Demonstrantin trägt Schild mit der Aufschrift "Soziale Arbeit ist mehr wert" (Bild: imago)
Video: rbb24 | 19.02.2019 | Bild: imago stock&people

Eingeschränkte Arbeit in allen Bezirken - Berliner Jugendämter streiken am Dienstag

Gut ausgebildete Sozialarbeiter sind Mangelware auf dem Arbeitsmarkt - wohl auch, weil der Beruf extrem belastend ist und nicht besonders gut bezahlt wird, so die Gewerkschaften. In den Berliner Sozialämtern wird deswegen am Dienstag gestreikt.

Beschäftigte der Berliner Jugendämter und Jugendfreizeiteinrichtungen sind am Dienstag zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Mit dem Ausstand will die Gewerkschaft Verdi für eine geringere Arbeitsbelastung und höhere Gehälter kämpfen. Die Forderung von sechs Prozent mehr Lohn ist der Arbeitgeberseite zu hoch.

Zunächst wollen sich die Streikenden ab 8.30 Uhr zu einer Kundgebung in der Berliner Verdi-Zentrale treffen. Ein Demonstrationszug werde gegen 10.00 Uhr zum Dienstsitz des Berliner Finanzsenators Matthias Kollatz (SPD) ziehen. Kollatz ist Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite. Nach einer Zwischenkundgebung geht die Demo weiter zur Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Verdi rechnet mit rund 300 Teilnehmern. Voraussichtlich werden die Jugendämter in allen Bezirken nur eingeschränkt arbeiten. Zumindest ein Notdienst sei aber überall vorhanden.

Verdi: Sozialarbeiter bei Diskussionen oft vergessen

Die Gewerkschaft habe den Eindruck, dass die Beschäftigten in den Jugendämtern "und besonders die Sozialarbeiter" bei den Diskussionen um eine bessere Bezahlung oft vergessen würden. In den Sozialpädagogischen Diensten der Jugendämter könne es vorkommen, "dass ein Sozialarbeiter für bis zu 100 Familien zuständig ist". Die Gewerkschaft fordert eine Reduzierung auf 65 Fälle.

Eine solche Fallbegrenzung wird auch von den Jugendämtern befürwortet. Neue Stellen für die sozialen Dienste in den Jugendämtern werden zwar finanziert, aber geeignetes Personal ist schwer zu finden. In allen Berliner Jugendämtern fehlt es an Personal – eine bessere Bezahlung beispielsweise bei freien Trägern oder in anderen Bundesländern machen die Personalsuche schwierig.

Eingruppierung wie in anderen Bundesländern gefordert

Die Arbeitgeber "wollen generelle Verschlechterungen im Eingruppierungsrecht und eine vollständige Gegenfinanzierung von strukturellen Verbesserungen in der laufenden Lohnrunde", teilte die Gewerkschaft mit. Das sei "nicht diskutabel".

Verdi fordert für die Beschäftigten in Berlin eine tarifliche Eingruppierung, die vergleichbar mit dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVÖD) ist, der in den anderen Bundesländern zur Anwendung kommt. Die Verhandlungen mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder sollen ab 28. Februar fortgesetzt werden.

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6 Kommentare

  1. 6.

    Sind denn die Anforderungen bzw. der Arbeitsumfang in jedem amtlich erfassten Kinder- und Jugendhilfefall gleich, dass mit der Festsetzung einer Höchstgrenze gleichzeitig die gesetzlichen Vorgaben zum Wohl der Betroffenen erfüllt werden können? - Nach zehn Jahren verschleppter Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention meine ich Ihnen beipflichten zu können, wenn Sie am aufrichtigen Willen der Politik Zweifel äußern. Offenbar fehlt es noch an der Erkenntnis in der Bevölkerung, dass mit dem politischen Vereiteln von Hilfeleistungen in die Grundrechte von Kindern, Jugendlichen und Eltern ohne Rechtfertigung eingegriffen wird und diese verletzt werden.

  2. 5.

    100 Fälle pro SozA sind ja noch human, realiter liegen wir oft bei 150 und mehr. Man kann es schon nicht mehr hören, alle, inklusive die Politik, wünschen sich eine Fallbegrenzung. Es ist so lächerlich wie traurig für die Angestellten. Wenn das gewollt wäre, wäre es längst umgesetzt und würde derzeit nicht zum 100sten Mal eine Erhebung/Evaluation/Zeitschinderei stattfinden, s. Eckpunktepapier.
    Es wäre ganz einfach: Lohnerhöhung und Fallzahlbegrenzung durchsetzen und neue Kolleg*innen einstellen. Die kommen von ganz allein, wenn an diesem Beruf wieder etwas attraktiver wäre, als wöchentlich für bessere Bedingungen streiken zu müssen!
    Wir sind heute hoffentlich viele!!!

  3. 4.

    In Berlin reden die Verantwortlichen viel und gerne, jedoch Verständnis, Kompetenz und Unterstützung gibt es für den sozialen Bereich selten. Da werden lieber teure Statistiken und Studien, die Jahre dauern, angefordert und natürlich entsprechend bezahlt, anstatt mit gesundem Menschenverstand zu agieren und die Situation zeitnah zu verbessern. Was wir brauchen sind, wie überall in diesem Land, fachlich kompetente Verantwortliche, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

  4. 3.

    Streik als Folge politischer Kinderfeindlichkeit, in Form von Gewalt gegen das Volk.

  5. 1.

    Aus meinem direkten Umfeld sind mir in den letzten Jahren mehrere Fälle von extremer Kindeswohlgefährdung bekannt, in denen das "Hilfesystem" lange nicht funktioniert hat. Erst "zu spät" wurde mit erheblich mehr Aufwand langwierig und langsam hinterhergearbeitet. Die betroffenen Kinder und Familien und Schulen sind jetzt wahrscheinlich jahrelang auf nachsorgende Hilfen angewiesen. Hoffentlich können die Mitarbeiter*innen in den Jugendämtern zum Wohl aller aktuell und künftig gefährdeten Kinder ihre Forderungen durchsetzen. Bei angemessener personeller Ausstattung der Jugendämter ist hoffentlich auch in bedarfsgerechtem Umfang präventive Arbeit zum Kinder- und Jugendschutz möglich. Gute Prävention ist besser für alle und kostet langfristig betrachtet nur einen Bruchteil im Vergleich zur Nachsorge, "wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist". Viel Erfolg!

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