Symbolbild: Kinder laufen in einer Kindertagesstätte rum (Quelle: dpa/ Skolimowska)
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Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 20 - "Wir hätten sogar zwei Kitaplätze zu vergeben"

Dann geht auf einmal alles ganz schnell: Nach mehr als einem Jahr der Suche kommt ein Anruf von einer Kita. Dann Kita besichtigen, Vertrag unterschreiben, fertig - und endlich Zeit für elterlichen Trennungsschmerz. Von Tina Handel 

Wir sind, mal wieder, auf dem Weg zu einer Kita. Aber dieses Mal ist alles anders. Die Kita hat uns eine E-Mail geschrieben mit dem elektrisierenden Betreff "Kurzfristig Kitaplatz frei!".

Wir sind aufgeregt, ein bisschen nervös, als wir an einem späten Nachmittag durch Friedrichshain laufen. Es sei alles so kurzfristig, dass wir gleich den Kitagutschein mitbringen sollten, stand in der Mail. Wir seien "gemeinsam mit einigen anderen Eltern eingeladen". Wie viele werden das wohl sein? Und wie wird dann entschieden, wer den Platz bekommt? Wir schauen uns um, als wir an der kleinen Kita ankommen und unseren Sohn aus dem Kinderwagen hochheben, sehen aber bislang keine anderen Eltern, die mit Baby auf das Tor zusteuern. Stattdessen typische Kita-Rush-Hour um halb fünf: Mütter und Väter holen ihre Kinder ab, schnallen sie auf Fahrräder, rollen in den lauen Winterabend.

Die Konkurrenz ist schon da

Drinnen wartet schon ein anderes Elternpaar mit seinem Sohn, fast zwei Jahre alt, blaue Latzhose und wilde blonde Haare. Wir begrüßen uns freundlich, aber jedem ist klar: Das hier könnte eine Konkurrenzsituation werden. Immer blöd. Während Junior* sich an einem Kaufmannsladen hochzieht und das Spielzeug-Gemüse auf den Boden wirft, sagt die Kitaleiterin: "Ich habe vier Familien eingeladen, wir warten am Besten einen Moment, ob noch jemand kommt."

Also machen wir mit zwei Kindern die Führung durch die Räume, schauen uns die Mini-Toiletten und die Rutsche vom Hochbett an. 30 Kleinkinder werden hier betreut. Wenn man über die Straße draußen geht, kommt man in den eigenen Garten der Kita. Die Leiterin erzählt, dass sie mehrere Wochen spielzeugfreie Zeit im Jahr haben. Dann sei den Kindern "am Anfang etwas langweilig", aber danach würden sie sich eine Menge einfallen lassen. Ich denke daran, dass der beste Kumpel von Junior* gerade ein kleiner weißer Plastikeimer ist. Der stand früher im Bad, jetzt muss er überall mit. Junior* kann ihn ewig durch die Wohnung kicken, beim Rollen zuschauen, Dinge rein- und rauslegen. Was zählt eigentlich als Spielzeug?

Und dann ist der Vertrag da

Nach einer Dreiviertelstunde haben wir alles gesehen – nur die Platzfrage ist noch nicht geklärt. Alle schauen die Leiterin erwartungsvoll an, als sie sagt: "Also wir hätten sogar zwei Plätze zu vergeben. Insofern könnte ich Ihnen beiden jetzt einen Platz anbieten."

Alle atmen durch. Ja, mmmh, dann. Das andere Paar hat nur einen Kitagutschein für eine Halbtagsbetreuung und hatte bisher gar nichts gefunden, weil das für die Kitas finanziell nicht so attraktiv ist. Wir geben unseren Ganztagsgutschein ab. Händeschütteln.

Ein paar Tage später liegt der Vertrag auf unserem Tisch. Mehr Seiten, als ich gedacht hätte. Kitaregeln, Zuzahlung fürs Mittagessen, Fotoerlaubnis. Ich fülle noch die Liste aus, wer alles Junior* abholen darf. Wir haben also einen Kitaplatz! So schnell kann es gehen.

Man muss jederzeit bereit sein

"Ich glaube, es beginnt gerade die Phase, in der man jeden Tag bereit sein muss", sage ich zu einer Freundin, die noch keinen Platz hat, beim Kinderwagen-Spaziergang. "Jetzt kommen plötzlich Anrufe, E-Mails. Die Nachrückerlisten werden leerer." Und dann muss alles immer ganz schnell gehen, ist mein Eindruck: "Ich glaube, zum Zug kommt man nur, wenn man den Termin, den die Kita vorschlägt, möglich machen kann - und wenn man dann gleich alles dabei hat. Kitagutschein und am Besten auch schon eine Idee, wie man das mit der Eingewöhnung organisieren könnte", sage ich.

Meine Freundin vermutet: "Man ist wahrscheinlich schon raus, wenn man fragt: 'Also nächsten Montag kann ich leider nicht, ginge denn auch der Freitag in der Woche drauf?'"

Ich nicke: "Glaube ich auch. Es ist ein bisschen wie bei der Wohnungs- oder Handwerkersuche. Ein Anbieter-Markt."

Plötzlich kommt der Trennungsschmerz

Schon im April soll die Eingewöhnung starten. In diesen Tagen kommen Gefühle hoch, für die vorher keine Zeit und kein Raum war vor lauter Kitaplatzsuche: Wehmut, Trennungsschmerz, Ängste. Sowas. Wir müssen lernen, damit umzugehen, dass wir unser Kind bald regelmäßig für mehrere Stunden am Tag abgeben. Nicht mal nur einen Abend an seine Oma. Werden die größeren Kinder ihn einfach umrennen? Welche Krankheiten wird er sich als erstes einfangen?

Eines Nachts wache ich gegen 3 Uhr plötzlich auf – nur ein Gedanke: Hatte das mehrere Meter große Hochbett für den Mittagsschlaf eigentlich ein ordentliches Gitter? Könnte er da herunterfallen? Ich nehme mein Smartphone, gehe auf die Internetseite der Kita und klicke mich durch die Fotogalerie: Ja, da ist es, ein stabiles Holzgitter, bestimmt einen Meter hoch, sieht sicher aus. Dann versuche ich weiterzuschlafen.

*Junior: Natürlich heißt unser Sohn anders, aber was er später einmal im Internet macht, soll er selbst entscheiden.

Kitajagd – Berlin, der Platzkampf und ich. Tagebuch einer Suche

Tina Handel hat Monate vor der Geburt ihres Kindes begonnen, einen Kitaplatz zu suchen, im Oktober 2017. Mittlerweile ist ihr Kind ein Jahr alt - und endlich hat die Suche ein glückliches Ende gefunden. Über den langen Weg dorthin hat Tina Handel regelmäßig in einem Tagebuch bei rbb|24 berichtet.

Beitrag von Tina Handel

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