Berliner Mauer vor 1989. Quelle: dpa/Norbert Michalke
Video: Brandenburg aktuell | 10.04.2019 | Gabi Probst | Bild: dpa/Norbert Michalke

Nach rbb-Recherchen - Grütters distanziert sich von Studie zu Grenztoten

Eine Studie kam 2017 zu dem Schluss, dass es an der innerdeutschen Grenze 327 Tote gegeben haben soll. Doch rbb-Recherchen zeigten, dass das nicht stimmt. Nun hat sich auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters von den Zahlen distanziert. Von Gabi Probst

Die Zahl der 327 "Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze", die 2017 erstmals in einer Studie veröffentlicht worden war, will Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nicht mehr nennen. Das machte sie am Dienstagabend während einer Podiumsdiskussion in Berlin deutlich.

Ihre Distanzierung sei Folge einer Überprüfung durch ihr Haus und andere Wissenschaftler, so Grütters. Strittige Fälle wurden dabei herausgenommen. Aber: "Mindestens 140 Mauertote an der innerdeutschen Grenze werden von den meisten Wissenschaftlern anerkannt", sagt Grütters in einem Bericht, der am Mittwoch im ARD-Mittagsmagazin ausgestrahlt wurde.

Die Studie, die 650.000 Euro gekostet hat, war 2012 vom damaligen Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in Auftrag gegeben worden. 2017 hatte Grütters das Handbuch vorgestellt, gemeinsam mit den beiden Autoren Klaus Schroeder und Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin. "Es ist eine valide Zahl, die wir jetzt ermittelt haben", sagte Staadt bei der Präsentation. Die Zahl der 327 Mauertoten ging danach um die Welt.

Korrektur nach einjähriger Recherche

Entbrannt ist die Diskussion darüber durch eine einjährige Recherche des ARD-Mittagsmagazins. Im November 2018 zweifelten Reporter der Sendung, die vom rbb produziert wird, mindestens 50 Fälle an: Beispielsweise zählt die Studie auch Offiziere, die Suizid begingen, zu den Todesopfern des DDR-Grenzregimes. 

Fragwürdig ist etwa der Umgang der Studie mit dem Fall Hans S., einem Major der Nationalen Volksarmee, der sich 1988 nach einem Dienstgespräch selbst erschoss. Aus den Akten geht hervor, dass Hans S. jahrelang ein Alkoholproblem hatte. Aufgrund dessen gab es auch berufliche Verfehlungen. Die Studie führt Hans S. unter anderem deswegen als "Todesopfer des DDR-Grenzregimes" auf. Nach Recherchen des ARD-Mittagsmagazins gibt es allerdings Hinweise darauf, dass er als Täter eingeordnet werden kann. So soll er für die Staatssicherheit spioniert und Spitzel angeleitet haben, die wiederum Flüchtlinge verrieten.

Autoren der Studie widersprachen damals den Recherchen des rbb

Die Autoren der Studie widersprachen damals den Recherchen des rbb. Einer Einladung zur Podiumsdiskussion am Dienstag waren die Autoren nicht gefolgt. Auch auf Anfragen des Mittagsmagazins zur aktuellen Diskussion haben sie bislang nicht reagiert.

Auf dem Podium vertrat Maria Nooke, Landesbeauftragte für DDR-Unrecht Brandenburg eine eindeutige Haltung: "Ich finde an der Studie problematisch, dass da Fälle mit einander vermischt werden, die einfach nicht dazu gehören. So dass zum Beispiel Grenzoffiziere, die sich aufgrund einer schwierigen Lebenssituation, weil sie alkoholisiert sind, oder weil sie gerade Probleme im Grenzdienst haben, sich das Leben nehmen. Die kann ich nicht gleich setzen mit Flüchtlingen, die an der Grenze erschossen werden oder von Minen zerfetzt werden."

Der Historiker Christian Sachse forderte als Vertreter der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft: "Ich denke, die Studie muss noch mal gründlich überarbeitet werden, Täter und Oper müssen methodisch sauber getrennt werden."

Auch Monika Grütters wünscht sich eine Fortsetzung der wissenschaftlichen Diskussion.

Sendung: Mittagsmagazin, 10.04.2019, 13.00 Uhr, und Abendschau, 10.04.2019, 19.30 Uhr

Beitrag von Gabi Probst

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19 Kommentare

  1. 19.

    "Letztlich unterstreicht sie damit, dass sie auch in dieser Position unfähig ist. "

    Bringen sie doch endlich mal Fakten statt Diffamierungen und Beleidigungen! Bislangt stellt sich mämlich dadurch heraus wer hier wirklich unfähig ist.

  2. 18.

    Ich finde die Diskussion hochinteressant. Alle Fälle -so wie von Schroeder/Staadt praktiziert - einfach zusammenzuzählen und damit letztlich auf einer Ebene zu betrachten, halte ich für ahistorisch. Den gezeigten Major schmidt kann man nun wirklich nicht als Opfer des SED-Grenzregimes bezeichnen.
    Habe mir das Buch in der Biblothek ausgeliehen und schau mir alles genauer an. Empfehle ich auch den anderen Diskutanten. Trägt allemal zur Versachlichung der Diskussion bei.
    Erstaunlicherweise habe ich im Netz nur eine wissenschaftliche Rezension des Buches gefunden - die allerdings auch den Eindruck erweckt, als wenn ihr Autor das Buch gar nicht gelesen hätte.

  3. 17.

    Der Knabe war's.
    Egal, Frau Grütters hängt ihr Mäntelchen in den Wind und favorisiert eine "eine Fortsetzung der wissenschaftlichen Diskussion." Letztlich unterstreicht sie damit, dass sie auch in dieser Position unfähig ist.
    Auch so werden Steuergelder verpulvert.

  4. 16.

    Ich sehe das Menschenverachtende der Teilung vorrangig gar nicht an politische Vorstellungen gebunden, sondern einfach an die Auswirkungen, die das hatte und in anderen Teilen der Welt noch hat. Das betrifft Jerusalem in anderer Form - also nicht gleichsetzend. Und ich bin froh, dass die Teilung von Frankfurt /Oder versus Slubice, Guben versus Gubin, Görlitz versus Zgorzelec im Sinne der EU-Binnengrenzen formell aufgehoben und allenfalls noch in den Köpfen existiert. Die ungeteilte Stadt ist "höher" als Ansprüche von Regierungen und Nationen.



  5. 15.

    Da sind wir uns einig. Sowohl das (West-)Berliner Abgeordnetenhaus als auch die (Ost-)Berliner Stadtverordnetenversammlung konnten nicht einfach die Geltung der Bundestagsbeschlüsse bzw. Volkskammerbeschlüsse für ihr Gebiet pauschal reklamieren, es musste jeder Beschluss noch einmal bestätigt werden.

    Die DDR hat den Eindruck zu erwecken versucht, als läge der Ostteil Berlins auf ihrem Territorium. Das war nie der Fall gewesen und wurde auch formell - durch die Beschlussbestätigung - auch anerkannt. Durch die großspurige Ausrufung der Hauptstadt, was eigentlich ein Unding war, kam es zu einer faktischen Schizophrenie, etwas anderes verkünden zu müssen, als tatsächlich durch den Vier-Mächte-Status gegeben war.

    Das Verhalten der drei "westlichen" Siegermächte war von reinem (schillernden) Pragmatismus geprägt. Siehe Ihr Beitrag. Nur bei der EINseitigen Ausweitung Ost-Berlins nach Hönow hin, gab es eine formelle Protestnote.

  6. 14.

    Helmut Krüger, 11.04.2019 | 16:36 Uhr:
    "Die Mauer war dadurch menschenverachtend, weil sie eben eine verwobene und miteinander verwachsene Stadt im typisch deutschen Sinne, ausgefeilt bis ins letzte Detail, aufteilte."

    Die Mauer war menschen(rechts)verachtend, weil sich da Diktatoren (Ulbricht, Mielke, Honecker & Co.), die nicht vom Volk demokratisch gewählt wurden, aber sich selber als auserwählt und höher stehend betrachteten, dass Recht herausnahmen, zu bestimmen, wer wohin reisen darf, wer das Land verlassen darf und wer im Land eingesperrt bleibt. Diese Diktatoren betrachteten die DDR-Bevölkerung als ihre Leibeigenen. Es waren Feudalherren. Sie waren durch NICHTS demokratisch legitimiert. Sie bestimmten durch eine Art Wächterrat (wie es ihn auch im Iran gibt), wer auf die Wahlliste und damit gewählt werden darf und wer nicht. Und natürlich waren dies nur treu Untergebene.

    Es ist ein Menschenrecht, dass jeder jederzeit jedes Land - auch sein eigenes - verlassen darf!

  7. 13.

    "Westberlin" gehörte auch nicht zum Bundesgebiet - es war, wie Gesamt-Berlin, unter alliiertem Status. Nur dass die DDR illegalerweise und mit Billigung der UdSSR eigene Truppen, wie die NVA in der sogenannten Hauptstadt der DDR stationieren durfte - was definitiv nicht dem Vertrag der Wannseekonferenz entsprach, da in Berlin auf seiner ganzen Flächen offiziell nur Streitmächte der alliierten Siegermächte stationiert werden durften.
    "Westberlin" war nur durch die Grenzziehung der DDR-Regierung als solches ein Teil der Stadt, aber keine Bundesgebiet, denn auch West-Berliner Bürger hatten nur einen "Behelfsmässigen Personalausweis" - selbst da hat die DDR-Regierung die Bürger Ost-Berlins mit DDR-Personalausweisen ausgestattet und Unrecht zu Recht erkoren.
    So - wer hat´s also erfunden? Der "Westen" in dieser Beziehung sicher nicht.
    Das ist keine Wertung, dass der Westen besser gewesen sein soll - und die Toten der Mauer mahnen immer noch.....

  8. 12.

    Ich sehe eine "schräge" Argumentation durchaus auf beiden Seiten. Auf der einen Seite das Verheerende der Berliner Mauer v. a. mit der Zahl der Toten zu definieren, die entlang dieses Ansinnens dann natürlich nicht hoch genug sein kann. Auf der anderen Seite die Herabwürdigung der Mauer zu einem ganz normalen Bauwerk, weil es nun einmal Usus jedes Staates sei, per "Schusswaffengebrauchsverordnung " - so hieß das Ding ja tatsächlich - Ordnung einkehren zu lassen.

    Selber empfinde ich den Streit als kleinlich, auch wenn das die Angehörigen der Erschossenen und sonst zu Tode Gekommenen anders sehen. Die Mauer war dadurch menschenverachtend, weil sie eben eine verwobene und miteinander verwachsene Stadt im typisch deutschen Sinne, ausgefeilt bis ins letzte Detail, aufteilte. Im Abwasser, in der Sch ..., waren die beiden Berlins vereinigt und war Berlin ungeteilt, beim Frischwasser nicht. Vielleicht ein Sinnbild, was die AUSwirkungen des eigenen Handelns angeht.

  9. 11.

    Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Die Definition für "Mauertote" steht fest, Würde jetzt daran gerüttelt - die jahrelang westlich dominierte und z.T. undifferenzierte Geschichtsschreibung würde möglicherweise Risse bekommen ... Im Moment ist es gut so wie ist, auf einer Seite die bösen Stasi- und Parteibonzen, auf der andren die Guten. Ist doch einfach zu verstehen...

  10. 10.

    "Da wird unterschiedlich statistisch konstruiert, je nach Interessengruppe."

    Sie sagen es, dieser "Forschungsverbund" ist schon eine illustre Gesellschaft, besonders die beiden Autoren Klaus Schroeder und Jochen Staadt und man tut gut daran erneut eine Studie, diemal unter streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten, zu erstellen. Diese "Forscher" verwechseln offensichtlich häufiger Wissenschaft und ihr eigenes Weltbild miteinander.

    https://www.tagesspiegel.de/wissen/forscher-der-fu-berlin-studie-schuert-angst-vor-gefahr-von-links/14749314.html

  11. 9.

    Sie haben schon ganz richtig verstanden, worum es hier geht: Bei DIESEM Sozialismus ist die Zahl der Todesopfer sehr, sehr wichtig. Und es ist völlig korrekt, festzustellen: Über gerade mal 140 Tote kann man schon mal hinweggehen. War also alles nicht so schlimm. Und gab doch auch viel Gutes. Und wenigstens konnte man sich abends als Frau auf die Straße trauen. Und die staatliche Kinderbetreuung und der grüne Abbiegepfeil und die Tempolinsen und das Sandmännchen bla bla bla ...

  12. 8.

    Die Fragen des Berliner sind nicht schwer zu beantworten. Warum einer von 187? Weil der rbb hier kein 300-Seiten-Buch produzioert und leider auch keine 45-Minuten-Doku, leider!Der rbb hat aber auch schon im November etliche haarsträubende Fälle geschildert, einfach recherchieren! Allerdings finde ich auch, das Frauu Grütters die Namen ihrer 140 "anerkannten" Todesopfer nennen sollte, dass jeder selbst im Buch überprüfen kann. Was ist mit den anderen, z.B: Inhaltierten? Die waren nicht Teil des Forschungsauftrages, sind Gegenstand anderer Studien! Opfer an den Ostblockgrenzen + Ostsee werden derzeit untersucht. Man kann nicht alles auf einmal machen. Einfach recherchieren! Warum hat sich Wissenschaft noch nicht geäussert? Gute Frage, fragen Sie die Wissenschaftler! Aber wissenschaftliche Antworten brauchen etwas länger als journalistische Fragen. Aber die Antworten kommen, ganz sicher. rbb Seilschaften? echt Blödsinn. Einfach Buch lesen (v.a. Suizide) + Meinung bilden

  13. 7.

    Da wird unterschiedlich statistisch konstruiert, je nach Interessengruppe.
    Besonders interessant: auf dem Mauerradweg zwischen Zehlendorf und Lankwitz gibt es auf einer Gedenkstele einen besonders " hochgerechneten Mauertoten". Ein Jugendlicher der einige Zeit nach der Auslösung der "DDR" beim Spielen
    Von herabfallenden Mauerteilen erschlagen wurde.

  14. 6.

    Das hat Gründe, man betrachtet sich als Elite, als Speerspitze des Antikommunismus. Es ist nicht das erste Mal wo dieser merkwürdige "Forschungsverbund" von Wissenschaftlern kritisiert wird.

    "Der Historiker Wolfgang Wippermann bewertete die Hauptakteure als „Hobbyhistoriker“ und „nekrophile Antikommunisten“, die Wissenschaft als „politische Peep-Show“ betreiben würden. Auffällig sei, so Wippermann, dass viele Mitarbeiter „auf eine linke Vergangenheit zurück[blicken], die sie mit einem pathologisch wirkenden Eifer bewältigen möchten.“"

    https://de.wikipedia.org/wiki/Forschungsverbund_SED-Staat#Kritik

  15. 5.

    Da kassieren Leute 650.000 € und drücken sich dann vor den Fragen von Reportern. Das ist schon stark unverschämt.

  16. 4.

    Also ein fragwürdiger Fall unter 327 Toten. Was ist mit der Differenz der 186 anderen zu den "mindestens 140 anerkannten" Toten, warum wird dazu vom RBB nichts erwähnt? Die Studie listet doch alle auf, oder? Und was ist mit den Menschen, die nach einem Fluchtversuch in der Haft umgebracht wurden oder aufgrund der Haftbedingungen starben? Was ist mit den vielen, die über andere Ostblockstaaten fliehen wollten und dort an den Außengrenzen zum Westen erschossen wurden?

    Was ist der Anlass, dass der RBB versucht, die Zahl herunterzurechnen, warum wurde die Studie scheinbar nicht längst von der restlichen Wissenschaft widerlegt, wenn sie laut RBB so grob daneben liegt?

    Sorry, RBB, so wirkt der Artikel auf mich wie Verharmlosung durch alte Seilschaften ... Es gibt noch genug Lebenszeugen in Berlin, die von ihren schlimmen Erlebnissen nach Fluchtversuchen erzählen können, abgesehen von der Vielzahl weiterer Opfer (Verletzte, traumatisierte und bestrafte Angehörige, zerstörte Leben).

  17. 3.

    Ich finde die genaue Zahl schon wichtig um zu erfahren wieviele Opfer es an der innerdeutschen Grenze gab. Zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte, vor allem aber in Gedenken an die Toten.

    Da finde ich ihren Verweis auf Steuergelder, mit Verlaub, völlig daneben. Für schwimmenden Schrott und Drohnen die nicht flliegen reicht es ja auch.

  18. 2.

    Ich denke mal, die Zahl der Mauertoten wird sich nicht methodisch sauber feststellen lassen, weil es immer wieder Grenzfälle gibt, wo sich derjenige, der die Waffe anlegt und derjenige, der ohne Waffe flüchtet, nicht idealtypisch trennen lassen.

    Für die Angehörigen der Opfer ist der Tod furchbar. Für die Gesellschaft bleibt der Wahnsinn, eine tausendfach verwobene und verflochtene Stadt per Mauer nahzeu hermetisch zu trennen, Menschen quasi als Eigentum einer verheißenen Gesellschaftsordnung zu begreifen, die bei sogenannter Republikflucht den Tod vor das Leben stellt.

    Die Stadt ist "höher" als der Vereinnahmungsanspruch verschiedenster Seite(n), die sie zu vereinnahmen gedenken. Genausowenig wie der Westen Berlins zum Bundesgebiet gehörte, gehörte der Osten Berlins zur DDR. Die Ausrufung zur Hauptstadt war - so würden wir heute sagen - ein billiges PR-Label. BEIDE mussten alles einzeln "nachbeschließen".

  19. 1.

    Ist doch völlig egal wie die Statistik gezählt wird und ob daran überhaupt etwas stimmt. Hauptsache Steuergelder verpulvert.

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