12.03.2019, Berlin: Luisa Neubauer und Jakob Blasel, Vertreter der Schülerinitiative Fridays for Future, machen nach einer Pressekonferenz zum Thema Schülerproteste für Klimaschutz ein Selfie mit einem Smartphone (Quelle: dpa/ Skolimowska)
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Audio: rbb|24 | 15.03.2019 | Interview-Ausschnitt Herbert Renz-Polster | Bild: dpa/ Skolimowska

Interview | Autor und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster - "Fridays for Future ist gelebte Demokratie"

Dass Kinder und Jugendliche für das Klima auf die Straße gehen, hält der Buchautor und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster für "unglaublich wichtig". Sie übten dabei nämlich endlich mal wirkliche Demokratie - statt wie sonst nur die Fragen anderer zu beantworten.

rbb|24: Gerade findet in Berlin und Brandenburg wieder eine große Schülerdemo fürs Klima statt. Christian Lindner von der FDP findet offensichtlich, die Kinder und Jugendlichen der #FridaysForFuture-Demonstrationen hätten auf der Straße nicht viel zu suchen, weil sie globale Zusammenhänge, ökonomisch Machbares und technisch Sinnvolles hinsichtlich der Klimasituation nicht ganz einschätzen können. Teilen Sie diese Einschätzung?

Herbert Renz-Polster: Nein. Schon früher bei den Demonstrationen gegen Atomkraft hieß es: 'Sie kennen sich ja gar nicht aus, Sie sind ja kein Physiker, Sie arbeiten ja nicht in einem Kernkraftwerk.' In einer Demokratie kann man sehr gut über Atomkraft diskutieren, auch wenn man kein Atomphysiker ist. Es hat uns damals gut getan, dass alle Teile der Gesellschaft ihren Standpunkt einbringen konnten. Und das ist hier genauso. Die Schüler demonstrieren ja nicht mit der Flagge 'Ich habe eine Lösung für den Klimawandel', sondern sie wollen darauf aufmerksam machen, dass hier etwas brutal falsch läuft. Die Leute, die die Macht hätten, was zu ändern, tun nichts. Das ist das Signal.

Ist das, was Herr Lindner da betreibt, klassischer "Adultismus"?

Ja. Oder auch "Expertismus". Es ist eine technokratische Herangehensweise an die Demokratie, die sagt: Da gibt's Leute an den Schalthebeln, die was ändern können und das sind die Experten. Das widerspricht aber dem Verständnis davon, wie Meinungen gebildet werden und wie eine Demokratie eigentlich funktioniert. Menschen bringen ihre Haltungen, Wünsche und auch ihren Unmut und ihre Angst ein – und es ist unglaublich wichtig, dass die Gesellschaft das aufgreift. Sonst hat ein großer Teil der Gesellschaft keine Stimme. Und Demokratie besteht ja darin, dass wir eine Stimme haben.

Inwieweit können Kinder und Jugendliche denn überhaupt politisch befähigt sein? Ab ungefähr welchem Alter kann man von Kompetenz sprechen?

Ich würde so weit gehen zu sagen, dass Kinder bei der Meinungsbildung einen großen Vorteil haben. Denn sie sind nicht in Interessenskonflikten eingehängt. Gerade wenn man sich die Klimadebatte anschaut, ist es ja eine Enttäuschung auf der ganzen Linie: Wenn zum Weltwirtschaftsforum in Davos, wo es auch um den Klimawandel geht, von den 3.000 mächtigsten Menschen 1.500 mit dem Privatflugzeug kommen, sind diejenigen, die das Sagen haben - Erwachsene - also gleichzeitig ein bisschen präjudiziert und korrumpiert. Daher ergibt sich keine Änderung.

Da ist der Standpunkt der Kinder doch einer, der uns erfrischen sollte. Ich meine, wer sagt im Märchen, dass der Kaiser nackt ist? Die Kinder! Deshalb ist für mich nicht die Frage, wann Menschen kognitiv in der Lage sind, als politisch befähigt zu gelten. Dann müsste auch ein Teil der Erwachsenen nicht mitbestimmen dürfen, weil ihnen ja in einem gewissen Sinne die Kompetenz fehlt. Aber auch mein dementer Vater durfte noch lange sein Kreuz machen. Insofern ist die Stimme der Kinder unglaublich wichtig. Sie artikulieren ihr Unbehagen, das sagt: 'Leute, ihr verwaltet unsere Zukunft schlecht'.

Die Schüler schwänzen absichtlich die Schule an ihren Demonstrations-Freitagen, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen für ihr Anliegen. Macht sie das später zu mündigeren Bürgern oder lernen sie einfach, dass man sich für ein größeres Ziel (Welt retten) bequem etwas Unangenehmem (Schule besuchen) entziehen kann?

Letzteres wäre ein sehr pessimistischer Blick. Diese Schüler sind voll dabei. Natürlich sind nicht alle treibende Kräfte, aber sie lernen doch vielleicht zum ersten Mal, dass sie eine Frage stellen, die sie gleichzeitig auch beantworten wollen. Da üben die Kinder wirklich Mündigkeit aus. Die meiste Zeit verbringen Schüler ja damit, Fragen abzuarbeiten, die sie selbst nicht gestellt haben. Jetzt haben sie ein Thema, für das sie auf die Straße gehen. Das ist gelebte Demokratie. Ich finde es auch ganz toll, wie die meisten Lehrer reagieren - also dass sie ein Auge zudrücken, weil sie es gut finden.

In einer Stadt wie Berlin gibt es jeden Tag mehrere Demonstrationen. Es gibt Menschen, die finden, Kinder hätten auf Demonstrationen nichts zu suchen, sie würden hier von Erwachsenen instrumentalisiert und manipuliert. Wie stehen Sie dazu?

Das war bei der Friedensbewegung das gleiche. Da hatte man seine Babys, die Kleinkinder und auch die größeren dabei. Warum auch nicht? Da geht es um sehr stark innerhalb der Familie tradierte Haltungen. Die Kinder außen vor zu lassen, würde heißen, Denkverbote in der Familie auszusprechen. Das passt einfach nicht zur Realität. In Familien werden Themen diskutiert und Kinder solidarisieren sich mit ihren Eltern. Man kann diskutieren, ob sie dabei auch für die Anliegen der Erwachsenen missbraucht werden. Aber es ist schwierig, da eine Grenze zu ziehen.

Sie sind selbst Vater. Gehen Ihre Kinder denn zu den Friday-for-Future-Demonstrationen?

Ja. Sie gehen hin. Auch wenn sie schon aus der Schule draußen sind, finden sie es wichtig. Der Klimawandel sitzt uns ja auch wie ein eisiger Griff im Nacken.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Gehen Sie doch mal hin, schauen Sie sich die jungen Leute an, die da mit schnell auf einer Pappe "hingezauberten" Texten oder unglaublich liebevoll gemachten Plakaten unterwegs sind. Sprechen Sie sie an: Sie werden verwundert sein, wieviel jungen eigenständigen Persönlichkeiten Sie begegnen werden. Natürlich gibt es immer auch den einen oder anderen "Schlawiner", der auf der Welle mitschwimmt und sich einen lockeren Tag macht. Aber das ist eine verschwindende Minderheit. Und die Vielfalt ist so groß -
    Ich weiß, wie es aussieht, wenn Massen manipuliert werden, ich bin in der damaligen DDR aufgewachsen, wo man nur "gleichgeschaltet" öffentlich auftreten konnte - das hier hat absolut nichts davon!! Sie könnten eine erfreuliche Erfahrung machen.

  2. 3.

    Ich halte dagegen, dass, egal wie oft es gebetsmühlenartig wiederholt wird, diese Schüler von niemandem missbraucht werden. Das ist die gängige und laue Ausrede dafür, sich entweder nicht auf das Thema einlassen zu wollen, oder lieber seine Vorurteile vor sich herzuschieben, anstatt vor Ort zu sehen, um was es sich wirklich handelt. Um junge Menschen aller Couleur, die sich gegen die weitere Zerstörung unserer Umwelt einsetzen. Solche Verschwörungstheorien sollten langsam der Vergangenheit angehören, wird langweilig.

  3. 2.

    Ich halte dagegen und sage: Fridays for Future ist gelebte Idiotie, denn die Jugendlichen üben gerade keine Demokratie, sondern werden für Parteipolitik missbraucht bzw. lassen sich dafür missbrauchen. Mal abgesehen von der üblen Schulschwänzerei, die konsequent bestraft werden sollte.

  4. 1.

    Ich finde es so toll das unsere Jugend was unternimmt unsere Politiker quatschen nur schade aber ein hoch auf die Jugend und das es in der Schulzeit ist ist richtig da werden sie wenigstens gehört macht weiter so.
    MfG Angelika Heidrich

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