Hannelore Wodtke vor dem Lausitzer Braunkohle-Tagebau (Bild: privat)
privat
Audio: Inforadio | 28.01.2019 | Hilke Grabow | Bild: privat

Interview | Wodtke zur Kohlekommission - Die Frau, die "Nein" gesagt hat

27 von 28 Mitgliedern der Kohlekommission haben den Ausstieg aus der Kohle bis 2038 beschlossen. Die einzige Gegenstimme kam von Anti-Kohle-Aktivistin Hannelore Wodtke. Ihr "Nein" galt dem letzten von Abbaggerung bedrohten Dorf in Brandenburg.

Nach einer Marathonsitzung hat sich die Kohlekommission am Samstag auf einen Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens 2038 geeinigt. Insgesamt 27 der 28 stimmberechtigten Mitglieder haben dem mehr als 300 Seiten umfassenden Abschlussbericht der Kommission zugestimmt. Als einziges Mitglied lehnte ausgerechnet die Anti-Kohle-Aktivistin Hannelore Wodtke von der Gruppe der Lausitzer Tagebaubetroffenen das Dokument ab. rbb|24 hat mit der 68-Jährigen gesprochen.

rbb|24: Frau Wodtke, Sie waren die einzige, die dem Abschlussbericht der Kohlekommission die Unterschrift verweigert hat. Sie sind doch nicht wirklich gegen den Ausstieg aus der Kohle?

Hannelore Wodtke: Ich bin nicht gegen den Ausstieg aus der Kohle. Ich habe mit "Nein" gestimmt, weil ich schwarz auf weiß die Sicherheit haben wollte, dass das Dorf Proschim nicht mehr von Abbaggerung bedroht ist. Da das in dieses Papier nicht reinkam, habe ich so abgestimmt.

Das heißt, sie wollten mit Ihrer Unterschriftsverweigerung ein Zeichen setzen?

Ja, ich wollte ein Zeichen setzen und habe daher mit "Nein" gestimmt. Der ganze Abschlussbericht ist ansonsten ja ein Kompromiss und bedeutet, dass es den Kohleausstieg geben wird. Natürlich kommt der mit 2038 für unsere Verhältnisse und Wünsche sehr spät.

Für unsere Region ist nun relativ klar, dass vor 2030 kein Kraftwerk vom Netz geht. In Nordrhein-Westfalen (NRW) wird das früher passieren. Dort hat man auch festgeschrieben, dass der Hambacher Forst nicht weichen muss. Hat sich denn in Brandenburg keiner richtig für Proschim stark gemacht?

Doch! Wir haben stundenlang verhandelt. Aber es führte absolut kein Weg dahin, da die Brandenburger Regierung absolut nicht kompromissbereit ist. Wir haben alles versucht, aber es hat einfach nicht funktioniert. Ich muss auch sagen, dass die Politiker, die aus NRW da waren, entschieden kompromissbereiter sind. Das sieht man ja an der Zustimmung, dass der Hambacher Forst bleibt. Bei uns in Brandenburg ist alles weiter in der Schwebe. Die Menschen in Proschim leben weiter in Unsicherheit – und das wollte ich verhindern.

Was läuft denn in Brandenburg anders als in NRW?

Das ist ganz einfach zu erklären: In Brandenburg ist es so, dass der Kohlekonzern die Politik bestimmt.

Ist Proschim (mit Lindenthal und einem Teil von Welzow) das einzige Dorf in Brandenburg, dem noch die Abbaggerung droht?

In Brandenburg ja.

Wie viele Menschen sind da betroffen?

Insgesamt reden wir von über 1.000 Leuten.

Und die sind durch das jetzt vereinbarte Ausstiegsdatum nicht sicher vor der Abbaggerung geschützt?

Nein, gar nicht. Damit ist jetzt alles offen. Denn jetzt geht es mit dem Revierkonzept so weiter, dass die LEAG sich vorbehalten kann, die Entscheidung 2020 zu fällen. Also ob Proschim kippt oder nicht. Vielmehr: Ob sie das neue Teilfeld braucht oder nicht.

Wird das wirklich erst 2020 entschieden werden?

Ich hoffe, dass es zeitiger eine Entscheidung geben wird. Aber da kann man nur hoffen.

Wird der Strukturwandel in Brandenburg Ihrer Meinung nach gelingen? Können Sie sich die Region nach dem Kohleausstieg vorstellen?

Der Ausstieg kann sicherlich gelingen. Und er wird auch gelingen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24.

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8 Kommentare

  1. 8.

    Endlich wieder richtig Angst haben. Angst ist der Schrittmacher in Deutschland. Angst vor dem Feind, dem Russen, Trump. Danach Angst vor dem dritten Weltkrieg, dem Kalten Krieg, der Aufrüstung, der Abrüstung, dem Wiedererstarken der eigenen Nation. Und als das alles nichts wurde, folgte Angst vor dem Wetter, dem Klima, dem Waldsterben, dem Ozonloch, dem Sauren Regen, dem FCKW, Pestiziden in der Muttermilch und natürlich der Atomkraft! Jetzt eben vor CO2, NOx, der Erderwärmung. Und zur Krönung wird der Abriß des Golfstroms apokalyptisch.
    Nicht nur die "Kohlenlobby" jammert, Sie werden das auch noch.
    »Wir brauchen Ehrlichkeit«, mahnt Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) an. »Wenn wir aus der Kohle aussteigen, dann ist es automatisch, dass der Strompreis steigt. Er wird auf 45, 50 oder auch 70 Cent steigen.«
    Ein paar Kilometer weiter in Tschechien kostet der Strom 15 Cent, in Frankreich 16 Cent und in Ungarn 11 Cent

  2. 7.

    Ihre Meinung ist leider sehr rückwärts gewandt. Der Kohleausstieg kommt zu spät. Sicher wird Deutschland nicht das Weltklima retten aber darum geht es auch gar nicht. Die Technologien zu einer erneuerbaren sicheren und bezahlbaren Stromversorgung sind längst da. Das anderen Ländern zu zeigen ist eine der wenigen Möglichkeiten Deutschlands Wirtschaftsstärke zu erhalten. Das Gegenteil inkl. Angstmache und Jammern kommt nur von der Kohlelobby.
    Das gleiche gilt bei der Autobranche, China wird vollkommen unterschätzt und da geht es um wirklich viele Arbeitsplätze.
    Das CO2 Problem als Hysterie zu bezeichnen ist schon mehr als nur ignorant. Klar, man kann die Fakten leugnen, macht das irgend was besser?

  3. 6.

    Ich gebe Ihnen Recht mit Ihrer Kritik. Heute gibt es nur ein dafür oder dagegen. Leider wird die Diskussion davon getragen. Nach der Hysterie CO2 und NOx, jetzt eben die Kohle. Sicher, es muss etwas geschehen, wir werden nicht so weiter machen können, mich aber stößt geradezu die Diskussionkultur und das Dogma ab. Kinder und Schüler werden intrumentalisiert, selbst ein kollektives Schulschwänzen wir in Kauf genommen. Tägliche Straßensperrungen, tägliches Geschrei, sich das Recht zu nehmen, die allumfassende Meinung zu haben und eben sich moralisch über Andere zu stellen. Deutschland, mit der Größe eines Stecknadelkopf auf dem Globus, will die Welt retten. Erst schalten wir die Kernkraftwerke ab. Dann schalten wir auch noch die Kohlekraftwerke ab. Und im dritten Schritt machen wir unsere Schlüsselindustrie, die Automobilindustrie kaputt. Und warum das alles? Um den Rest der Welt zu retten, der nur den Kopf über uns schüttelt.

  4. 5.

    Lieber Richard,

    auch das Engagement der LEAG in allen Ehren. Löblich, dass das Unternehmen seinen Mitarbeitern die Arbeitsplätze sichert. Dagegen ist auch nichts einzuwenden.

    Der rbb hat auch schon desöfteren über die Menschen in der Region gesprochen:
    https://rbburl.de/jungeleutekohle

    Und auch die Seite der LEAG aufgezeigt. Erst heute haben wir davon berichtet, dass die LEAG mit dem Beschluss zum Ausstieg aus der Braunkohle nicht zufrieden ist:
    https://rbburl.de/leagkohlekompromiss

    Dagegen mit Mitarbeitern vom Tagebau zu sprechen, gestaltet sich schwierig. Der Kontakt mit der LEAG läuft über die Pressestelle.

    Vielen Dank für Ihre Kritik. Wie versuchen das Thema so sensibel wie möglich von allen Seiten darzustellen.

    Liebe Grüße,
    rbb|24

  5. 4.

    Das Engagement der Frau Wodtke in allen Ehren. Es ist löblich, dass sie sich für den Erhalt ihres Heimatdorfes einsetzt. Was für mich nicht OK ist, dass der RBB mit all seinen Verbreitungskanälen seit Samstag täglich mehrfach über den Gemütszustand von Frau Wodtke die Bürger informiert ich aber bis heute noch kein einziges Statement eines vom staatlich verordneten Kohleausstieg betroffenen LEAG-Mitarbeiters gehört oder gesehen habe. Kein Wort über deren Lebensplanung, kein Wort über den Wegzug einer ganzen Generation pfiffiger junger Leute, kein Wort über das Sterben Brandenburger Dörfer durch Wegzug der jungen Menschen. Die absolut einseitige Berichterstattung eines Zwangsgebührenfinanzierten Mediums finde ich unfair. Wo bleiben die Meinungen der Mehrheit?

  6. 3.

    @rbb: So, wie ich das Gesagte verstehe, liegt der Unterschied zu NRW in der Unnachgiebigkeit der brandenburgischen Landesregierung. Vielleicht glaubt sie sich gesetzlich oder vertraglich anders gebunden als NRW? - Wie wär‘s mit einem Interview?

  7. 1.

    Schade für Proschim. Man muss aber festhalten, dass nicht nur dieses Dorf in Brandenburg keine klare Zusage bekommen hat, dass die Ortschaft nicht devastiert wird. Auch im mitteldeutschen Braunkohlerevier südlich von Leipzig sind Bürger empört darüber, dass die Zukunft der Dörfer Pödelwitz und Obertitz noch nicht geklärt ist.
    Siehe http://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Poedelwitz-Sprecher-frustriert-Kohle-Einigung-unverantwortlich-fuer-die-Bewohner

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