Bordellreklame in Berlin (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 12.03.2019 | Sylvia Tiegs | Bild: imago

Ausweispflicht in der Sexbranche - "Das Prostitutiertenschutzgesetz trifft die Falschen"

Seit 2018 müssen alle, die in der Sexbranche arbeiten, einen Prostituiertenausweis bei sich tragen. Den gibt es nur nach einer Gesundheitsberatung. Der Staat will dadurch Zwangsprostitution und Elend in den Griff kriegen. Klappt das? Von Sylvia Tiegs

Irina Ratke steht an der Tür ihrer Altbauwohnung in Berlin-Friedrichshain. Ihre beiden kleinen Hunde bellen aufgeregt hinter der Küchentür. Tatsächlich sieht ihr Frauchen so aus, als könnte sie gleich runter, Gassi gehen: Jeans, Wollpulli, dezentes Make-Up, bequeme Schuhe. Aber Irina Ratke kümmert sich jetzt um ihr Geschäft. Mitarbeiterin Victoria ist mit den jüngsten Umsätzen da.

Ratke betreibt die Escort-Agentur "Daphne's", Victoria arbeitet für sie. Sie ist eine der "attraktiven und niveauvollen Begleitdamen für sinnliche Erlebnisse". Preis: ab 250 Euro aufwärts. Pro Stunde. "Die Männer, die sich bei uns in der Agentur melden, sind meistens Geschäftsleute, gut situierte Männer. Alles ziemlich seriöse Männer und dadurch haben die Damen natürlich auch gar nicht das Gefühl, dass sie sich prostituieren." Sie würden "auf ein Podest gestellt und schick ausgeführt". Sie gingen auf "Vernissagen, Konzerte, Restaurantbesuche", berichtet Ratke.  

Da gehe es ganz anders zu als zum Beispiel auf dem Straßenstrich. Wo niemand Rechnungen schreibt. Aber hier tun sie es: Die Webseite von "Daphne's" zeigt nicht nur Bilder von schönen Frauen in Dessous, sondern auch Büroadresse, Handelsregisternummer und Umsatzsteuer-ID.

Studentin betreibt Escort als Nebengeschäft

Irina Ratke und Victoria beugen sich gemeinsam über ihre Abrechnung, ab und an streichen sich beide ihre langen, blonden Haare aus den Gesichtern. Nachdem der Papierkram erledigt ist, nimmt Victoria kerzengerade Platz auf dem bequemen Samtsofa im Wohnzimmer. Sie schlägt die Beine mit den Overknee-Stiefeln übereinander und stellt sich vor. "Ich bin 32, berufstätig, und studiere nebenbei auch noch." Die Arbeit als Escort sei für sie ein "Sidebusiness", sagt sie. Ein Nebengeschäft.

Dass jede Frau in der Erotikbranche als Klischee oder Opfer gesehen wird, ärgert die selbstbewusste Victoria sehr. Sie sei da nicht gelandet, weil sie drogenabhängig sei und sie arbeite auf einem "gewissen Level", sagt sie. Außerdem mache sie es freiwillig und wisse, was sie tue. "Insofern finde ich es schade, dass wir jetzt so stigmatisiert werden und uns jetzt so öffentlich demütigen lassen müssen, indem wir zu Ämtern gehen und einen Ausweis bekommen, den wir mit uns tragen müssen".   

Victoria fragt sich, was passiert, wenn dieser Ausweis in falsche Hände gerät. Sie fürchtet Diebstahl, Erpressung oder Kunden, die mithilfe ihres Prostituiertenausweises herausbekommen könnten, wie ihr wirklicher Name lautet.

Auch Victorias Chefin denkt so - Irina Ratke arbeitet zuweilen ebenfalls als Escort. Das Gesetz sei nicht zu Ende gedacht, sagt sie. "Datenschutzaspekte wurden nicht komplett durchdacht und vor allem sehe ich einfach nicht, wie die armen Prostituierten aus Bulgarien, Rumänien - die Frauen von der Straße - tatsächlich dadurch geschützt werden."

Auch im Amt hegt man Zweifel

Die Frau, die das Prostituiertenschutzgesetz in Berlin praktisch umsetzen muss, hat auch so manche Zweifel. "Ich bin seit 1989 in der Bezirkspolitik tätig und das in Schöneberg, das heißt: Seitdem beschäftigen wir uns auch mit dem Thema Prostitution rund um die Kurfürstenstraße", berichtet Schönebergs Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler.

Deshalb griff Angelika Schöttler beherzt zu, als der Senat jemanden für die stadtweite Anmeldung und Beratung der Prostituierten suchte. Die SPD-Politikerin verlegte die Beratungs- und Ausweisstelle notgedrungen ins Rathaus - obwohl hier dauerrenoviert wird. Aber draußen fand sich partout kein Hausbesitzer, der ihr dafür Räume vermieten wollte. "Traurig", findet Schöttler. Von ihrem holzgetäfeltem Büro sind es nur ein paar Schritte zur Beratungsstelle: große, helle Räume, grüne Zimmerpflanzen, bunte Broschüren in vielen Sprachen auf den Tischen. Rund 1.100 Frauen und Männer aus der Sex- und Erotikbranche haben inzwischen hier angemeldet - von berlinweit geschätzt 6.000 bis 8.000, die das müssten.

"Also im Moment kommen vor allem die, die in Institutionen tätig sind", berichtet Schöttler. Weniger Anmeldungen kämen vom Straßenstrich. "Aber auch da nimmt die Anzahl der Anmeldungen inzwischen zu". Schwierig sei es noch bei denen, die sich über das Internet anonym anbieten.

Gerettet wollte noch niemand werden bislang

Und wie sieht es aus bei der Gruppe, der das Gesetz am dringendsten helfen soll - den Opfern von Menschenhandel - den Zwangsprostituierten?  Es hätte bisher noch keinen Fall gegeben, wo jemand gesagt habe "Retten sie mich […], ich bin hier unter Zwang". Ein paar wenige Male hätten die Beraterinnen einen gewissen Verdacht gehabt, sagt Angelika Schöttler. Sie hätten diesen Frauen Adressen von speziellen Hilfsstellen für Menschenhandelsopfer gegeben. "Von diesen Stellen wiederum erfahre ich: Rücklauf negativ", Schöttler. Zwingt das Gesetz also die "Falschen" in die Beratung? Escorts wie Victoria, die aus freien Stücken arbeiten?

Sie könne diese Kritik verstehen, sagt Schöttler. Sie glaube aber trotzdem, dass "wir der einen oder anderen helfen können mit den Informationen." Es gehe ja auch darum, wie man sich krankenversichert, wo man schlafen könne oder sich wegen Schulden oder Drogensucht beraten lassen könne. Die Bezirksbürgermeisterin sagt,  die Palette der Beschäftigten in der Sex- und Erotikbranche sei sehr groß. Irgendwie müsse sie mit dem Gesetz alle unter einen Hut bringen.

Gesellschaftlich sei Prostitution "eben noch nicht als normaler Beruf anerkannt", sagt Schöttler. Sie verstehe daher, dass einige nicht wollten, dass ihr Umfeld das erfahre und sich Sorgen mache, wenn sie einen Ausweis tragen müssten. Selbst wenn auf dem Ausweis ein anderer Name stehe, sei ja das Bild drauf. Sie wolle aber, dass es als normaler Beruf anerkannt wird, und sie wolle auch den Frauen und Männern helfen, "dass sie wirklich jede erdenkliche Art an Beratung, Hilfe und Schutz  bekommen".

Gesetz schützt genau Zwangsprostituierte nicht

In Friedrichshain sind Irina Ratke und Victoria nochmal kurz beim Geschäftlichen. "Daphne's" ist nicht wie der Straßenstrich, aber das heißt nicht, dass Victoria kein Bewusstsein für die schwarze Seite der Branche hätte. Sie glaubt nur nicht, dass der Gang zur Beratungsstelle in Schöneberg da helfen kann. "Diese Frauen werden sich nicht anmelden. Sie wissen wahrscheinlich noch nicht einmal, dass es dieses Gesetz gibt, dass sie sich anmelden müssen, dass sie registriert werden müssen." Da seien andere Menschen dahinter, die das organisieren. "Gerade die Leute, die schutzbedürftig sind, werden durch dieses Gesetz an keiner Stelle geschützt", sagt Victoria. Ihre Chefin nickt.

Irina Ratke hätte das Geld für den Aufbau einer staatlichen Beratung lieber Hilfsvereinen gegeben. Wie Hydra zum Beispiel. Oder den Beamten von der Sitte. "Die kontrollieren die Bordelle, die lassen ihre Visitenkarte überall. Du kannst tatsächlich als Frau, wenn Du Hilfe suchst, problemlos anrufen. Das sind alles ganz nette Menschen, die daran interessiert sind, Frauen zu helfen. Diese Möglichkeiten waren auch vor dem neuen Gesetz schon vorhanden", sagt Ratke. Die beiden Escort-Frauen bleiben dabei: Das Prostituiertenschutzgesetz treffe die Falschen und finde nicht die Richtigen.

Ob die Vorteile des Gesetzes die Nachteile überwiegen, könne sie im Moment noch nicht sagen, meint die Politikerin Angelika Schöttler zu diesem Thema.

Beitrag von Sylvia Tiegs, Inforadio

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Seit Ende 2013 ist nach § 5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) die Berücksichtigung psychischer Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung vorgeschrieben. Die Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen liegt beim Arbeitgeber. Psychische Belastungen werden als Gesamtheit aller Einflüsse definiert, die von Außen auf die Beschäftigten zukommen und einwirken (DlN EN ISO 10075, Teil 1).

    Was Bezirksbürgermeisterin Schöttler vermutlich nicht bedenkt: "Eine Frau hat heute als Sexarbeiterin 10 Männer bedient. Wie fühlt sich der Ehemann als 11.?" - Der Hurenpass machts möglich!

  2. 6.

    Der Berlin-Pass reicht also nicht?

  3. 5.

    Ich glaube, dies ist der erste Beitrag, wo ich Ihnen uneingeschränkt zustimmen muss! Gut zusammengefasst!

    Das Gesetz ist Murks, gut gemeint, in den Details aber schlecht gemacht und bewirkt genau das Gegenteil. So ist keiner der Frauen oder auch Männer geholfen. Wobei ich ein Verbot des Strasenstrichs durchaus befürworte. Das ist Entwürdigung der meist Frauen in Reinstform und alleine aus hygienischen Gründen nicht hinnehmbar. Ein massiver Ausbau der freien Beratungsvereine durch staatliche Unterstützung und endlich ein Zeugenschutz, der seinen Namen auch verdient, wären weitere Elemente. Daran fehlt es, das begünstigt die derzeitigen Zustände.

  4. 4.

    Das ist genau der falsche Weg, wie es auch in Schweden bewiesen wurde. Das Verbot erzeugt illegales Treiben. Dann gibt es aber keinerlei behördliche Kontrollen und vor allem gesundheitliches Gefahr.

  5. 3.

    Nur weil etwas verboten ist, heisst noch lange nicht, dass es nicht stattfindet. Die Schweden haben die Erfahrung schon vor Jahren gemacht. Zum Nachlesen: https://www.deutschlandfunk.de/prostitution-20-jahre-sex-kauf-verbot-in-schweden.795.de.html?dram:article_id=425129

  6. 2.

    Das hätten Sie mühelos auch einfordern können, ohne den Artikel gelesen zu haben. Moment...

    Frau Ratke hat völlig Recht, in allen Punkten. Das Gesetz ist eine staatliche Diskriminerung und nichts weiter als Schikane. Wer zudem das Prinzip von Diskretion nicht versteht, wie sollte so jemand dann ersnthaft die strengen Auflagen der DSGV einhalten? Hier handelt der Senat ungesetzlich.

    Wer geht denn bitte gerne zu einer staatlichen Beratung? Beratungsstellen mit hoher Nachfrage zeichnen sich durch ein Grundprinzip von Beratung aus: Unabhängigkeit, d.h. Nichtstaatlichkeit. Zudem ist es ein Zwangskontext, was das Vertrauensverhältnis zusätzlich erschwert. Wie parteilich oder niedrigschwellig die Angebote aus Sicht der Zielgruppe sind, ist ebenso fraglich. Man versucht, mit dem Brecheisen Aufgaben zu erledigen, für die man keine Kompetenz hat.

    (Psychosoziale) Beratung liefert wer? Die Soziale Arbeit. Wovon hatte nie eine Regierung Ahnung? Von Sozialer Arbeit.

  7. 1.

    Die einzig Vernünftige Lösung liegt im Verbot der Prostitution und der Strafverfolgung der Freier, wie das u.a. in Schweden sehr erfolgreich der Fall ist. Schließt den Puff Europas: Deutschland!

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