Symbolbild: Teilnehmer einer NPD-Demonstration (Quelle: dpa/Ulrich Baumgarten)
Audio: Inforadio | 06.03.2019 | Amelie Ernst | Bild: Symbolbild-dpa/Ulrich Baumgarten

Zahlen der Opferberatungsstellen - Rassistische und antisemitische Angriffe nehmen zu

Immer mehr Menschen in Berlin und Brandenburg werden Opfer von antisemitischen, rassistischen und rechten Angriffen. Die Opferberatungsstellen haben ihre Zahlen für 2018 veröffentlicht. Beleidigungen und Pöbeleien geschehen demnach oft in Alltagssituationen.

Rechte, rassistische und antisemitische Angriffe haben in der Region Berlin und Brandenburg im vergangenen Jahre erneut zugenommen.

Nach Angaben der Berliner Opferberatungsstelle Reachout sind im vergangenen Jahr in Berlin 309 solcher Taten erfasst worden. Das seien 42 mehr als 2017, sagte Sabine Seyb von Reachout am Mittwoch. Den Angaben zufolge wurden dabei "mindestens 423 Menschen verletzt und bedroht", darunter 19 Kinder und 47 Jugendliche. Die Zahl judenfeindlicher Angriffe habe sich mehr als verdreifacht.

Die Angriffe auf Grund der sexuellen Orientierung von Opfern, sogenannte LGBTIQ-feindliche Angriffe, blieben laut Reachout im vergangenen Jahr mit 63 Taten nahezu konstant. Mehr als die Hälfte der Fälle sei rassistisch motiviert.

Bei antisemitischen Taten wurde ein deutlicher Anstieg von 13 Fällen im Jahr 2017 auf 44 Vorfälle 2018 gezählt. Zu den Motiven der Täter erhebt Reachout keine Daten, den Erfahrungen nach seien diese aber ganz unterschiedlich, sagte Seyb auf Anfrage von rbb|24.

Insgesamt 3.405 diskriminierende Vorfälle in Berlin

Im Rahmen des sogenannten Berliner Registers der zwölf Berliner Bezirke (zur Erfassung rechtsextremer und diskriminierender Vorfälle) wurden noch deutlich mehr Fälle erfasst. Insgesamt wurden für das vergangene Jahr 3.405 Vorfälle registriert, ein Plus von 605 Fällen - was einem Anstieg von knapp 22 Prozent entspricht. Die von Reachout erfassten Fälle sind dabei bereits eingerechnet.

Unter den von den Registern aufgeführten Fällen waren knapp die Hälfte Propagandadelikte (1.691). Außerdem bezog sich ein Viertel der Fälle auf Beleidigungen und Bedrohungen (899), fast eine Verdoppelung gegenüber 2017 (459). Auch die Zahl der gemeldeten Veranstaltungen stieg auf 317 (2017: 305).

Beleidigungen und Pöbeleien im Alltag

Der Anstieg der Fälle sei auf die Verdoppelung der Beleidigungen, Pöbeleien und Bedrohungen im Bereich Antisemitismus und Rassismus zurückzuführen, heißt es im Bericht des Berliner Registers. Die Verursacher der Vorfälle nutzen eher Gelegenheiten im Alltag, als dass sie sich in extrem rechten Organisationen versammelten und von dort aus agierten.

Die Fälle, die das Register erfasst, steigen seit Jahren. Das führen die Verantwortlichen auch darauf zurück, dass die Registrierstellen und Kooperationspartner zunehmend bekannter werden und dass über neue Meldemöglichkeiten wie etwa über Twitter Vorfälle mit wenig Aufwand übermittelt werden können.

"Enttabuisierung der Gewalt"

Nach Daten der Polizei gab es im Vorjahr einen leichten Anstieg rechter Gewaltdelikte: Erfasst wurden 125 Fälle, neun mehr als im Vorjahr. Die Fallzahlen von Reachout unterscheiden sich von Angaben der Polizei, da auch Meldungen von Opfern, Initiativen oder Zeugen aufgenommen werden, die sich nicht an die Polizei wandten. Zudem würden auch solche Vorfälle als Angriff eingestuft, die im Sinne des Strafgesetzbuches nicht unbedingt als Gewalttat gewertet würden, zum Beispiel die traumatischen Folgen nach einer Sachbeschädigung.

Offensichtlich fühlten sich die Täter durch rassistisch geprägte Diskurse von Politikern rechtspopulistischer, aber auch anderer Parteien ermutigt, zuzuschlagen, sagte Sabine Seyb von Reachout zu den neuen Zahlen. "Wir beobachten eine Enttabuisierung bezüglich der Gewalt auf ausgegrenzte und diskriminierte Bevölkerungsgruppen." Bekannt wurden unter anderem auch acht Angriffe gegen obdachlose Personen.

In einigen Teilen Brandenburgs rechte Gewalt mittlerweile Normalität

In Brandenburg zählte der Verein Opferperspektive 174 rechte Übergriffe - drei mehr als im Jahr davor. Hochburg rechter Gewalt sei nach wie vor Cottbus. Allein dort seien 35 Angriffe registriert worden. In der Uckermark zählten die Opferberater 2017 mit 27 fast doppelt so viele rechte Taten wie im Jahr zuvor. Das könne dafür sprechen, dass sich auch dort eine rechte Szene etabliere, die auf zu wenig Gegenwehr durch Politik und Zivilgesellschaft stoße, so Judith Porath, Geschäftsführerin desr Opferperspektive.

Außerdem seien die langen Verfahrenslaufzeiten an den Gerichten ein zunehmendes Problem: Dort, wo Täter zeitnah verurteilt würden, gebe es durch das klare juristische Signal tendenziell auch weniger rechte Gewalt. In Cottbus habe sich mittlerweile eine starke rechte Szene etabliert, die versuche, sich auch im Geschäftsleben der Stadt zu festzusetzen; Alltagsrassismus sei in Cottbus trotz der vorhandenen Zivilgesellschaft stark verbreitet, so die Opferperspektive. Zudem habe sich die Stadtspitze in der Vergangenheit zu zögerlich gegen Rechtsextremismus positioniert.

In einigen Teilen Brandenburgs sei rechte Gewalt mittlerweile Normalität. Das sei sehr besorgniserregend, teilte die Beratungsstelle mit.

Sendung: Inforadio, 06.03.2019, 12.00 Uhr

Kommentarfunktion am 07.03.2019, 10:08 Uhr geschlossen

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16 Kommentare

  1. 16.

    Nice try!
    Lesen Sie doch den Text des "Faktenfinders" selbst mal genau! Da hat sich jemand aber ganz viel Mühe gegeben, um den Kern herum zu schreiben. Der Vorwurf: Erhebungen über Antisemitismus durch NGO's unterliegen keiner einheitlichen Systematik. Nun ja, das ist wohl so, da die NGO's ja zwangsläufig verschieden arbeiten, da sie verschiedene Interessen haben. Worüber geschwiegen wird: Einzelne Studien einer NGO können durchaus belastbar sein. Studien der AAS zu rechtsextremen Straftaten sind es ja auch.
    Es geht weiter mit der Aussage, dass die PKS systematische Mängel hat. Stimmt. Dass die erfassten Straftaten justiziabel sind, sollte man in einem Rechtsstaat als zwingend annehmen. Es sagt aber immer noch nichts über den Täter aus. Das ist gar nicht die Aufgabe der PKS. Die Kriterien sind zwar vorhanden, trennen aber nach Straftat, nicht nach politischem Motiv. Das betrifft alle erfassten Straftaten, nicht nur Gewalt.

  2. 15.

    Und Sie sind natürlich nicht in der Lage, den "Unsinn" zu widerlegen.
    Die PKS ist für die Bewertung politischer Gewaltentwicklungen tatsächlich nur sehr bedingt geeignet, da das Tatmotiv "rechte Gewalt" eben nicht bzw. nur teilweise deckungsgleich ist mit "politischer Einstellung rechts". Es fallen Straftaten darunter, die gar nicht von Rechtsextremen begangen wurden oder nicht von deutschen Rechtsextremen (die mit dem Ziel der Schaffung eines neuen Reiches) begangen wurden. Im Gegenzug fallen andere Straftaten der Rechtsextremen nicht hinein, weil sie in andere "harmlosere" Kategorien eingeordnet werden. Insofern ist die PKS ein erstes Indiz, für eine belastbare Aussage bedarf es einer weiteren Untersuchung. Daran fehlt es seit Jahren, so dass die reale Bedrohung durch Rechtsextreme kaum seriös belegbar ist.

  3. 14.

    ...sagt ein Anhänger der rechtsextremen "Partei", die für ihre plumpen Fälschungen und Fake News bekannt ist.

  4. 13.

    Nice try!

    Aussagen durch weglassen verfälschen.

    "Diese beiden Zahlen stehen sich in der Debatte über Antisemitismus in Deutschland nahezu diametral gegenüber. Doch beide sind keinesfalls so belastbar, wie es zunächst den Anschein haben mag. [...] In diesen unterschiedlichen Zählweisen liegt wiederum ein Problem, auf das der Bericht des "Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus" hinweist: Anders als im Rahmen der staatlichen Erfassung von Straftaten, die - bei allen Mängeln - einer Systematik folgt, liegen dem Vorgehen der NGOs […] keine systematischen einheitlichen Kriterien zugrunde. Daher erscheinen die PMK-Zahlen bisher "als einzige 'belastbare' Statistik zum Ausmaß derjenigen antisemitischen Phänomene, die justiziabel sind".

    https://faktenfinder.tagesschau.de/hintergrund/antisemitismus-147.html

  5. 10.

    Die ÖR Statistiken sind weitestgehend unbrauchbar.

  6. 9.

    Die Frau, die da so redet, klagt ja im TS auch noch die Polizei pauschal wegen "immer häufigerem Rassismus" an, gar keine glaubhafte Quelle. In der PMK sind alle Delikte aufgedröselt und die liegt auf der SACHLICHEN Ebene vor.

  7. 8.

    Soweit ich weiß,werden auch antisemitische Straftaten muslimer Täter der rechten Gewalt zugeordnet. Ob das der richtige Weg ist,kann man bezweifeln,da bei rechter Gewalt die meisten wohl an "klassische Deutsche" denken.

  8. 7.

    Werden sie nicht. "Bei antisemitischen Taten wurde ein deutlicher Anstieg von 13 Fällen im Jahr 2017 auf 44 Vorfälle 2018 gezählt. Zu den Motiven der Täter erhebt Reachout keine Daten, den Erfahrungen nach seien diese aber ganz unterschiedlich, sagte Seyb auf Anfrage von rbb|24."

  9. 6.

    Schlimme Entwicklung.

  10. 5.

    Da weiß man doch wirklich gar nicht mehr wen man glauben soll? Auf der einen Seite registriert die Polizei Übergriffe als "Rechte Gewalt", anderseits gibt es Studien und Opferbefragungen, gemeldet sogar in den staatlichen Medien, daß die überwiegende Anzahl bspw. der antisimitischen Gewaltaten einen anderen Hintergrund (zu nennen unterliegt leider der Zensur, Pardon netiquette) haben.

  11. 4.

    @1: Wieso antisemitische Angriffe ausschließlich bei "rechts" angeführt werden? Weil sie rechts sind. Auch wenn die Täter sich links nennen.

  12. 3.

    Wieso werden die antisemitischen Angriffe ausschließlich bei "rechts" angeführt?
    Das wiederspricht auch mehreren Statistiken. Wieso werden die Tätergruppen hier nicht differenziert angeführt und zwar mittels der PKS? Antisemitische Tendenzen in der Schule nehmen auch nicht auf Seiten der dt. Muttersprachler zu, obwohl da ebenso welche beteiligt sind. Aber man kann nicht die Gesamtzahl eines vielschichtigen Delikts einseitig verorten.

  13. 2.

    Zum Glück besteht in unserem Land der breite gesellschaftliche Konsens Gewalttaten jeglicher Couleur sind ganz einfach verachtenswert!
    Trauriges Thema, dennoch interessant das von den 1468 antisemitische Straftaten 2016, die Polizei 1381Taten, Tätern mit politisch rechter Motivation zuordnete , 94 Prozent.
    Demgegenüber steht im Vergleichszeitraum eine Studie der"Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland" , die am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld erstellt wurde. Dort gaben Opfer zu 81 Prozent an, dass die mutmaßlichen Täter einer "muslimischen Gruppe" angehört hätten.
    Quelle: Tagesschau Faktenfinder
    Stand: 26.04.2018 08:24 Uhr

  14. 1.

    Na bitte. Damit ist doch der Weg bereitet für neue Kampagnen und Programme gegen "Rechts". Etliche Vereine und NGOs werden sich angesichts der weiter sprudelnden Gelder die Hände reiben. Kein Wort darüber, dass ein großer Teil der Angriffe gegen Juden und LGBTIQ gar nicht von rechts kommt und dass die gestiegenen Zahlen womöglich ganz andere Ursachen haben... Der RBB verbreitet das Zahlenwerk natürlich ebenfalls weitgehend undifferenziert. Es passt ja alles so schön ins Bild...

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