Das Gesundbrunnen-Center in Berlin (Quelle: rbb/ Priess)
Video: Abendschau | 15.03.2019 | Norbert Siegmund | Bild: rbb/ Priess

Gesundbrunnen-Center in Berlin - Islamisten um Amri planten Anschlag auf Einkaufszentrum

Der Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz war von Anis Amri nicht langfristig geplant. Ursprünglich soll er Recherchen von rbb und "Berliner Morgenpost" zufolge mit zwei weiteren Islamisten einen Anschlag auf das Berliner Gesundbrunnen-Center geplant haben.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz war ursprünglich wohl gar nicht das Ziel des Attentäters Anis Amri. Gemeinsam mit zwei anderen Islamisten soll er langfristig einen Sprengstoffanschlag auf das Berliner Einkaufszentrum Gesundbrunnen-Center vorbereitet haben, wie Recherchen der "Berliner Morgenpost", der Redaktion rbb24 Recherche und des ARD-Politikmagazins Kontraste ergeben. Das Recherche-Team hatte Zugang zu Ermittlungsakten des Generalbundesanwalts.

Fussilet-Moschee war Anlaufpunkt

Die drei Islamisten, zu denen neben Amri der aus Frankreich stammende Clément B. und der in der russischen Teilrepublik Dagestan geborene Magomed-Ali C. gehörten, trafen Ende 2015 in der inzwischen verbotenen Fussilet-Moschee in Moabit aufeinander. Sie war zu diesem Zeitpunkt  einer der Anlaufpunkte für Dschihadisten aus ganz Europa. Rund um die Moschee hatte sich ein Islamisten-Netzwerk mit Kontakten nach Osteuropa, Libyen und zum sogenannten Islamischen Staat (IS) gebildet. Es wurden Kämpfer für den Jihad rekrutiert und ihre Ausreise nach Syrien organisiert.

Nachdem Amri 2015 nach Deutschland gekommen war, fand er schnell Anschluss an die Islamistenszene in der Fussilet-Moschee, wo er auf Magomed-Ali C. und Clément B. traf. Magomed-Ali C. kam bereits 2011 nach Deutschland und soll schon damals das Ziel verfolgt haben, sich am Jihad zu beteiligen. Ursprünglich wollte er deshalb in das Gebiet des sogenannten Islamischen Staats weiterreisen, woran er jedoch durch deutsche Sicherheitsbehörden gehindert wurde. Nachdem ein Ausreisverbot gegen ihn verhängt worden war, soll er sich darauf konzentriert haben, einen Anschlag in Deutschland durchzuführen. Zur Umsetzung wendete er sich an den damals in Frankreich und Belgien lebenden Clément B. und forderte ihn auf, nach Berlin zu kommen.

Reaktionen

Von der Einzeltäterthese, die alle Ermittlungen nach der Tat dominiert hat, ist nichts mehr übrig geblieben. Außerdem stellt sich die Frage, was eigentlich die deutschen Nachrichtendienste von dieser konkreten Terrorplanung gewusst oder eben nicht gewusst haben.

Benjamin Strasser (FDP), Untersuchungsausschuss Breitscheidplatz

Sprengstoff wurde wohl über Monate beschafft

Über mehrere Monate hinweg organisierten C. und B. die für einen Anschlag notwendige Menge Sprengstoff. Es handelte sich dabei um das hochexplosiven TATP (Triacetontriperoxid), das, so die Erkenntnisse der Ermittler, in der Wohnung des schließlich im August vergangenen Jahres festgenommenen Magomed-Ali C. im Berliner Stadtteil Buch gelagert worden war.

Der Generalbundesanwalt geht davon aus, dass Amri in die Anschlagsplanungen einbezogen war. Amri soll sich immer wieder auch mit einem sogenannten "Mentor" in Libyen abgestimmt haben, der anscheinend frühzeitig und eng in den Entscheidungsprozess eingebunden war.

Zur Vorbereitung des Anschlags soll der im April 2017 in Frankreich festgenommene Clément B. auf einem Instagram-Konto, das das Trio zur konspirativen Kommunikation nutzte, neben Dschihadisten-Propaganda auch ein Foto des Gesundbrunnen-Centers eingestellt haben. Unbemerkt von den Sicherheitsbehörden soll sich Amri zudem nur einen Tag später für rund 40 Minuten im Gesundbrunnen-Center aufgehalten haben, wie sich aus einer erst nach dem Breitscheidplatz-Anschlag erfolgten Auswertung der Standortdaten seines Handys ergab, die dem Recherche-Team vorliegt.

Die Berliner Polizei kannte die mutmaßlichen Anschlagsplanungen im Herbst 2016 offenbar nicht, als Beamte im Rahmen einer Observation des als radikal und gewaltbereit geltenden bekannten Magomed-Ali C.  an seiner Wohnungstür klingelten. Es war der 26. Oktober 2016 und die Polizisten wollten eine Personenüberprüfung durchführen. Zu diesem Zeitpunkt soll sich auch Clement B. in der Wohnung aufgehalten haben. Aufgeschreckt von dem wohl unerwarteten Besuch gaben die Islamisten laut Ermittlungsergebnissen ihren Anschlagsplan auf.

Reaktionen

Der Vorgang zeigt, dass die vielen Facetten der Rolle Anis Amris im Kontext terroristischer Planungen deutlich unterbelichtet waren. Anscheinend hat man die Netzwerkstrukturen, in denen Amri agierte, überhaupt nicht im Blick gehabt, oder man enthält uns entsprechende Kenntnisse vor.

Irene Mihalic (Grüne), Untersuchungsausschuss Breitscheidplatz

Pläne für Anschläge in Berlin, Paris und Brüssel

Clément B. floh wenige Tage später nach Frankreich, wo er 2017 festgenommen wurde. In der Untersuchungshaft hörten die französischen Behörden dann Gespräche von B. mit seinem Vater ab. Dabei soll B. auch über den missglückten Anschlagsplan und den Besuch der Berliner Polizisten gesprochen haben, wie sich aus den vorliegenden Unterlagen ergibt. B. soll weiter geäußert haben, dass er sich, wären die Polizisten nicht aufgetaucht, mit Amri und seinen Kumpeln in die Luft gesprengt hätte.  

Nach der Flucht von Clément B. sollen zumindest er und Amri das Ziel eines Anschlags weiterverfolgt haben. Nach Erkenntnissen der französischen Behörden planten sie, gleichzeitig in Berlin, Paris und Brüssel zuzuschlagen. Doch dazu sollte es nicht kommen. Am 19. Dezember entschloss sich Anis Amri, nachdem er am Tag zuvor vergeblich versucht hatte, Clément B. zu erreichen, entgegen der mutmaßlichen Absprachen zu einem Alleingang. Er tötete den Fahrer eines Lkw und fuhr mit diesem auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Dort kamen elf weitere Menschen ums Leben.

Opferanwalt bestreitet "Einzeltäterthese"

Andreas Schulz, der Anwalt von Opfern des Anschlags vom Breitscheidplatz, fordert jetzt eine Überprüfung der Einzeltäterthese von Anis Amri. "Ich glaube nach den Erkenntnissen, die heute vorliegen, ist diese Einzeltäterthese sehr kritisch zu betrachten. Amri war in einem internationalen ISIS-Netzwerk eingebunden", so Schulz gegenüber dem rbb. Außerdem könne von Amri als "kleinkriminellem Attentäter" keine Rede mehr sein.

Sendung: Inforadio, 15.03.2019, 6 Uhr

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 4.

    Wer ist verantwortlich für dschihadistische Salafisten, die uns hassen? Die Frage steht für mich im Vordergrund.

  2. 3.

    Scheint mir absolut logisch das die "Amri-Gruppe" Anschläge in Berlin-Gesundbrunnen geplant hatten. Dort wo sie möglichst viele Muslime treffen würden. Kann man sich nicht ausdenken sowas...

  3. 2.

    Wann endlich unternimmt man etwas gegen diese radikalen Moscheen Verbindungen und hoffiert sie nicht noch seitens der Politik.

  4. 1.

    Ohne den gegen den Willen der GroKo zustande gekommenen Untersuchungsausschuss würden alle diese Fakten nie an die Öffentlichkeit gelangen. Wieso sind die Verantwortlichen tatsächlich immer noch im Amt? Es ist unfassbar.

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