Kitablog Teil 19: Ein junge Mutter hat ihr einjähriges Geburtstagskind auf dem Schoß, davor ein Geburtstagskuchen. (Bild: Colourbox, Signet: rbb)
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Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 19 - "Signalisieren Sie immer wieder Interesse"

Zum ersten Geburtstag hat jedes Kind in Berlin einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Real bedeutet das gar nichts. Um den Druck zu erhöhen und tatsächlich eine Betreuunung zu finden, haben Eltern keine Mittel in der Hand. Von Tina Handel

Nachricht von meiner schwangeren Freundin Wibke aus Graz: "Gestern war Tag der offenen Tür in der Krippe der Holding", schreibt sie. Holding - so nennen die Grazer ihren kommunalen Dienstleister. "Es ist eine schöne Kita bei uns in der Nähe und in einem großen Park gelegen", schwärmt sie. "Es sind sogar Stoffwindeln erlaubt". Wibke war schon zu Schulzeiten in Berlin ein ziemlicher Öko, jetzt ist sie Straßenbahnfahrerin bei der Grazer Holding und freut sich: "Anscheinend brauche ich mir um einen Krippenplatz keinen Kopf zu machen!"

Alle Plätze sind belegt

Ich gratuliere ihr: den Platz sicher, Monate vor der Geburt. Sie fragt vorsichtig zurück: "Habt ihr mittlerweile einen?" Es ist kompliziert, das ist in etwa meine Antwort. Mein Arbeitgeber habe auch eine Kooperation mit einem Kitaträger. Aber die Plätze seien alle belegt. Und die Kita liege auf der anderen Seite der Stadt. Also: nein, kein Platz.

Was so ein kitamäßig gut aufgestellter Arbeitgeber alles macht, sehe ich in meinem Berliner Freundeskreis: Wir sind in einem Familienzentrum in Friedrichshain, als Laura mir von ihren Hoffnungen erzählt, während unsere Söhne sich an einem Holzgitter hochziehen. Ihr Freund arbeitet bei einer großen Bank. "Die haben so eine Agentur beauftragt, die den Mitarbeitern bei der Kitasuche hilft", erzählt Laura. Eigentlich hatten sie schon eine Zusage einer Waldkita, aber die hat im Januar "wegen des Geschlechterverhältnisses" doch abgesagt. Jetzt ist Laura ziemlich verzweifelt, weil sie ab April wieder arbeiten wollte.

Tipps von den Experten

Um uns herum sitzen fast ein Dutzend Mütter und Väter im großen Spielraum des Familienzentrums. Sie kommen auch in den Krabbeltreff, weil das ihre Kinder - so hoffen sie - gut auf die Kita vorbereitet: Lautstärke, Trubel, Kampf um den Brummkreisel. Vielleicht dauert dann die Eingewöhnung nicht so lange. Aber positive Kitaplatzgeschichten hört man hier selten.

"Die machen richtig Druck“, sagt Laura über die Agentur. Die Experten geben ihr jetzt immer Hausaufgaben. Sie haben die direkte Durchwahl der zuständigen Teamleiterin im Jugendamt recherchiert. Laura soll dort anrufen und schildern, wie verzweifelt ihre Lage ist. Sie wolle möglichst weit oben auf die Akut-Liste ihres Bezirkes. Und sie soll damit drohen, dass sie einen privaten Babysitter beauftragen und sich das Geld vom Jugendamt zurückholen. Das habe schon oft geholfen, behauptet die Agentur.

Während ihr Sohn, zehn Monate alt, im Kinderwagen Mittagsschlaf macht, wählt Laura die Nummer der Teamleiterin. Sie läuft vor der großen Fensterfront des Familienzentraums auf und ab. Sie sieht nicht happy aus beim Telefonieren, sondern eher zunehmend genervt.

Ich stoße mit meinem Kinderwagen dazu. Es ist ein sonniger Februartag und Junior* schläft sofort ein an der kalten Luft. Laura legt empört auf: "Mann, war die patzig!" Die Teamleiterin habe total unwirsch reagiert: "Was denken Sie eigentlich? Ich habe hier 600 Leute auf der Liste," macht Laura die Frau vom Jugendamt nach. "Und Sie glauben, dass Sie hier einen Platz bekommen?" Sie habe nur trocken geantwortet: "Ich habe aber einen Rechtsanspruch."

Der "Antrag auf Unterstützung" bringt nichts

Dass sie bis April eine Kita hat, glaubt Laura nicht. Sie hat die Agentur nun beauftragt, ihr dabei zu helfen, eine Betreuung zu finden, die das Jugendamt dann bezahlt. Immerhin: Im Familienzentrum hängen ein paar Telefonnummern an der Pinnwand.

Wir müssen allein den Druck auf das Jugendamt erhöhen. Wir haben jetzt den "Antrag auf Unterstützung" ausgefüllt, den unser Bezirk Pankow für Eltern bereithält, die auch kurz vor Beginn des Rechtsanspruches zum ersten Geburtstag keinen Platz haben. Name, Geburtsdatum, Kitagutschein. Wir tragen alles ein.

Kurz darauf kommt eine E-Mail von Frau V. vom Fachdienst Kindertagesbetreuung zurück. Es klingt nach einer Standard-Antwort. Unser Hilferuf sei eingegangen. Sie empfiehlt: "Bleiben Sie mit den Kitas in Kontakt und signalisieren Sie immer wieder Bedarf und Interesse." Aha.

In Österreich werden die Dauemen gedrückt

Dann schickt sie uns noch einen Internet-Link zum Dachverband der Kinder- und Schülerläden. Dort fänden sich "gelegentlich Angebote", schreibt Frau V. Ich klicke auf den Link, doch der Bildschirm bleibt fast leer: "Die angeforderte Seite konnte nicht gefunden werden."

Ich denke an die Kita-Glückseligkeit meiner Freundin Wibke jenseits der Alpen. "Ist echt ein Wahnsinn mit der Kinderbetreuung in Deutschland!", hat sie mir noch geschrieben. Aber in Österreich drückt man uns jetzt die Daumen.

*Junior: Natürlich heißt unser Sohn anders, aber was er im Internet macht, soll er später selbst entscheiden.

Kitajagd – Berlin, der Platzkampf und ich. Tagebuch einer Suche

Tina Handel hat Monate vor der Geburt ihres Kindes begonnen, einen Kitaplatz zu suchen. Mittlerweile ist ihr Kind fast ein Jahr alt - und die Suche geht weiter. Über den Stand der Dinge berichtet sie regelmäßig in einem Tagebuch bei rbb|24.

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Nein, bevor das Kind in "bearbeitung" geht. Das nennt an Lebensplanung. Ist manchmal nicht ganz einfach, ich weiß das :-) und wir haben es auch geschafft und sind zufrieden damit gewesen.

  2. 4.

    Zitat: "Signalisieren Sie immer wieder Interesse" - Unterwürfiges Betteln deprimiert garantiert.

  3. 3.

    Weil wegziehen innerhalb der Stadt ja auch so einfach ist wie die Suche nach einem Kitaplatz. Und warum soll ich ein Kind ggf. auch noch aus seiner gewohnten Umgebung reißen wenn nicht zwingend nötig?

  4. 2.

    Dann zieht doch bitte dorthin, wo es freie Plätze gibt. Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören /lesen usw. Immer allerdings der Nähe der Wohnung. Ob Kita, Schule, Arbeit. Dieses Geplärre nervt.....der Senat schafft es eben nicht, klagt bei den Gerichten oder zieht weg.
    Ich habe auch einen Wohnort gewechselt, um bessere Infrastrukturen finden und habe nicht gejammert, scheint aber Zeitgeist zu sein.

  5. 1.

    der Tip, immer wieder die Kita‘s zu kontaktieren
    mag aus der Sicht vieler Leute gut zu sein ABER diese Menschen( man nennt sie auch ErzieherInnen) arbeiten mit Kindern und jedes Gespräch nimmt ihnen kostbare pädagogische Zeit. Ich leite eine Tagespflegestelle mit 10 Kindern und versuche immer wieder auf die Sorgen und Ängste der Eltern( zu Teil mehrmals täglich) einzugehen. In dieser Zeit arbeitet mein Kollege dann alleine. Das schlaucht uns und nimmt den Kindern Zeit für z. B. Bastelangebote, Geschichtenvorlesen und oder Bewegungsangeboten. Also bitte ein bisschen Nachsicht für Kitaleitungen, die können auch nicht zaubern und die richtigen Ansprechpartner sitzen weiter oben in der Entscheidungs- und Veränderungskette

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