Archivbild von 2014: Gedenken an die "Fabrikaktion" und die Proteste in der Rosenstraße in Berlin-Mitte (Quelle: imago/Uwe Steinert)
imago/Uwe Steinert
Audio: Inforadio | 27.02.2019 | Maria Ossowski | Bild: imago/Uwe Steinert

Vor 76 Jahren: Protest in der Rosenstraße - "Solche Proteste sind selten in der deutschen Geschichte"

Widerstand gegen die Nazis fand meist im Verborgenen statt. Ganz anders der Protest gegen die Inhaftierung von rund 2.000 Juden aus sogenannten Mischehen in der Berliner Rosenstraße im Februar 1943. Tausende begehrten damals auf. Von Maria Ossowski

Sogar die Straßenbahn musste umgeleitet werden. Mitten in Berlin. Tagelang, nächtelang standen Tausende von Angehörigen in der Rosenstraße in Berlin-Mitte, um die dort inhaftierten zweitausend Männer, Kinder und auch Frauen frei zu bekommen. Eine von ihnen war Ursula Braun, die in den 1990er Jahren berichtete, wie das damals war, als die zukünftigen Schwiegereltern in ihrem Büro anriefen und sagten: "Dein Bräutigam ist verhaftet."

Goebbels ließ jüdische Zwangsarbeiter festnehmen

"Ich versuchte ihn freizukriegen und bin zur Rosenstraße gegangen", erzählte die alte Dame damals. Dort hätten vor dem Tor auf der Straße bereits "eine Menge Frauen" gewartet, erinnert sie sich. "Sie riefen: 'Gebt uns unsere Männer zurück!', und die Gestapo machte immer wieder Versuche, die Frauen auseinander zu treiben." Es sei ein unheimliches Gefühl gewesen, sagte Braun, "aber die Beklemmung, dass da der drin sitzt, den ich wiederhaben wollte, war noch größer".

Der Historiker Gernot Jochheim forscht seit Jahrzehnten zu den Protesten in der Rosenstraße, er wertet Quellen aus und publiziert dazu. Gestapo und SS ließen am 27. Februar auf Befehl von Joseph Goebbels in allen Fabriken jüdische Zwangsarbeiter festnehmen - 15.000 allein in Berlin, und auf offenen Lastwagen durch die Stadt transportieren.

"Wohl vorbereitete Aktion"

Die "Fabrikaktion" sei eine von den Nazis "wohl vorbereitete Aktion" gewesen, sagt Jochheim. Ziel war es laut Goebbels, alle jüdischen Menschen noch einmal zu erfassen und Berlin, aber auch die übrigen Reichsgebiete, "judenrein, judenfrei" zu machen.

Juden aus sogenannten Mischehen oder Kinder mit einem nichtjüdischen Elternteil kamen in die Rosenstraße oder in die Große Hamburger Straße. In den Mischehen - schreckliches Wort, aber damals üblich - waren drei Viertel Männer, die mit meist protestantischen Frauen verheiratet waren, und ein Viertel christliche Männer mit jüdischen Frauen. Die sogenannten Volljuden ohne nichtjüdische Partner hatten Gestapo und SS bei der "Fabrikaktion" direkt zum Bahnhof und nach Auschwitz deportieren lassen. Die Deportation fürchteten auch die Inhaftierten und die Angehörigen in der Rosenstraße.

Denkmal 'Block der Frauen'. (Quelle: imago/Juergen Raible)
Bild: imago/Juergen Raible

Soldaten als "Mörder" beschimpft

Die Nazis hatten mit solch offenem Widerstand nicht gerechnet. Was tun? Mitten in Berlin tausende von Menschen zusammenzuschießen, nur weil sie um ihre jüdischen Verwandten bangten? Das trauten sich Goebbels und Konsorten nicht. Aber sie ließen Maschinengewehre rund um die protestierenden Frauen aufstellen. Wie Jochheim sagt, kam es zu dramatischen Szenen: "Die Protestierenden sind auf diese Soldaten mit den Maschinengewehren losgezogen und haben sie beschimpft, als Mörder und ähnliches."

Goebbels selbst brach die Aktion ab

Die Stimmung in der Naziführung war nach Stalingrad und den Geschehnissen um die Weiße Rose schlecht. Goebbels habe keine Unruhe gewollt und selbst den Befehl gegeben, die ganze Aktion abzubrechen. "Wir werden uns die später holen", habe er in sein Tagebuch geschrieben, erläutert Jochheim.

Das wiederum wussten weder die Gefangenen noch die Angehörigen. 25 Gefangene aus der Rosenstraße sortierte die Gestapo aus und deportierte sie. Die anderen blieben inhaftiert, darunter der junge Hans Großmann und sein Vater. Über einige jüdische Ordner, die den Kontakt nach draußen hielten, hätten die beiden Großmanns gewusst, dass draußen vor dem Haus die Mutter steht, beschreibt Jochheim die Vorgänge in der Rosenstraße. "Und tatsächlich wurden dann auch Vater und Sohn entlassen, und sie konnten eben wieder nach Hause zurück, und sie haben dann hier in Berlin bis zum Kriegsende Zwangsarbeit geleistet."

"Solche Proteste haben wir nicht sehr viele"

Auch der Bräutigam von Ursula Braun kam frei. An den Widerstand Rosenstraße zu erinnern, das sollte uns, so Gernot Jochheim, ein immerwährendes Anliegen bleiben: "Solche Proteste, solche Geschehnisse haben wir in der Geschichte nicht sehr viele - schon gar nicht in der deutschen Geschichte. Erst recht nicht, was den Widerstand gegen die Nazis betrifft in Deutschland."

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

5 Kommentare

  1. 5.

    In der Charlottenburger Droysenstraße, etwa Nr.8, ist auf einer Gedenktafel eine Bäckerin gewürdigt, die in der Nazi-Zeit jüdische Menschen versteckte. Ich freu‘ mich immer dran, wenn ich vorbeikomme. Klasse!!

  2. 4.

    Zu erwähnen ist ja wohl die Skulptur der "Block der Frauen" in der Berliner Rosenstraße von der berühmten jüdischen Berliner Bildhauerin Ingeborg Hunzinger. Hunzinger zählt zu der prägensten Bildhauerin Berlins. Am 18. Oktober 1955 wurde das Monument eingeweiht, dieses Datum war wichtig, weil am 18. Oktober 1941 die Deportationen der Berliner Juden begonnen hatten. Dieses Figurenensemble besteht aus 4 Blöcken und 2 Figurengruppen, der rote Stein ist ein Rochlitzer Porphyr der aus Sachsen stammt - und der als der Stein der Könige bezeichnet wird. Dieses Kunstwerk zählt zu den bedeutensdsten und wichtigsten Kunstwerken der Ingeborg Hunzinger im öffentlichen Raum von Berlin. Jedes Jahr im Februar findet eine Gedenkveranstaltung am Monument statt. Am 08. März 2019 erscheint mein E-Book EINBLICKE - literarische-politische-künstlerische - Hunzinger / Luxemburg, wo eine Abhandlung zur Rosentraße und u.a. zahlreiche Fotografien zu sehen sind.

  3. 3.

    Gedenken und erinnern ist heute wichtiger denn je. Allerdings gab es Im Zahlenverhältnis zur Bevölkerung leider keinen relevanten deutschen Widerstand. Ja, es waren einige Tausend, vor allem einzelne Leute. Die konnten allerdings fast keinem Verwandten, Nachbarn, Kollegen und keinen staatlichen Institutionen trauen und haben mit schon mit schlichtestem menschlichen Handeln ihr Leben riskiert. Aus Reihen der Wehrmacht gab es Ansätze erst als die meisten Kriegsverbrechen schon begangen waren und der Krieg absehbar verloren.

  4. 2.

    Ja, es gab auch vor 1944 Widerstand in Deutschland gegen die Nazi-Herrschaft und es sollte auch immer wieder publik gemacht und daran erinnert werden.
    Widerstand gab es schon Anfang der 1930er Jahre, als bereits Pläne über Rüstungsfabriken ins Ausland geschmuggelt wurden.
    Leider wird meist nur an die "Weiße Rose" , das "Stauffenberg-Attentat" und vielleicht noch die "Rote Kapelle"erinnert, viele andere müssen dahinter zurückstehen.
    Eine wichtige Aufgabe an die HistorikerInnen, weiterhin Aufklärungsarbeit zu leisten und sich nicht von Sprüchen, dass irgendwann mal Schluss sein muss, stoppen lassen.

  5. 1.

    Das geht immer wieder unter.
    Ebenso wie der Einsatz eines Berliner Polizeirevierleiters, der sich am 9. Nov. 1938 vor den Eingang der Synagoge stellte und erklärte, es sei seine Aufgabe, jegliches Haus, welches es auch sei, vor Brandstiftung zu schützen. Vor wem auch immer.

    Die in Paragraphen gegossene Biedermann-Maske wollten die Nazis nicht fallenlassen.
    Das waren umgekehrt wieder klitzekleine Stellschrauben, um hier, da und dort einzuhaken, wo Größeres zu Massakern führte.

    Ich glaube, es wird dem Widerstand insgesamt nicht gerecht, ihn faktisch nur da wahrzunehmen, wo es auch Opfer gab. Die Rosenstraße gehört dazu.

    Stutzig wurde ich nur bei einer Formulierung: "... von den Nazis "wohl vorbereitete Aktion" ".

    War sie nun von denen vorbereitet?
    War sie wohl von denen vorbereitet, d. h. vermutlich und wahrscheinlich, aber eben nicht ganz sicher?
    Oder war sie wohlvorbereitet, d. h. im Sinne von exakt vorhergeplant, was eben mehr bedeutet, als bloß vorher geplant?


Das könnte Sie auch interessieren