Matthias Pöhlmann (Quelle: dpa/Michael McKee)
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Interview | Sektenexperte - Warum die Fassade von Anastasia so gut funktioniert

Sehnsucht nach Natur, ökologischem Wirtschaften, einem Ausstieg aus der modernen Gesellschaft: Die Anastasia-Bewegung scheint ein großes Bedürfnis unserer Zeit zu bedienen, sagt Sektenexperte Matthias Pöhlmann. Doch das sei nur die äußere Fassade.

rbb|24: Herr Pöhlmann, was ist die Anastasia-Bewegung?

Matthias Pöhlmann: Die Anastasia-Bewegung ist eine weitverzweigte Bewegung. Sie beruht auf einer Buchreihe des russischen Geschäftsmannes und Autors Wladimir Megre. Sie umfasst zehn Bände. Darin berichtet er über eine Frau aus Sibirien in der Taiga, die naturnah lebt. Ihr soll er begegnet sein. Er schildert sie in ganz bunten Farben: Sie hätte übernatürliche Fähigkeiten, hätte einen Heilstrahl, würde mit den Tieren leben. Sie klärt ihn auf über das Weltgeschehen, über die wahren Hintergründe des Weltgeschehens: über ein dunkles Zeitalter und ein geheimnisvolles wedrussisches Wissen, das breit entfaltet wird.

Anastasia entfaltet ein umfassendes Weltbild, das geprägt ist von der Vorstellung der Abkehr vom urbanen, städtischen, zivilisierten Leben. Zurück zur Natur. Ein Zauberwort lautet Familienlandsitz – also dass man einen eigenen Familienlandsitz errichtet. Und man sollte sich möglichst gegenüber politischen Formen fernhalten. Die Demokratie gilt als bedrohlich, als entstellt. Deswegen der Rückzug auf das überschaubare, ein Hektar umfassende Land.

Welche Rolle spielt diese ideologisierte Romanserie für die Bewegung?

Man muss bei der Anastasia-Bewegung unterscheiden: Es gibt sicherlich auf der einen Seite Leser, die diese Buchreihe toll finden. Und es gibt auf der anderen Seite Menschen, die sagen: 'wir möchten jetzt dieses Gedankengut in die Praxis umsetzen.' In Gestalt der Errichtung von Familienlandsitzen. Sie möchten damit das tun, was Anastasia sagt. Man könnte von so genannten anastasianischen Fundamentalisten sprechen, die alles Wort für Wort übernehmen. Und es gibt andere,  die sagen: 'eine Passage blende ich aus, die mir nicht so gefällt'.

Warum eignet sich die Romanserie als Grundlage für die Bewegung?

Mir ist in einer großen Hamburger Buchhandlung aufgefallen, dass die Anastasia-Bücher unter der Rubrik "Geheimpolitik" stehen. Dort, wo man auch antisemitische Bestseller finden kann. Diese Bücher stoßen insofern bei esoterisch interessierten Menschen auf Resonanz, weil darin ein angebliches "Überwissen" vermittelt werden soll. Auf der anderen Seite gibt es auch eine Frau, Anastasia, die dieses geheimnisvolle Wissen haben soll. Das kommt offensichtlich einem großen Bedürfnis von Menschen entgegen. Sie sehen welche Probleme es gibt, ökologisch, hinsichtlich der Klimakatastrophe. Es muss etwas passieren - und für viele ist das wie ein Rettungsanker, dass man sagt: 'toll was in diesen Büchern entfaltet wird'.

Hinzu kommt, dass diese Bücher offensichtlich keine Frage offen lassen. Es ist ein ganz hoher Anspruch. Anastasia fabuliert nicht nur über das Weltgeschehen. Es geht auch um das Thema Tierliebe. Es geht um das Thema Gesundheit und Heilung. Es geht um das Thema Spiritualität. Und es kommen auch politische Konnotationen ins Spiel, weil man eben dort sagt, die Demokratie sei eine gefährliche Illusion der Menschenmassen. Damit holt man auch Menschen ab, die ein Wut- und Frustpotential in sich tragen. Die sagen, 'ich möchte mich von diesem System fernhalten.'

Warum funktioniert die harmlose Fassade der Bewegung so gut?

Ich denke, dass die Anastasia-Bewegung ein ganz großes Bedürfnis in unserer Zeit bedient. Es ist die Sehnsucht nach einer Naturnähe, nach ökologischem Wirtschaften, nach einem ein Ausstieg aus dieser modernen Gesellschaft. Das ist aber nur die äußere Fassade dieser Bewegung. Die Nebenwirkungen und Risiken dürfen nicht unterschätzt werden.

Wird die Gefahr, die von Anastasia ausgeht, derzeit unterschätzt – wie bei den Reichsbürgern?

Bei den Reichsbürgern hat man ja zunächst gedacht, das sind einzelne Spinner. Man hat das nicht ernst genommen. Damals gab es schon Bewegungen mit Kommissarischen Reichsregierungen, Verbindungslinien bis in den Bereich der rechten Esoterik hinein. Ich habe den Eindruck, dass hier auch die Esoterik letztendlich als trojanisches Pferd für rechtsextremes Gedankengut dient. Und da muss man eben zunehmend auf diese verschwimmenden Grenzen zwischen Esoterik, Rechtsextremismus und Reichsbürgern achten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sendung:  rbb Fernsehen, 15.05.2019, 21:15 Uhr

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