Schuhe liegen vor einem Bällebad in einer Kindertagesstätte, in dem Kinder spielen (Quelle: dpa/Friso Gentsch)
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Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 18 - Ein Insider gibt Tipps für die Kita-Suche

Seit Oktober 2017 sucht Tina Handel einen Kita-Platz für ihr Kind - bisher ohne Erfolg. Auf einer Silvesterparty lernte sie einen angehenden Erzieher kennen. Ob das Anstoßen Glück bringt, wird sich zeigen. In jedem Fall konnte sie aus diesem Gespräch einiges mitnehmen.

Wenn man mit einem angehenden Kitaerzieher auf das neue Jahr anstößt, bringt das dann Glück bei der Kitaplatzsuche? So versuche ich es zu sehen, als ich plötzlich bei einer Silvesterparty neben A. sitze. Der 23-jährige junge Mann erklärt mir fröhlich, er sei gerade in der Ausbildung zum Erzieher an einer Berliner Kita. So kommt man auch ohne viel Alkohol schnell ins Gespräch.

Leider handelt es sich um eine Einrichtung, die für uns viel zu weit weg ist. Trotzdem kann ich aus diesem Jahreswechsel einiges mitnehmen: Warum werden zu wenige Menschen Erzieher? Und wie erkenne ich eigentlich eine gute Kita, wenn ich sie besichtige?

Wer hat schon die Wahl?

Die zweite Frage stellt sich schon fast gar nicht mehr, denn wer hat schon die Wahl? Tatsächlich war ich bei einigen Kita-Besichtigungen und mir ist aufgefallen, dass fast immer ein Kind irgendwo weint, während man durch die Gruppenräume geschleust wird. Ich habe mich dabei immer gefragt, ob das ein Hinweis auf schlechte Kitabetreuung sein könnte.

A., der angehende Erzieher, sieht es anders: "Irgendwann weint immer jemand", sagt er, während wir auf der Silvesterfeier Pilze und Lotuswurzeln aus einem japanischen Eintopf fischen. Wichtig sei, dann zu beobachten, wie die Erzieher reagieren: "Sie müssen nicht sofort losflitzen. Aber gehen sie generell auf das Kind ein oder lassen sie es alleine weiter in der Ecke heulen?"

Außerdem empfiehlt mir A. darauf zu achten, welche Rolle Musik in der Kita spielt: "Dudelt da nur ein CD-Player irgendwo oder steht vielleicht sogar eine Gitarre bereit?" Für die Qualität der Betreuung könne auch sprechen, wenn im Flur oder im Foyer zum Beispiel Aushänge seien, welches Programm die Kitagruppe in dieser Woche plane oder ob es gerade besondere Projekte gebe – egal ob Schattenspiele, Baumtelefon oder Raupenrennen.

Abraten würde er von einer Kita "mit total starker Elternbeteiligung", sagt A. "Wenn es um das eigene Kind geht, sind Eltern Arschlöcher." Das sitzt, die Runde lacht. "Da wird dann jede Kleinigkeit diskutiert unter dem Vorwand, es gehe ja um alle Kinder", erklärt der angehende Erzieher anscheinend aus leidvoller Erfahrung. "Aber eigentlich geht es immer nur um das eigene Kind, das eben ein bestimmtes Spielzeug braucht oder unbedingt vegan essen muss."

Solche Kitas mit wöchentlichen Elternabenden habe ich tatsächlich gar nicht erst angefragt. Außerdem habe ich die in gewissen Kreisen gehypte "Be Smart Academy", die direkt bei uns um die Ecke ist, ausgeschlossen. Mir war es nicht ganz geheuer, dass die Gruppen dort "Beethoven-Gruppe" oder "Darwin-Gruppe" heißen.

Die Namen sprechen allein den Ehrgeiz der Eltern an und nicht die Welt der Kinder. Welcher Dreijährige kann sich unter "Beethoven" konkret etwas vorstellen? Und gilt in der "Darwin-Gruppe" schon die Maxime "Survival of the Fittest"? Da soll Junior* lieber in die "Igelgruppe" einer Normalo-Kita gehen – ohne Spitzenförderung, aber bodenständig.

Immer nach dem Betreuungsschlüssel fragen

Am Ende gibt mir A., der in einem Jahr fertig ausgebildeter Erzieher ist, noch mit auf den Weg: Natürlich sollte ich auch immer nach dem Betreuungsschlüssel fragen. "Ich habe bisher mit keiner Kita gesprochen, die total viel Personal hat", sage ich. "Wenn man anruft, meldet sich die Leiterin gestresst: 'Ich helfe gerade in der Krippen-Gruppe aus, weil sich heute Morgen eine Kollegin krank gemeldet hat'", erzähle ich ihm.

Das sei allerdings kein Wunder, sagt. A. Krank sei man als Kita-Erzieher nämlich oft. Schließlich springen Dutzende Kinder herum, die gerade erst ihr Immunsystem aufbauen, alles mitnehmen und das Bällebad vollschnäuzen.

Für ihn in der Ausbildung sei das ein doppeltes Problem: Denn selbst große und angesehene private Träger wie sein Arbeitgeber würden die angehenden Erzieher "ausbeuten". Jetzt wird es interessant, denke ich, und versichere ihm, den Namen seines Unternehmens nicht aufzuschreiben.

So etwas wie "Azubis" gebe es bei ihm gar nicht. Er habe zwei separate Verträge: einen für die Schulausbildung und einen als Hilfskraft in einer großen Kita im Stadtzentrum. "Sehr viel Verantwortung für sehr wenig Geld", fasst er den Job zusammen. Wenn er krank werde, sei er nicht etwa einfach krankgeschrieben und fehle eben auf der Arbeit. "Das gibt immer Minusstunden", erzählt A. "Jede Stunde, die ich wegen Krankheit fehle, muss ich nacharbeiten." Auch ein Urlaub heißt: Minusstunden, nacharbeiten.

Ein echtes Kitalied - vorerst für zu Hause

"Das Problem ist, dass der Betriebsrat mit drinhängt", sagt A. "Die Kitaträger setzen auch total darauf, dass die jungen Leute, die eine Ausbildung machen wollen, das gar nicht richtig durchschauen. Man bekommt keine Beratung oder so etwas."

Immerhin würde er im Alltag ein wenig Anleitung erhalten. Aber: "Die Träger bilden fast alle nicht aus. So etwas kostet ja Geld." Kitas hätten gern fertig ausgebildete Leute, glaubt er. Aber selbst Verantwortung für junge Mitarbeiter übernehmen – das wollten sie eher nicht.

An Ende der Feier gibt mir A. noch ein Lied aus seiner Erzieherausbildung mit auf den Weg, mit dem man Kleinkinder angeblich "sehr lange unterhalten kann". Es geht um einen Luftballon, den man erst gemeinsam aufpustet und dann in allen Farben des Regenbogens steigen lassen kann. Immer wieder, Strophe für Strophe. Grün, Blau, Rot, Zitronengelb. Ein echtes Kitalied kennen wir nun also schon – singen müssen wir es vorerst zu Hause.

*Junior: Unser Sohn heißt natürlich anders, aber was er im Internet macht, soll er später mal selbst entscheiden.

Kitajagd – Berlin, der Platzkampf und ich. Tagebuch einer Suche

Tina Handel hat Monate vor der Geburt ihres Kindes begonnen, einen Kitaplatz zu suchen. Mittlerweile ist ihr Kind seit dem Frühjahr vergangenen Jahres auf der Welt - und die Suche geht weiter. Über den Stand der Dinge berichtet sie regelmäßig in einem Tagebuch bei rbb|24.

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Vorbeugen ist besser als Kitasuche. - Bittere Realität in Anbetracht unzuverlässiger Politik.

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