Die Geschichte des 8. März (Quelle: dpa/imago)
Video: Abendschau | 08.03.2019 |Timo Fabian Nicolas und Florian Eckardt | Bild: dpa/imago

Geschichte des 8. März - Wie New Yorker Fabrik-Arbeiterinnen zum Frauenkampf riefen

Die Idee, den Frauentag am 8. März ab 2019 zu einem Berliner Feiertag zu machen, hatte eine SPD-Politikerin aus Marzahn-Hellersdorf. Doch die Geschichte des "Frauenkampftags" reicht weit zurück. Sie beginnt in New York - vor 111 Jahren. Von Margit Miosga

Die Idee zum Frauenkampf kommt aus New York. Dort hatten am 8. März 1908 Tausende von Textilarbeiterinnen die Arbeit niedergelegt und waren gegen die brutalen Zustände in den Fabriken auf die Straßen gegangen. 1909 feierten die Frauen auf Initiative der Sozialistischen Partei von Amerika - ja, so was gab es mal - einen nationalen Frauentag, um den Kampf der Schneiderinnen zu ehren.

Archvibild: Zwei Frauen beim Streik der Näherinnen in New York im Jahr 1909 (Quelle: Everett Collection/ dpa)
Arbeiterinnen in New York streiken im Jahr 1909. | Bild: Everett Collection/ dpa

Clara Zetkin etablierte den "Frauenkampftag"

Der Funke sprang über nach Europa. Auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz ein Jahr später in Kopenhagen initiierte Clara Zetkin, damals hatte sie den Titel "Internationale Sekretärin der Genossinnen", den Frauentag. Ihr Vorschlag, einen Internationalen Frauenkampftag zu etablieren, wurde angenommen. Im Jahr 1911 gingen alleine in Deutschland rund eine Million Frauen unter der Devise "Heraus mit dem Frauenwahlrecht" auf die Straßen. 1911 fand der Frauentag übrigens noch nicht am 8. März, sondern am 19. März statt.

Dass der Frauenkampftag von 1921 an immer am 8. März zu feiern ist, beschloss die 2. Kommunistische Frauenkonferenz. Sie legte dieses Datum fest im Gedenken eines Streiks von Textilarbeiterinnen in St. Petersburg, nicht in New York.

Der 8. März im Nationalsozialismus

Sofort mit der Machtübernahme 1933 verboten die Nazis den roten Kampftag. Aber es gab eine subversive Art, den Tag trotzdem zu begehen. In Stadtteilen, in denen viele Arbeiterfamilien lebten wie im Wedding und Moabit, hingen die Frauen morgens die damals üblichen roten Inletts der Betten aus den Fenstern, das sah dann so aus, als ob die Frauen ihre Betten lüfteten. Wenn sie das aber straßenzugweit taten, glich es dem Aushängen von roten Fahnen.

Es ist übrigens nicht richtig, dass die Nazis den von ihnen verbotenen Internationalen Frauentag in den Muttertag umgeformt hätten, den sie mit allem Nachdruck feiern ließen. Beide Tage, der 8. März und der Muttertag, wurden bereits in der Weimarer Zeit begangen.

Der 8. März im KZ

Selbst im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück haben Frauen versucht, den Internationalen Frauentag zu begehen. Eine inhaftierte Frau hat aufgeschrieben:

"Der Internationale Frauentag wurde in jedem Jahr auf irgendeine Weise international begangen. Entweder sang oder summte man beim Appellstehen des Morgens die Internationale in allen Sprachen. Am Tage oder abends fanden sich überall an vorher gesicherten Stellen kleine Gruppen von Frauen zusammen und diskutierten über die Bedeutung des Tages. Insgemein steckte man sich roten Fäden an die Kleider. Die sowjetischen Kameradinnen schmückten mit roten Lappen oder einer Blume heimlich ein Eckchen im Schlafraum."

Erich Honecker (GDR/Staats- und Parteichef) hält eine Rede anlässlich einer Feier zum Internationalen Frauentag in Berlin (Quelle: Imago/ Stana)Der Frauentag in der DDR war staatsorganisiert.

Der Internationale Frauentag im Nachkriegsdeutschland

Mit der Gründung beider deutschen Staaten spaltete sich die Geschichte des Internationalen Frauentags auf. In der DDR etablierte das Regime einen gelenkten Feiertag, in den Betrieben servierten die Männer das Frühstück für ihre Kolleginnen und überreichten rote Nelken, Reden auf "unsere Muttis" wurden gehalten.

In der Bundesrepublik wurde der 8. März erstmal vergessen. Das änderte sich in den 1960er-Jahren, als SPD- und Gewerkschaftsfrauen, aber auch Teile der autonomen Frauenbewegung versuchten, diesen Tag wieder für ihre eigenen Interessen zu nutzen.

Nach dem Fall der Mauer

Am 8. März 1990 passierte erstmal nichts mehr. Die Frauen in der DDR hatten genug von inszenierten Feierlichkeiten, in der Bundesrepublik interessierte sich niemand für die Wiederbelebung des sozialistischen Brauchtums.

Lautstarke Aufforderungen dieser Leipziger Ordnungshüterin, die von Frauen besetzte Kreuzung am Augustusplatz in Leipzig zu räumen, brachten ihr nicht nur harsche Erwiderungen der Protestierenden, sondern auch eine Frauentagsblume in Form einer Distel ein. Der DGB hatte zu Frauenprotesten und -aktionen am 08. März auf dem Augustusplatz in Leipzig aufgerufen (Quelle: dpa/ Grubitzsch)Frauen streiken am 8. März 1994 in Leipzig.

Dann kam das Jahr 1994 und den Frauen gelang am 8. März erstmalig eine gesamtdeutsche Aktion unter dem Slogan "Jetzt schlägt es 13". Die "Frankfurter Rundschau" schrieb einen Tag später: "Frauen schlagen für ihre Rechte Krach! Aktionen von Kap Arkona bis zur Zugspitze. Vom Hexenfrühstück bis zum Pfeifkonzert reichten die Aktionen, mit denen am Internationalen Frauentag Demonstrantinnen für ihre Rechte eingetreten sind."

Aber der elanvolle Streik von 1994 blieb folgenlos, vermutlich weil sich die Frauen aus Ost und West doch ziemlich fremd waren. Sowohl ihre Lebenswirklichkeiten wie ihre Wünsche unterschieden sich zu sehr.

8. März aktuell

Jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, ist eine neue Generation Frauen herangewachsen. Vor allem diese jüngeren Frauen vernetzen sich und bereiten republikweite Proteste und Streiks vor. Der 8. März 2019 soll der Auftakt für einen kämpferischen Frauentag werden – und zwar in jedem Jahr. Den in Berlin verordneten Feiertag halten die meisten für eher hinderlich, aber sie hoffen trotzdem auf eine hohe Beteiligung. Fast täglich treffen sich in den Berliner Bezirken Frauengruppen und-grüppchen zur Vorbereitung unterschiedlicher Aktionen: Slogans für die Demonstrationen werden entwickelt, Flugblätter debattiert, Hashtags verlinkt.

Die heute jungen Frauen haben das Datum gekapert, Ost und West scheinen keine Rolle mehr zu spielen. Das lässt sich auch im Internet sehen. Unter dem Hashtag #girlzonstrike haben junge Frauen und Mädchen Fotos von sich ins Netz gestellt, auf denen sie sich Schilder vor die Brust halten mit Sätze wie: "Ich streike am 8. März, weil ich es wert bin" oder "Ich streike am 8. März, weil ich keinen Bock mehr habe, beim Reden unterbrochen zu werden" oder "Ich streike, weil ich mehr bin als Arsch und Titten".

Archivbild: Iris Spranger (SPD) nimmt am 08.10.2016 in Berlin nach den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Linken und Grünen an einer Pressekonferenz teil (Quelle: dpa/ Gambarini)Die SPD-Abgeordnete Iris Spranger hatte die Idee den 8.März als Feiertag zu begehen.

Sendung: 08.03.2019, 09.00 Uhr

Beitrag von Margit Miosga

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Bitte daran auch denken: Bei dem Streik der Textilarbeiterinnen am 8. März 1857 in New York, den sie für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen organisierten, wurden 129 Frauen ermordet.

  2. 2.

    Das ist wirklich ein interessanter beitrag, hab ich mir dreimal angehört.

  3. 1.

    @rbb Gibt es immer noch (umbenannt seit 1973) Socialist Party USA ;) Als Kleinstpartei von ca. 1.000 - 1.500 Mitgliedern und Parité Besetzung mit Hauptsitz in New York City's China Town. Hier ein Bild des Hauptquatiers auf Manhatten Island in einem lustigen Beitrag der New York Times zur "sozialistischen Bankenfinanzierung" in der Krise 2008:
    www.nytimes.com/2008/10/21/nyregion/21rooms.html
    "The party is strongly committed to principles of socialist feminism and strives to further embody such commitment in its organizational structure. Its national constitution requires gender parity among its national Co-Chairs and Co-Vice Chairs, its National Committee members and alternates and seated members of its branch- and region-elected delegations to the party's biennial National Conventions... [Stephanie Cholensky is Convener of the party's Women's Commission]"
    https://en.wikipedia.org/wiki/File:Stephanie_Cholensky,_2014.jpg
    https://en.wikipedia.org/wiki/Socialist_Party_USA

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