Reisende steigen aus dem Regionalexpress RE 1 von Magdeburg über Berlin am Bahnhof in Frankfurt (Oder) (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Audio: Antenne Brandenburg | 07.02.2019 | Bild: dpa/Patrick Pleul

Antenne-Stammtisch in Wriezen - Abgehängt im Pendlerland

Wer in Erkner lebt und in Berlin arbeitet, steigt morgens in den RE1. Aber was, wenn es keinen Zug gibt, weil die Strecke stillgelegt wurde? Antenne Brandenburg vom rbb ist nach Wriezen gefahren, um mit Bürgern und Entscheidern über Mobilität in Brandenburg zu sprechen. Von Maximilian Horn

Kornelia Nagel lebt in Neulietzegöricke bei Wriezen. Wenn sie eines ihrer fünf Enkelkinder in Berlin besuchen geht, nimmt sie sich in der Regel ein Hotel: "Ich brauche mit den Öffentlichen für einen Weg drei Stunden nach Berlin", sagt Nagel. Da lohnt sich ein Tagesausflug nicht. Das war früher einmal anders: Die sogenannte "Wriezenbahn" fuhr bis nach Berlin hinein. Alte Eisenbahner können sich noch erinnern, dass man dereinst von Wriezen in alle Himmelsrichtungen fahren konnte – Wriezen am Rand des Oderbruchs, ein Verkehrsknotenpunkt!

Doch 1998 wurde die Strecke stillgelegt, auf die Gleise bei Wriezen ein Hügel geschüttet und eine Straße darüber geteert. Wer heute mit den Öffentlichen von Wriezen nach Berlin will, muss entweder über Eberswalde oder über Seelow fahren. Grund genug für einen Antenne-Stammtisch zum Thema: "Abgehängt im Pendlerland – was Menschen abseits der Hauptverkehrsströme bewegt." In Wriezen fragt die Antenne Brandenburg am Mittwochabend: Wie ist es um den Regionalverkehr in Brandenburg bestellt – und was muss sich ändern?

Orte ohne Anschluss bleiben auf der Strecke

Der "Humpensaal" in der alten Malzfabrik in Wriezen ist gut besucht, als Andreas Oppermann (Redaktionsleiter rbb-Studio Frankfurt (Oder)) den Landrat Gernot Schmidt (SPD) fragt: "Wie abgehängt ist Wriezen denn tatsächlich?" "Es gibt eine magische Grenze von einer Stunde nach Berlin", antwortet Schmidt. Wriezen liege hinter dieser Grenze – und ist damit also in der zweiten oder dritten Reihe. Landrat Schmidt spricht von dramatischen Einwohnerrückgängen in Regionen, die ohne Anbindung sind. Als Beispiel nennt er Bad Freienwalde: "In der Kernstadt hatten wir mal 15.000 Einwohner – jetzt sind es acht!" 

"Wenn alle zuhause sind", ruft Ralf Lehmann, der Bürgermeister von Bad Freienwalde, launig durch den Humpensaal. Ihm gegenüber sitzt Reiner Donath, Bürgermeister von Rehfelde: Seine Stadt liegt direkt an der sogenannten "Ostbahn" – das ist der RB26 von Berlin nach Küstrin. Rehfelde profitiert enorm von der Zugverbindung. Auf dem Podium sagt andrat Schmidt: "Es geht um die Gesamtentwicklung des Landes" und fordert "haushaltspolitische Weichenstellungen", um die abgehängten Regionen an die Schiene anzuschließen.

Karte: Derzeitige und ehemalige Bahnverbindungen von Berlin Ostkreuz, Eberswalde und Frankfurt/Oder nach Wriezen, Brandenburg 2019. (Quelle: rbb|24/Winkler)

Hoher Andrang auf der Ostbahn

Die "Wriezener Bahn" ist seit über zwanzig Jahren Geschichte. Die "Ostbahn" dagegen existiert und erfreut sich hoher Passagierzahlen - zum Leid der Passagiere selbst. Jennifer Wiese ist Pendlerin und fährt jeden Tag von Strausberg nach Berlin: "Wenn man nicht den ersten Zug um 5:05 Uhr nimmt, bekommt man nie einen Sitzplatz und man muss sich drängeln. Außerdem kommt die Bahn nie pünktlich. Wenn ich das zusammenrechne, dann kann ich auch mit dem Auto fahren."

Konfrontiert mit dieser Kritik sagt Egbert Neumann, Abteilungsleiter Verkehr im Infrastrukturministerium: "Wir sind mit der Leistung der NEB (Niederbarnimer Eisenbahn, Betreiberin der Strecke, a.d.R.) unzufrieden." Aber man könne auch nicht einfach mal eben der NEB die Strecke wegnehmen und sie der Deutschen Bahn geben. Trotzdem hofft Neumann auf Besserungen, wenn es in Richtung Sommer geht. "Das sind zumindest die Zusagen, die die Geschäftsführung mir gemacht hat."

Beim Antenne Stammtisch in Wriezen (Foto: rbb/Martina Rolke)
Jennifer Wiese (rechts) ist Pendlerin. Sie beklagt die hohen Passagierzahlen in der Ostbahn, die ihr die Zugfahrt verleiden. | Bild: rbb | Martina Rolke

Brandenburger sind Rekordpendler

Übervolle Pendlerzüge verwundern nicht. "Fast jeder dritte Brandenburger, der Arbeit hat, arbeitet in einem anderen Bundesland, also in der Regel in Berlin. Das ist Deutschlandrekord", sagt Hans Leister. Für den Ex-Bahn-Manager, der heute als Berater arbeitet, sind die Pendler aber eine gute Sache: "Natürlich ist es kein Ausdruck von eigener Wirtschaftsstärke. Aber wenn man so einen Klos wie Berlin in der Mitte hat, ist es ja eine Riesenchance und warum soll man die nicht nutzen? Die Pendler bringen ja ihre Steuern und ihr Geld nach Brandenburg."

Und hierbei geht es um sehr viel Geld. Leister rechnet vor, wie sich das pendelnde Drittel der brandenburgischen Arbeitnehmer in der Wirtschaftskraft des Bundeslandes niederschlägt: "Unterstellen wir, dass die alle ein bisschen besser verdienen, sonst würden sie es nicht auf sich nehmen zu pendeln. Dann kann man hochrechnen, dass fast die Hälfte des Einkommenssteueraufkommens von Pendlern erwirtschaftet wird."

Polen ist beim Streckenausbau schneller

Doch eine Bahnstrecke in Brandenburg ist ja nicht nur Arbeitsweg nach Berlin. Robert Radzimanowski von der IHK Ostbrandenburg sagt: "Es hat eine wichtige Funktion für die Regionalentwicklung. Es entstehen Wohnungen, Arbeitsplätze, Gewerbeflächen." Das könne sogar dazu führen "dass wir am Ende gar nicht mehr so hohe Pendlerzahlen haben, weil die Arbeit direkt vor der Tür liegt." Egbert Neumann vom Infrastrukturministerium sagt: "Entwicklung heißt nicht nur wohnen und pendeln, sondern auch, wirtschaftliche Betätigungsmöglichkeiten im ganzen Land zu haben."

Während in Deutschland noch um den Ausbau der Ostbahn gerungen wird, ist man in Polen schon weiter: Dort gehen die Modernisierung der Strecke deutlich schneller voran. Dazu sagt Ernst Neumann aus dem Infrastrukturministerium: "Das Zweiländerthema ist unsere Chance für die Ostbahn. Zielstellung ist eine zweigleisige elektrifizierte Strecke. Daran arbeiten wir." Und die Zeit drängt. Denn neben den vielen polnischen Pendlern, die jeden Tag nach Deutschland zur Arbeit fahren, werden auch eines Tages die Passagiere des BER die Ostbahn zur Anreise benutzen – so er dann mal fertiggestellt wird, wie Landrat Gernot Schmidt mit einem Augenzwinkern sagt.

Wer bezahlt Modernisierungen und neue Zugstrecken?

Aber Modernisierungen kosten Geld – und das muss irgendwoher kommen. Zahlt der Bund, das Land oder die Gemeinden für die Zugstrecken? "Normalerweise ist in der Verantwortung zwischen Bund und Ländern klar", sagt Egbert Neumann aus dem Infrastrukturministerium. "Für die Infrastruktur ist der Bund zuständig und nicht die Länder. Und die Strecken, über die wir hier reden, die sind auf der Bundesebene weniger sichtbar." Dagegen kritisiert Landrat Schmidt das Land Brandenburg für die seiner Ansicht nach mageren Zuschüsse: "Natürlich muss sich auch das Parlament in Potsdam Gedanken machen: Wie viel eigene Haushaltsmittel geben wir in den ÖPNV? Wir können uns nicht nur auf Bundesmittel verlassen!"

Aber zurück nach Wriezen: Hier geht es schließlich nicht um die Modernisierung einer Strecke – sondern um die Wiederbelebung einer stillgelegten Verbindung. Werner Selle, ein Wriezener Bürger, der sich selbst als "Kind der Bahn Wriezen-Berlin" bezeichnet, sagt: "Es kann doch nicht unmöglich sein, auf diesen zwölf, fünfzehn Kilometern wieder eine Strecke zu etablieren." Dafür erntet Selle von seinen Wriezenern Mitbürgern Applaus. Doch Egbert Neumann aus dem Infrastrukturministerium bremst den Elan: Man fange erstmal klein an.

Beim Antenne Stammtisch in Wriezen (Foto: rbb/Martina Rolke)Landrat Gernot Schmidt (SPD) im Gespräch mit Andreas Oppermann (Redaktionsleiter rbb Studio Frankfurt (Oder)).

Ist eine Wiederbelebung der Wriezener Bahn realistisch?

"Wir versuchen, an der einen oder anderen Stelle im Land Verlorenes auch wieder zurückzugewinnen", sagt Neumann. Man habe in der Landesplanung eine neue Achse nach Werneuchen entwickelt. "Wir sind jetzt dabei, für Werneuchen zumindest eine adäquate Infrastrukturentwicklung für die Zukunft zu organisieren. Ob sich daraus dann langfristig ein größerer Impuls in Richtung Wriezen entwickelt, das wäre zu hoffen. Aber dass Erste wird sicherlich nicht sein, die Eisenbahn nach Wriezen wieder zu reaktivieren."

Stattdessen wird im Humpensaal an diesem Abend über die Möglichkeit gesprochen, ersatzweise mit Bussen zu arbeiten. Ob aber nun auf der Straße oder auf der Schiene - dass etwas getan werden muss, wird an diesem Abend im Humpensaal in Wriezen deutlich. Das zeigt der eindringliche Impuls eines Mannes aus dem Publikum, der sich als Ulf aus Bad Freienwalde vorstellt: "Ich bin einer von denen, über die ihr heute sprecht", sagt er. "Ich bin Pendler. Ich fahre jeden Tag nach Berlin. Aus dem Pendlerleben kann ich nur sagen: Es wird Zeit, dass etwas unternommen wird. Dass wir hier nicht abgehängt werden." Dass er die Wriezener Bürger hinter sich hat, zeigt der Applaus, der daraufhin den Humpensaal erfüllt.

Sendung: Antenne Brandenburg am 6.2.2019, "Antenne Stammtisch - Abgehängt im Pendlerland", 21:00 - 22:00 Uhr.

Beitrag von Maximilian Horn

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ich kann das Gejammer nicht verstehen. Irgend jemand muss doch diejenigen immer wieder gewählt haben, die diesen Unsinn zu verantworten haben. Schon komisch was so alles seit 03.10.1990 in Brandenburg grundlos kaputt ging. Das ist eben rot rote Umweltpolitik.

  2. 3.

    Man könnte relativ schnell die in Wriezen endenden und beginnenden Züge über Eberswalde hinaus ohne Halt bis Bernau und dann nach Lichtenberg und Ostkreuz fahren lassen, also im 2-Stunden-Takt. Das würde auch die anderen Linien entlasten. Nach 22 Uhr sollte auch noch ein Zugpaar fahren.

  3. 2.

    Die Wriezener Bahn wird noch lange auf sich warten müssen. Ich denke, vor 2030, wird da sich nicht viel tun.
    Sinvoller wäre es, die RB60 zu Beschleunigen! Heißt.. Von Tempo 60 auf 80 oder vielleicht 100 km/h. Das Spart doch einige Minuten ein.

    Eventuell sollte über alternativen nachgedacht werden. RB60 mit der RB26 Verknüpfen, um kürzere Fahrzeit gewähren als über Eberswalde. Das ist sogar wie ich es gelesen hatte in Planung.

    Wriezen > Werbig 26 Min. Fahrzeit
    Wriezen > Eberswalde > 40 Min. Fahrzeit

    Wenn man dann in Werbig möglichst kurze Anschlüsse nach Berlin-Ostkreuz hat ca 5-7 min warten, wäre man dann im Schnitt schneller als über Eberswalde. Es müsste dann aber über Kapazitätserweiterungen der RB26 nachgedacht werden. Der Zug fährt immerhin jede Stunde ein mal durch Werbig, dieser müsste nur Stündlich auch halten. um den Anschluss zu haben.

  4. 1.

    Jennifer Wiese ist Pendlerin und fährt jeden Tag von Strausberg nach Berlin: "Wenn man nicht den ersten Zug um 5:05 Uhr nimmt, bekommt man nie einen Sitzplatz und man muss sich drängeln. Außerdem kommt die Bahn nie pünktlich. Wenn ich das zusammenrechne, dann kann ich auch mit dem Auto fahren."

    Zumal ja auch die S-Bahn so selten bis gar nicht fährt und dann in Strausberg schon so knüppeldick voll ist!

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