Der Eingang des ehemaligen DDR Kinderheims A.S. Makarenko in Berlin Treptow-Köpenick (Bild: imago/Jürgen Ritter)
Bild: imago/Jürgen Ritter

Staatliche Hilfsfonds zieht Bilanz - Frühere Berliner Heimkinder erhalten 72 Millionen Euro

Sie wurden von ihren Eltern getrennt, gedemütigt, geschlagen oder zur Arbeit gezwungen: Hunderttausende ehemalige Heimkinder in Ost wie West leiden noch heute unter den Erlebnissen in ihrer Kindheit und Jugend, sind krank, oft arbeitslos oder schlagen sich mit kleinen Renten durchs Leben. Mehr als 5.700 von ihnen aus Berlin erhielten für das ihnen zugefügte Unrecht Geld- und Sachleistungen. Dafür flossen aus zwei Fonds von 2012 bis 2018 insgesamt 72 Millionen Euro, wie Familienstaatssekretärin Sigrid Klebba am Mittwoch nach dem Ende des Hilfsprojekts bilanzierte.

"Es geht nicht um Wiedergutmachung, sondern um Linderung des erlittenen Leids und Unrechts", sagte sie. Die Zuwendungen könnten allenfalls zur Verbesserung der heutigen Lebenssituation der Betroffenen beitragen, Unrecht und Leid nicht ungeschehen machen.

Teilweise gefängnisähnliche Unterbringung

Schätzungen zufolge waren in der alten Bundesrepublik von 1949 bis 1975 etwa 800.000 Kinder und Jugendliche in Heimen untergebracht, in denen sie Zwang, Gewalt und fragwürdigen Erziehungsmethoden ausgesetzt waren. In der DDR betraf das bis 1990 rund 500.000 Menschen, die in unterschiedlichsten Heimen oder gefängnisähnlichen sogenannten Jugendwerkhöfen zu "sozialistischen Persönlichkeiten" geformt werden sollten.

Für beide Gruppen wurde 2012 je ein Fonds eingerichtet, um das Leid der Betroffenen anzuerkennen und Folgeschäden zu mildern. Der Fonds Heimerziehung Ost wurde von Bund und Ländern finanziert, der Fonds West zusätzlich von den Kirchen. Frühere Heimkinder konnten Leistungen bis Ende 2014 beantragen, die Auszahlung endete dann 2018.

Unterstützung in Form von Sachleistungen

In Berlin kümmerte sich eine extra dafür eingerichtete Anlauf- und Beratungsstelle darum - und zwar wegen der besonderen Situation in der einst geteilten Stadt um beide Opfergruppen. Sie befand über die Anträge; ein Fachbeirat, dem neben Experten aus der Jugendhilfe auch einige Betroffene angehörten, begleitete ihre Arbeit. Um die 6.300 Menschen wandten sich an die Stelle.

Für 5.722 - 1.356 aus dem früheren Westen und 4.366 aus dem Osten - gab es schließlich materielle Unterstützung. Diese wurde indes nicht in bar ausgezahlt. Vielmehr bekamen Betroffene bis zu 10.000 Euro für diverse Sachleistungen: Ihnen wurde geholfen, etwa eine Reise zu finanzieren, ein Wiedersehen mit Geschwistern, ein Auto, Einrichtung für die Wohnung oder Starthilfe für die Selbstständigkeit.

Aufarbeitung geht weiter

Hinzu kamen Rentenersatzleistungen, weil Kinder und Jugendliche oft in Heimen arbeiten mussten, ohne dass Rentenbeiträge für sie abgeführt wurden. Insgesamt erhielten Betroffene so aus dem Fonds West 17 Millionen Euro - laut Familienverwaltung durchschnittlich knapp 17.000 Euro pro Person. Aus dem Fonds Ost flossen 55 Millionen Euro nach Berlin - durchschnittlich gut 15.000 pro Person.

"Das Ende der Fonds bedeutet nicht das Ende der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Heimerziehung", betonte Klebba. "Die Aufarbeitung und die kritische Reflexion verfehlten pädagogischen Handelns müssen weitergehen." Daher soll die Berliner Anlauf- und Beratungsstelle in veränderter Form weitergeführt werden.

Bis heute meldeten sich neue frühere Heimkinder bei der Stelle, berichtete deren Leiterin Petra Schwarzer. Sie gehen finanziell leer aus. Künftig soll es für sie und alle anderen Betroffenen unter anderem Trauma- und Sozialberatung, Gesundheitskurse, Hilfe bei der Suche nach Angehörigen oder ein Café zur Begegnung geben.

Sendung: Abendschau, 09.01.2019, 19:30 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Zitat: "zu sozialistischen Persönlichkeiten geformt" - Anstrebenswerte DDR-Personen, bitte?

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