Monty Ott, Dalia Grinfeld und Leo Schapiro (Quelle: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)
Bild: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg

Berliner Juden feiern queeren Shabbat - Singen, klatschen, beten unterm jüdischen Regenbogen

Queere Juden haben in ihren Gemeinden oft mit Vorbehalten zu kämpfen. Der Verein Keshet Deutschland will dagegen ein Zeichen setzen – und feierte deshalb in Berlin einen großen queeren Shabbat. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Es ist voll in der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte – so voll, dass manche keinen Sitzplatz mehr bekommen haben und nun am Rand stehen. Leo Schapiro steht die Freude darüber ins Gesicht geschrieben.

Etwa 110 Menschen hat er gezählt, darunter sind so bekannte Namen wie Volker Beck oder Daniel Botmann, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden. Sie alle singen, klatschen – und beten: Denn sie feiern heute Shabbat. "Ich bin absolut überwältigt", sagt Schapiro.

Ein Grund dafür ist wohl auch, dass all diese Menschen wegen Schapiro hier sind – so könnte man das zumindest formulieren. Denn gefeiert wird diesmal ein queerer Shabbat, also einer für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen, und natürlich auch alle, die sich mit dazugesellen wollen. Diesen queeren Shabbat hätte es ohne Schapiro gar nicht erst gegeben – und in dieser Größenordnung wohl erst recht nicht: "Das ist wahrscheinlich der größte queere Shabbat, den es jemals in Deutschland gab", freut sich der 36-Jährige.

Es gibt spezielle Gebete, die queere Menschen berücksichtigen

Warum es überhaupt einen queeren Shabbat braucht? Monty Ott, der ihn gemeinsam mit Schapiro organisiert hat, sagt: "Wir wollen zeigen, dass queeres jüdisches Leben in Deutschland existiert, und wir wollen es sichtbar machen." Deshalb hätten sie sich ganz bewusst die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße und damit "einen symbolträchtigen Ort" für den queeren Shabbat ausgesucht. Es gebe aber auch ganz praktische Gründe für diese Synagoge: "Männer und Frauen sitzen dort nicht getrennt. So können wir insbesondere Trans-Personen gegenüber inklusiv sein."

Das Team will also nicht nur ein Signal nach außen senden, sondern auch nach innen, in die eigene Community: "Wir schaffen für alle queeren Jüdinnen und Juden einen Ort, an dem sie erleben, dass jüdische und queere Identität sich nicht widersprechen." Zum Beispiel mit speziellen Gebeten beim queeren Shabbat, "die auch die Situation von queeren Menschen in unserer Gesellschaft berücksichtigen".

Hinter dem Shabbat steckt ein neuer Verein für queere jüdische Menschen

So etwas ist sonst alles andere als selbstverständlich, denn die überwiegende Mehrheit der Synagogen in Deutschland sei orthodox ausgerichtet, berichtet Leo Schapiro: "Dort ist bei den Shabbatfeiern offen queeres Leben nicht gewünscht." Aber auch außerhalb der Synagogen trauten sich viele queere Juden in Deutschland nicht, sich öffentlich zu outen: "Das Thema wird tabuisiert – im Alltag genauso wie in den Gemeinden."

Dagegen wollte Leo Schapiro etwas unternehmen. Deshalb wandte er sich Ende vergangenen Jahres an Monty Ott und Dalia Grinfeld, die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands, und gründete mit ihnen schließlich Keshet Deutschland: Einen Verein, der sich für die Rechte queerer Juden einsetzt. Und von denen gibt es nicht wenige: "Statistisch gesehen sind fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung queer, also leben geschätzt 5.000 bis 10.000 queere Jüdinnen und Juden in Deutschland", erzählt Dalia Grinfeld.

Keshet plant "einen langen Marsch durch die Institutionen"

Keshet ist das hebräische Wort für Regenbogen – und Keshet Deutschland will nicht nur für die Akzeptanz queerer Menschen unter jüdischen Gläubigen kämpfen, sondern auch für größere Akzeptanz von Juden unter queeren Menschen. "Menschen, die sich eigentlich als progressiv verstehen, nutzen da ziemlich üble antisemitische Klischees", berichtet Leo Schapiro. "Auf der anderen Seite fehlt die Wahrnehmung von Regenbogenfamilien und queeren Menschen innerhalb der jüdischen Community."

Es gibt also noch viel zu tun – dessen sind sich die Keshet-Macher*innen allerdings bewusst. "Wir planen, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen, einen langen Marsch durch die bestehenden Institutionen", erzählt Monty Ott. So wollen sie jüdische Gemeinden in ganz Deutschland besuchen, um dort Sensibilität für queere Menschen jüdischen Glaubens zu schaffen. Das soll auch mit Bildungsangeboten gelingen, die gerade entwickelt werden und sich vor allem an Jugendliche richten sollen.

Für queere Juden selbst plant Keshet Beratungsangebote, sowohl am Telefon als auch vor Ort. Und natürlich soll es auch weiterhin queere Shabbatfeiern geben. Vorher steht aber erstmal das wichtige jüdische Purim-Fest an. Und Leo Schapiro sagt: "Ich hoffe, ich sehe dann wieder so viele Gesichter wie heute – und auch wieder genauso viele Gesichter, die ich vorher noch nie gesehen habe."

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Netiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

5 Kommentare

  1. 5.

    Erst wenn gleiches auch in einer katholischen Kirche geschied, glaube ich, sind wir da wo wir alle hinwollen. Von den Moscheen ganz zu Schweigen. Zu mehr Akzeptanz und Vielfalt in allen Religionen.

  2. 4.

    Ach, der rbb kann auch anders ...

  3. 3.

    Leben und leben lassen, jeder nach seiner Fasson.

  4. 2.

    Dann drücke ich Euch ganz soll die Daumen. Leben bedeutet Vielfalt, lasst sie uns ausleben.

  5. 1.

    Eine wunderbare Idee und eine wunderbare Veranstaltung. Ich denke, die Idee von Monti und seinen Freunden ist auch ein Ansporn für Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften, bei der Weiterentwicklung der Glaubenslehre und -praxis nicht nachzulassen. Die evangelische Kirche ist da schon sehr weit gekommen, aber auch in der katholischen Kirche bewegt sich etwas. Gut, dass dieser für gläubige Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (sorry, aber LBGT geht mir immer noch nicht über die Lippen, das klingt, als hätte man ein hebräisches Wort ohne die Vokale ausgesprochen) schwer erträgliche Widerspruch zwischen Glaubensidentität und sexueller Identität aufgelöst wird.

Das könnte Sie auch interessieren