Besucher über den Mayfest in Kreuzberg 2017 (Quelle: dpa / Paul Zinken)
Bild: dpa / Paul Zinken

Interview | Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann - "MyFest" soll politischer werden

Der Bezirk hat 5.000 Kreuzberger zum MyFest befragt: Die Mehrheit will weniger Party, Lärm, Müll - und mehr Politik. Die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Bündnis 90/Grünen) erklärt im rbb das neue Konzept.

Kreuzbergs Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen) hat am Mittwochabend zusammen mit der Berliner Polizei und dem Verein "MyFest" über das neue Konzept für das MyFest informiert. Demnach soll das Fest politischer werden. Außerdem wird die erst im vergangenen Jahr unter dem Namen "MaiGörli" gestartete Party im Görlitzer Park wieder abgeschafft. Dafür hatte sich bei einer Bürgerbefragung die Mehrheit ausgesprochen.

Das MyFest findet seit 2003 am 1. Mai in Berlin-Kreuzberg rund um die Oranienstraße statt. Angesichts der "Maikrawalle", die seit 1987 in unterschiedlicher Intensität stattfanden, sollte es das Geschehen am 1. Mai befrieden. Zuletzt hatten sich Anwohner über Lärm und durch das Fest verursachten Müll beschwert. Trotzdem wollen 62 Prozent der Anwohner, dass das MyFest weiter stattfindet.

rbb: Frau Herrmann, warum muss das Konzept für das "MyFest" überhaupt geändert werden: Das ursprüngliche Ziel, das mit dem Fest vor Jahren erreicht werden sollte - die Gewalt am 1. Mai zu minimieren - hat in den vergangenen Jahren doch sehr gut geklappt?

Monika Herrmann: Das stand ja auch nicht zur Disposition. Aber wir haben in den letzten Jahren erstens große Sicherheitsprobleme gehabt. Die Diskussion, was die Menge von Besucherinnen und Besuchern betrifft, führen wir ja jetzt nicht erstmalig. Einige können sich sicherlich erinnern, dass wir 2014 schon einen großen Aufschlag gemacht haben, weil die Polizei gesagt hat, dass sie Bedenken hat. Wir haben damals grob eine örtliche Neukonzeption entwickelt und zwar mit der MyFest-Crew, dem Verein, der das MyFest organisiert, sodass wir eine größere Sicherheitslage einbauen konnten.

Das andere ist, dass wir ein sehr hohes Beschwerdeaufkommen haben, was Lautstärke, Müll et cetera betrifft. Die Anwohnerinnen und Anwohner haben sich bei uns in den letzten Jahren zunehmend beschwert, sodass wir darauf reagiert und gesagt haben: Wenn es ein sogenanntes von Anwohnern getragenes Fest sein soll, dann kann es ja nicht sein, dass die Anwohner sich beschweren und es dann vielleicht gar nicht mehr mittragen.

Sie haben zahlreiche Haushalte befragt: Welches Ergebnis ist denn dabei herausgekommen?

Wir haben 5.000 zufällig ausgewählte Haushalte im Kiez befragt. Ich habe gesagt: Ich will auch die Leute hören, die Stimme der Anwohnerinnen und Anwohner. Sie haben verschiedene Fragen bekommen, unter anderem wie sie das Fest finden, ob sie das Fest noch möchten und und und. Cirka 60 Prozent der Anwohnerinnen und Anwohner in 36 haben sich für das Fest ausgesprochen. Aber sie haben ganz klare Bedingungen gestellt: Sie wollen ein politisches Fest wiederhaben, kein Party-Fest, bei dem es nur ums Saufen geht, sondern ganz klar eine starke politische Ausrichtung haben. Sie wollen, dass es weniger Müll gibt. Und sie wollen auch, dass der Lärm in den späten Nachtstunden deutlich reduziert wird.

Daraufhin haben wir uns mit der MyFest-Crew, aber auch mit der Polizei zusammengesetzt. Das heißt, bereits seit vielen Wochen arbeitet mein Büro gemeinsam mit den beiden Protagonisten daran, wie man das Fest weiterführen, aber ein Stückchen auch neu ausrichten kann. Und das werden wir heute Abend vorstellen: einerseits das Ergebnis der Befragung und andererseits sozusagen das Setting.

Wie hoch schätzen Sie denn die Bereitschaft der Anwohner und Gewerbetreibenden ein, sich weiter an dem Fest zu beteiligen?

Ich mache mir keine Sorgen um die Beteiligung. Es gilt ganz klar, dass wir eine andere Ausrichtung haben. Ich weiß aber gar nicht, ob Besucherinnen und Besuchern die überhaupt auffällt: Wir werden deutlich weniger Bühnen haben. Wir werden auch früher mit dem Bühnenprogramm aufhören. 21 Uhr ist Deadline. Und wir werden ab 22 Uhr ein bisschen ruhiger werden. Das heißt, das Fest kann tagsüber gut weiterhin stattfinden und da werden sich auch alle daran beteiligen.

Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin Friedrichshain-Kreuzberg (Quelle: imago)

Auf den Bühnen werden mindestens zwei Stunden lang Gruppen die Möglichkeit haben, politische Positionen zu vertreten oder zu diskutieren. Von daher kriegen wir schon einen ganz anderen Charakter rein, als dass es nur um Party Party Party geht.

Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg

Es ist jedes Jahr wirklich unfassbar voll: Es wird viel getrunken, es entsteht viel Müll. Wie wollen Sie beides in den Griff kriegen?

Wir haben da eine gute Kooperation mit der BSR. Was die Müllvermeidung betrifft, das kommt darauf an, wie wir um die Bühnen herum das Müllkonzept entwickeln.

Und wie gesagt: Wir werden eine sehr starke politische Ausrichtung haben. Das heißt, auf den Bühnen werden mindestens zwei Stunden lang Gruppen die Möglichkeit haben, politische Positionen zu vertreten oder zu diskutieren. Von daher kriegen wir schon einen ganz anderen Charakter rein, als dass es nur um Party Party Party geht.

Da haben wir den ersten Schritt in eine gute richtige Richtung gemacht. Und wir werden das sicherlich für die nächsten Jahre noch einmal weiter entwickeln, dass es wieder einen deutlich politischen Charakter kriegt. Weil das wollen die Leute im Kiez. Der 1. Mai ist ja kein Party-Tag, sondern ja eigentlich ein Tag für den Kampf der Arbeit und für gerechte Entlohnung. Im Grunde soll es um die Probleme gehen, die die Leute im Kiez haben.

Und das wird in den nächsten Jahren stärker ausgearbeitet werden. Das heißt: weniger Party, mehr Politik. Das ist die Losung. Wir werden drei Themen haben: zum einen Mieten, Verdrängung und Obdachlosigkeit; zum anderen Antirassismus, Frauenrechte und selbstbestimmtes Leben; und Multikulti, Folklore wird ein drittes Thema sein. Bei einem vierten sind wir noch in einer Diskussion.

Die Polizei sitzt bei den Vorbereitungen ja mit am Tisch. Zuletzt setzte sie auf Deeskalation. Bleibt die Zusammenarbeit aus Ihrer Sicht so wie gehabt - oder gibt's da neue Pläne?

Wir haben ein sehr erfolgreiches System mit der Polizei zusammen entwickelt. Das wird auch weiterhin so bestehen bleiben. Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist am 1. Mai sehr, sehr gut, vor allen Dingen was die Sicherheitskonzepte betrifft, die das Bezirksamt mit der MyFest-Crew und der Polizei jetzt schon seit vielen Wochen vorbereiten.

Das Interview führte Tatiana Brasching, rbb 88,8

Sendung: rbb 88,8, 06.03.2019, 06.00 Uhr

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Sehr gute Replik. Wer die immerwiederkehrenden Maikrawalle persönlich nicht mitangesehen hat, weiß es eben nicht zu schätzen wie es heute dort so läuft im Kiez.

  2. 7.

    Es geht um den ersten Mai Herrgott. Wenn Sie mit Politik nichts anfangen können, gehen SIe halt grillen im Bugapark. Und oben im Artikel steht es: Ziel war auch "[a]ngesichts der "Maikrawalle", die seit 1987 in unterschiedlicher Intensität stattfanden, [..] das Geschehen am 1. Mai [zu] befrieden." Im Übrigen feiern in Berlin doch jeden Tag irgendwo Menschen. Dazu kommen diverse Paraden, Kiez- und Sommerfeste. Karneval der Kulturen z.B. Guess what: genau genommen geht es auch da um Politik.

  3. 6.

    War das "Fest" nicht politisch genug, als der Schwarze Block marodierend durch den Bezirk zog und sich Schlachten mit der verhassten Polizei lieferten?

  4. 5.

    Ich verstehe überhaupt nicht, warum ein wie auch immer geartetes Fest politisch sein muss. Kann man nicht einfach einmal so feiern? Bspw. den Beginn des Frühlings? Es heisst ja nicht ganz grundlos: Wie herrlich leuchtet mir die Natur!
    Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!" Ist von Goethe und wurde in unendlich viele Sprachen übersetzt.

  5. 4.

    Der 1. Mai ist bedeutungslos für mich. Ähnlich wie der Frauentag. Freie Tage. Feiern können alle was sie wollen. Ohne mich

  6. 3.

    Träumen Sie ruhig weiter Frau Herrmann

  7. 2.

    Ich hätte einen Themenvorschlag,der auch zu dem Tag passt: Klassenkampf. Alternativ könnte man auch Niedriglöhne,unbezahlte Überstunden oder Altersarmut thematisieren. Allerdings bin ich mir nicht sicher,ob das auch zu den Grünen passt.

    Einfacher ist es natürlich mit Thema 2 und 3,die kann man auch zusammen mit den Kapitalisten besprechen und bleibt gleichzeitig doch irgendwie links. Passt auch besser zu den Besuchern dort - für Politik gehen dort die wenigsten hin. Beide Themen kann man aber im Prinzip eh zusamennfassen.

  8. 1.

    "Bei einem vierten (politischen Thema) sind wir noch in einer Diskussion."
    Man könnte treffender Weise mal das Problem weiter steigender Gewaltstraftaten in der PMK links (Berlin 2018) politisch thematisieren, wird natürlich nie im Leben gemacht.

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