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Regine Sylvester © rbb/MDR/Hoferichter&Jacobs | Bild: rbb/MDR/Hoferichter&Jacobs

Interview | Berliner Journalistin Regine Sylvester - "Ostfrau bin ich nur, wenn jemand mich mies macht"

Regine Sylvester versteht sich vor allen Dingen als Berlinerin - und nicht unbedingt immer  gleich als Ostfrau. In die verwandelt sie sich aber sofort, wenn jemand sie schlecht macht. Trotzdem, sagt sie, gibt es sie noch, die West- und die Ostfrauen. Aber nicht mehr lange.

Die Erhebung "Ostdeutsche Frauen in den Eliten und Frauenquoten in Ostdeutschland" von rbb und MDR mit Universität Leipzig kommt zu einem klaren Befund: 30 Jahre nach dem Mauerfall sind Ostdeutsche in den bundesdeutschen Führungspositionen weiterhin stark unterrepräsentiert.

Unter den Ostdeutschen, die es in Führungspositionen geschafft haben, finden sich allerdings überproportional viele Frauen - in vielen der untersuchten Bereiche mit einen Anteil von etwa 50 Prozent und damit deutlich mehr als westdeutsche Frauen in Führungspositionen.

Bei den 30 deutschen DAX Konzernen sind unter den vier ostdeutschen Vorstandsmitgliedern drei Frauen.  

rbb|24: Frau Sylvester, ist jemand wie die in Berlin-Pankow geborene und aufgewachsene Schauspielerin Nora Tschirner mit ihren bald 38 Jahren – sie war also zu Wendezeiten acht Jahre alt – eigentlich eine Ost-Frau?

Regine Sylvester: Das ist eine Frage dessen, wie man zuhause aufgewachsen ist. Mit welchen Vorbildern. Ob man also, sagen wir mal, eine arbeitende Mutter hatte oder nicht. Und es hat auch mit der Schule zu tun. Ich würde denken, mit acht Jahren war sie ein bisschen jung. Aber meine Tochter, die zur Wende zwölf Jahre alt war, kann sich an den Osten noch ganz gut erinnern. Ich glaube aber, dass sich das erledigen wird mit den Ost- und den Westfrauen. Das dauert bloß noch eine Weile.

Was macht die Ostfrau heute denn aus? Dass sie den Großteil ihrer Sozialisation im Osten erlebt hat?

Ich sage es mit Bedenken – aber ich stelle immer noch große Unterschiede fest. Mir ist es tatsächlich mit Glück nach der Wende geglückt, Freundschaftsverhältnisse zu haben, die Ost- und Westdeutsch gemischt sind. Wir feiern auch seit vielen Jahren zusammen den Frauentag.

Aber es gibt Tendenzen, die mir auffallen: Ich rede gar nicht darüber, dass ich emanzipiert bin, weil ich denke, dass das klar ist. Ich habe auch nicht darum gekämpft – es war für mich selbstverständlich. Und ich rede in einer anderen Tonlage über Männer – so wie viele meiner Ostfreundinnen. Da ist so eine selbstverständliche Zuneigung. Uns fehlt da die grundsätzliche kritische Haltung. Ich mag Männer. Obwohl ich persönlich eigentlich gar keinen Grund dafür habe. Ich bin einfach ganz anders aufgewachsen mit Männern. Ganz selbstverständlich. Ich halte das für eine ganz wichtige Erfahrung, dass ich nicht diese Vorsicht, diese Ängstlichkeit in mir trage.

Verstehen Sie selbst sich denn explizit als Ostfrau? Oder kommt das auf den Kontext an?

Ich verstehe mich als Ostfrau, wenn ich Leuten begegne, die mich mies machen. Wenn jemand im Urlaub zu mir sagt 'Du kommst aus dem Osten? Da waren doch alle bei der Stasi!'. Da werde ich dann sowas von Osten und verteidige ihn. Oder wenn jemand behauptet, bei uns hätte es so viele Obdachlose gegeben. Da bin ich dann eine Ostfrau. Aber eigentlich nur dann. Oder, wenn mich jemand aus historischem Interesse fragt. Da versuche ich, so viel wie möglich gut zu erzählen. Ansonsten bin ich entschieden Berlinerin.

Der Ostfrau eilt der Ruf voraus sie sei selbstbewusst, emanzipiert, pragmatisch, anpassungsfähig, robust und unerbittlich. Aber ist sie auch kämpferisch?

Sie haben ja eben von selbstbewusst und emanzipiert und unerbittlich gesprochen. Ist das nicht auch kämpferisch? Ich sehe das so.

Sich politisch zu engagieren, kommt einer Erhebung zufolge für viele Ostfrauen aber nicht in Frage. Was denken Sie: Schaffen es viele Ostfrauen nicht, ihre durchaus klare Haltung in ein wirkliches Engagement umzuwandeln? Oder gibt es einfach kein großes politisches Interesse?

Das kann ich nicht richtig beantworten. Vielleicht sind meine Freunde und Bekannten auch einfach anders gepolt. Ich glaube allerdings, dass die Erfahrungen nach der Wende in weiten Landstrichen im Osten eine gewisse Ohnmacht und Starre gebracht haben – bis hin zu der sprichwörtlichen Gebärstarre. Die Arbeitslosigkeit hat sich in vielen Gegenden ja keineswegs erledigt. Auch die Erfolglosigkeit des Mannes, der Eltern. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Leute immer noch mit dem einfachen Alltagsleben beschäftigt sind.

Wenn Sie an den skizzierten Ruf der Ostfrau denken – ist das eine verklärte Sicht oder passt sie ganz gut?

Man kann ja nie für alle sprechen. Es gab natürlich auch schüchterne, erfolglose und nicht so an großer Bildung im Leben interessierte Frauen. Aber im Kern finde ich sie richtig und im Kern möchte ich auch so sein.

Gibt es heute wirklich noch Unterschiede zwischen Ost- und Westfrauen?

Ja. Und das bedrückt mich richtig. Weil sie oft so unversöhnlich sind. Ich las gerade den Artikel einer Autorin, die ein Buch über die sexuelle Verfügbarkeit geschrieben hat. Aus dem geht hervor, dass ihre Erziehung, ihre Eltern und ihre Umgebung sie dazu gebracht haben, dem Mann zu dienen und ihm auch sexuell immer verfügbar zu sein. An der Stelle frage ich mich, was das dann für eine Umgebung gewesen ist.

So einen Lebensentwurf kann ich ganz schwer nachvollziehen, weil ich immer denke, dass man doch schlauer und erwachsener wird und irgendwann 'mit mir nicht' sagt. Solche Gespräche kommen immer wieder mal auf. Wenn ich mir für mich selbst überlege, was ich am häufigsten gedacht habe, dann war das: 'reiß dich zusammen'. Also was zu machen, nicht zu jammern. Das ist eine grundsätzlich andere Haltung als zu sagen, meine ganze Umgebung hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin und ich kann nichts dagegen tun. So kann ich nicht denken.

Auch das sagt die Erhebung: die typische Ostfrau soll besonders misstrauisch ihren Mitmenschen gegenüber sein. Kennen Sie das aus der Realität?

Das kenne ich als generalisierenden Aspekt unter den Ostfrauen nicht. Und von mir selber würde ich sagen, dass der für mich zuständige Schöpfer die Gene des Misstrauens gänzlich vergessen hat. Sonst würde ich nicht immer wieder auf alles Mögliche reinfallen.

Ostfrauen sind in vielen Bereichen prozentual deutlich sehr viel präsenter als Westfrauen. Woher kommt das? Haben die Ostfrauen einen Vorteil aus ihrer Doppelbelastung als Arbeitnehmerin und Familienzusammenhalterin gezogen, während Westfrauen sich auf Hausfrauen haben reduzieren lassen?

Bis zu 90 Prozent der Frauen waren berufstätig – das ist schon ein ganz großer Unterschied. Es ist wirklich eine völlig andere Sozialisierung, wenn man nicht abhängig ist von einem Mann. Nie im Leben wollte ich das sein.

Wie haben Sie Ihre Stellung als Frau in der DDR denn sonst erlebt. Haben sie sich je auf ihre Familie reduziert gefühlt?

Dass ich auf die Familie reduziert wurde, ist mir einfach nie passiert. Es war so selbstverständlich. Ich wollte immer Kinder, ich wollte immer eine Familie haben und mein eigenes Geld verdienen. Die eigentlichen Kämpfe haben sich für mich zwischen denen 'oben' und mir abgespielt. Ich war ja nirgends dabei. Nicht in der Partei, nicht bei den Pionieren, bei keiner Jugendweihe. Dadurch war ich immer ein Außenseiter. Ich habe mich niemals zur DDR zugehörig gefühlt – außer auf dem Gebiet, eine Frau zu sein. Das Sonderbare ist, wenn ich heute über Ostfrauen spreche, verfalle ich – ohne das selber bewusst zu wollen – ins "Wir".

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

Sendung: Inforadio, 05.03.2019, 07.10 Uhr

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