Matthias Quent, Rechtsextremismus-Experte (Quelle: rbb)
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Interview | Rechtsextremismus-Experte - "Wer bei Anastasia mitmacht, stimmt auch der Ideologie zu"

Einer Bewegung wie "Anastasia" kann man nicht längere Zeit angehören, ohne zu bemerken, welche rechte Ideologie sie verkörpert, sagt der Rechtsextremismus-Experte Matthias Quent. Wer trotzdem bleibt, mache sich zum Steigbügelhalter.

rbb|24: Herr Quent, gibt es Antisemitismus und Rassismus in den Anastasia-Büchern?

Matthias Quent: Die Bücher, auf die diese Bewegung zurückgeht, transportieren einen kulturellen Rassismus und Antisemitismus. Er kommt eher beiläufig mit dazu, um beispielsweise zu erklären, was an der modernen Welt alles so schiefläuft. Das sind ideologische Muster die wir auch aus dem Nationalsozialismus kennen. Indem erklärt wird, die moderne Gesellschaft ist dekadent, ist dem Untergang geweiht und wir müssten uns zurückziehen auf die heimatliche Scholle oder eben auf Familienlandsitze. Durch die Hintertür wird argumentiert, wer für diese angeblichen Zerstörungen verantwortlich sei. Und wie das richtige, angeblich natürliche Leben - nämlich eine Ordnung der Ungleichheit zwischen "Rassen" - auszusehen habe.

Nach außen wirkt die Bewegung zunächst harmlos. Inwiefern ist diese Fassade möglicherweise eine Strategie?

Das Perfide ist, dass die Ansprache von Sympathisanten – und die Attraktivität, die Anastasia ausübt - zunächst über die Lebensführung, über eine angeblich natürlichere, einfacherere Lebensweise geschieht. Durch die Hintertür werden auch ideologische Fragmente des Antisemitismus, des völkischen Denkens mit eingekauft. Für viele, die bei Anastasia mitmachen, mögen diese ideologischen Momente tatsächlich nicht das zentrale Motiv sein, um sich dort zu engagieren. Aber indem sie mitmachen und sich auch in die Mechanismen der Sozialisation, der Indoktrination begeben, werden sie mit diesem Denken - wenn man so möchte  - infiziert und machen sich sozusagen zu Steigbügelhaltern einer im Kern antisemitischen Ideologie.

Immer wieder behaupten Anhänger, die Bewegung sei nicht politisch rechts. Kann es sein, dass Menschen dort mitmachen, die die politische Ausrichtung wirklich nicht bemerken?

Man kann sich nicht über Wochen, Monate oder gar Jahre auf Familienlandsitze zurückziehen und in einem solch ideologischen Umfeld leben und wirken, ohne mitzukriegen, was dort auch politisch transportiert wird - wie die Außenwelt, wie die moderne Gesellschaft verächtlich gemacht wird. Wie Minderheiten zum Teil diskriminiert werden und wie Verschwörungstheorien geprägt werden. Und auch, wie Verschwörungsdenken vermittelt wird, um darzustellen, warum die eigene Lebensweise die eigentlich richtige sei und alle anderen falsch. Wer dort mitmacht, stimmt zumindest schweigend zu solchen Ideologien zu.

Gibt es Verbindungen zu bekannten rechten Gruppen?

Personelle und strukturelle Überschneidungen zu anderen rechtsradikalen Milieus, zum Beispiel zu den Identitären oder auch dem sogenannten Reichsbürgermilieu sind keine Überraschung. Denn alle diese Spektren predigen den Ausstieg aus der liberalen Demokratie. Sie gehen von einem dekadenten Niedergang der liberalen Gesellschaft aus und wollen eine Neuerschaffung, eine angeblich bessere Ordnung vorantreiben, die nach ethnischen, völkischen, rassistischen Kriterien strukturiert ist. Dafür sind Familienlandsitze, wie es dann dort heißt, oder andere völkische Wohnprojekte, Leuchttürme. Sie sind Signale der Hoffnung und setzen ein Zeichen, wie ein anderes Zusammenleben in einer ethnisch homogenen Volksgemeinschaft nach dem Umsturz aussehen kann. Dafür erfüllen solche Familienlandsitze eine symbolische und auch eine politische Funktion.

Welche rechte Strategie erkennen Sie in den Siedlungsgründungen der Anastasia-Bewegung?

Die Strategie, durch Einsickern und durch Normalisierung auch bisher unauffällige Bürgerinnen und Bürger von rechtsradikalen, völkischen Ideen zu überzeugen. Bis hin, dass man versucht, sie für eine Dorfwehr zu mobilisieren, also Parallelstrukturen - parastaatliche Strukturen - aufzubauen, die zum einen als Protestbewegungen gegen die offizielle Politik fungieren. Die aber zum anderen Rückfallstellungen bilden, aus denen heraus dann, wenn die Festigkeit dieser eigenen Strukturen gewährleistet ist, auch organisierte Angriffe auf die politische Ordnung stattfinden können. Das ist eine erklärte Strategie. Das ist eine Gefahr. Diese Strategie trägt sich ja bis hinein in die AfD. Björn Höcke schreibt, er träume von entsprechenden Dorfgemeinschaften in Ostdeutschland, die eines Tages zu Ausfallstellungen werden, um die moderne Demokratie anzugreifen und abzuschaffen. Hier gibt es große Berührungspunkte von diesen völkischen, zum Teil rechtsesoterischen Bewegungen und Sekten, bis hinein in die radikale und populistische Rechte in Deutschland.

Wie bewerten Sie die Schulgründungsversuche der Anastasia-Bewegung?

Ziel von Anastasia-Familien oder -Strukturen ist es, Schulen zu gründen. Um das eigene Milieu abzuschotten gegenüber den als feindlich beschriebenen äußeren Einflüssen. Dazu zählt auch das staatliche, demokratische Schulwesen. Man will Kinder mit der eigenen Mythologie und Ideologie ausstatten. Die Gefahr ist nicht nur, dass die Biografien dieser Kinder erheblich beschädigt werden. Die Gefahr ist auch, dass es gerade im ländlichen Raum attraktiv ist, wenn es wieder Dorfschulen gibt. Und zwar nicht nur für das Spektrum der Anastasianer, sondern eben auch für Nachbarn, die die Ideologie und auch den Angriff auf die Bildungsbiografien, der dahinter steht, vielleicht gar nicht durchdringen. Dann besteht die Gefahr, dass alternative Parallelgesellschaften entstehen, die nicht den offiziellen Schulplänen folgen, die nicht auf das Leben vorbereiten, sondern die ausschließlich auf das Leben in der Anastasia-Gemeinschaft vorbereiten und die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen nach den antisemitischen Idealen dieser Szene prägen.

Inwiefern passen völkische Ideologie und Antisemitismus mit dieser Naturverbundenheit zusammen?

Es gibt schon seit weit über hundert Jahren eine enge Beziehung zwischen einer braunen Ökologie, und einer Mystifizierung der so genannten Scholle als die natürliche, die eigentlich wahre deutsche Lebensweise - in strenger Abgrenzung zu den als kosmopolitisch, multikulturell dekadent angesehenen Großstädten. Insbesondere diesen Zusammenschluss zwischen Ökologie, Heimatschutz und "Rassen"-Schutz, zwischen der Bewahrung der Natur einerseits und andererseits der Reinheit der angeblich arisch überlegenen Rasse hat eine lange Tradition. Das ist nichts Neues und kommt immer wieder in rechtsradikalen und neonazistischen Bewegungen zum Vorschein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sendung:  rbb Fernsehen, 15.05.2019, 21:15 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Was sie beschreiben versuchen ist ja nur ein Teil dieser Bewegung, Hr. Quent hat es ja treffend zusammengefasst:

    "Wer bei Anastasia mitmacht, stimmt auch der Ideologie zu"

    Das sind knallharte Rassisten und Rechtsextremisten auch wenn nicht jeder Einzelne diese Gesinnung offen zeigt, so stimmt er diesen Zielen dieser Gesinnung zu.

  2. 1.

    Im Grunde genommmen sind die Bindung an die Scholle oder eine übermäßig starke Bodenverhaftung, wie sie auch in bayerischen Bergdöfern zu finden ist und die dadaistische Idee, den Tag in 10 Stunden einzuteilen, die Woche in 10 Tagen über Tag und Nacht hinweg, nur zwei Pole, die gegensätzlich formuliert sind.

    Alles andere, 99,9 %, befindet sich im riesigen Feld dazwischen.
    Bleibt die Frage, in welchen Bereichen von dem einen mehr und vom anderen schwerpunktmäßig weniger vorhanden ist. Franz Alt hat mal zugespitzt formuliert, statt "Macht Euch die Natur untertan!" sollte es "Macht Euch DER Natur untertan!" heißen. Das war natürlich die Absage an Alleinbeherrschungsstrategien und keine politische Parole. Vielleicht einfach so: Die Feststellung "So unterliegt die Natur unserem Tun." Weil wir uns dessen bewusst sind. Von Tieren wissen wir es nicht.

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