22.10.2018, Berlin: Dilek Kolat (SPD), Gesundheits- und Gleichstellungsssenatorin von Berlin, steht vor der neuen Clearingstelle für Menschen mit ungeklärtem Krankenversicherungsschutz. (Quelle: dpa / Jens Büttner)
Audio: Inforadio | 08.03.2019 | Interview mit Dilek Kolat | Bild: dpa / Jens Büttner

Interview | Senatorin Kolat zum Frauentag - "Berlin ist die Stadt der Frau"

Der Frauentag am 8. März ist in Berlin erstmals ein Feiertag. Im rbb-Interview sagt Frauensenatorin Dilek Kolat (SPD), warum nach ihrer Ansicht die Hauptstadt bei der Gleichberechtigung die Nase vorn hat - und warum sie trotzdem zu Rosen-Geschenken steht.

rbb: Frau Kolat, Sie verteilen zum Frauentag Rosen auf der Straße. Mich erinnert das an die DDR. Warum machen Sie das?

Dilek Kolat: Ich mache das seit vielen Jahren sehr gern. Man steht auf der Straße und dann verteilt man Rosen. Ich habe die Reaktion der Frauen im Kopf - die ist immer sehr positiv. Da kommt ein Lächeln ins Gesicht, da bleiben die Frauen häufig stehen und fragen nach dem Stand der Gleichstellung. Sie  lassen dann auch mal ihren Ärger heraus und sagen, was sich noch ändern muss. Und ja, es macht auch Spaß, dann den Männern zu sagen: Heute kriegt du keine Rose.

Das klingt ja nach schönen Begegnungen, aber Rosen am Frauentag: Ist das nicht so altbacken wie Blumen am Muttertag? Lohngerechtigkeit zwischen Mann und Frau wäre doch ein besseres Geschenk zum Feiertag...

Ich weiß nicht, wie man Lohngerechtigkeit abbilden könnte. Aber die Rose ist tatsächlich eine freundliche Geste (...). Frauen leisten in dieser Gesellschaft so enorme Dinge. Vor kurzem hat der IWF eine Studie herausgebracht, da ist herausgekommen, dass Frauen überwiegend mehr regelmäßige Familienarbeit leisten - unbezahlte Arbeit, während die Männer erwerbstätig sind. Mit Verlaub: Das sind Rollenverteilungen zwischen Männern und Frauen von vor 100 Jahren. Da hat sich grundsätzlich wenig geändert. Dabei haben wir inzwischen in Deutschland sehr viele qualifizierte Frauen. Das Argument, die Frauen seien nicht qualifiziert genug, stimmt einfach nicht. Die Frauen arbeiten auch in den harten Berufen, wie Erziehung und Pflege - und verdienen da einfach weniger als bei den männerdominierten Berufen. In Deutschland ist in der Frage der Gleichstellung und Gleichberechtigung ordentlich etwas schiefgelaufen. Das zu korrigieren ist vor allem Sache der Politik, aber auch der Wirtschaft - und von jedem einzelnen. jeder kann zum Thema Gleichstellung etwas beitragen.

Aber wie dient ein Feiertag der Frauenförderung? Was macht der rot-rot-grüne Senat heute, damit es den Frauen früher oder später noch besser geht?

Alleine dass der 8. März zum offiziellen Feiertag geworden ist, ist natürlich ein Riesen-Signal aus Berlin. Berlin ist die Stadt der Frau. Wir haben in vielen Punkten die Nase vorn: Wir haben den höchsten Anteil von Frauen in Führungspositionen, den höchsten Anteil an Professorinnen - und wir haben ein riesiges Anti-Gewalt-System.

Aber die Gerechtigkeitslücken sind da. Männer verdienen mehr als Frauen und bekommen 56 Prozent mehr Rente als Frauen. Die Frauen landen nach ihrem langen Erwerbsleben oder nach langer unbezahlter häuslicher Arbeit eher in der Altersarmut. Das geht alles nicht. Und Berlin sagt: Wir nehmen das nicht hin. Wir definieren den Frauentag auch zum Kampftag, nicht nur für diesen einen Tag, sondern wir erklären natürlich auch für die verbleibenden 364 Tage, dass Gleichstellung Berlin ganz wichtig ist.

Außerdem ist der Feiertag auch ein historischer Tag. Es waren auch viele andere historische im Wettlauf als Feiertag. Aber warum nicht der 8. März ? Er steht für einen langen Kampf von vielen Kämpferinnen, die sich für das Frauenwahlrecht eingesetzt haben.

Hoffen Sie, dass noch mehr Bundesländer den 8. März irgendwann zum Feiertag erklären?

Ja sehr gerne. Wir würden uns natürlich riesig freuen, wenn andere Bundesländer folgen.

Sie haben jetzt ja viele Probleme oder Ungerechtigkeiten angesprochen. Nun aber noch mal meine Frage: Die will der rot-rot-grüne Senat dann alle angehen, wenn er jetzt am Feiertag genug darüber nachgedacht hat?

Der Feiertag ist erst mal ein Tag, an dem das Thema diskutiert wird. Unsere Halbzeitbilanz im Senat hat gezeigt, dass wir da schon lange einen Schwerpunkt haben. Ich bin ja auch schon längere Jahre Frauen-Senatorin. Es ist Wahnsinn, was wir da auf den Weg gebracht haben. Alle anderen Bundesländer schauen nach Berlin, die fragen: Warum hat Berlin den höchsten Anteil von Frauen in Führungspositionen? Warum hat Berlin den höchsten Anteil von Professorinnen? Glauben Sie mir, das kommt nicht von alleine. Mit unseren Programmen betreiben wir seit vielen Jahren Förderung, wir nehmen das nicht einfach hin. Im Anti-Gewalt-Bereich sind wir bundesweit an zweiter Stelle. Und wir bleiben nicht stehen, wir bauen noch mehr Frauenplätze auf, wir richten Wohnungen für Frauen an, die Gewalt erfahren. Wir haben Anlaufstellen für Alleinerziehende eingerichtet - das ist auch ein Novum, denn wir haben einen sehr, sehr hohen Anteil von Alleinerziehenden - und das sind meistens Frauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sabine Dahl, Inforadio. Zu lesen ist hier eine redigierte und gekürzte Fassung. Das gesamte Interview hören Sie, wenn Sie auf den "Play-Button" im Titelbild des Beitrags klicken.

Sendung: Inforadio, 08.03.2019, 07:45 Uhr

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    Alles Augenwischerei. Die Realität sieht anders aus. Einfach mal mit den Menschen kommunizieren, die vor Ort arbeiten.

  2. 13.

    Verstehen Sie staatlich durchgeführten und gebilligten Missbrauch von Kindern und Frauen als Unordnung in der DDR? - Übrigens, mit dem gesetzlichen Frauen-Feiertag wird Berlin nicht zur Frauen-Stadt, weil die zahlreichen Diskriminierungen und Straftaten gegen Frauen leider bis auf unabsehbare Zeit weiterhin fortbestehen.

  3. 12.

    Das kann man wohl sagen.Da gab es einiges was nicht in Ordnung war.

  4. 11.

    Keine Spur der "Unterdrückung"? - Hier ist ein Beispiel des Missbrauchs in der DDR, dessen Sozialismus sogar Kinder zu Missbrauchsopfern des Staates machte. https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2019/03/missbrauch-ddr-kinderheim-opferverband-sed.html - In Anbetracht der bewiesenen sowie in den Massenmedien publizierten Tatsachen, bezeichne ich Ihre Worte als schändliche Lüge zum Nachteil der mehrfach verletzten und geschädigten DDR-Opfer.

  5. 10.

    Die DDR konnte mit dem Internationalen Frauentag besser umgehen. Man würdigte kurz bei den Frauen das Zusammenspiel Haushalt und Beruf, und das wars auch schon, und keine Spur von "Unterdrückung".

  6. 9.

    "Berlin ist die Stadt der Frau"

    Ein so tolerantes Statement, dass es schon wieder intolerant ist. Und sie merkt es nicht einmal.

    Rassismus in Reinkultur.

  7. 8.

    Willkommen in der DDR 2.0.
    Anscheinend haben die Männer Ihre Schuldigkeitgetan und können gehen.
    Es muss endlich Schluss sein mit Frauenquote, wir brauchen Leute in °Führungspositionen" die Ahnung und Erfahrung haben damit es wieder vorwärts und aufwärts geht.

  8. 6.

    Besonders abends fühlt man so richtig sicher als Frau alleine auf Berlins Straßen.
    Super

  9. 5.

    Reichlich wirr und widersprüchlich ihr Kommentar.

    Kennen sie einen Feiertag der von "unten" vorgeschrieben wurde? Alle Feiertage wurden immer schon von den jeweils Herrschenden beschlossen. In unserer Demokratie sind das unsere Regierungsvertreter.

    Dann wettern sie gegen die Partei Die Linke, nennen sie fälschlicherweise eine "SED Nachfolge" aber schwärmen nachher von der DDR Diktatur, sie erinnern sich ja wortwörtlich "gerne an die Heerscharen von Frauen, die wirklich für ihre getane Arbeit ausgezeichnet wurden und beseelt vom RotköpfchenSekt, der Roten Auszeichnungsmappe und dem Strauß Nelken, geehrt am Arbeitsplatz von den Kollegen und Mitarbeitern, die Straßen unsicher machten."

    Wer hat denn da wirklich wen instrumentalisiert?

    Dann wettern sie in bekannter Manier der Rechtspopulisten bis -extremen über die "Politchickeria","Provinzfürsten" und "Narrenhaus". Da kann man eigentlich nur noch den Kopf schütteln über so viele Widersprüche und Wutbürger Habitus.

  10. 4.

    „Berlin ist die Stadt der Frau.“ —> Selten ein so unterbelichtetes Statement gehört. Und das will schon was heißen in dieser Stadt. Da weiß man doch gleich, welcher Schlag von Leuten hier an der Macht ist. Und so sieht’s in Berlin nicht nur aus, sondern so gehts hier auch zu.

  11. 3.

    "Stadt der Frau" - Wenn man bei https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/av7/video-frauentag-feiertag-was-tun.html das Artikel-Foto betrachtet, bräuchte man sich eigentlich über nichts mehr in der Stadt zu wundern. Meiner Meinung nach, ist Berlin aber eine übliche Stadt der unterdrückten weiblichen emotionalen Intelligenz, weil hintergründig die männliche Macht dominiert.

  12. 2.

    Wenn es nur diesen einen, von Oben vorgeschriebenen, Feiertag für all die Frauen gibt und nicht der tägliche Respekt vor ihnen eingefordert wird, bleibt das nur Symbolpolitik einer untergehenden SPD, der SED Nachfolge Die Linke und der Vorschriftsgruppierung Bü90/Die Grünen. Den Internationalen Frauentag zu intrumentalisieren und sich als Streiter und Krönung der Gleichberechtigung hinzustellen, wie es die Berliner Politchickeria und Provinzfürsten gerade machen, ist unverschämt. Und wird der Ehrung der Frauen nicht gerecht. Egal, ich Mann und Rentner, habe einen freien Tag und erinnere mich gerne an die Heerscharen von Frauen, die wirklich für ihre getane Arbeit ausgezeichnet wurden und beseelt vom RotköpfchenSekt, der Roten Auszeichnungsmappe und dem Strauß Nelken, geehrt am Arbeitsplatz von den Kollegen und Mitarbeitern, die Straßen unsicher machten. Heute? Im Narrenhaus Berlin, wo sich über Sprüche zum Zustand Berlins durch den OB Palmer oder Witze über Gender-Toiletten erregt wird

  13. 1.

    Das ist leider alles sehr Klischee behaftet, was Frau Kolat sagt. Ich denke viele Frauen wie Männer bekommen weniger Gehalt wie Rente wie vielen Politikerinnen. Da dürften 56% weniger eher geschmeichelt sein. Was wir viel mehr in Zeiten boomenden online Handels brauchen ist ein Tag des Paketfahrers. Das sind nämlich meistens Herren, die unendlich viele Pakete jeden Tag transportieren. Sehr oft darunter Mode und Textilien, die einfach nur zum Beschau bestellt und dann wieder zurück geschickt werden. Bei einigen online Versendern liegt die Rücksendequote bei 50%. Das muss aber alles transportiert werden.

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