Demosntranten und Polizei stehen am Jugendzentrum Drugstore an der Potsdamer Straße. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Video: Abendschau | 31.12.2018 | Max Kell | Bild: dpa/Paul Zinken

Trotz Ende des Mietvertrags - Jugendzentrum Potse lässt Schlüsselübergabe platzen

Nach fast 50 Jahren sollte an diesem Montag eigentlich die Zeit des Jugendzentrums Potse in Schöneberg zu Ende gehen. Doch die Schlüsselübergabe platzte. In wenigen Tagen läuft der Mietvertrag für das Zentrum aus. Dann könnte sich die Lage noch einmal zuspitzen. 

Das Kollektiv des linken Jugendtreffs Potse weigert sich, seine Räumlichkeiten in der Potsdamer Straße 180 aufzugeben. Eigentlich sollten am Montag die Schlüssel an den Bezirk Tempelhof-Schöneberg übergeben werden, das passierte nach rbb-Informationen nur für das im selben Haus ansässige Jugendprojekt Drugstore, nicht jedoch für das Jugendzentrum Potse.  

Demonstranten setzen sich am 31.12.2018 für den Erhalt des autonomen Jugendzentrums "Potse-Drugstore" in Berlin-Schöneberg ein. (Quelle: rbb / Grit Lieder)
Bild: rbb / Grit Lieder

In einer bei Twitter veröffentlichten Pressemitteilung heißt es, die für die Schließung der Potse "angebotenen Ersatzräumlichkeiten stellen im besten Falle einen Witz dar. Hiermit verhöhnt die Politik die jahrzehntelange, ehrenamtliche Arbeit, die von Generationen an Jugendlichen geleistet wurde und wird."  

Rund 150 Menschen demonstrierten am Montag nach Veranstalterangaben vor dem Gebäude in der Potsdamer Straße. Nach Angaben der Polizei gab es zunächst keine Zwischenfälle. Im Internet wurde zu Solidarität und zur Besetzung des Hauses aufgerufen.

Die Berliner Polizei wollte die Besetzung der Räume auf Anfrage von rbb|24 am Montagmittag zunächst nicht bestätigen, verwies aber grundsätzlich darauf, dass die Mieter zunächst noch die Möglichkeit haben, in den Räumlichkeiten zu bleiben, weswegen von einer "Besetzung" insoweit noch nicht die Rede sein könne. Zudem handele es sich bislang nicht um erkennbare Straftaten, so eine Sprecherin. Nachdem die Mietverträge mehrfach verlängert wurden, ist nun zum 3. Januar 2019 endgültig Schluss - was danach passiert, ist völlig offen.  

Über die nächsten Schritte entscheidet der Eigentümer. Sollte es zu einer Räumung kommen, wäre der Gerichtsvollzieher zuständig.

Anlaufstelle seit fast 50 Jahren

Das Motto der linken Kulturprojekte Potse und Drugstore lautet "Von Punks für Punks - ein Veranstaltungsort für Parties und Konzerte zum Nulltarif". Die beiden Jugendclubs sind seit den 1970er Jahren Anlaufstellen für Jugendliche. Das autonome Jugendzentrum kämpft seit Jahren um seinen Erhalt. Vor einiger Zeit hat ihnen der jetzige Hauseigentümer – ein Investor – gekündigt. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat sich um Ausweichquartiere bemüht. Diese sind aus Sicht von Drugstore und Potse mit Blick auf das Veranstaltungskonzept wenig geeignet und existenzgefährdend.

Die Potsdamer Straße im Berliner Westen wird zunehmend von Bürogebäuden, Galerien, Boutiquen und Eigentumswohnungen mit steigenden Immobilienpreisen geprägt.

Straßenecke steht ohnehin unter besonderer Beobachtung der Polizei

Die Straßenkreuzung Potsdamer Straße / Pallasstraße steht am Silvesterabend ohnehin unter besonderer Beobachtung der Polizei. Hier kam es in den vergangenen Jahren zum Jahreswechsel zu Ausschreitungen und auch zu Gewalt gegen Polizeibeamte.

"Wir haben unsere Präsenz dort deswegen in diesem Jahr verstärkt, unter anderem auch mit Kollegen und Kolleginnen in zivil", sagte die Polizeisprecherin. Genaue Zahlen zu den Einsatzkräften wollte sie nicht nennen.

Sendung: Abendschau, 31.12.2018, 19.30 Uhr

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7 Kommentare

  1. 7.

    Die Potse ist besetzt und vor der Tür findet eine polizeilich angemeldete Dauermahnwache statt - wer das unterstützen will, kann vorbeikommen zur Potsdamer Str. 180 , Decken und warmes Essen mitbringen für die Leute, die ausharren!
    https://bewerbungstrainingfuerdenbundestag.blogspot.com/2019/01/potse-besetzt-dauermahnwache-seit-2-1.html

    Wenn man Jugendzentren und anderes "räumt", muss man sich nicht wundern, dass die Leute, die vorher einen ORT hatten, nun "auf der Straße" weitermachen!
    Übrigens: auch mittels "Vertraglichkeit" lässt sich viel Unrecht "strukturell legitimieren" - z.B. ist auch wohnen ein Menschenrecht, Teil der Berliner Verfassung, fehlt aber explizit formuliert im Grundgesetz... ein schöner "kniff", alle in (Miet)schuldknechtschaft zu bringen - es sind ja am Ende nicht nur die Jugendzentren oder kulturellen Orte, sondern auch die Wohnungen.

  2. 6.

    Das ist echt ätzend, wenn man sich so über die Rechtslage hinwegsetzt. Vertrag ist Vertrag, wenn er nicht mehr besteht, dann muss man auch einfach mal die Sache herausgeben. Diese Art Selbstjustiz nervt. Wir leben nicht in einer Ansrchie.

  3. 5.

    Richtig. Diese Institution hat seit Jahrzehnten viel bewegt und muß erhalten bleiben. Diese Gleichmacherei in Berlin nimmt unserer Stadt den Charme und das Besondere. Am Besten noch so eine Zombie-Mall dahin setzen... Ich hoffe auf Unterstützung vom Senat und drücke den Leuten die Daumen!

  4. 4.

    Wo "Widerstand" angesagt ist, definiert Artikel 20 IV des Grundgesetzes. Von Jugendzentren, die neuen Nutzungen weichen müssen, ist da erstaunlicherweise nicht die Rede.

    Aber was gelten schon Gesetze, wenn sie linken "Aktivisten" im Wege sind?

  5. 3.

    Weg mit dem Ding.
    Ein Schandfleck für das Auge.
    Und den Sozialpalast gleich dazu. Es ist an der Zeit, dass diese Gegend and Attraktivität und Sichherheit gewinnt.

  6. 2.

    Auf jeden Fall sollte die "Potse" erhalten bleiben! Dafür sollte sich der Berliner Senat einsetzen. Und irgendwie kann ich das Wort "Investor" schon nicht mehr hören ... dieses wundervolle, unvergleichliche West-Berlin wird immer mehr platt gemacht. Schrecklich!

  7. 1.

    Wo der Staat versagt - da ist Widerstand angesagt!
    Absolutes Verständnis und Unterstützung für die Leute von der Potse! Es ist ein Armutszeugnis für die Jugendarbeit, für unsere Kultur, für unsere Stadt, wenn es nicht gelingt, ein erfolgreiches Jugendprojekt gegen die GIer der Investoren-Pest zu verteidigen!
    Ich bin absolut ein Sympatisant des Rot-Rot-Grünen Senats. Aber hier versagt die Politik völlig. Der Investor handelt aus Profitgier gegen das Gemeinwohl, da muss eine Linie gezogen werden. Hier, und an den vielen anderen Institutionen die gefährdet sind, obwohl sie wertvolle Arbeit für unsere Stadt leisten. Das kein Alternativstandort gefunden wurde, ist ein Armutszeugnis. Im ganzen Bezirk soll kein Standort verfügbar sein, der die Potse aufnehmen kann? Da hat man wohl eher zuviel Angst vor Anwohnerprotesten, wenn man an einem neuen Platz weitermachen würde. Hier versagt sowohl der Bezirk, wie auch der Senat.
    Also müssen die Politiker wohl noch aufwachen und verstehen lernen.

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