Robert Claus ist Fanforscher und Mitarbeiter der Kompetenzgruppe Fankulturen & Sport Bezogene Soziale Arbeit (KOFAS) (Bild: rbb)
Bild: rbb

Interview | Hooliganforscher zu Inferno Cottbus - "Die Netzwerke und die Personen verschwinden nicht"

Die rechte Hooligan-Gruppe "Inferno Cottbus" hat sich aufgelöst. Ist sie damit weg? Der Hooliganforscher Robert Claus hält die radikale Gruppierung für aktiv wie eh und je. Sie hat sogar die Kontrolle über die Fanszene der Stadt übernommen - mit professionellen Strukturen.

rbb: Herr Claus, im Mai 2017 hat sich "Inferno Cottbus" (IC) angeblich aufgelöst. Unsere Recherchen ergeben, dass die Gruppierung im Untergrund weiter aktiv ist und ihre Aktivitäten noch verstärkt hat. Inzwischen haben die rechtsradikalen Hooligans die Kontrolle über die Cottbusser Fanszene übernommen. Überrascht Sie das?

Robert Claus: Nein, überhaupt nicht. Es überrascht mich schon deshalb nicht, weil man bei Gruppenauflösungen, gerade bei rechten Hooligan-Gruppen, grundlegend skeptisch sein muss. Die Netzwerke und die Personen verschwinden nicht. Statt einer Auflösung geht es vielmehr darum, der Strafverfolgung zu entgehen oder zuvorzukommen, die Netzwerke informeller zu gestalten und eigentlich dasselbe weiter zu tun. Nur ohne ein deutliches Label.

Wie gestaltet sich Ihren Erkenntnissen nach die neue Dominanz von Inferno Cottbus?

Inferno Cottbus übt massiven Druck auf den Rest der Fanszene aus. Das heißt, Fans, die sich gegen Rechtsextremismus und gegen Gewalt engagieren, werden massiv eingeschüchtert. Das passiert teilweise durch Hausbesuche, durch Kneipengespräche, wo Gewalt angedroht wird, aber auch durch ganz reale Angriffe auf andere Fangruppen. Die Ultra-Gruppe "Ultima Raka" hat ihre Aktivitäten eingestellt. Sie hat sich nicht aufgelöst, aber keine großen Aktivitäten mehr im Stadion angekündigt. Und das ist eine Folge des massiven gewalttätigen Drucks von Inferno Cottbus.

Wie muss man sich die Organisation Inferno Cottbus eigentlich vorstellen?

Rechte Hooligan-Gruppen sind ganz klar hierarchisch strukturiert. Es gibt immer einen Führungszirkel von wenigen Leuten, die das Sagen in der Gruppe haben. Diese Personen sind meistens auch weiter vernetzt in Neonazi-Milieus, in Rocker-Milieus. Das bringt dann auch ein gewisses Gewaltmonopol mit sich. Und es gibt immer Leute, die diese Gruppe organisieren - sich um Busse, Kampfsporttrainings, Gruppen-Events kümmern. Dazu gibt es ein Umfeld, das dann auf den gemeinsamen sogenannten Mob-Fotos posiert. So kommt IC meines Erachtens ungefähr auf 50 bis 60 Leute.

Seit Oktober 2018 gibt es eine neue Zaunfahne in Cottbus, die so genannte Einheitszaunfahne. Alle anderen Fahnen dürfen dort nicht mehr hängen. Unseren Informationen nach steckt hinter dieser Fahne der Führungszirkel von Inferno Cottbus. Können Sie die Bedeutung dieser Fahne erklären?

Zaunfahnen haben für Fußballfans generell eine ganz hohe symbolische Bedeutung, weil sie die eigene Gruppe repräsentieren - als Einheit repräsentieren. Man stellt sich hinter das eigene Team und besetzt die eigene Kurve symbolisch. In Cottbus liegt etwas Spezielles vor: Inferno Cottbus hat sich seinerzeit aufgelöst, um einer Strafverfolgung zuvorzukommen. Im Grunde haben sie damals aber versucht, wieder einen Dachverband für Fans oder Ultra-Gruppen zu gründen, um sich selber darin verstecken zu können und gleichzeitig aber auch das Gewaltmonopol in dieser neuen Gruppe zu haben. Einige Ultras und Ultra-Gruppen in Cottbus wollten da nicht mitziehen. Dann kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Insofern ist die jetzige Fahne das Ergebnis dieser Machtdemonstration von Inferno Cottbus.

Was heißt es für eine Ultra-Organisation, die eigene Fahne nicht mehr zeigen zu dürfen?

Gerade für Ultra-Gruppen ist es ein hoher Gesichtsverlust, die eigene Fahne nicht mehr zeigen zu dürfen. Die eigene Fahne zentral aufzuhängen, ist eine ganz klare Machtdemonstration über die Kurve.

Warum ist diese "Herrschaft" so wichtig?

Fußballvereine sind oftmals das zentrale Aushängeschild ihrer Stadt. Im Stadion sehr präsent zu sein, hat eine hohe symbolische Wirkung. Der Fußball zieht viele Leute an, ist meistens eine der größten Jugendkulturen der Stadt oder des Landes. Deshalb kann man gerade im Fußball massiv Nachwuchs rekrutieren. Und das tun Hooligan-Gruppen ganz gezielt, weil sie dort junge Männer finden, die gewaltaffin sind.

Was machen sie mit diesen Männern?

Sie ziehen sie in ihre Struktur rein und das hat mehrere Komponenten. Es geht einerseits um geschäftliche Netzwerke, gleichzeitig aber auch um politische. Das muss man auch bei Inferno Cottbus verstehen. Wir reden nicht nur über eine Fangruppe, sondern im Grunde über mehrere Identitäten. Wir reden von einer Hooligan-Gruppe, aber auch von einem Neonazi-Netzwerk, und wir reden von einem geschäftlichen Netzwerk, das bis ins Rockermilieu reicht. Das überlagert sich. Und genau in dieses Milieu geraten junge Leute. Dabei darf man auch den Kampfsport nicht vergessen.

Welche Rolle spielt bei Inferno Cottbus die Ideologie, welche Rolle spielen wirtschaftliche Interessen?

In Cottbus hat es die rechte Szene verstanden, sich selbst zu ernähren. Sie hat sich ein Milieu aufgebaut, das sich selber finanziert. Dazu gehören diverse Kleidungslabels, diverse Tattoo-Studios und Kampfsportstudios. Das gehört zu dem Milieu, in dem die Leute selbst arbeiten - was für Neonazi-Hooligans natürlich auch eine Schutzfunktion hat. Denn wenn ihr Name an die Öffentlichkeit gelangt, laufen sie nicht mehr Gefahr, vom Arbeitgeber gekündigt zu werden, weil sie eben in diesem Milieu arbeiten. Das ist tatsächlich etwas Besonderes in Cottbus, dass die Szene eine wirtschaftliche Basis hat, aus der heraus sie leider sehr sicher agieren kann.

Die angeblich aufgelöste Gruppierung Inferno Cottbus pflegt enge Verbindung zu polnischen Hooligans aus Andrychow, die wiederum mit berüchtigten Gruppen wie "Legia Warszawa" befreundet sind. Im Mai 2018 erschien beispielsweise eine 32-köpfige Delegation aus Cottbus im polnischen Andrychow. Im Dezember letzten Jahres schickten die polnischen Hooligans 13 ihrer Leute zum Energie-Cottbus-Spiel. Wie bewerten Sie solche Kontakte?

Man muss verstehen, dass rechte Hooligans keine lose organisierten Straßenschläger mehr sind, sondern im Grunde ein international organisiertes Kampfsport-Netzwerk. Professionell. Die Cottbuser Hooligan-Szene ist sehr stark nach Osteuropa vernetzt, nach Polen, nach Tschechien aber auch bis nach Ungarn. Und man muss im Hinterkopf behalten, dass die dortigen Hooligangruppen sehr mafiös geprägt sind. Wenn man sich die polnische Hooligan-Szene anguckt, geht es nicht mehr um klassische Fanfreundschaften, sondern da geht es um territoriale Mafiakonflikte. Wenn man dann eins und eins zusammenzählt, liegt der Verdacht nahe: Die Cottbuser Hooliganszene ist sehr nah dran und wirkt wohl auch im Drogengeschäft mit.

Zeugen berichten uns von einer mittlerweile in der Stadt Cottbus herrschenden mafiösen Dominanzkultur. Was ist mit diesem Begriff gemeint?

Diesen Begriff würde ich deshalb unterschreiben, weil verschiedene Szenen zusammenkommen. Wir haben die Neonazi-Szene, wir haben die Hooligan-Szene, wir haben das Kampfsportmilieu, wir haben das Rocker-Milieu. Die haben größtenteils Personalüberschneidungen. Was jetzt passiert, ist: Diese Milieus, die sich überschneiden, sind sich darin einig, dass sie das Gewaltmonopol in Cottbus unter sich aushandeln. Das heißt ohne den demokratischen Staat.

Dazu gehören nach rbb-Informationen auch einige Sicherheitsunternehmen. Eines davon soll für die Spiele von Energie Cottbus im Stadion Ordner gestellt haben. Welche Wirkung hat dies auf die Fans im Stadion?

Für gewöhnliche Fans und auch für Fans, die sich gegen Rassismus engagieren, ist das ein ganz großes Problem. Denn die Ordnungsdienste sind ja eigentlich diejenigen, an die man sich wenden können muss, wenn etwas Rassistisches gesungen wird oder wenn es einen gewalttätigen Übergriff gab. Wenn Fans das nicht tun können, sind sie im Grunde schutzlos.

Welche Verantwortung hat der Verein hier?

Der Verein hat eigentlich die Verantwortung, sich einen Ordnungsdienst zu suchen, der für Rechtsextremismus, für Symbole und Sprüche sensibilisiert ist und der weiß, wie er die Leute in die Schranken weist und sie aus dem Stadion wirft. Nun ist es - ohne den Verein Energie Cottbus in Schutz nehmen zu wollen - in manchen Regionen Deutschlands wirklich ein Problem, einen solchen Ordnungsdienst zu finden.

Wird der Verein Energie Cottbus an so einer Stelle seiner Verantwortung, sich gegen rechtsradikale Kräfte zu positionieren, gerecht?

Wenn man in einer Stadt wie in Cottbus eine über Jahrzehnte etablierte Szene aus Kampfsportlern, Neonazis, Hools, Rockern, ein kriminelles Milieu hat, dann ist es wahnsinnig schwer, demokratische Strukturen zu etablieren, auf die diese Leute keinen Einfluss haben. Das heißt: das Problem ist weniger, was Energie Cottbus heute tut, sondern vielmehr, dass es 20 Jahre lang dazu kaum was getan hat.

Das Interview mit Robert Claus führten Adrian Bartocha und Jan Wiese, Redaktion Investigatives und Hintergrund

Sendung: Inforadio, 30.01.2019, 07:15 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 8.

    Vielen Dank erstmal für das mutige Interview Herr Claus! Ich würde erstmal, vom Gefühl her, viele Punkte unterstreichen. Nur, liebe Kollegen vom RBB: wo sind den Ihre Belege ersichtlich? Zu behaupten, die Cottbuser Fanszene (oder was davon übrig ist) sei im organisierten Drogenmilieu Polens anzusiedeln... puuh Das sollte , m.E. nicht ohne weiterers behauptet werden können. Gibt es dafür Zeugen, Belege o.Ä. Und wenn ja: dann ist das doch definitiv eine Sache fürs LKA OK oder etw nicht? Da hilft auch keine Zivilgesellschaft! Desweiteren verstehe ich auch den ganzen Wind nicht? Dieser sog. "Verein" steigt sowieso ab und dann ist ein für alle Male vorbei mit Profifussball. Schade für die paar "echten" Anhänger von Energie. Aber es gibt ja Alternativen... VFB Krieschow zum Beispiel ;-)

  2. 7.

    Na da kommt der erwartbare Vergleich v. Rechtsextremismus mit vermeintlichem Linksextremismus. Ersterer ist hier nicht nur Thema, sondern evident. Bei Babelsberg gibt es nunmal keine Belege für andere Ultra-Gruppen bedrohendes o. gewalttätiges Verhalten, für ein Übernehmen der Stadionsicherheit im Sinne der eigenen Gruppe, für personelle Überschneidungen mit militanten Antidemokrat*innen aus Security-, Rocker-. Kampfsport-, "KKK"-Milieu o. dem organisierten Verbrechen allg. Das alles gibt es nur beim Energie Cottbus.

    Wenn die politische Absicht bestünde, das Dickicht aus Rechtsextremismus u. organisiertem Verbrechen zu durchleuchten, gäbe es rechtlich zahlreiche Wege. Der Generalbundesanwalt kann den Verein u. seine dazugehörigen, pardon, dazugehörige Fangruppe juristisch prüfen wie die Finanzaufsicht bei kriminellen Umtrieben ebenso fündig werden dürfte. Aber Handlungen jetzt bedeuteten auch ein Eingeständnis jahrzehntelanger Untätigkeit. Der Kelch geht wohl an Kelch vorüber.

  3. 6.

    Ich als Ur-Potsdamer wünsche mir solche intensiven Recherchen über die von politisch Extremen unterwanderte Babelsberger Fankultur. Staatlich finanziert und destruktiv .

  4. 5.

    Es wird Zeit die Fanclubs von Energie Cottbus als terroristische Vereinigungen zu verbieten und Cottbus und die Region Südbrandenburg unter Bundesverwaltung zu stellen. Die Länder Brandenburg und auch Sachsen haben versagt, die Verfassungschutzämter beider Länder sind aufzulösen und unter die direkte Verwaltung des BfV zu stellen um wieder demokratische Verhältnisse herzustellen.

  5. 4.

    Von Cottbus zu Kolonie Cottbus?! Teil 1
    „ … Es gibt immer einen Führungszirkel von wenigen Leuten, die das Sagen in der Gruppe haben. … Das bringt dann auch ein gewisses Gewaltmonopol mit sich. … Es geht einerseits um geschäftliche Netzwerke, gleichzeitig aber auch um politische. … In Cottbus hat es die rechte Szene verstanden, sich selbst zu ernähren. Sie hat sich ein Milieu aufgebaut, das sich selber finanziert. Dazu gehören diverse Kleidungslabels, diverse Tattoo-Studios und Kampfsportstudios. Das gehört zu dem Milieu, in dem die Leute selbst arbeiten - was für Neonazi-Hooligans natürlich auch eine Schutzfunktion hat. ...“ (Der rbb-Experte über Fußball-Cottbus) Fortsetzung Teil 2

  6. 3.

    Von Cottbus zu Kolonie Cottbus?! Teil 2
    „Von übereinstimmenden Kernmerkmalen wie Über- und Unterordnung zwischen Kolonisten und Kolonisierten oder den ungleichen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Kolonialmächten und Kolonien abgesehen, sind die historischen Erscheinungsformen des neuzeitlichen Kolonialismus äußerst vielfältig. … Stützpunktkolonien waren zunächst mit militärischen Mitteln geschaffene und geschützte Handelsstützpunkte, die … auf kommerzielle Erschließung des jeweiligen Hinterlandes zielten. …“ (Wikipedia-Kolonialismus)

  7. 2.

    Zum Thema Sicherheitsdienst:
    Der Fisch fängt bekanntlich immer am Kopf an zu stinken.
    Wenn die zuständige Behörde die Zuverlässigkeit für das Bewachungsgewerbe solchen Leuten erteilt, wird da wohl geschlampt oder mit Absicht das rechte Auge zugehalten.

    Sollte dort wiedererwartet gut gearbeitet werden, einfach Mal das Finanzamt und Zoll vorbeischicken. Man wird 100% fündig.

    Wer seriöse Sicherheitsdienste sucht, bekommt auch welche. Das davon allerdings so gut wie keine in Cottbus existieren, findet man sehr schnell heraus...

  8. 1.

    "Einheitszaunfahne", da fällt mir "den hut ehren" aus Wilhelm Tell von Schiller ein.

    "Zaunfahnen haben für Fußballfans generell eine ganz hohe symbolische Bedeutung ..." - ich würde mich schütteln, brrrr!

    Jeder kann sich nur selbst befreien (so das Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht alle anderen Bedürfnisse überlagert - so mein Vorurteil).

Das könnte Sie auch interessieren