Schüler protestieren auf einer Demonstration für den Klimaschutz im Invalidenpark. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Radioeins | 13.03.2019 | O-Ton: Thomas Drescher | Bild: dpa/Britta Pedersen

Interview | Staatssekretär zu "Fridays for Future"-Demos - "Schüler haben eine Schulpflicht zu erfüllen"

Seit Wochen gehen Schüler und Schülerinnen in Berlin und Brandenburg freitags auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Sie nennen es "Fridays for Future". Brandenburgs zuständiger Staatssekretär sieht darin ganz klar die Schulpflicht verletzt.

rbb: Herr Drescher, der Bundespräsident sowie die Kanzlerin haben den streikenden Schülern und Schülerinnen ihr Wohlwollen ausgesprochen. Wo stehen Sie denn eigentlich?

Thomas Drescher: Ich stehe natürlich auch auf Seiten der Schüler, weil ich es toll finde, wenn sie sich in ihrer Freizeit und an den Wochenenden für gesellschaftliche oder ökologische Themen interessieren. Das ist das, was wir in der Schule mit unseren Schülern erarbeiten wollen. Sie sollen sich als mündige Bürger artikulieren, sich einmischen und deutlich machen, was sie wollen. Insofern ist das Vorhaben per se erst einmal sehr zu begrüßen.

Da ist im Hintergrund ein leichtes "Aber" zu hören.

Da ist ein leichtes "Aber", weil natürlich Politiklehrer auch nicht einfach während des Tages für den Weltfrieden demonstrieren gehen und die Schüler alleine lassen können. Schule funktioniert nur mit einem hohen Grad an Verlässlichkeit. Es gibt nun einmal die Schulpflicht. Der Klimawandel ist an sich eine so komplexe Angelegenheit, die man auch erstmal verstehen muss. Dafür haben wir den Physik-, Chemie-, Geografie- und Englischunterricht. Insofern erwarte ich von unseren Schülern, dass sie die Zeit an der Schule nutzen, um sich mit diesen Dingen ganz intensiv - nicht nur im Unterricht, sondern auch in Projekten - so zu befassen, dass sie dahingehend Faktenwissen haben. Dann steht es ihnen selbstverständlich frei, sich nach der Schule oder auch am Samstag zu artikulieren, auf die Straße zu gehen und natürlich kraft ihrer Ungeduld, die ihnen ja auch zusteht, ein bisschen Druck zu machen.

Sie sagen "nach ihrer Schulzeit". Das heißt, Streiks und Demonstrationen während der Schulzeit lehnen sie auf jeden Fall ab?

Das gibt unsere Rechtslage nicht her. Zumindest in Brandenburg ist es ganz eindeutig so geklärt, dass die Schülerinnen und Schüler eine Schulpflicht zu erfüllen haben. Es gibt in den letzten Paragraphen unseres Schulgesetzes extra auch einen Paragraphen, der die Grundrechte einschränkt. Der besagt eben auch, dass die freie Persönlichkeitsentfaltung nicht so ganz hundertprozentig klappt, sondern dass es ganz schlichtweg Pflichten zu erfüllen gibt. Die sehen so aus, dass erstmal der Unterricht zu besuchen ist. Wir als Bildungsverwaltung geben uns unglaublich große Mühe, den Unterricht sicher zu stellen. Wir kämpfen um jede gehaltene Stunde. Insofern erwarte ich auch von unseren Schülerinnen und Schülern, dass sie das wertschätzen und zum Unterricht vor Ort sind.

Was raten Sie Schulen, wie sie mit Fehlstunden und den Streikenden umgehen sollen?

Im Brandenburg haben wir dort keine generelle Vorgabe gegeben. Wir denken, Schulen, Schulleitungen, Schülerinnen und Schüler sowie Schülersprecher sind so verantwortlich, dass sie miteinander etwas aushandeln können. Man kann zum Beispiel einen solchen Demonstrationsbesuch als Unterricht am anderen Ort deklarieren, ihn in den Unterricht implementieren oder auch daraus Projekte entwickeln. Da gibt es vielfältige Möglichkeiten, wie man das mit der Schule vereinbaren und miteinander verheiraten kann. Aber wir können es leider nicht dulden, einfach weg zu bleiben und nichts zu sagen. Da wird es entsprechende Sanktionen geben. Ich fände es auch schade, wenn so ein tolles Ziel durch solche Dinge in Verruf gerät.

In den letzten Jahren ist unsere Demokratie spürbar nicht mehr so stabil, wie wir lange geglaubt haben. Denken Sie nicht, Sie sägen weiter an genau diesem Ast, wenn Sie die zukünftigen Wähler und Wählerinnen frustrieren und an ihre demokratischen Rechte wollen?

Auf keinen Fall. Das Vorhaben an sich finde ich wirklich ganz hervorragend. Ich gebe nur zu bedenken, dass man auch innerhalb des Schulkontextes ganz viele Möglichkeiten hat, sich dem Thema Klimawandel zu widmen. Man kann durch Exkursionen oder mehrwöchige Aktivitäten das Thema vertieft behandeln. Insofern muss man an der Stelle sagen: Demokratie ist eine ganz tolle Sache, aber sie funktioniert natürlich auch nur, wenn man bestimmte soziale Konventionen einhält. Die Schüler erwarten von uns, dass die Lehrer da sind, wo sie sein sollten und wir wünschen uns natürlich auch, dass unsere Schüler da sind.

Das Interview führten Christoph Azone und Stefan Rupp, Radioeins.

Kommentar

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Antwort auf [Tom] vom 14.03.2019 um 15:55
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41 Kommentare

  1. 39.

    Die Luft hier in den Städten ist heute besser als in den 90ern auf dem Lande. (statistisches Bundesamt). Die jungen Leute nutzen aber im vollen Umfang die Errungenschaften der "robotenden" arbeitenden Bevölkerung und daran wird sich auch nichts ändern. Ganz im Gegenteil. Wenn ich die Bilder dieser Demos sehe, muss ich schmunzeln. Ich sehe materialistisch orientierte Schüler mit den neuesten Smartphones und Plastikbechern in den Händen, teuren Labels am Körper und an den Füßen, von Mami und Papi gesponsert, die für eine bessere Welt demonstieren statt zu lernen wo dieser Luxus eigentlich herkommt. Das Internet ist voll mit sinnfreien Socialmedia-Müll, das ganze Kraftwerke und Serverparks nur dafür betrieben werden müssen, da sollten die Schüler ansetzen. Die Erwachsenen bemühen sich ja schon um A+++ etc. Sicherlich wird die Energiegewinnung sauberer werden, jedoch werden diese schulschwänzenden Kinder darauf keinen Einfluss haben.

  2. 38.

    Genau darum geht es. Diese Schüler werden nicht weiter wie die Lemminge roboten, weil „das schon immer so war“. Zum Glück. Diese Generation wird hoffentlich anfangen eigene Wege zu gehen. Schule und Arbeit ja, aber nicht mehr so ignorant und unreflektiert wie wir Alten. Würde ich an deren Stelle auch nicht tun. Sie werden nämlich keine Rente mehr bekommen, vielleicht sogar nicht einmal mehr genug Luft zum Atmen haben. Sie haben den Grund für die Demos wohl nicht ganz verstanden. Den Jungen vorzuschreiben, was sie wie und für wen zu tun hätten, das ist schon ein starkes Stück.

  3. 37.

    Sie haben vollkommen Recht, Kinder sind unsere Zukunft.Sie sollten sich um einen vernünftigen Schulabschluss kümmern, etwas Sinnvolles lernen und meine Rente sichern, wie unsere vorherigen Generationen es schon getan haben. Das ist wichtig. Zur einer Demo können Sie ja gehen wenn sie etwas zur Gesellschaft beitragen. Internet und Smartphone reichen zu einer Meinungsbildung nun mal nicht.

  4. 36.

    Wird bei Ihnen Strom mit heißer Luft produziert? Kommen Sie doch mal mit Fakten: Wieviele Windkraftanlagen stehen in Berlin? Wieviele Solarparks gibt es in Berlin? Was ist aus dem Programm "100 000 Dächer für Berlin" geworden? Welche deutsche Großstadt, die von Brandenburg umgeben ist, erzeugt nachts einen Lichtschein, der 'zig Kilometer weit zu sehen ist?

  5. 35.

    Ich kann nur sagen, wenn Verdi zum Streik aufruft dann bestimmt nicht zum Wochende. Herr Drescher sollte mal drüber Nachdenken bevor er unseren Kindern , die ja auch verfassungsgemäße Rechte haben, zu Schulschwänzen abstempelt. Ein großes Kompliment an unsere Kinder und Jugendlichen .Macht weiter so und weckt die schlafenden Politiker auf.

  6. 34.

    Ihnen wird Angst und Bange, weil Schüler demonstrieren? Mir wird Angst und Bange, dass nicht mehr Menschen Angst und Bange sind, wie es um die Zukunft unseres Planeten steht. Die Zukunft ist...jetzt da. Der nächste Dürresommer ist im Anflug. Insektensterben. Immer mehr Tornados. Eisbären verhungern. Die Weltmeere ersticken im Müll. Wird Ihnen da nicht Angst und Bange? Wir müssen alle umdenken. Müll vermeiden, auf Autos verzichten. Weniger fliegen, nachhaltig leben und...demonstrieren.

  7. 33.

    Nee. Später geht das nicht. Und später macht das auch keiner. Weil nie jemand etwas macht. Jetzt geht das und wird sogar von vielen Schulen und Lehrern unterstützt und im Unterricht thematisiert. Ich kann diese Sprüche nicht mehr hören. Die Umwelt für unseren Nachwuchs weiter hemmungslos zu zerstören geht nicht. Der Rest schon, wie man sieht. Und grad die Schüler, die da mitmachen sind sich klar darüber, wie wichtig die Schule, Bildung und Politik ist. Schublade zu und vielleicht mal hingehen und gucken, statt Phrasen zu dreschen. Das sind blitzgescheite Kids!

  8. 32.

    Was nutzt die beste Schule und Bildung wenn die Zukunft der Kinder ruiniert wird. Damit sie wissen und wer und warum daran schuld ist? Mir ist allerdings neu dass Schüler für die Zeit an der Schule bezahlt werden, also wer vergleicht hier gerade Äpfel mit Birnen?

    Und wenn ihnen beim zusehen Angst und Bange wird, dann schauen sie doch einfach weg, das haben sie anderweitig auch schon jahre- wenn nicht sogar jahrzehntelang gemacht, sonst müßten die Schüler ja nicht demonstrieren.

  9. 31.

    Das ist Äpfel mit Birnen vergleichen. Wenn sie doch für die Zukunft sind, sollten sie auch wissen, dass Schule ebenso wichtig ist. Wenn es Ihnen am Herzen liegt, dann bitte nach der Schule.
    Später geht das auch nicht, ich sag zum Chef ich will die Welt retten und du bezahle dafür die ausgefallene Zeit.
    Hauptsache heut darf jeder alles, mir wird Angst und Bange wenn ich dabei zusehen muss.

  10. 30.

    Bremsen ist so ziemlich das einzige was von ihren rührseligen Story stimmt. Und zwar bremst Brandenburg und die Kohlelobby die Zukunft aus. Schon schlimm genug wenn man an dieser unverantwortlichen Art die Umwelt zu verpesten festhält. Aber nicht verwunderlich, das ist ja wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Viel schlimmer ist es von der Politik die Zukunft ihrer Bürger zu verspielen, der Industrie ist es egal. Statt in Zukunftstechnologien zu investieren hält man kurzsichtig am Raubbau fest.

    Und zu ihrer auf die Tränendrüse drückenden Rührstory, wenn man keine Argumente hat muß man mit billigsten Tricks arbeiten um doch den einen oder anderen einfältigen Menschen zu täuschen. Da stehen sie ihrer Landesregierung und der Kohlelobby allerdings in nichts nach. :-D

  11. 29.

    Als Neu-Brandenburger bin ich stolz, dass mein Heimat-Bundesland die Demontage von Infrastruktur zu bremsen versucht. Ich muss zugeben dass ich da altmodisch bin: Ich find Strom richtig gut. Ich find's toll dass wir hier elektronisch diskutieren können, dass das Essen im Kühlschrank konserviert wird, dass die Kranken in der Intensivmedizin mit elektrischen Geräten am Leben erhalten werden, und dass man nicht im Aufzug stecken bleibt. Und ich find's gut wenn noch irgendwer dran denkt, welche Voraussetzungen dafür nötig sind.

  12. 28.

    Stimmt. Mit rechtsextremen Tendenzen in der Gesellschaft z.B., sie es zulassen dass wieder Rechtsextreme, Rassisten und Geschichtsrevisonisten in deutschen Parlamenten sitzen.

  13. 27.

    Um Himmels Willen, das ist ja genau die Ignoranz, gegen die demonstriert wird. Genau wegen solcher Lebens-Parolen ist alles im Argen. Geld, Konsum, Kopp in Sand, sprach dervLemming??? Viele Kids möchten das nicht mehr. Das haben Sie wohl noch nicht ganz verstanden. Für die Umwelt etwas tun zu wollen impliziert also, dass diese Jugendlichen nicht...was genau? Lernen wollen, später keinen Beruf erlernen und nicht arbeiten gehen wollen? Was haben Sie denn für Vorurteile? Genau umgekehrt wird ein Schuh draus ;-)

  14. 26.

    Wie wahr wie wahr: "In den letzten Jahren ist unsere Demokratie spürbar nicht mehr so stabil, wie wir lange geglaubt haben." Das hat aber nichts mit dem Schülerstreik zu tun sondern mit etwas ganz ganz anderem.

  15. 25.

    Sanktionen gegen Schüler??
    Sanktionen gegen den Senat bitte schön! Schulstunden fallen aus, weil Lehrer Fehlen!
    Gut das Schüler auf die Straße gehen um die Zukunft zu sichern

  16. 24.

    Und Politiker die Pflicht den SchülerInnen die Zukunft zu sichern.

  17. 23.

    Verdammt richtig was Sie hier schreiben und ich ziehe meinen Hut vor diesen Mut der Kids. Alle die hier von Schulschwänzern fabulieren sollten sich mal fragen, wie diese Heranwachsenden in Zukunft mit der verpesteten Umweld zu leben haben. Kinder sind unsere Zukunft.

  18. 22.

    Mein eines Kind ist zwar noch Schüler, hat seine Schulpflicht aber bereits erfüllt. Mein anderes Kind hätte heute 7 Stunden, 4 davon sinnfreier Vertretungsunterricht, wie so oft. DAS ist die Realität. Wenn die Beiden demonstrieren wollten, würde ich das erlauben. Wenn politisch nicht endlich für angemessene Verhältnisse im Bildungsbereich gesorgt wird, werden die Jugendlichen ihren Protest solange auch nicht verändern, eher noch ausweiten, denke ich. Zumal alle das Versäumte am Wochenende nacharbeiten. Das bestätigen viele Lehrer. Die Schüler, die demonstrieren, sind eher bildungsnah einzuordnen und haben auch Interesse an ihrem schulischen Vorankommen. Die Zeiten, wo der Bürger alles mit sich machen läßt, sind halt vorbei. Gut so.

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