Anne Dieker ist eigentlich promovierte Geologin. Seit knapp drei Jahren unterrichtet sie als Quereinsteigerin in der Grundschule in Perwenitz (Bild: rbb/Dominik Lenz)
Video: Brandenburg aktuell | 22.01.2019 | Bild: rbb/Dominik Lenz

Seiteneinsteiger an Brandenburger Schulen - Und plötzlich Lehrerin

Gut 12.000 neue Lehrerinnen und Lehrer braucht Brandenburg bis 2028. Das geht nicht ohne Quereinsteiger - Lehrkräfte, die etwas völlig anderes gelernt haben, jetzt aber Kinder unterrichten sollen. Eine Leistung, die nicht immer wertgeschätzt wird. Von Dominik Lenz  

In der Grundschule im havelländischen Perwenitz hat die vierte Unterrichtsstunde beginnen. Gut gelaunt betritt Englischlehrerin Anne-Kathrin Dieker ihre fünfte Klasse. Heute werden Klassenarbeiten zurückgegeben. Das Thema: die Uhr auf Englisch. Große Aufregung bei den Kindern. "It was quite ok", beruhigt Anne Dieker. Sie spricht konsequent Englisch mit der Klasse.
 
Dieker ist eigentlich promovierte Geologin, hat lange in Schottland gelebt und spricht perfekt Englisch. Seit knapp drei Jahren arbeitet sie als Grundschullehrerin. Beworben hatte sie sich eigentlich mit der Erwartungshaltung, irgendwann mal die ein- oder andere Vertretungsstunde zu übernehmen. Doch dann war sei über Nacht plötzlich Lehrerin. "Noch sechs Wochen vor den Sommerferien, im Schuljahr 2015/16, bin ich ins kalte Wasser: vierte, fünfte und sechste Klasse."

Sportlehrer Mario Jörg ist studierter Sportmanager und unterrichtet als Quereinsteiger Sport und Naturwissenschaften an der Grundschule in Perwenitz (Bild: rbb/Dominik Lenz)
Vom Sportmanager zum Sportlehrer: Mario Jörg | Bild: rbb/Dominik Lenz

"Habe mir alles selbst beigebracht"

Eine Erfahrung, die auch Kollege Mario Jörg gemacht hat, der in der Sporthalle nebenan gerade Sportunterricht gibt. "Vorbereitet wurde ich nicht, ich habe mir alles selber erarbeitet, mit Hilfe der Kollegen. Aber das meiste musste ich selber tun." Der studierte Sportmanager unterrichtet neben Sport auch Naturwissenschaften. Um als Lehrer voll anerkannt zu werden, will er nun seinen Master nachmachen und dann Lehramt zu studieren - mit Mitte fünfzig.

Dieker und Jörg fühlen sich nach eigenen Worten wohl an ihrer kleinen Grundschule. Skepsis von Eltern und Kollegen kennen sie nicht. Und dennoch fehle die Wertschätzung, meint Anne Dieker. "Ich werde superschlecht bezahlt, ich mache aber die gleiche Arbeit. Immerhin habe ich auch ein Hochschulstudium."

Anne Dieker ist eigentlich promovierte Geologin. Seit knapp drei Jahren unterrichtet sie als Quereinsteigerin in der Grundschule in Perwenitz (Bild: rbb/Dominik Lenz)
Anne Dieker: Sie kann auch gut über Steine reden | Bild: rbb/Dominik Lenz

Brandenburg braucht aber Quereinsteiger. Die können häufig mit praxisbezogener Erfahrung eine Schule bereichern, sagt Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst. Doch sie warnt auch davor, die Aufgabe zu unterschätzen. Die Kolleginnen und Kollegen, die den Weg als Quereinsteiger gehen, würden sehr hart arbeiten, die Qualifizierung laufe oft parallel neben Familie und Beruf. Von den gut 1.100 neueingestellten Lehrkräften in diesem Schuljahr waren knapp 270 Seiteneinsteiger. Weit höher ist die Zahl allerdings bei den befristeten Stellen.

Dringend gebraucht und unterbezahlt

Theoretisch kann ein Quereinsteiger alle Qualifizierungen nachholen und es sogar bis zur Verbeamtung schaffen. Praktisch gilt die Anstellung aber zunächst auf Probe, mit einer relativ niedrig tariflichen Eingruppierung. Man wolle damit verhindern, dass Lehrkräfte im Nachhinein runtergestuft werden, meint Britta Ernst. "Wir stufen mindestens in der Entgeltgruppe 10 ein, das sind rund 3.000 Euro brutto. "Aber man kann mit den Jahren bei 4.500 Brutto landen. Das sind gute Gehälter."

Die Grundschule in Perwenitz (Bild: rbb/Dominik Lenz)
Grundschule in Perwenitz | Bild: rbb/Dominik Lenz

Britta Ernst hat die Qualifizierung der Quereinsteiger für dieses Schuljahr neu geregelt. Drei Monate Vorbereitung vorab, dazu mehr begleitende Schulung. Ob das so Bestand hat, soll nun noch einmal überdacht werden. Insgesamt aber entsteht ein komplett neuer Apparat, der den Schulbetrieb die kommenden Jahre prägen wird, mahnt Günther Fuchs von der Lehrergewerkschaft GEW Brandenburg. Er spricht von einem Teufelskreis: Die Quereinsteiger würden gebraucht, müssten aber erst geschult werden, wofür wiederum erfahrenes Personal gebraucht werde, das dann an den Schulen fehle. Fuchs fürchtet um die Vermittlungen der Grundkompetenzen bei Brandenburgs Schülern.

Den Fünftklässlern in Perwenitz ist es übrigens völlig egal, welche Ausbildung Anne Dieker genossen hat. Sie finden ihre Englischlehrerin einfach cool und witzig. Dass sie eigentlich Doktor der Geologin ist, wussten sie noch gar nicht. Passt aber, meinen sie nach kurzem Nachdenken: Sie könne auch ziemlich gut über Steine reden.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Netiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

12 Kommentare

  1. 12.

    Wenn das Lehramt im Sinne der deutschen Verfassung und mit deutschen Wertmaßstäben ausgeübt wird, dürfte wohl alles seine Ordnung haben. Viel Glück, Freude und Erfolg bei der verantwortungsvollen Bildungstätigkeit im Umgang mit den anvertrauten Kindern! P. S. Ich hätte keine Vorbehalte.

  2. 11.

    Diese Mär von der mangelhaften Qualität ist langsam echt nur noch peinlich. Haben die (meisten) Quereinsteiger nicht auch eine Ausbildung genossen? Statt den Leuten zu danken, die aus der freien Wirtschaft mit Lebenserfahrung und frischen Konzepten kommen und sich mit lächerlichen A10-Gehältern abspeisen lassen zu danken, jammern die Alteingesessenen vom Untergang des Schulwesens.

    Übrigens, Bafög ist bei maximal 10.000€ gedeckelt. Ist man als Lehrer ein paar Jahre im Geschäft fällt das nicht ins Gewicht, wenn man seine Finanzen im Griff hat...

  3. 9.

    "Die Kolleginnen und Kollegen, die den Weg als Quereinsteioger gehen, würden sehr hart arbeiten, die Qualifizierung laufe oft parallel neben Familie und Beruf."

    Da ist ein "o" zu viel im "Quereinsteioger".

  4. 8.

    Viele Lehrer machen einen guten Job. So einige aber leider nicht. So kurz kann ich meinen persönlicher Erfahrungsstand nach 3 Kindern, die fast mit der Schule durch sind, schildern. Es ist schon so, dass es Lehrer gibt, die resigniert und unmotiviert maximal Dienst nach Vorschrift abliefern und unverhohlen bei ihren Schülern und deren Eltern durchblicken lassen, dass sie zu mehr weder Lust haben, noch bereit sind. Lebenserfahrene, motivierte und gut ausgebildete Quereinsteiger können für Berlin und Brandenburg nur ein Gewinn sein. Und den Luxus, diese nicht mit Kusshand zu nehmen, können wir uns nicht leisten. Egal wie schwierig sich der Einstieg auch gestalten sollte. Ausbaden müssen die Misere seit vielen Jahren nämlich hauptsächlich die Schüler. Die haben ein Recht auf eine angemessene schulische Ausbildung. Das wird oft vergessen.

  5. 7.

    Ach ja... und eins noch...
    Ich sehe doch wie die meisten "richtig" ausgebildeten Lehrerinnen & Lehrer arbeiten. Grade die "Studienräte", die eigentlich gar keinen Bock auf Grundschule haben und sich für was Besseres halten. Nicht wahr!
    Da wird die CD-Rom ins Smartboard eingelegt, wo das Lehrbuch drauf ist und dann geht es frontal und langweilig nebst Arbeitsblättern Kapitel für Kapitel durchs Buch. Hauptsache wenig Arbeit! Da ist nix von Methodenvielfalt, abwechslungsreichem Unterricht oder gar Differenzierung zu sehen. Dann wird noch schnell einem Schüler lieber die bessere Note gegeben, um sich das unangenehme Elterngespräch zu sparen.
    Und wir Quereinsteiger reißen uns den A**** auf, um den Kindern mal vernünftigen und interessanten Unterricht anzubieten.
    Konkurrenzangst? Meinst du, nur du hast studiert? So. Ich hab in 7 Minuten wieder Unterricht. Tschö.

  6. 6.

    Quereinsteiger wie meine Kollegen und ich sind hochmotivierte Lehrkräfte, die jede Menge Ausfall auffangen von den sogenannten "richtigen Lehrern" die entweder dauerkrank oder immer grade schwanger sind!
    Wir bringen erhebliche Erfahrungen aus unterschiedlichen, beruflichen Bereichen SOWIE oft pädagogische Vorbildung mit, was sehr gewinnbringend für die SuS sein kann. Lehrämtler haben hingegen nichts anderes im Leben gemacht als ihr Studium.
    Unter den Quereinsteigern sind sogar etliche promovierte Leute dabei.
    Ich (44) bin u.a. studierte Historikerin und Kunsthistorikerin und habe auch jahrelang studiert. Ich muss auch Bafög zurückzahlen!
    Verdiene aber nur einen Bruchteil von euch, obwohl ich einen 14 Stunden-Arbeitstag habe inkl. Wochenende. Neben der vollen Stelle an der Grundschule muss ich nämlich berufsbegleitend 4,5 Jahre nochmal studieren. Germanistik und Mathe nachholen. An eurer Stelle wäre ich mal ruhig mit dem ständigen Gemecker!

  7. 5.

    Die Quereinsteiger haben etwa kein langes Studium hinter sich? Haben wie im Artikel genannt sogar promoviert und ggf. auch Bafög-Schulden? Diese Ignoranz kann es auch nur im öffentlichen Dienst geben. In der Privatwirtschaft ist es völlig üblich auch mit Quereinsteigern zu arbeiten.

  8. 4.

    Ich verstehe Ihren Ärger. Trotzdem ist es wichtig, dass etwas geschieht, denn die Leidtragenden der Misere sind die Schüler. Daher empfinde ich diese "Notlösung" mit den Quereinsteigern als wichtig. Das darf natürlich kein Dauerzustand werden. Lehrer-Nachwuchs muß her.

  9. 3.

    Was die Medien als Erfolg verkaufen wollen, ist eigentlich das Ergebnis jahrelanger Kopf-in-den-Sand-stecken-Politik. Lehrermangel, Über- und Überstunden bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten, desolate Infrastruktur. überlastete Gerichte, eine riesige Flughafen-Baustelle ohne Zukunft, Wohnraummangel ohne Ende, Kriminalität, noch weiter sinkendes Bildungsnivau und und und - wenn Berlin nicht Hauptstadt wäre, stünde sie unter Zwangverwaltung des Bundes.

  10. 2.

    Ein Schlag ins Gesicht eines jeden ,vollwertig ausgebildeten Lehrers. Der sich ein langes Studium antun musste und anschließend auf einem Haufen Bafög Schulden sitzt. Von der Qualität, natürlich nicht bei allen, des Unterrichts zu schweigen. Davon ist beim rbb aber natürlich nichts zu hören.

  11. 1.

    Wie kann man nur, nach jahrelangen untätigen Versäumnissen, die Meinung der Betroffenen und Lehrern vor Ort, derart arrogant und nichtsehend ignorieren? Jahrelange unterbezahlte Erfahrungen gepaart mit sämtlichen gescheiterten roten Bildungsexperimenten werden zeigen, wie man Wahlen krachend und hoffentlich verliert. Unsere Kinder haben nach 30 Jahren besseres verdient.

Das könnte Sie auch interessieren