Eine tote Honigbiene liegt auf einer gelben Blüte (Bild: imago)
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Video: Brandenburg Aktuell | 15.04.2019 | Andreas B. Hewel | Bild: imago stock&people

Zweite Volksinitiative zum Artenschutz - Brandenburger Naturschützer wollen Pestizidverbot ausweiten

Seit Montag können Brandenburger auf zwei verschiedenen Unterschriftenlisten ein Zeichen für mehr Insektenschutz setzen. Nach der ersten Volksinitiative am Freitag ist nun die zweite gestartet. Unter den Initiatoren gibt es erbitterten Streit.

Umwelt- und Naturschutzverbände haben am Montag damit begonnen, Unterschriften für eine Volksinitiative zum Schutz von Insekten zu sammeln. Die Initiative "Artenvielfalt retten - Zukunft sichern" strebt eine pestizidfreie Landwirtschaft an, um die Insekten zu schützen. Auch Gewässerrandstreifen und die Förderung von Ökolandbau gehören zu den Forderungen. Die Populationen von Faltern, Bienen und Käfern sowie ihr Artenreichtum sollen erhalten werden.

"Das Artensterben findet nicht in fernen Ländern statt, sondern direkt hier in Brandenburg vor unserer Haustür", sagte der Vorsitzende des Naturschutzbundes Brandenburg (NABU), Friedhelm Schmitz-Jersch, in Potsdam. Vor allem die Fördermittelpolitik des Landes müsse deutlich verändert werden. Bisher würden nur 50 Millionen der 500 Millionen Euro Fördergeld (für die Landwirtschaft) in den Naturschutzinvestiert – hier sei die Landesregierung immer noch viel zu nachlässig. 

NABU: Vorgehen der Konkurrenz "unseriös"

Die Verbände bemängelten eine konkurrierende Unterschriftensammlung, die bereits am Freitag vom Landesbauernverband und von Landnutzern angestoßen worden war. Diese sei gestartet worden, "um uns den Wind aus den Segeln zu nehmen", so der Brandenburger NABU-Vorsitzende Friedhelm Schmitz-Jersch. Man könne das auch als "unseriös" bezeichnen. 

Der stellvertretende Brandenburger BUND-Vorsitzende, Thomas Volpers, kritisierte dass die Konkurrenten auf Frewilligkeit setzen. Das habe in den vergangenen 20 Jahren nicht funktioniert. "Insbesondere hat in den letzten fünf Jahren unsere Landesregierung völlig versagt im Rahmen des Umweltschutzes." Deshalb brauche es ein konkretes Gesetzesvorhaben und einen grundsätzlichen Strukturwandel.

Unter den Imkern finden sich Unterstützer beider Seiten. Der Landesverband Brandenburgischer Imker wirbt für die Initiative des Bauernverbandes. Die Aurelia-Stiftung als Lobbyverband der Imker, stellt sich auf die Seite der Naturschützer.

Streit über die Maßnahmen

Die Unterschriftensammlung, die bereits seit Freitag läuft, steht unter dem Motto: "Mehr als nur ein Summen - Insekten schützen, Kulturlandschaft bewahren!". Damit werben die Landwirte vor allem im ländlichen Raum um Unterstützung durch die Bevölkerung.

Ziel der nun in Konkurrenz zueinander gestarteten Volksinitiativen ist es, jeweils mindestens 20.000 Unterschriften zu sammeln, um das Thema im Potsdamer Landtag auf die Agenda zu bringen. Beide Gruppen könnten den Forderungen der Konkurrenz damit den Wind aus den Segeln nehmen. Obwohl es beiden Lagern am Ende um einen besseren Artenschutz geht, herrscht seit Langem Streit darüber, welche Maßnahmen dafür die richtigen sind.

Als Bienen kostümierte Naturschützer sammeln am 15.04.2019 in der Innenstadt Potsdams Unterschriften für die Volksinitiative "Artenvielfalt retten - Zukunft sichern" der Brandenburger Naturschutzverbände. (Bild: dpa/Bernd Settnik)
Naturschützer sammeln in Potsdam Unterschriften für die Volksinitiative der Naturschutzverbände | Bild: dpa/Bernd Settnik

Naturschützer fordern Umsetzung des Pestizidverbots

Die Naturschützer fordern vor allen Dingen, dass das Pestizitverbot in Naturschutzgebieten konsequent umgesetzt und auf "Flora-Fauna-Habitat"-Gebiete erweitert wird. Das sind Gebiete, die unter eine europäischen Naturschutzrichtline zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie wildlebender Tiere und Pflanzen fallen. Auch außerhalb der Schutzgebiete soll der Einsatz von Pestiziden deutlich verringert werden, wie es auf der Seite der Initiative heißt.

Die Verbände des ländlichen Raums aber wollen solche verbindlichen Festlegungen unbedingt verhindern. Sie schlagen eine Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln und eine Koordinierungsstelle für Insektenforschung vor. Wolfgang Scherfke, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbands, hatte die Position der Naturschützer in der vergangenen Woche sogar als rücksichtslos bezeichnet.

Der Bauernverband hatte versucht, Nabu und BUND für seine Idee einer gemeinsamen Volksinitiative zu gewinnen. Ein Treffen am vorigen Mittwoch blieb aber ergebnislos. Der Nabu-Landesvorsitzende Friedrich Schmitz-Jersch sagte daraufhin dem rbb: "Wir alle wissen, wie sich der Pestizideinsatz, die Überdüngung der Landschaft, auswirkt." Auch die fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft wirke sich negativ auf die Artenvielfalt aus.

Mit Blick auf den Landesbauernverband fügte Schmitz-Jersch hinzu: "Das bedauere ich, dass diese Konfrontation heraufbeschworen wird. Aber wir sind das Original, die anderen versuchen nur, uns zuvorzukommen mit einer ganz halbgaren Luftnummer."

Umweltminister versucht es mit Blüh- und Ackerstreifen

Vorige Woche hatten am Donnerstag auch die Abgeordneten des Brandenburger Landtags über Maßnahmen gegen das Aussterben von Insekten und insektenfressenden Vögeln debattiert. Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) hatte angekündigt, Blüh- und Ackerstreifen künftig zu fördern. 700 Euro stünden dabei pro Hektar für einjährige und mehrjährige Blühstreifen sowie für Ackerrandstreifen bereit, die nach der Aussaat bis zur Ernte nicht bewirtschaftet werden sollen. Die Richtlinie solle mit sechs Millionen Euro für mindestens 8.500 Hektar ausgestattet werden.

Vogelsängers Ministerium appellierte zudem in einer Mitteilung an die Landwirte, die bereits geltenden Regeln für den Bienenschutz einzuhalten: Der Bienen zuliebe sei während der Blüte von Pflanzen auf chemischen Pflanzenschutz weitgehend zu verzichten, hieß es. Bestimmte Pflanzenschutzmittel dürften niemals in blühende Pflanzenbestände ausgebracht werden.

CDU unterstützt Landwirte, Grünen stehen hinter Umweltschützern

Die Förderung von Grünstreifen durch das Landwirtschaftsministerium bezeichnete Benjamin Raschke, umweltpolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, als "kosmetische Maßnahme". Die Grünen fordern für einen besseren Artenschutz ähnlich wie die Umweltverbände ein flächendeckendes Verbot von Pestiziden in Brandenburg.

Die Landwirte hingegen bekommen Unterstützung aus der Union. In der Debatte am Donnerstag warf der CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski der rot-roten Landesregierung vor, beim Artenschutz wertvolle Zeit vergeudet zu haben. "Insektenschutz muss endlich als gemeinsame Aufgabe von uns allen verstanden werden." Die CDU werde den von Landnutzern, Bauern und Imkern geplante Volksinitiative nach vollen Kräften unterstützen.

Sendung: Inforadio, 15.04.2019, 6.00 Uhr

Hinweis: In einer früheren Version des Textes schrieben wir: "Die Naturschützer fordern vor allen Dingen flächendeckende Verbote für den Einsatz von Pestiziden." Dies ist so nicht korrekt. Die Naturschützer fordern, dass das Pestizitverbot in Naturschutzgebieten konsequent umgesetzt wird und auf "Flora-Fauna-Habitat"-Gebiete erweitert wird. Auch außerhalb der Schutzgebiete soll der Einsatz von Pestiziden deutlich verringert werden. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Kommentar

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17 Kommentare

  1. 17.

    Injektizide werden nicht nur beim Anbau unserer "Lebensmittel" verwendet. Zum Beispiel werden 15% des gesamten Welteinsatzes beim Anbau von Baumwolle eingesetzt. Und die wächst nicht in Deutschland. Das heißt, es ist ein weltweites Problem und somit ist auch der Umweltschutz ein weltweites Problem. Aber einer muss aunfangen wenn sich was ändern soll.
    Der Einsatz von erneuerbarer Energie durch Windräder ist im Ansatz nicht verkehrt. Aber die Auswirkungen auf die Natur sind negativ. Ganze Bergkuppen werden abgeholzt, Felder und Wiesen werden dafüe genutzt und wie hier schon viele gesagt haben führt dies zu enormen Artensterben. Zum Beispiel wurden durch die Windräder div. Fledermausarten dezimiert. Nicht weil sie in die Räder fliegen, sondern weil sie durch die große Druckwelle platzen.
    Die einzelen Vogelarten haben unterschiedliche Flughöhen und so sind gerade unsere Greifvögel oder solche Vogel-, oder Insektenarten die in Höhe der Rotoren fliegen davon betroffen.

  2. 16.

    Sind Sie der Meinung ,dass es keine Landwirte gibt, die es wirklich ernst meinen? Schade, aber mit den Worten bekennen sich viele mehr zu tun nur,die Taten bleiben aus. Sollten wir nicht gemeinsam den Dialog führen?

  3. 15.

    „Obwohl es beiden Lagern am Ende um einen besseren Artenschutz geht“ – Der war gut. Seit wann geht es Agrarindustriellen, Hühnerbaronen und Bodenspekulanten um Artenschutz? Der Sinn ihres Volksbegehrens ist, alle Artenschutzmaßnahmen zu verhindern, die ihnen nicht in den Kram passen.

  4. 14.

    Wie kommen Sie darauf, dass die EU riesig aufgebläht ist? Die gesamte EU hat weniger Mitarbeiter als das Land Brandenburg – und das bei 550 Millionen Einwohnern!

    Es ist auch nicht der Job der EU, wissenschaftliche Lösungen zu präsentieren. Sie ist eine Verwaltung und kein Forschungsinstitut. Ganz abgesehen davon, dass die umweltpolitisch Unbelehrbaren sich ja auch von Wissenschaftlern nichts sagen lassen, nach dem Motto: „Mir doch egal, was ihr alles wisst – ich glaube schon was Anderes!“ Bei den Klimawandelleugnern und den Lobbyisten der Agrarindustrie ist mit wissenschaftlichen Argumenten genauso viel auszurichten wie bei Impfgegnern. Das ist ja nicht nur eine Glaubensfrage; es geht auch um Fragen der Lebensweise – und bei den Agrarindustriellen um handfeste materielle Interessen.

  5. 13.

    „und es sich bei CO2 de facto um ein Spurengas handelt, dessen menschgemachter Anteil zudem praktisch gegen Null geht“ – So etwas liebe ich ja ganz besonders, wenn ein „Biologe“ sich mit Klimatologie besser auskennt als alle Klimatologen zusammengenommen. Die Relativitätstheorie können Sie wahrscheinlich auch mit links widerlegen, und das Perpetuum mobile haben Sie schon längst erfunden.

    Was Menschen sich alles einfallen lassen, um sich einreden zu können, es ging ewig so weiter wie sie es gewohnt sind …

  6. 12.

    „Milliarden von Insekten werden von den ach so grünen Windrädern erschlagen, den Vögeln die Nahrungsgrundlage entzogen und zig Raubvögeln die Lebensgrundlage.“ – Während Pestizide und Monokulturen das Bekömmlichste sind, was der Mensch für Insekten und Vögel tun kann.

    „Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ein Greifvogel-Horst "verschwindet", wenn er den WKA im Wege ist.“ – Und das liegt natürlich an den Grünen, nicht etwa am Profistreben des WKA-Betreibers.

    „Ich bin für die Windwende. Weg mit diesen die Landschaft verschandelnden Dingern.“ – Klar, der Strom kommt schließlich aus der Steckdose. Und wie schön sind Kohletagebaue, wie harmonisch die sich in die Landschaft einfügen!

    „Vielleicht auch mal wieder einen Mai- und einen Junikäfer oder Grashüpfer auf nicht bis auf 1mm abgemähten Wiesen.“ – Wegen der Windräder wird der Rasen auf 1mm abgemäht? Sie werfen ja wirklich alles zusammen, was Ihnen gerade in den Kram passt …

  7. 11.

    Woher nehmen Sie die Erkenntnis, dass ich das ausblende? Hab ich davon was geschrieben? Natürlich sehe ich die Problematik der Windräder. Was hat das aber mit dem Artikel zu tun? Da ging es um Pestizide. Oder wollen Sie tote Insekten durch Windräder gegen tote Insekten durch Pestizide aufrechnen? Tot ist tot. Und ohne Insekten geht es nun mal nicht.
    Zu 6.: Ich bin mir Ihrer Kompetenz vollkommen sicher.... Und nebenbei, auch wenn das niemanden was angeht: Ich habe noch nie grün gewählt.

  8. 10.

    Absolut richtig! Milliarden von Insekten werden von den ach so grünen Windrädern erschlagen, den Vögeln die Nahrungsgrundlage entzogen und zig Raubvögeln die Lebensgrundlage. Aber das ist der grünen Religion völlig wurscht.
    Da kann es dann schon mal vorkommen, dass ein Greifvogel-Horst "verschwindet", wenn er den WKA im Wege ist.
    Diese Doppelzüngigkeit und Heuchlerei der grünen Mitbürger, da haben Sie völlig recht, ist unerträglich geworden.
    Schluss mit den Windrädern. Ich bin für die Windwende. Weg mit diesen die Landschaft verschandelnden Dingern. Und dann wird Greta mit all den vielen FFF-Kids auch wieder einen Schmetterling oder gar eine Honigbiene beobachten können.
    Vielleicht auch mal wieder einen Mai- und einen Junikäfer oder Grashüpfer auf nicht bis auf 1mm abgemähten Wiesen.

  9. 9.

    Nachdem ich mir etwas mühsam die Seiten zu den Initiativen zusammengesucht habe, kommen bei mir Zweifel auf, ob die Überschrift nicht irritierend und Teile des Texte gar falsch sind. Der Artikel ließt sich als ob die Naturschützer ein generelles Verbot von Pestiziden will. Auf der Webseite der Initiative steht aber

    "Das Pestizidverbot in Naturschutzgebieten muss konsequent umgesetzt und auf FFH-Gebiete erweitert werden. [...] Aber auch außerhalb der Schutzgebiete muss der Einsatz von Pestiziden deutlich verringert werden. "

  10. 8.

    Sehr schade, dass man nicht stärker "back to the roots" vorgeht. Die Industriealisierung der Landwirtschaft ist zu weit gegangen und wir sollten sinnvoll zurückfahren, aber ohne Kurzschlussentscheidungen. Auch sehr schade, dass die EU riesig aufgebläht ist, für dieses Dilemma aber kaum wissenschaftlich abgesicherte Lösungen bietet, die uns in Zukunft weiterhelfen würden. Ich hoffe immernoch auf eine neue und realistisch ökologische Partei.

  11. 7.

    Ich weiß nicht ob es unbedingt unser Ziel sein sollte das Bestäuben der Bäume von Hand durchzuführen, so wie es in Teilen von China schon ist, weil es dort eben keine fliegenden Insekten mehr gibt.
    Ein nachhaltiger Umgang mit unserer Natur sollte ein hohes Gut sein. Den Fleischkonsum kann man dafür gern wieder senken. Dann braucht es auch nicht mehr so viel Fläche für Futteranbau etc.

  12. 6.

    Ein Insektensterben monokausal an Pestiziden festzumachen, zeugt nicht gerade von übermäßiger Kompetenz. Das ist ähnlich qualifiziert, wie den Treibhauseffekt auf CO2 zurückzuführen, obwohl bekanntlich Wasserdampf für 2/3 des Treibhauseffektes verantwortlich ist und es sich bei CO2 de facto um ein Spurengas handelt, dessen menschgemachter Anteil zudem praktisch gegen Null geht. Aber mit Fakten und differenzierter Betrachtung läßt sich nur schwer Panik machen.

  13. 5.

    Ihnen fehlt doch der Überblick. Ihresgleichen blenden z.B. die Rolle der Windräder mit ihrer milliardenfachen Insektenvernichtung völlig aus. Das ist so unredlich wie heuchlerisch.

  14. 1.

    Wenn die "Naturschützer" künftig die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen, sollen sie das gerne fordern dürfen.

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