielsweise zu den gespritzten statt zu den Bio-Tomaten. Seitdem wir nicht mehr komplett auf Plastik verzichten, kaufen wir wieder eher die Bio-Tomaten. Im Bioladen gibt es die auch unverpackt, das ist kein Problem. Nur muss ich dafür in den nächsten Stadtteil fahren. Beim Discounter gibt es mittlerweile in Pappe verpackte Bio-Tomaten. Wobei es auch hierbei auf den Ort ankommt: In unserem Bezirk gibt es die zwar beispielsweise in einer Discounterfiliale in Friedrichshagen, nicht aber in der Filiale desselben Discounters im Allendeviertel.

Wir haben es in den 40 Tagen der Fastenzeit nicht geschafft, gar keinen Plastikmüll zu produzieren – wir haben ja auch noch Vorräte verbraucht. Aber es war sehr wenig. So wenig ist es heute nicht mehr, meist kommt bei uns als dreiköpfiger und zeitweise vierköpfiger Familie nach zwei Wochen ein voller gelber Sack zusammen.

Bei Drogerieartikeln kommt man mittlerweile schon recht gut ohne Plastik aus, zumindest ohne neues Plastik. Wasch- oder Spülmittel gibt es in Flaschen aus pflanzenbasierten Kunststoffen mit geringem Recyclingplastikanteil, Shampoo-Seife gibt es jetzt auch im Drogeriemarkt. In diesem Bereich fiel es uns am leichtesten, viel weniger zu konsumieren, und wir behalten es bei. Bei den Milchprodukten sind wir bei den Pfandflaschen und –gläsern geblieben, obwohl ich auch hier gestehen muss, dass hin und wieder beim Discounter-Einkauf auch Tetrapaks ihren Weg in den Einkaufswagen finden. Die Stoffwindeln wechseln sich heute wieder häufiger mit den herkömmlichen Wegwerfwindeln ab, allerdings gibt es zum Glück mittlerweile bezahlbare Ökowindeln.

Der Gedanke, dass es ohne geht, kauft mit

Unser Plastikverzicht war ein Experiment. An der Käsetheke im Supermarkt zu verzweifeln, weil "aus hygienischen Gründen" die mitgebrachte Dose nicht befüllt werden darf und alle Überredungsversuche scheitern, vermisse ich nicht. Weite Wege, zum Beispiel in einen verpackungslosen Tante-Emma-Laden für ein Pfund Kaffeebohnen, nehmen wir nicht in Kauf – es steht wohl ohnehin in keinem Verhältnis, stundenlang unterwegs zu sein, um einen Artikel plastikfrei zu erwerben. Die Ansprüche an unser Müllvermeidungsverhalten sind allerdings gewachsen und die Erfahrung in der Fastenzeit hat uns auch darüber nachdenken lassen, dass unsere Entscheidungen frei sind und wir auch auf so manches verzichten können. Da wir wissen, dass es auch komplett ohne Plastik geht, ist kein Einkauf mehr gedankenlos.

Doch es tut sich etwas – die Einsicht, dass wir Menschen etwas tun müssen, ist da, auch wenn auf der politischen Ebene die Dinge ziemlich langsam laufen. Auch die Supermärkte stellen sich, wenn auch bisher langsam und in sehr überschaubarem Rahmen, ihrer Verantwortung. Während des Experiments schimpften wir noch auf die Plastiktüten zum Abwiegen – die gibt es zwar immer noch, aber in manchen Läden liegen für diesen Zweck jetzt wiederverwendbare Netze bereit.

Schon nach ein paar Wochen Plastiktagebuch zeigte unser Beispiel Wirkung: Eine Freundin stieg ebenfalls auf Milch in Pfandflaschen um, ein Arbeitskollege berichtete mir, das Tagebuch habe ihn inspiriert, jetzt das Obst im Supermarkt nicht mehr in der Tüte abzuwiegen. Immer noch fragen Leser oder Bekannte, was bei aus unserem Experiment geworden ist – und was vom Plastik übrigblieb.

Beim Harzer, dem Lieblingskäse unseres Sohnes, kaufen wir heute trotzig die in eine dünne Plastikverpackung gehüllten Rollen im Supermarkt. Den Käse unverpackt auf dem Markt zu kaufen, stellte sich damals als Mogelpackung heraus: Die Großverpackung aus Plastik von der Anmutung einer Tupperdose wurde vom Markthändler einfach weggeworfen.  

Jahresrückblick 2018 und Jahresvorschau 2019

In Plastik verpackte Tomaten liegen am 18.10.2017 in eiem Supermarkt in Würzburg (Bayern) neben losen Tomaten zum Verkauf aus. (Quelle: dpa / Daniel Karmann)
dpa-Symbolbild / Daniel Karmann

Rückblick 2018 | Aktion zur Fastenzeit - Was vom Plastik übrig blieb

Angesichts der Flut von Plastikmüll hat die EU kürzlich Einweg-Plastik verboten. Wäre das schon früher passiert, hätte es meine Familie leichter gehabt: Denn in der Fastenzeit verzichteten wir - mit Mühe - auf Plastik. Was ist daraus geworden? Von Bettina Rehmann

Das Quiz zum Jahr 2018 (Quelle: dpa/imago)
dpa/imago

Rückblick 2018 | Quiz - 18 Fragen zu '18

2018 war ganz schön was los in Berlin und Brandenburg: Hitze, Waldbrände, die Air-Berlin-Pleite ... ach nee, die war ja schon 2017! Beantworten Sie unsere 18 Fragen, um Ihr Gedächtnis in Schwung zu bringen.

Leinenpflicht für Hunde in Berlin, neue Geldscheine, mehr Zeit für die Steuererklärung, weniger Ausgaben für Eltern von Berliner Schülern: Das Jahr 2019 bringt für Verbraucherinnen und Verbraucher wieder einige Neuerungen. (Quelle: dpa/imago)
dpa/imago

Steuer, Schule, Sozialabgaben - Das ändert sich 2019

Leinenpflicht für Berliner Hunde, neue Geldscheine, mehr Zeit für die Steuererklärung, weniger Ausgaben für Eltern von Berliner Schülern: Das Jahr 2019 bringt für Berliner und Brandenburger einige Neuerungen. Ein Überblick.

 

Beitrag von Bettina Rehmann

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Netiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

4 Kommentare

  1. 4.

    sag ich doch, den gelbe-Säcke-Unsinn kennen nur Brandenburger. Da ist Einkaufen nicht die einzige Herausforderung, es folgt die nächste: Entsorgen....

  2. 2.

    Möglichst umweltbewusst einzukaufen ist für Berufstätige oft schwierig. Wie im Beitrag geschildert braucht man auch nehr Zeit, weil das im Laden um die Ecke oder in der Filiale auf dem Weg nachhause schlecht geht. Abgesehen davon, dass wir Verbraucher kritischer werden , verlange ich von unseren Gesetzgebern, sich schon ganz am Anfang der Verpackungskette einzubringen. Wenn schon verpackt werden muss, dann sind nur noch Verpackungen zuzulassen, die umweltfreudlich recycelt werden. Vllt wird dann schon erkannt, dass nicht alles verpackt werden muss. Der Rest schafft auch Arbeitsplätze in der Recyclingindustrie.

  3. 1.

    Eine Idee hätte ich
    Die gelben Säcke trotz grünen Punkt nicht mehr kostenlos. Es passt einfach nicht mehr in die Zeit.
    Dafür die grünen Säcke kostenlos abgeben. Viele würden dann vielleicht einen Baum mehr im Garten oder auf der Straße stehen lassen und nicht weil es weniger Arbeit macht und die Entsorgung von Laub etwas kostet einfach abhacken.
    Denkt mal alle drüber nach.