Eine weisse Hochzeitskutsche und ein Brautpaar, 10-Jähriges Mädchen wird gegen ihren Willen geheiratet. Anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt gegen Frauen am 25.11.2015, macht die Frauenrechts-Organisation TERRE DES FEMMES e.V. mit der szenischen Darstellung einer Zwangsverheiratung (10-Jähriges Mädchen wird Zwangsverheiratet) vor dem Brandenburger Tor gegen Frühehen auf sich aufmerksam (Quelle: imago)
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Audio: Inforadio | 06.02.2019 | Ute Schuhmacher | Bild: imago

Jährlich 6.000 Fälle - Was tut der Senat gegen Zwangsehen in Berlin?

Vor 14 Jahren wurde die Berlinerin Hatun Sürücü von ihrem Bruder ermordet, weil sie ein anderes Leben führte, als ihre Familie es für sie wollte. Auch heute noch sind Mädchen und Frauen von Zwangsheirat bedroht. Der Senat wollte ihnen besser helfen. Klappt das? Von Ute Schuhmacher

In Berlin sind rund 6.000 Mädchen, Frauen und zu einem kleinen Teil auch Jungen und Männer von Zwangsheirat betroffen oder bedroht. So schätzen es zumindest Experten ein. Diese Zahl hat sich in den vergangenen Jahren nicht substantiell verändert, sagt auch die Beraterin Christine der Koordinierungsstelle gegen Verschleppung und Zwangsheirat Papatya. Ihr Name wurde zu ihrem eigenen Schutz von der Redaktion geändert.

Sie sagt, dass es in den vergangen Jahren Veränderungen bei der Herkunft gegeben hat: "Wir haben weniger als in den 1990er Frauen mit türkischem Hintergrund. Man könnte hoffen, dass sich da was geändert hat." Im Beratungsbereich seien jedoch auch immer noch Opfer mit türkischen Migrationshintergrund vertreten. 

Plan, um Verschleppte wieder nach Deutschland zu bringen

Es werde in die unterschiedlichsten Länder verschleppt, so Christine. In die Türkei genauso wie in den Irak. Hilfe bietet Papatya da über eine Onlineberatung. Über ein Kontaktformular können Betroffene ganz schnell angeben wo sie seit wann sind, ob sie einen Pass dabei haben, wie alt sie sind und so weiter. Die Beratungsstelle informiert von Schule über Ausländerbehörde und Deutsche Botschaft alle Stellen, und arbeitet an einem Plan die Verschleppte wieder zurück nach Deutschland zu bringen.

Doch es seien tausenderlei Dinge zu beachten. Zum Beispiel, wenn ein Mädchen irgendwo in einem Dorf sitze und die Botschaft in der Hauptstadt weit entfernt wäre. Die Beratungsstelle muss dann versuchen, herauszufinden, welche Busverbindungen es gebe. "Manchmal finden wir auch vor Ort eine Frauenorganisation, die vielleicht auch helfen kann", sagt Christine.

Halbe Stelle für Beratung reicht nicht aus

Nicht zuletzt gilt es auch zu beachten, dass die Verschleppte nicht erwischt wird bei dem Vorhaben, ihrer Zwangsehe zu entfliehen. Eine aufwendige Arbeit ist das, sagt Christine, die halbe Stelle, die bislang dafür zur Verfügung steht, reiche nicht. Hier wünscht sie sich mehr vom Senat. Und erste vorsichtige Anzeichen gibt es, dass daraus was werden könnte. Bislang fördert die Senatsverwaltung für Gesundheit und Gleichstellung diese Online-Beratung anteilig.

Für den nächsten Doppelhaushalt habe man sich aber vorgenommen ausreichend Mittel für die vollständige Finanzierung zur Verfügung zu stellen, schreibt die Verwaltung auf meine Anfrage. Ob das heißt, dass tatsächlich zwei volle Stellen finanziert werden, wie von Papatya gefordert, ließ die Gesundheitsverwaltung noch offen.

Zufluchtswohnung für von Zwangsheirat betroffene Homo- und Transsexuelle

An einer anderen Stelle gibt es mehr Klarheit. Die geplante Zufluchtswohnung für von Zwangsheirat betroffene Homo- und Transsexuelle soll bald eröffnet werden, sagt die Staatssekretärin für Antidiskriminierung, Margit Gottstein. Es gebe ein laufendes Ausschreibungsverfahren. Organisationen könnten sich noch bis kommende Woche melden, um eine Wohnung einzurichten. Dann wäre ein Start schon im März möglich. "Aber das hängt natürlich von den Angeboten ab", sagt Gottstein. Und Voraussetzung ist da auch, dass die, die eine Zufluchtswohnung betreiben wollen, schon eine Wohnung haben.  

Sendung: Inforadio, 07.02.2019, 6 Uhr

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16 Kommentare

  1. 16.

    Die Opferzeugin wurde jahrelang und auch mit Prügeln eingeschüchtert, lebt bis heute in geschützter Unterbringung.

  2. 15.

    Sie bagatellisieren nach einer ganzen Kette von realisierten "Ehren"morden in Dt. wunderbar, was diese junge Frau mit Prügeln, Verschleppen und Todesdrohungen in ihrer Familie durchgemacht. Danke für diesen Beitrag, der mit aufzeigt, warum hier so etwas ruhig hingenommen wird. Es gibt auch YT-Videos mit Altherren-Politikern, die solchen Opfern verquer ins Gesicht reden wollten, dass es ja gar nicht schlimm wäre.

  3. 14.

    @G.M.: Kann es sein, dass Sie da etwas hinzugedichtet haben? Sie schrieben: “Hier noch eine milde Bewährungsstrafe für Entführung, Betäubung, massive Einschüchterung, dabei eingesetzte schwere Körperverletzung und Entwürdigung einer jungen Frau.“ Ich frage das angesichts der von Ihnen angewandten Urteilslyrik. Ging es Ihnen ggf. um Verdeutlichen und Zuspitzen? Sollten Sie meinen, dass ich mich irre, bitte ich Sie, hier einen Link zu der maßgeblichen Quelle hineinzustellen.

    Außerdem: Sie mögen über eine zweijährige Bewährungsstrafe lachen („milde“ ), andere vielleicht nicht. Die Aussetzung der Strafe zur Bewährung bedeutet Vorbestraftsein und das könnte anders als von Ihnen empfunden werden.

  4. 13.

    @ G.M.:In Ihrem Kommentar (7.2./15:39)schreiben Sie über Zwangsverheiratung und fügen einen Link zum Nordkurier-Artikel an. Der Artikel geht aber nicht um dieses Thema. Warum haben sie den Link dazugetan? Danke.

  5. 12.

    Sie verschweigen absichtlich warum es zu dem milden Urteil kam. Offensichtlich hatte das Gericht Probleme mit der Beweisführung. Solche Absprachen sind ärgerlich aber "tägliches Geschäft" vor Gericht. Man wollte wohl die Verfahrensdauer mit ungewissen Ausgang abkürzen und hat den Angeklagten einen "Deal" vorgeschlagen. Geständnis gegen mildere Strafe. Das ist manchmal ärgerlich aber rechtsstaatlich und juritisch legitim.

    Sie echauffieren sich also künstlich und völlig umsonst.

  6. 11.

    PS: Hier noch eine milde Bewährungsstrafe für Entführung, Betäubung, massive Einschüchterung, dabei eingesetzte schwere Körperverletzung und Entwürdigung einer jungen Frau. Das wurde auf Körperverletzung zusammengestrichen und schon ging der Bestrafungseffekt wieder gegen null. Die entführungsfreudigen Verwandten wurden auch vor dem Urteil nicht inhaftiert.
    https://www.focus.de/regional/stuttgart/prozesse-tochter-in-tuerkei-verschleppt-prozess-geht-weiter_id_8402104.html
    Urteil zu Kinderehen gab es bisher gar keine.

  7. 10.

    Es gab ein paar geringfügige Urteile bei Zwangsverheiratung, Bewährung oder 1350 € Strafe. Das wirkt nicht abschreckend. In Berlin wurden allein im Jahr 2013 460 Fälle von Zwangsverheiratung bekannt. Man muss wie bei Kinderehen immer von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, wobei z. B. die türkischen Zwangsverheiratungen überwiegend im Ausland stattfinden (bei Flüchtlingen auch in Flüchtlingslagern) und die türkische Braut dann oft erst später, wenn sie älter geworden ist, hierher kommt, weil das für die Familie noch einfacher ist.
    https://www.nordkurier.de/prenzlau/wie-sicher-leben-fluechtlinge-in-prenzlau-2133791911.html

  8. 9.

    "Man kennt doch Ross und Reiter."

    Solche verallgemeinernden Aussagen nennt man schlicht und ergreifend Rassimus.

  9. 8.

    @Ulrich Petzinna: "Senat/rechtliche Maßnahmen gegen die Familienangehörigen": Ich vermute, dass Sie "Strafverfolgung im Einzelfall" und nicht Rechtsetzung durch den Senat meinen. Dazu diese informative Textstelle aus einem Forschungsbericht:
    "Verbrechen sind stets, Vergehen in der Regel als Offizialdelikt von Amts wegen zu verfolgen. Dies bedeutet, dass bei genügendem Anfangsverdacht und einem bestehenden besonderen öffentlichen Interesse die STAATSANWALTSCHAFT als Strafverfolgungs-behörde von sich aus die Ermittlungen einleitet. Dies geschieht grundsätzlich ohne Rücksicht auf den Willen der verletzten Person. Ein Strafantrag des Opfers wäre also bei Zwangsverheiratung nicht unbedingt Voraussetzung für die Strafverfolgung, es sei denn, es handelt sich um den Versuch oder die Beihilfe zur Tat." (Quelle: https://www.bmfsfj.de/blob/95580/c71b63e1374f45214b2be0480fd309da/zwangsverheiratung--forschungsreihe-band-1-data.pdf)

  10. 7.

    Interessant wäre es zu erfahren, in wie weit der Senat Ausländer rechtliche Maßnahmen gegen die Familienangehörigen ergreift, die für diese Straftaten zu verantworten sind. Man kennt doch Ross und Reiter....

  11. 6.

    Strafverfolgung für Kinderehen steht rein auf dem Papier.
    Nicht eine einzige Verurteilung. Macht man wieder "Gesprächsrunden"?

  12. 5.

    Man müsste die Opferzeugen besser schützen. Nach einer Razzia in einem Bordell in Berlin haben sich alle Frauen von ihren Aussagen zurückgezogen. Für den Staat erledigt.
    Das läuft sehr schlecht hier. Dito bei den kriminellen Clans.

  13. 4.

    Vielleicht wäre es also gut gegen beides vorzugehen? Es ist nicht klar was Sie mit Ihrem Kommentar sagen wollen.

  14. 3.
    Antwort auf [H.E.] vom 07.02.2019 um 05:53

    Frieden, der Sie mit einbeziehen würde, wäre ein schöner Zustand: Schon indem wir mehr voneinander wissen. Diese Art, Ehen zu erzwingen, gehört in mehreren Gegenden der Erde zur bewährten Tradition. Früher war es auch „bei uns“ im weiteren Sinn eine Idee und ein gegangener Weg. Der Tradition zu folgen ist für manchen eine risikolose und Handlung ohne Unsicherheit. Zu dieser Praxis habe auch ich meine Meinung (# 1). Gleichwohl.

  15. 2.
    Antwort auf [H.E.] vom 07.02.2019 um 05:53

    Weitaus mehr junge Frauen und Mädchen werden NACH Deutschland verschleppt und HIER zur Prostitution gezwungen (Dunkelziffer liegt höher als die offiziellen Zahlen). Die zahlenden Kunden sind hauptsächlich Deutsche. Was passiert den Menschenhändlern und Freiern in Deutschland? In der Regel nichts. Allenfalls Bewährung.

  16. 1.

    Mich freut das sehr, dass der Berliner Senat Menschen, denen die Zwangsheirat von ihren Eltern angetan werden soll, grundsätzlich unterstützt, sogar informell in dem betreffenden Ausland, in dem diese Gewalttat verwirklicht werden soll. Einen Ausweg zu haben, das trägt erstmal! Dass frau sich wehren kann, denn Ausgeliefertsein (einschließlich Verratenwerden) ist etwas ganz Schlimmes im Leben.

    Und bestraft werden soll Zwangsheirat, mit Freiheitsstrafe 6 Monate bis 5 Jahre. Auch die/den, die/der eine Frau durch List, Gewalt oder Drohung ins Ausland bringt und sie dort zur Heirat zwingt.

    Finde ich klasse!


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