Religion Berlin Karfreitagsprozession 10. Berliner Karfreitagsprozession am Freitag den 19. April 2019 (Quelle: Imago/ Ditsch)
Video: Abendschau | 19.04.2019 | Erzbischof Heiner Koch im Studio | Bild: Imago/ Ditsch

Karfreitagspredigt - Dröge ruft zu klarer Haltung gegen Antisemitismus auf

"Hier wurde von christlichen Kanzeln Hass gegen Juden verbreitet": Der evangelische Berliner Bischof Dröge hat in seiner Karfreitagspredigt zum Kampf gegen Antisemitismus aufgerufen. Er forderte zudem mehr Aufmerksamkeit für das Leid an den Grenzmauern.

Mehrere hundert Menschen haben sich einer traditionellen ökumenischen Karfreitagsprozession durch Berlins Mitte beteiligt. Die Prozession, bei der ein rund 50 Kilogramm schweres und knapp drei Meter hohes Kreuz über sieben Stationen von der Marienkirche am Alexanderplatz zum Gendarmenmarkt getragen wurde, wurde vom evangelischen Bischof Markus Dröge und dem katholischen Erzbischof Heiner Koch angeführt. Erinnert wurde an das Leiden Jesu Christi und an Menschen, die heute weltweit durch Mauern und Grenzen bedroht sind.

"Auf dem Weg mit dem Kreuz durch die Mitte Berlins erinnern wir an Menschen, die heute leiden, weil Mauern sie trennen von ihren geliebten Angehörigen, von der Freiheit, von einem menschenwürdigen Leben", sagte Bischof Dröge. Den Blick auf dieses Leiden zu richten, sei nicht beliebt. "Karfreitag lehrt uns hinzuschauen, ohne Unterschiede zu machen. Denn in den Augen Gottes ist jedes menschliche Leiden ein Skandal", betonte der Bischof.

In seiner Karfreitagspredigt rief Dröge die Christen zu einer klaren Haltung gegen Antisemitismus auf. Der Karfreitag sei lange Zeit der Tag gewesen, an dem die Mauer zwischen Christen und Juden besonders gefestigt wurde, sagte Dröge laut Redemanuskript in einem Karfreitagsgottesdienst in der Berliner Marienkirche. "Hier wurde von christlichen Kanzeln Hass gegen Juden verbreitet."

Kritik am Evangelisten Johannes

Passionszeit habe in großen Teilen Europas Pogromzeit bedeutet. "Es ist und bleibt erschreckend, dass die Christenheit lange Jahrhunderte aus dem Triumph Gottes über den Tod den eigenen Triumph über das Judentum abgeleitet hat - und vergessen hat, dass Gottes Triumph immer der Triumph der Liebe über den Hass ist", sagte Dröge. "Umso mehr haben wir uns heute dem angestiegenen Antisemitismus mit Entschiedenheit entgegenzustellen", so der Bischof.

Die frohe Botschaft des Evangelisten Johannes am Karfreitag, dass die Macht des Todes gebrochen sei, habe auch eine dunkle Seite, saget Dröge. Das Johannesevangelium gelte unter den Evangelien als besonders judenfeindlich. Die Gegner Jesu würden pauschal als "die Juden" bezeichnet, obwohl doch auch Jesus und seine Jünger Juden waren. Die Juden würden von Johannes als diejenigen dargestellt, die schuld seien am Tod Jesu.

Karfreitagsprozession am Mittag

Die Lektion von Karfreitag sei heute, standzuhalten, wo gelitten und gestorben wird, sagte der Bischof. Den Blick auf das Leiden anderer zu richten, sei nicht beliebt, und gelte für manche als nicht opportun. Je nach politischer Prägung wollten die einen nicht das Leiden an der Mauer zwischen Mexiko und den USA sehen, die anderen nicht das Leiden an der Mauer zwischen Israel und Palästina, und wieder andere wollten nach 30 Jahren nichts mehr vom Leiden der Menschen an der Berliner Mauer hören. "Karfreitag lehrt uns hinzuschauen, ohne Unterschiede zu machen", sagte Dröge. "Denn in den Augen Gottes ist jedes menschliche Leiden ein Skandal."

Gedenken an Opfer des Busunglücks auf Madeira

Dröge rief außerdem dazu auf, der Realität des Todes nicht auszuweichen. "Trauernde,
Geängstigte, Todkranke brauchen nicht sofort den Blick auf Ostern, sondern dass es Menschen gibt, die es aushalten, an ihrer Seite zu bleiben, die wissen, dass sich vieles nicht einfach lösen lässt", sagte Dröge.

Dröge erinnerte zudem an die Brandkatastrophe von Notre-Dame und das Busunglück auf Madeira: "Wie schwer fällt es, solche Bilder des Entsetzens und der Trauer auszuhalten." An Karfreitag richteten die Christen ihren Blick auf den Sterbenden Christus: "Wir halten aus - die Trostlosigkeit und die Grausamkeit des menschlichen Leidens." Vor den Feiertagen hatten das Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ihre Gemeinden dazu aufgerufen, die Osterkollekte ganz oder teilweise für den Wiederaufbau von Notre-Dame zu spenden.

Karfreitag dürfe nicht übersprungen werden, auch wenn es "verlockend" sei, "wegzulaufen - zu den bunten Ostereiern in den Frühlingsgärten". Dröge betonte: "Ohne die Angst zu durchleben und in den Tod zu schauen, können Angst und Tod nicht überwunden werden. Angst und Tod müssen benannt werden, damit sie ihre Macht verlieren."

Sendung: Inforadio, 19.04.2019, 10 Uhr

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8 Kommentare

  1. 8.

    Die "die nationalen&ultrarechten Parteien in Israel" sind erstarkt durch den Umstand, dass ein Frieden mit den Arabern offensichtlich nicht möglich ist.
    Solange die sunnitisch-islamistische palästinensische Terrororganisation Hamas Israel beseitigen und stattdessen einen islamischen Staat dort errichten will, wird das nichts mit einem Frieden.

  2. 6.

    Es reicht nicht gegen Antisemitismus zu sein,was normal in einer gebildeten Gesellschaft sein sollte.Die Kirche sollte auch mal in die eigenen Reihen schaun,und konsequent gegen Kindesmissbrauch auftreten,was nicht gerade ihr Aushängeschild ist.Diese Aufarbeitung vermisse ich !

  3. 5.

    Was für ein erbarmungswürdiger Aufzug.
    Dröge (wie passend auch der Name) findest ein neues Betätigungsfeld: den Antisemitismus. Wie verlogen, feierte man nicht gerade das Luther-Jahr? Und Koch? Statt sich der Probleme der katholischen Kirche zu stellen (tausendfacher Kindesmissbrauch, sexuelle Übergriffe auf Nonnen uvm.) hängt man sich an eine kindliche "Klimaretterin" und vergleicht sie mit Jesus.
    Wie abgefahren! Wie verlogen!

    Schöne Feiertage bei hervorragendem Wetter
    Martina von Hallersleben

  4. 4.

    schlecht informiert!!!Schuld sind die nationalen&ultrarechten Parteien die in Israel seit Jahrzehnten die Politik bestimmen,den Netanjahu kannman jawohl,wie einige andere ,,Staatsmänner nichtvfür vollnehmen...

  5. 3.

    .. wenn Dröge über Antisemitismus spricht hätte die evangelische Kirche besser auf das Lutherjahr verzichtet , den Luther war sich einer von denen , wenn damals sehr zeitgemäß, doch heute unterschiedlich angekreidet, zB .: Turnvater Jahn.

  6. 2.

    Wenn Herr Dröge meint, das Johannes-Evangelium neu bewerten zu müssen, sollte er das zuvörderst in den zuständigen evangelischen Einrichtungen seiner Amtskirche tun, für eine Karfreitagspredigt ist dieses Thema ungeeignet.

    Für die zuhörenden Gläubigen wird so ein historische Aufarbeitung der Exegese nicht im Vordergrund des Interesses stehen, zumal ganz sicher nicht das Johannes-Evangelium vor fast 2000 Jahren heute als nenneswerte Ursache des Antisemitismus zu sehen ist.

    Da sollte sich Dröge bzgl. der aktuellen Ursachen des Antisemitismus besser mal mit dem Historiker Professor Wolffssohn in Verbindung setzen, der seine Auffassung zum aktuellen Antisemitismus in der Neuen Züricher Zeitung skizziert hat:

    https://www.nzz.ch/feuilleton/der-historiker-michael-wolffsohn-sieht-in-einer-radikalisierten-muslimischen-minderheit-den-grund-fuer-wachsenden-antisemitismus-ld.1359869

  7. 1.

    Was für ein allgemeines und tröges Gelabere und in Sachen Antisemitismus auch noch in genau die falsche Richtung. Einklariere Zeichen,, woran die Kirche krankt: an politischer Korrektheit.

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