Touristen am Berliner Checkpoint Charlie (Quelle: imago/Sattler)
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Audio: Kulturradio | 05.12.2018 | Tomas Fitzel | Bild: imago stock&people

Kommentar von Tomas Fitzel | Bebauung am Checkpoint Charlie - Lieber wegschauen, weil es so peinlich ist

Berlin ist Weltmeister im Wegsehen und endlosen Aufschieben von Entscheidungen, solange bis die Dinge so verworren sind, dass kein Mensch mehr durchblicken kann - wer, was, mit wem, wieso und warum. So verworren, dass man dann eben lieber wegschaut, weil es so peinlich ist. Wie die Sache mit dem Checkpoint Charlie.

Und darum hat der Berliner Senat jetzt entschieden, nichts zu entscheiden, weil jede Entscheidung, so oder so, unweigerlich Schaden für Berlin mit sich brächte. Mehr als zwei Jahrzehnte überließ Berlin diesen so historisch wie symbolisch bedeutsamen Ort schlicht sich selbst. Erst jetzt kam man auf die Idee, ihn unter Denkmalschutz zu stellen.

Was leider nur viel zu spät ist, denn längst sind sämtliche Fakten geschaffen. Berlin hatte keine bessere Idee, als die Grundstücke gleich nach dem Mauerfall zu verscherbeln. Den damaligen Preis möchte man heute gar nicht mehr wissen. Als Gegenwert erhielten wir dafür drei bauliche Belanglosigkeiten und einen Schuldenberg von 90 Millionen Euro. So viel hinterließen die pleite gegangenen Investoren als Grundschuld auf den beiden noch unbebauten Grundstücken.  

Senat wusste, auf wen man sich mit Trockland einlässt

Wem will man vernünftig erklären, dass wir diese Schuld begleichen müssten, wenn Berlin das Bauvorhaben in die eigene Hand übernehmen wollte, als hätte Berlin nicht genug eigene Schulden. 90 Millionen für nichts. Die Schulden von anderen, die wahrscheinlich jetzt irgendwo an einem schönen Strand sitzen und das Leben genießen. Dann käme bei dem gegenwärtigen Bauboom noch der exorbitante Preis nur für das Grundstück hinzu.

Doch derzeit würde Trockland die Schulden übernehmen. Dass Berlin aus seinen Verabredungen mit dem Investor Trockland aussteigt, war daher ausgeschlossen. Trockland ist kein Unbekannter in Berlin. Man wusste, mit wem man sich einlässt. Aber solange man Trockland keine unsauberen Machenschaften nachweisen kann, hat auch Trockland - egal wie viele unsympathische Diktatoren als Geschäftspartner direkt oder indirekt beteiligt sind - ein Anrecht auf Rechtsschutz, darauf, dass Verabredungen auch eingehalten werden. Bausenatorin Katrin Lompscher setzt stattdessen jetzt auf Zermürbung, also Nachverhandlungen.

Nur dazu wäre ein Ass im Ärmel von Vorteil, aber Berlin hat längst alle Karten aus der Hand gegeben. Warum sollte sich Trockland auf die neuen Pläne ohne Not einlassen? Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Man kann es drehen wie man will, da kommt nichts Gutes mehr dabei raus. 

Sendung: Kulturradio, 04.12.2018, 07.00 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Hallo Herr Fitzel,

    haben Sie denn den Marktwert der in Rede stehenden Grundstücke recherchiert? Liegt er unter 90 Mio.? Dann wäre die Übernahme der Grundschulden tatsächlich ein schlechtes Geschäft für das Land. Liegt der Marktwert über 90 Mio., sagen wir 100 Mio., müsste das Land noch 10 Mio. zahlen, denn 90 Mio. übernommene Grundschulden kann es sich auf den Kaufpreis anrechnen lassen. Sie erwecken in Ihrem Artikel dagegen den Eindruck, dass Berlin doppelt zahlt: neben der Übernahme von Grundschulden noch Zahlung des vollen Marktwerts (in diesem Rechenbeispiel 90+100=190). Das macht niemand, nicht mal Berlin.

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