Portrait des Pressesprechers des Verfassungsschutzes Brandenburg Heiko Homburg (Bild: privat)
Audio: Inforadio | 31.01.2019 | Bild: privat

Interview | Verfassungsschutz zu Hooliganszene - "Sie wollen raus aus der Subkultur und immer mehr bestimmen"

Mitglieder der aufgelösten Hooligan-Gruppe Inferno Cottbus tragen ihre Vormachtstellung vom Stadion in die Stadt. Heiko Homburg vom Verfassungsschutz Brandenburg spricht von einer rechtsradikalen "Mischszene", die sich im Raum Cottbus formiert.

rbb: Herr Homburg, im Mai 2017 hat sich, offensichtlich um einem Verbot zuvorzukommen, die rechtsextremistische Hooligan-Gruppierung Inferno Cottbus offiziell aufgelöst. Was ist nach Ihren Informationen aus den ehemaligen Mitgliedern geworden? Sind sie weiterhin in der Fanszene aktiv und wie?

Heiko Homburg: Inferno Cottbus hat sich offiziell aufgelöst und tritt als Inferno Cottbus offiziell zurzeit nicht mehr in Erscheinung. Aber natürlich sind die Personen immer noch da. Wir gehen aktuell davon aus, dass die Kernverhältnisse weiter bestehen. Das heißt, dass diese Personen immer noch ins Stadion der Freundschaft gehen und dass sie weiter in der rechtsextremistischen Szene aktiv sind. Sie haben Inferno Cottbus erst einmal ad acta gelegt. Es kann aber sein, dass es jederzeit wieder auflebt. Wenn man sich sicher fühlt.

Welche Bedeutung hat das Cottbuser Stadion der Freundschaft für diese Gruppierung?

Das Stadion war Ausgangspunkt für die Verbreitung rechtsextremistischer Ideologie von rechtsextremistisch orientierten Fußballfans. Das Stadion war ein Punkt, an dem man sich traf und wo man versuchte, die Netzwerke zu erweitern. Es war aber auch ein Ort, an dem man darauf aus war, entsprechende Provokationen in der Öffentlichkeit zu platzieren. Das heißt, das Stadion war eigentlich eine Fläche, die man nutzte, um in der Öffentlichkeit die Ideologie zu verbreiten.

Nach unseren Recherchen wird im Stadion auch gezielt Nachwuchs für die Hooligan-Szene rekrutiert. Wie schätzen Sie das ein?

Die Hooligan-Szene ist immer daran interessiert, Nachwuchs zu rekrutieren. Aber im Fall von Inferno Cottbus geht es nicht nur um Fußball-Hooliganismus. Es geht auch um knallharten Rechtsextremismus.

Die Vormachtstellung im Fanblock wird zunehmend in die Stadt Cottbus hineingetragen. Wie sehen Sie das?

Selbstverständlich ist das bekannt, weil es schon häufig vorgekommen ist. Aber es ist eben eher ein gemeinsames Agieren der Szene, in der Rechtsextremismus, Neo-Nationalsozialismus oder auch Inferno Cottbus nicht mehr im Detail voneinander zu trennen sind.

Inwieweit sprechen wir hier also von einer neuen Mischszene, die sich gerade in Cottbus formiert?

Der Raum Cottbus: das ist die Stadt Cottbus, der Landkreis Spree-Neiße und Spreewald Lausitz. Wenn Sie da das rechtsextremistische Potenzial zusammenrechnen, dann kommen sie aktuell auf etwa 400 Personen. Sie haben den parteipolitischen Rechtsextremismus in Form der NPD. Sie haben den weichen, avantgardistisch daherkommenden Rechtsextremismus in Form der Identitären Bewegung. Sie haben den Hooliganismus, also den gewaltbereiten Fußball-Hooliganismus in Form von Inferno Cottbus. Und es gibt eine sehr stark ausgeprägte Kampfsport-Szene, die auch unter starkem Einfluss rechtsextremistischer Strukturen steht. Das heißt, sie haben eine enorme Vielfalt an rechtsextremistischen Aktivitäten.

Diese Szene wächst mittlerweile immer mehr zusammen. Es gibt sehr deutliche Kontaktverhältnisse zwischen den Akteuren in den einzelnen rechtsextremistischen Milieus. Die Beteiligten etablieren gerade eine gemeinsame Subkultur, die sie auch versuchen ökonomisch aufzustellen, damit man Geld daraus ziehen kann. Das heißt also, sie versuchen auch ökonomisch Fuß zu fassen. Dazu gehören auch ehemalige Akteure des angeblich aufgelösten Vereins Inferno Cottbus.

Wie passiert das konkret?

Indem man Läden öffnet, indem man Modelabel gründet, um Kleidung zu verkaufen. Oder ein Plattenlabel, um Musik zu verkaufen. Dann kommen noch das Security-Gewerbe und auch die Türsteher-Szene dazu. Es gibt Bezüge auch zu Rockern. Das heißt: Es ist ein sehr vielfältiges Gebilde. Und aktuell in Brandenburg ist diese rechtsextremistische Szene im Raum Cottbus der Hotspot im brandenburgischen Rechtsextremismus. Für uns als Verfassungsschutz ist es ein toxisches Gebilde.

Uns scheint, die Rechtsextremisten in Cottbus gehen dabei äußerst professionell vor. Wie sehen Sie das?

Die Professionalität ist eigentlich darauf ausgerichtet, dass man sich bemüht, über die Etablierung einer Subkultur sich auch ökonomisch abzusichern. Da geht man sehr professionell vor. Und wenn man sich beispielsweise anschaut, wie dort rechtsextremistische oder rechtsextremistisch beeinflusste Kampfsport-Veranstaltungen organisiert werden, Großveranstaltungen organisiert werden, dann geschieht dies tatsächlich hochprofessionell - und länderübergreifend. Inzwischen gibt es eine Vernetzung über die Region Brandenburg hinaus nach Tschechien, Ungarn, Frankreich und so weiter. Dieses Agieren der Szene wird weitgehend im Geheimen organisiert. Das ist, für sich betrachtet, tatsächlich im Vergleich zu anderen Szenen außerhalb Brandenburgs sehr professionell.

Welche Gefahr geht von der von Ihnen beschriebenen Mischszene in Cottbus aus?

Diese Mischszene zieht sich mit ihren Aktivitäten, Ideologie nach außen weiterzugeben, eher zurück. Man nutzt die Ideologie eher, um die Binnenstrukturen zu festigen. Den Ideologietransfer nach außen überlässt man eher anderen Organisationen wie beispielsweise "Zukunft Heimat". Da geht man dann auf die Demonstrationen, um zuzugucken. Aber man betreibt eigentlich kaum noch eigene Demonstrationen, sondern schottet sich ab. Man geht teilweise fast im Geheimen vor. Man ist natürlich daran interessiert, verstärkt auf Nachwuchs zu setzen, um den in die Szene reinzuziehen. Und es gibt eine sehr, sehr hohe Gewaltaffinität in dieser rechtsextremistischen Szene, auch deshalb, weil der Kampfsport, der dort professionell betrieben wird, von sehr hoher Bedeutung ist.

Lässt sich denn bei der Vielzahl der Aktivitäten dieser Mischszene überhaupt noch von einer Subkultur sprechen?

Wir bleiben dabei. Es ist immer noch eine Subkultur. Wenn diese Subkultur aber wächst und wenn sie größer wird und dann als Subkultur auch nach außen immer stärker in Erscheinung treten sollte, dann muss man über den Begriff Subkultur irgendwann nachdenken.

So weit ist es nicht. Aber wenn es nach den Akteuren geht: Die arbeiten daran. Die wollen raus aus dieser Subkultur und fühlen sich immer stärker und deswegen verdichtet sich dieses Milieu auch immer mehr. Die wollen viel stärker in Erscheinung treten und sich wie eine Krake festsaugen in der Stadt und immer mehr Dinge bestimmen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Heiko Homburg führten Adrian Bartocha und Jan Wiese, Redaktion Investigates und Hintergrund.

Sendung: Inforadio, 31.01.2019, 07:15 Uhr

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Warum wird das nur beobachtet?
    Wenn man das alles weiss,warum schreitet keiner ein?
    Warum gehen die "normalen" Fans noch ins Stadion?
    Trocknet die doch aus.

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