Christoph Schall wartet auf ein neues Herz (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 03.04.2019 | Bild: rbb

Interview | Christoph Schall wartet auf Spenderherz - "Irgendwann wird der Tag kommen"

Das Herz von Christoph Schall schlägt immer schwächer. Seit vier Monaten lebt er im Krankenhaus und wartet auf ein gespendetes Herz. Das neue Transplantationsgesetz wird die Sache seiner Meinung nach nicht beschleunigen - weil es niemanden verpflichtet.

rbb|24: Herr Schall, in Deutschland sind die Spenderzahlen immer noch viel zu niedrig, um den Bedarf an Organen zu decken. Sie selbst warten auf ein Herz. Gibt es Prognosen, wann Sie mit einem neuen Herz rechnen können?

Christoph Schall: Seriöserweise kann man keine Prognosen aufstellen. Es gibt Fälle, bei denen es schon nach einigen Tagen klappt. Bei anderen dauert es ein Jahr. Für mich glaube ich: Irgendwann wird der Tag kommen. Meistens ist es ja ein Abend, da ereilt einen die Nachricht: 'Packen Sie Ihre Sachen, es gibt ein Organangebot. Sie werden jetzt ins Deutsche Herzzentrum verfrachtet.' Das wird kommen, und das wird überraschend kommen. Wann das ist, weiß ich nicht. Das ist das Schicksal der Wartenden.

Am 1. April ist das neue Transplantationsgesetz in Kraft getreten. Es soll die Wartezeit verkürzen, indem mehr Organe entnommen werden. Glauben Sie, das Gesetz wird das erreichen?

Das Gesetz regelt eine Infrastruktur auf Seiten der Kliniken. Es definiert Personalschlüssel, definiert Zuständigkeiten beim Transplantationsbeauftragten und es stellt Geldmittel bereit. Grundsätzlich ändert es aber nichts an der Spendenbereitschaft der potenziellen Spender. Seit 2012 sind die Spenderzahlen kontinuierlich gesunken. Erst im Jahr 2018 hat es wieder eine Zunahme um rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gegeben. Aber das ist immer noch erst der Stand von 2014. Und an dieser Situation wird das neue Gesetz nichts ändern, weil es einfach auf Seiten der potenziellen Organspender nichts regelt.

Aber die Menschen werden doch schon jetzt umfassend informiert. Alle zwei Jahre bekommen alle Deutschen Informationsmaterial zugeschickt und einen Organspendeausweis, den sie ausfüllen können, wenn sie Organspender sein wollen. Was finden Sie nicht gut daran?

Was wir jetzt haben, ist die Entscheidungslösung. Man kann sich zu einer möglichen Organspende im Falle des eigenen Todes äußern. Aber viele tun es eben nicht. Das sagt etwas aus über die Conditio humana, so ist der Mensch. Er macht viele Sachen einfach nur dann, wenn er sie machen muss. Und die Widerspruchslösung ist ein Lösungsansatz dafür: Er zwingt die Leute dazu, sich zu positionieren, indem jeder erst einmal Organspender ist, wenn er nicht widerspricht. Das machen die meisten europäischen Länder so.
Ein anderer Ansatz ist die Zustimmungslösung, die macht es andersherum. Da soll man aktiv sagen, dass man für eine Organspende ist. Aber bei beiden Ansätzen gibt es halt eine verbindliche Aussage, die man dann den Angehörigen nicht mehr abverlangen muss.

Läuft das nicht auf einen Zwang zur Organspende hinaus?

Widerspruchslösung heißt ja nicht, dass man dazu verdonnert ist, Organspender zu sein. Es heißt, dass man sich zu dieser Frage, ob man Organspender sein will, positionieren muss, und da hat jeder seine Gründe. Entscheidend ist aber, dass man sich zu Lebzeiten entscheidet, sodass die Kliniken in dem Fall ganz klar agieren können.

Wie stellen Sie sich die praktische Umsetzung einer Widerspruchslösung vor?

Der Gesetzgeber muss die Situation institutionalisieren. Es muss einfach Zeitfenster geben, in denen die Bürger diese Entscheidung zu treffen haben. Das kann man zum Beispiel gleich mitmachen, wenn jemand Dokumente wie Personalausweise oder Führerscheine beantragt. Und diese Entscheidung wird dann irgendwo erfasst, in einem zentralen Register oder bei den Krankenkassen. Und nach ungefähr zehn Jahren haben wir alle durch, die in Frage kommen. Dann wissen wir bei jedem, der da liegt, was er zu Lebzeiten zum Thema Organspende gesagt hat. Das wird die Spenderzahlen ändern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten Ansgar Hocke und Jan Wiese.

Sendung: Abendschau, 03.04.2019, 19:30 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Wäre ich Verfechter der veganen Organtransplantation würde ich Ihnen sicherlich zustimmen. Ich bin es aber nicht und tue es deshalb nicht. Ich habe mal einen Schneeball ins Auge bekommen, das ist stelle ich mir genauso inhuman vor, wie das Eiswasser... und ich habe noch gelebt!!!

    Man könnte doch Infoveranstaltungen, bei denen es genau um solche Dinge geht, zum Pflichtprogramm machen. Letztlich hat doch jeder Mensch trotzdem noch eine Wahl. Diese wird ihm nicht genommen. Ich kenne mehrere Menschen mit gespendeten Organen und ich weiß, wie furchtbar die Ungewissheit ist, ob ein passendes Organ noch vor dem eigenen Tod kommen wird oder nicht.

    Es ist aber auch Ihr gutes Recht Organspenden oder Bluttransfusionen abzulehnen. Da muss man kein Zeuge Jehovas sein. Auch das sollte jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

    Selbstbestimmt - egal welche Entscheidung und dann vielleicht alle Jubeljahre mal nachfragen, ob die Entscheidung noch steht oder nicht. So sehe ich das.

  2. 3.

    Selbst wenn es im Einzelfall so ist, ändert es nichts daran, daß es eben in vielen Fällen NICHT so ist. Und es ändert nichts an den Bedingungen unter denen Sterbende ausgeweidet werden.

    Jeder Mensch sollte das Recht haben, in Ruhe sterben zu können, anstatt angeschnallt und halbtot auseinandergeschnitten zu werden. Dabei werden regelmäßig Steigerung des Pulses, Adrenalinausschüttung, Schweiß und Abwehrbewegungen beochachtet. Vorher wird dem Delinquenten in die Nase gestochen oder Eiswasser ins Ohr gegossen, um eine Reaktion zu provozieren. So inhuman würde man außerhalb dieser OPs NIEMALS mit Sterbenden umgehen. Und die Entnahme sollte NICHT darauf beruhen, daß man die Menschen nicht vernünftig aufgeklärt hat. Informieren Sie sich doch einfach, wie diese Entnahmem erfolgen. Ist doch heute nichzt mehr schwer.

    Ich würde solch ein Organ nicht haben wollen.

  3. 2.

    @Dr. Bamuse: ich muß Ihnen widersprechen. Die Höhe der Immunsuppressiva (das Immunsystem reduzierende Medikamente) ist individuell. Je besser Spender und Empfänger passen, desto geringer die Medikamente.
    Meine Cousine erhielt ihr neues Herz vor knapp 25 Jahren. Seinerzeitige Lebenserwartungsprognose 10 Jahre.
    Die Medizin ist weiter, die Organe können individueller, paßgenauer "zugeteilt" werden und - das ist mE das wichtigste - sie haben tausendfach Leben gerettet, vielen Menschen ein fast sorgenfreies Weiterleben ermöglicht.

  4. 1.

    Ein transplantiertes Organ funktioniert nur, wenn man über massive Medikation das Immunsystem außer Kraft setzt. Sonst wird es sofort abgestoßen. Eine Riesen-Belastung für den Körper und ein Riesen-Geschäft für die Pharmaindustrie. Zudem funktionieren transplantierte Organe nur wenige Jahre. Dann bedarf es einer neuen Transplantation.

    Auf der anderen Seite können nur lebende Organe transplantiert werden. Das sind nicht Organe eines Toten sondern eines sterbenden Menschen. Wenn die Bürger aufgeklärt würden, wie eine Entnahme vollzogen wird, würde kein Mensch mehr spenden.

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