Symbolbild: Ein Schüler einer dritten Klasse meldet sich beim Deutschunterricht (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: Abendschau | 23.01.2019 | Heike Schüler | Bild: Symbolbild: dpa/Patrick Pleul

Mehr Lehrer, mehr Fortbildungen, mehr Stunden - Berlins Grundschüler sollen besser lesen und rechnen lernen

Berliner Schüler sollen in Deutsch und Mathe besser werden - dafür hat die Bildungssenatorin dutzende Maßnahmen präsentiert. Zum Beispiel sollen Grundschüler eine Stunde länger lernen. Außerdem prüft der Senat, Lehrer in Berlin wieder zu verbeamten.

Schüler in Berlin sollen besser werden - vor allem in den Fächern Deutsch und Mathe, in denen sie zuletzt in bundesweiten Vergleichstests relativ schlecht abschnitten. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat dazu am Mittwoch zahlreiche Maßnahmen vorgestellt. Dazu gehört, dass Grundschüler eine zusätzliche Deutschstunde pro Woche erhalten. Die Gesamtzahl der Wochenstunden steigt damit auf sieben (Klasse 1) beziehungsweise acht (Klassen 2-4).

Ziel sei es, den Schülern flüssiges Lesen und damit auch ein besseres Textverständnis beizubringen, sagte Scheeres. In einem ersten Schritt sollen dazu 90, perspektivisch bis zu 200 zusätzliche Lehrer eingestellt werden. Im Bereich Mathematik will Scheeres mehr Fortbildungen für Lehrer und neue Unterrichtsmaterialien.

Elternvertreter für zusätzliche Deutschstunde

In Berlin herrscht seit einigen Jahren ein großer Mangel an Lehrkräften. Die Senatorin sieht dennoch Ressourcen für diese Aufstockung des Lehrpersonals: unter ehemaligen Willkommensklassen-Lehrern, die vor allem Kinder von Flüchtlingen in Deutsch unterrichten. Wenn die Schüler die deutsche Sprache ausreichend beherrschten, um in Regelklassen zu wechseln, würden diese Lehrkräfte verfügbar, so Scheeres. 

Elternvertreter begrüßen die zusätzliche Deutschstunde. "Diese Stunde ist sehr gut investiert und wird hoffentlich die Erfolge bringen, die wir brauchen", sagte der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses im rbb. 

Berliner Schüler vergleichsweise schlecht

Die Senatorin kündigte außerdem jährliche verbindliche "Sachstandstests" an. Die Schüler müssen dann - nach Brandenburger Vorbild - eine Art Fragebogen ausfüllen, um ihr jeweiliges Niveau in Deutsch und Mathe festzustellen. Auf dieser Grundlage soll der individuelle Förderbedarf festgelegt werden. Geplant sind darüber hinaus Verträge zwischen Schulaufsicht und Schulen, um mehr Verbindlichkeit bei den Lerninhalten zu erreichen.

Hintergrund der "Qualitätsoffensive" sind schlechte Ergebnisse Berliner Grundschüler in bundesweiten Vergleichstests - obwohl Berlin Scheeres zufolge im Ländervergleich das meiste Geld pro Schüler ausgibt. So ergab der sogenannte Vera-Test, ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Bundesländer, dass rund die Hälfte der Berliner Teilnehmer der dritten Klassenstufe bei der Rechtschreibung nicht einmal die Mindestanforderungen erfüllt. Beim Lesen war es ebenso wie in Mathematik rund ein Drittel.

Scheeres: besondere Herausforderung in Berlin

Die Defizite machen sich offenbar bis zum Ende der Schulzeit bemerkbar: So erreichten sieben Prozent der Berliner Schulabgänger im vergangenen Jahr nach der 10. Klasse keinen Abschluss. An den Gymnasien erwarben zwar alle Schüler am Ende der Jahrgangsstufe 10 einen Abschluss, an den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen hingegen gelang das 13 Prozent nicht (2017: 10 Prozent).

"Diese Lernergebnisse stellen uns nicht zufrieden", sagte Scheeres. "Wir müssen da ran." Es sei in den letzten Jahren bereits viel getan worden, um die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Der hohe Anteil von Kindern aus armen Familien oder aus Familien mit ausländischem Hintergrund sei jedoch eine besondere Herausforderung.

"Respekt-Teams" für Problemschulen

Scheeres' Paket für mehr Schulqualität sieht insgesamt 39 Maßnahmen vor, die sich neben Schulen auch auf Kitas beziehen. Dazu zählen auch  neue Ansätze für ganztägiges oder jahrgangsübergreifendes Lernen oder Maßnahmen für ein besseres Schulklima. So sollen künftig an Problemschulen mit viel Gewalt, religiösen Konflikten oder vielen Schulschwänzern "Respekt-Teams" aus Sozialarbeitern zum Einsatz kommen.

Das Paket umfasst zudem mehr Qualifizierungsmaßnahmen. Diese sollen besonders Quereinsteigern - also Lehrkräften ohne pädagogisches Studium - zugutekommen. Sie sollen damit die Voraussetzungen für ein berufsbegleitendes Referendariat erhalten und voll ausgebildete Lehrer werden können. Quereinsteiger haben wegen des Lehrermangels inzwischen einen Anteil von fünf Prozent an den Lehrern - und die Tendenz ist steigend.

Harsche Kritik von Opposition und Unternehmern

Die Oppositionsparteien CDU, AfD und FDP übten harsche Kritik an der "Qualitätsoffensive" und Scheeres' Agieren als Bildungssenatorin im Allgemeinen. Sie mache zu wenig für mehr Qualität des Unterrichts und gegen den Lehrermangel. Die CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele sieht die Zeit gekommen für einen Rücktritt der Senatorin: "Wie lange darf Scheeres noch auf Kosten der Berliner Schüler improvisieren?"

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) begrüßten hingegen, dass Scheeres Schulqualität und Lernergebnisse verbessern will. "Hier gibt es viel zu tun - immer häufiger bemängeln Unternehmen, dass Bewerbern in Berlin Schlüsselqualifikationen fehlen", so Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. "Deshalb ist es richtig, an der Sprach- und der Rechenkompetenz anzusetzen."

Senat prüft Rückkehr zur Verbeamtung

In Berlin werden wegen der wachsenden Stadt und Abgängen aus Alters- und anderen Gründen jährlich 2.500 bis 3.000 neue Lehrer gebraucht. Die sind jedoch schwer zu finden. Bundesländer, die Lehrer verbeamten, sind eine Konkurrenz für Berlin, das die Verbeamtung von Lehrern 2004 abgeschafft hat. Laut Schätzungen sind es 400 bis 500 Lehrer, die pro Jahr Berlin verlassen. Berlin sei seit 2018 das einzige Bundesland, das Lehrer nicht verbeamtet, sagte Scheeres. Inzwischen gibt es Überlegungen, das zurückzudrehen: Der Berliner Senat prüfe "ergebnisoffen", ob das Instrument auch für Berlin in Frage komme, so Scheeres dazu.

Laut aktuellen Zahlen der Bildungsverwaltung haben im vergangenen Schuljahr 522 Berliner Lehrer gekündigt oder sich in ein anderes Bundesland versetzen lassen. 

Die CDU fordert die  Rückkehr zur Lehrer-Verbeamtung schon seit Längerem. Die Lehrer-Gewerkschaft GEW sieht eine Rückkehr zur Verbeamtung indes kritisch: Sie ändere nichts an schlechten Arbeitsbedingungen und Überlastung, unter denen Lehrer litten. Linken-Haushaltspolitiker Stefan Zillich warnte vor höheren Kosten und neuen Ungerechtigkeiten: Viele der in den vergangenen Jahren angestellten Lehrer könnten nachträglich nicht mehr verbeamtet werden, etwa weil sie über der Altersgrenze liegen, sagte er.

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Auch Ihr Vorschlag wäre sinnvoll. Eine komplett neue Strategie muss her. Altgewohntes, bewährtes sollte wieder eingeführt und neue Konzepte sollten damit verbunden werden. Möglichst noch mit dem Blick über den Tellerrand in die Nachbarländer, die diesbezüglich besser aufgestellt sind. So wie es jetzt ist (und es spitzt sich ja immer weiter zu), darf die Situation an Berliner Schulen nicht bleiben. Das ist beschämend unseren Kindern gegenüber. Die müssen das Schlamassel tagtäglich nämlich ertragen und ausbaden.

  2. 13.

    Es stellt für Sie eine „zusätzliche Belastung“ dar, wenn Schüler mehr Zeit bekommen ihren Weg zu finden und der Lehrplan nicht immer mehr eingeschrumpft wird? Unsere Erfahrungen sprechen da aber eine ganz andere Sprache. Unser ältestes Kind kann mit einer Vorschule und Abitur nach 13 Schuljahren auf eine schöne Schulzeit zurückblicken. Durch die Vorschule war der Start ins Schulleben viel entspannter und in der 1. Klasse war der Lerneifer von Beginn an groß, weil die Knirpse schon ans Schulleben gewöhnt waren und nicht wochen- bis monatelang eingewöhnt werden mussten, so wie es jetzt ist. Die E-Phase in der 11. erfüllte denselben Zweck bei den Teenies. Unser zweites Kind hatte keine so angenehme Schulzeit. Es wurde damals mit 5 eingeschult, ohne Vorschule, dafür mit JÜL und Inklusion(s-Versuchen) und nach den MSA ging es nahtlos über in die Abi-Phase. Mit Defiziten, die es aufzuarbeiten galt, da viele Inhalte in der Mittelstufe nur gekürzt durchgenommen wurden, oder z.t. gar nicht. Die zwei weggestrichenen Jahre sind die Belastung, nicht die dazu gewonnene Zeit. Das Mehr an Lehrern muss natürlich dringend eingesetzt werden. Das reicht aber nicht.

  3. 12.

    Frau Scheeres bemüht sich und versucht immer wieder aus einer komplett verfahrenen und an Peinlichkeit kaum zu überbietenden Schul-Situation unser Kinder etwas zum Guten zu wenden. Aber ... gute Ideen alleine werden nichts verändern solange die Menschen die das umsetzten sollen nicht vorhanden oder entsprechend ausgebildet sind sind ! DAS hat die Politik zu Lasten und zum Nachteil unserer Kinder fahrlässig verschlafen. Schämt euch !

  4. 11.

    "Das "greift" viel zu kurz. Keiner denkt an die "Genderbefindlichkeiten". Wir dürfen keinen zurücklassen, auch nicht die lactoseintolleranten Kinder mit starken Nasenbluten. Die sollten dann bei Mathe-Klassenarbeiten 30min mehr Zeit bekommen, egal wie der Lehrer dies Händeln soll. Auch dürfen wir keine "Zeit" verlieren - man kann ja auch bei mehreren 5en und 6en versetzen, ist doch nur eine verwaltungstechnische Formsache...und die Wirtschaft freut sich schon auf den kompetenten leistungsbereiten Nachwuchs, die aber noch unbedingt nach der Schule mind. 1 Jahr "chillen" muss, um zu überlegen, wie man die Rente sichert..."

  5. 10.

    Das kann ja eine Diskussion über die lebensnahe Lehrerausbildung, um einen Unterrichtstag überstehen zu können, auslösen. Rote „Qualitätsoffensiven“ haben in SPD regierten Ländern dann „messbaren“ Erfolg, wenn man, wie in Brb., einfach die Bewertungen für die Noten absenkt und ganze Fächer, wie die Zweitsprache als Pflichtfach am Gymnasium abschafft. Diese unglaubliche Wucht der Offensive kann noch mit grünen Elementen verstärkt werden: seinen Namen singende vegane Schüler stehen händchenhaltend im Kreis und tanzen um eine Flasche Biolimonade. Ganz ungewöhnlich wäre es, die Klassen nicht statistisch sondern tatsächlich kleiner zu machen und die Lehrer so wertschätzen, das sie einfach mal ihre Arbeit machen können.

  6. 9.

    Ja super...Freu mich schon, wenn ich die Errungenschaften der letzten 20 Jahre und der kommenden Jahre in der Bildungspolitik live bei meinem Nachwuchs miterleben und durchleiden darf.

  7. 8.

    Wir brauchen eigentlich keine zusätzliche Belastung der Schüler- und Schülerinnen. Was wir brauchen sind mehr qualifizierte und engagierte Lehrkräfte, die gute pädagogische, didaktische und soziale Kompetenzen haben , die bereit sind, die Eltern mit ins Boot zu holen und die teilweise veralteten Lehrmethoden zu verändern. Wir reden von Kindern und „Nicht“ von Maschinen , die es zu programmieren gilt.

  8. 7.

    Das stimmt. Die Lehrer müssen lernen zahlen in vielen Landessprachen zu erklären.

    Ist das vermitteln von Lehrstoff nicht Teil der Ausbildung gewesen?

  9. 6.

    Nicht G9 ist das Problem. Nicht einmal ansatzweise. Man schaue nur mal nach Sachsen, stets vorne dabei und das (trotz? wegen?) dem Abitur nach 12 Jahren. Die fehlende Vorschule ist nicht das Problem (wobei ich da sogar dafür wäre).

    Was fehlt ist genug Personal. Berlin ist eine Großstadt mit den dazugehörigen sozialen und strukturellen Problemen, die zu schlechteren Schulleistungen führen. Es werden mehr Sozialarbeiter an Schulen und in Jugendämtern gebraucht, mehr Lehrer an Grundschulen und Sekundarschulen. Wir benötigen Verwaltungspersonal, welches Lehrer entlastet.

    Mal ein Beispiel aus der Praxis: an meiner Sekundarschule betreut ein Kollege unsere IT-Ausstattung, eine weitere Kollegin betreibt die Webseite, zusammen mit zwei Kollegen administriere ich unser digitales Klassenbuch.
    Ich arbeite gerne an unseren Smartboards, da sind wir sehr sehr gut ausgestattet. Aber wenn etwas nicht funktioniert, müssen wir uns selbst kümmern, da wir keine schulnahen Ansprechpartner haben.

  10. 5.

    Vollkommen richtig, wieder 13 Jahre bis Abi und Vorschule. Ich würde aber noch einen draufsetzen: Abschaffung der Unterscheidung zwischen Sekundarschule und Gymnasium und Gemeinschaftsschule bis zur 10. Klasse. Vorteile: viel mehr Chancengleichheit, bessere Klassengemeinschaften (die meist im 6. Schuljahr sozial exzellent sind, weil sie sich schon lange genug kennen), übersichtlichere Lehrpläne. Für die Mehrleister, die Abi und Studium machen wollen, kommt der Druck immer noch früh genug.
    Und ich glaube, der Personalmangel an den Schulen zurzeit ist zu katastrophal, als dass man mit 90 Lehrern mehr für jeden Grundschüler zwei Wochenstunden draufpacken könnte. Klingt nach völligem Irrsinn.

  11. 4.

    Sie denken, man schreibt 1+1=2 an die Tafel und die Schülerinnen und Schüler können rechnen? Sie haben offenbar von Didaktik, Methodik und Pädagogik nicht die geringste Ahnung und sollten sich dann tunlichst zurückhalten. Ausgesprochen unqualifiziert, leider.

  12. 3.

    Man darf in dieser Stadt nicht offen über Bildung, Bildungsniveau und Bildungspolitik sprechen.

  13. 2.

    Es wird sich in den nächsten Jahren hoffentlich auszahlen, dass die Grundschullehrer jetzt besser bezahlten werden.
    Bis das evaluiert ist, sollte man mit der Verbeamtung warten.
    Anderseits ist es ein Armutszeugnis, wenn sich Grundschullehrer in Mathematik fortbilden müssen. Können sie derzeit nicht ordentlich Mathe oder gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnis zur Grundschulmathematik? Ist 1+1 nicht mehr 2?

  14. 1.

    Es muss unbedingt G9 wieder eingeführt werden. Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz z.b. haben das schon längst getan. Und die Vorschule muss zurück. Nicht alles von früher war schlecht. Grad in einem mit diesbezüglich besonders viel Problemen belasteten Bundesland wie Berlin zählt jede Möglichkeit, diese Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Jeder Lehrer zählt und jedes weitere Schuljahr. Wenn schon-denn schon. Denkt an unsere Kinder, nicht an weitere Sparmaßnahmen. SIE sind die Opfer. Und haben ein Recht auf eine ordentliche Schulbildung.

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