Ein Arzt begutachet die Röntgenaufnahme von einer Lunge. (Quelle: imago/Jochen Tack)
Audio: Inforadio | 24.01.2019 | Staatsekretär Jochen Flasbarth im Gespräch mit Martin Krebbers | Bild: imago/Jochen Tack

Streit um Feinstaub und Stickoxide - Umweltministerium wirft Lungenärzten politische Motive vor

Im Streit um Feinstaub und Stickoxide hat das Bundesumweltministerium die Kritik von Lungenfachachärzten zurückgewiesen. Diese sei politisch motiviert, sagte Staatssekretär Flasbarth dem rbb. Die Ärzte dagegen beharren auf ihren wissenschaftlichen Einwänden.

Das Bundesumweltministerium hat die Kritik von Lungenfachärzten an den Grenzwerten für Feinstaub und Stickoxide zurückgewiesen. Staatssekretär Jochen Flasbarth sagte dem rbb am Donnerstag, die geltenden Grenzwerte seien das Ergebnis zahlreicher Studien. Diese zeigten einen Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Lungen- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Positionspapier, das die Pneumologen am Dienstag vorgelegt hatten, sei keine wissenschaftliche, sondern eine "politische Erklärung", sagte Flasbarth. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie (DGP), die über 4.000 Ärzte vertrete, habe erst im November eine "exakt entgegengesetzte Position" vertreten und die Bundesregierung aufgefordert, "eher schärfere Grenzwerte zu verfolgen".

Daten aus Sicht der Ärzte "extrem einseitig interpretiert"

Das umstrittene Positionspapier zur Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub und Stickoxide [externer Link] stammt vom Marburger Lungenfacharzt Dieter Köhler und ist von über 100 Lungenfachärzten aus ganz Deutschland unterzeichnet worden. Darin werden erhebliche Zweifel an der wissenschaftlichen Methodik bei der Festlegung der Grenzwerte geäußert und eine Neubewertung der Fachstudien gefordert. Studien zu Feinstaub und Stickoxiden würden falsche kausale Zusammenhänge herstellen und weitere krankmachende Faktoren nicht berücksichtigen. Die Daten zu Krankheits- und Todesfällen seien "extrem einseitig interpretiert" worden, heißt es.

Gesundheitsrisiken durch Rauchen und Alkohol nicht berücksichtigt

Zentraler Kritikpunkt: Die epidemiologischen Studien, auf die sich beispielweise die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Umweltbundesamt beziehen, würden das gemeinsame Auftreten von Krankheiten und hohen Feinstaub- und Stickoxidwerten von vornherein in einen ursächlichen Zusammenhang stellen, ohne diese Hypothese mit anderen Methoden überprüft zu haben.

So sei beispielsweise nicht untersucht worden, inwiefern sich die Lebensweise von Menschen in stark staubbelasteten Regionen von denen in staubarmen Gebieten unterscheidet. Auch sogenannte Störfaktoren wie Rauchen oder Alkoholkonsum seien nicht berücksichtigt worden.

Außerdem gebe es keine Erklärung dafür, auf welche Weise die Luftschadstoffe zu mehr als zwei Dutzend sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern führen sollen, darunter Diabetes, Herzkrankheiten oder Lungenkrebs. Wenn die Luftverschmutzung durch Feinstaub und Stickoxide so gefährlich wäre, müsse es zudem ein für toxische Stoffe typisches "Vergiftungsmuster" geben, was aber nicht der Fall sei.

Raucher inhalieren in zwei Monaten Feinstaub für 80 Jahre

Für die aktuellen Grenzwerte, so die Autoren des Positionspapiers, gebe es derzeit "keine wissenschaftliche Begründung". Normalerweise müsse man dafür auch Studien am Menschen mit höheren und niedrigeren Dosen durchführen. Da dies aus ethischen Gründen nicht möglich sei, müsse man Risikogruppen betrachten, die freiwillig hohe Dosen inhalieren.

So liege die Konzentration von Feinstaub im Zigarettenrauch bei 100 bis 500 Gramm pro Kubikmeter und sei damit eine Million Mal größer als der derzeit aktuelle Grenzwert. Wer täglich eine Packung Zigaretten rauche, nehme daher in weniger als zwei Monaten so viel Feinstaub auf wie ein 80-jähriger Nichtraucher in seinem ganzen Leben, heißt es im Papier der Lungenfachärzte.

Die von ihnen angeführten Kritikpunkte seien "so gravierend, dass im Sinne der Güterabwägung sogar die Rechtsvorschrift für die aktuellen Grenzwerte ausgesetzt werden sollte", heißt es in dem Ärzte-Papier. Die aktuellen Grenzwerte müssten durch unabhängige Forscher neu bewertet werden.

Flasbarth spricht von "Stammtischniveau"

Obwohl die Grenzwert-kritischen Lungenfachärzte ihre Position detailliert dargelegt haben, weist das Bundesumweltministerium die Kritik an den Grenzwerten zurück. Man könne das Papier "kaum ernstnehmen", sagte Staatssekretär Flasbarth im rbb-Inforadio. Dass in Deutschland noch nie ein Mensch an den direkten Folgen von Feinstaub oder Stickoxiden gestorben sei, wie die Fachärzte aufgrund ihrer langjährigen Praxis sagen, halte er "ehrlich gesagt [...] für Stammtischniveau".

Zwar sei nicht zu beanstanden, "dass Erkenntnisse immer wieder neu in Frage gestellt werden", sagte der Staatssekretär, die aktuellen Grenzwerte seien aber aufgrund vieler Studien von der WHO empfohlen worden und nach einem politischen Diskurs in Europa seit 2010 einzuhalten. "Das tun wir nicht, aber nicht, weil die Grenzwerte falsch sind, sondern weil die Industrie dreckige Autos verkauft hat und die Verkehrspolitik tatenlos zugeguckt hat", ergänzte Flasbarth, der von 1992 bis 2003 Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) war.

 

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72 Kommentare

  1. 72.

    Der Berufsverband der Lungenärzte tagt: Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) erwartet, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in absehbarer Zeit eine Absenkung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) empfehlen wird. Derzeit werde in der WHO darüber beraten, ob der etwa in der EU geltende Grenzwert noch den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entspreche, sagte Professor Holger Schulz vom Helmholtz Zentrum München der Zeitung „Welt“ (Donnerstag). Es sei davon auszugehen, dass die WHO eine Absenkung vorschlagen werde. Quelle: heutige FAZ online

  2. 71.

    Nun stellt sich heraus, dass der Berechnung und dem Hauptvergleich des Lungenarztes Dr. Köhler (und seiner ca. 100 unterstützenden Facharztkollegen) Rechenfehler zugrundeliegen."

    Quelle war https://www.tagesspiegel.de/politik/feinstaub-belastung-lungenarzt-koehler-gesteht-rechenfehler-bei-grenzwerten-ein/23985016.html

    Aus einem eben bei Welt-online gesehenen kurzen Video entnahm ich u.a., Herr Dr. Köhler halte an seiner Schlussfolgerung fest.

  3. 70.

    Stichwort Hybrid! Da verpennt unsere ach so innovative (zumindest wenn es um sinnlose PS Monster geht)die Zukunft da man nur an kurzfristigen Profit statt an echte Innovationen interessiert ist.

    Und dann ist der Gesetzgeber sogar verpflichtet diesen unfähigen Managern auf die Sprünge zu helfen, indem man schärfere Abgasnormen einführt. Das hilft der Umwelt, dem Menschen und letztendlich hochwertige Arbeitsplätze zu erhalten.

  4. 69.

    Wie überall: Die Reise beginnt mit dem ersten Schritt und der ist weit weg vom Ziel. Und jeder, der dahin will, gibt sein Bestes. In unserer Macht liegt ohnehin nur das Fegen vor der eigenen Tür und wenn es alle täten, hätten wir eine saubere Stadt.
    Hybrid: Ich fahre seit sieben Jahren einen Toyota-Prius (Gewinnung von Energie aus dem Bremsen und bei Leerlauf).

  5. 68.

    Da gebe ich ihnen völlig recht, es geht nicht um völligen Verzicht, es geht um einen maßvollen Umgang.

    Solange ein Flug nach Düsseldorf weniger kostet als eine Taxifahrt von Spandau nach Neukölln stimmt etwas nicht.

    Das gleiche gilt für irgendwelche PS Protzschleudern. Wozu brauche ich einen 250 PS Hausfrauenpanzer in der Stadt?

    Und weil viele Menschen nicht vernünftig sind brauchen wir Grenzwerte, je strenger, desto besser.

  6. 67.

    stimmt, gibt ja auch noch die Idee der Elektroautos. Aber wo kommen die Rohstoffe für die ganzen Batterien her? Damit wir unsere Autos haben und ja nicht auf den Luxus verzichten müssen, wird die Umwelt in den ärmsten Ländern zerstört. Aber bei uns ist die Luft dann sauber. Die Dieselautos fahren auch in allen anderen Ländern weiter. Die Luftverschmutzung macht doch nicht an der Grenze zu Deutschland halt. Und leider ziehen die Länder der Welt nicht an einem Strang. ich fahre auch Auto (kein Diesel) beschränke dies aber sehr. Ich habe das Glück auch Fußläufig einkaufen gehen zu können und mit den öffentlichen zur Arbeit zu kommen. Und....ich verzichte auf Flugreisen und gehe auch nicht auf Kreuzfahrt. Das gehört nämlich alles mit zum Thema Umwelt

  7. 66.

    ja, ich habe den Vorteil in Berlin zu leben und damit die Öffentlichen nutzen zu können. Aber ein Stück weiter, auf dem Land ist jeder auf sein Auto angewiesen. Selbst in Kleinstädten wird der Nahverkehr sehr zurück gefahren. Natürlich...es fahren Schulbusse die genutzt werden können, aber die dann nur zu Zeiten an denen die Kinder auch in die Schule bzw. wieder nach Hause fahren. Will die Bahn neue Strecken erschließen, kommen die Umweltschützer bzw. Mitbürger der Region und wehren sich dagegen. Im Grunde meckert jeder über das was ist und über das was kommen soll.

  8. 65.

    Wie die Beiträge # 64 und 63 beweisen ist das eine ganz billige Ausrede leider nicht nur von ihnen.

    Wo ich ihnen recht gebe ist die Situation auf dem Land. Es müssen wieder mehr Verbindungen her.

  9. 64.

    Heute schon möglich: Jahresnetzkarte der BVG und für’s nötige Auto eins mit Hybrid- statt Dieselantrieb. Komfort kostet und das will nicht jeder ausgeben. MACHEN kann frau jederzeit.

  10. 63.

    "Aber in Deutschland wird eher der öffentliche Nahverkehr zurück gebaut..." Ähm, in welcher Stadt leben Sie? In Berlin ist es umgekehrt.

  11. 62.

    egal welche Messwerte, ob die jetzigen oder neue. Die Autoindustrie möchte wie schon gesagt weiter herstellen und der Verbraucher möchte sein Auto. Aber wenn hier was getan werden soll, kann man auch anders ansetzen...Warum müssen in jeder Familie inzwischen zwei, drei oder gar vier Autos sein.
    Man(n) muss zur Arbeit fahren können und Frau ggf. die Kinder chauffieren und auch zur Arbeit. Sind die Kinder erwachsen benötigen auch sie ihr Auto um flexibel sein zu können. Sinnvoll wäre es das Streckennetz der öffentlichen so auszubauen, dass jeder ohne Probleme zur Arbeit fahren kann. Dann wären weniger Autos auf den Straßen, es wäre weniger Stau usw. Aber in Deutschland wird eher der öffentliche Nahverkehr zurück gebaut und dann wird über die hohe Schadstoffbelastung gewettert.

  12. 61.

    Apropos nicht auskennen...

    Muß ich ihnen tatsächlich erklären was "Eine Art Gefälligkeitsgutachten" bedeutet? Sie legen sich alles so dass es ihnen passt.

  13. 60.

    @G.M. "... sogn. "Studien", die den Anforderungen nicht genügen." Wohl doch: bis zu 30.000 .

    Beleg - Ich lese das aus einem aktuellen DLF-Interview mit Nino Künzli, Schweizer Experte für Gesundheitsrisiken durch Luftschadstoffe: "Das ist übrigens belegt auch in experimentellen Studien. Und die Leute, die in dieser Wissenschaft beteiligt sind und diese etwa 30.000 Arbeiten geschrieben haben, die in den letzten 30 Jahren herausgekommen sind zu diesem Thema, sind sich darüber eigentlich völlig einig. Es gibt gar keinen Expertenstreit.
    Es gibt Laien wie Professor Köhler, die sich jetzt einfach hinstellen und aus dem Bauch heraus so ihre Meinung kundtun, ihre Vorstellung, wie die Welt funktioniert. Aber da muss man einfach sagen: Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten."

    Vollständig und lesenswert hier: https://www.deutschlandfunk.de/lungenfachaerzte-gegen-feinstaubgrenzwerte.676.de.html?dram:article_id=439257

  14. 59.

    Die Kritik existiert schon lange, bisher gab es aber keine Relevanz, weil zwar Messwerte festgestellt wurden, dies aber keine unmittelbaren Auswirkungen hatte. Man ist allgemein davon ausgegangen, dass es keinen akuten Handlungsbedarf gibt, da die gemessenen Konzentrationen sich dem Grenzwert ohnehin langsam annähern. Erst die Klagen der DUH haben diesen stillen Konsens aufgehoben.

  15. 58.

    So klingt das, wenn man sich mit wiss. Arbeiten null auskennt:
    Ein Brief über 2 S. von den Lungenärzten ist kein "Gutachten". Der enthält allerdings mehrere Kernthesen zum unwiss. Vorgehen mit ungeeigneter Methodik in sogn. "Studien", die den Anforderungen nicht genügen.

  16. 57.

    Ob die Grenzwerte nun wissenschaftlich begründet sind oder nicht, kann ich als Laie nicht beurteilen. Mich macht es aber stutzig, wenn diese Grenzwerte seit 2010 in Kraft sind und 2019 fällt den 100 Lungenärzten auf einmal auf, dass diese wissenschaftlich nicht fundiert genug festgelegt sind. Das fällt denen zufällig jetzt auf, da die DUH und einige Gerichte auch auf die Einhaltung der Grenzwerte dringen.

  17. 56.

    Wie abgefahren die Diskussion ist, zeigt ein Tweet des Bundestagsabgeordneten der Grünen, Dieter Janecek, der andere Meinungen als „Reichsbürger-Niveau” und Lungenärzte, die nicht seiner Meinung sind, für „verirrt” erklärt: "Um das mal klar zu sagen: Was Union und FDP zusammen mit ein paar verirrten Lungenärzten da in Sachen #Umwelthilfe #Feinstaub #Stickoxide aufführen, hat Reichsbürger-Niveau. Eine Schande für die deutsche Politik ist das."

  18. 55.

    Wie abgefahren die Diskussion ist, zeigt ein Tweet des Bundestagsabgeordneten der Grünen, Dieter Janecek, der andere Meinungen als „Reichsbürger-Niveau” und Lungenärzte, die nicht seiner Meinung sind, für „verirrt” erklärt: "Um das mal klar zu sagen: Was Union und FDP zusammen mit ein paar verirrten Lungenärzten da in Sachen #Umwelthilfe #Feinstaub #Stickoxide aufführen, hat Reichsbürger-Niveau. Eine Schande für die deutsche Politik ist das."

  19. 54.

    Wie wollen aber auch nicht den Bankenskandal in Berlin vergessen. Und natürlich springen die AfD auf den Zug, der jetzt von diesen "Profenssoren" in Gang gesetzt wurde. CO2 und NOx ist und bleibt total gefährlich. Da vertraue ich mal den Aussagen unserer Regierung und dem BUND, der DUH und den Grünen.

  20. 53.

    Gerade das Stuttgarter Beispiel ist interessant. Durch die Kessellage sammeln sich dort Schadstoffe aller Art. Verschlimmert wird das Ganze dadurch, dass es keine ausreichenden Umfahrungsstraßen gibt, man muss praktisch durch das Zentrum, wenn man von einem zum anderen Ende der Stadt will. Dazu kommt ein völlig unzureichender ÖPNV. Die Stuttgarter können Ihnen da einiges klagen. Die Rußabgase von kaltgestarteten Dieseln finden Sie dagegen überwiegend im Umland, das sind nämlich die Pendler, die morgens bei niedrigen Temperaturen in die Stadt rein fahren und nachmittags bei höheren Temperaturen wieder hinaus. Das Versagen der Verkehrspolitik kann man kaum besser nachvollziehen, als in Stuttgart.

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