Abriss der Little Homes am Mariannenplatz. (Quelle: Little Homes e. V.)
Audio: Inforadio | 02.05.2019 | Stephan Oszváth | Bild: Little Homes e. V.

Obdachlose am Mariannenplatz - Kreuzberg lässt zwei Little Homes wegen 1. Mai abreißen

Wegen der Mai-Feier am Kreuzberger Mariannenplatz hat der Bezirk zwei aus Spenden finanzierte Häuschen für Obdachlose abreißen lassen. Beide Bewohner sitzen jetzt wieder auf der Straße. Der Erbauer der Häuschen will das so nicht hinnehmen.

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat wegen des Myfests auf dem Mariannenplatz zwei kleine durch Spenden finanzierte Behausungen für Obdachlose abreißen lassen.

Der in Köln ansässige Verein "Little Homes" hatte die beiden Häuschen aus Spanplatten und Europaletten und mit Camping-Toilette im Herbst 2018 am Mariannenplatz errichtet. Darin hatten zwei Obdachlose gelebt. Für die Zeit nach dem 30. April hatte der Bezirk den Männern Ausweichquartiere angeboten, was beide aber ablehnten.

Letztlich griff die Verwaltung durch und riss am Dienstagvormittag beide Häuschen ab.

Little Homes am Mariannenplatz (Bild: Little Homes e.V.)
Die beiden Häuschen vor der Räumung | Bild: Little Homes e.V.

"Machtdemonstration war unnötig"

Der Verein, der die Häuschen für Obdachlose aus Spenden finanziert, reagiert mit Unverständnis auf das harte Durchgreifen des Bezirksamts. Der Abriss mache sie "traurig, aber auch ärgerlich. Denn nun sitzen wieder zwei Menschen mehr auf der Straße. Diese Machtdemonstration war unnötig", sagte der Vorsitzende des Vereins "Little Home", Sven Lüdecke, am Mittwoch rbb|24.

Zwar sei die Aktion des Bezirksamtes nicht unangekündigt durchgeführt worden. Auch dass die Bewohner das Angebot für einen vorübergehenden Umzug auf das gegenüberliegende Kirchengelände nicht angenommen hätten, sei bedauerlich. Dass aber gleich beide Häuschen abgerissen werden mussten, sei nicht nachvollziehbar. "Es hätte auch gereicht, die Häuser einfach nur um wenige Meter zu verschieben, statt sie zu zerstören", so Lüdecke.

"Was das Bezirksamt durchgezogen hat, ist kontraproduktiv"

In den beiden Häuschen wohnten zwei Männer, beide Mitte 30, von denen einer dank des Little Home-Projekts einen Job gefunden hat. Eine Wohnung fand er indes noch nicht. "Dass er jetzt wieder auf der Straße leben muss, ist absurd", beklagt sich Lüdecke im rbb|24-Gespräch.

Beide Männer verbrachten die erste Nacht nach dem Abriss "im Gebüsch am Mariannenplatz", berichtet der Vereinsvorsitzende. Dabei hat das Häuschen-Projekt schon erstaunlich viele Früchte getragen: "Wir haben mit dem Bau der Little Homes im November 2017 begonnen, seitdem sind bundesweit 83 von ihnen entstanden. 23 Bewohner fanden anschließend sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen, 31 konnten in richtige Wohnungen ziehen", erklärt Lüdecke. "Das, was jetzt das Bezirksamt durchgezogen hat, ist da einfach nur kontraproduktiv."

Abriss der Little Homes am Mariannenplatz (Bild: Little Homes e.V.)
Am Dienstagvormittag wurde geräumt | Bild: Little Homes e.V.

Neues Angebot des Bezirks blieb aus

Unter Mitwirkung zahlreicher Ehrenamtlicher und unter Vermittlung des Vereins Karuna waren die Häuschen im September und Oktober 2018 am Mariannenplatz erbaut worden. "Dem Bezirk war dieser Standort nie so richtig recht, lieber hätte man die beiden Bewohner in der nahegelegenen Wagenburg untergebracht", so Lüdecke. Letztlich seien aber die beiden "Little Homes" dort geduldet worden. "Jetzt mussten sie wegen einer Bühne und wegen Gastronomie für das Myfest weichen", erklärt Lüdecke.

Am Bedauerlichsten sei aber, dass der Bezirk seit dem Abriss keinerlei Alternativangebot gemacht habe. Die spendenfinanzierten Häuschen sind Schrott, Geld für neue wurde vom Bezirk nicht in Aussicht gestellt. "Nach dem Motto Vogel Strauß – Kopf in den Sand – wir kriegen nichts!", schimpft Lüdecke. Doch den Kopf in den Sand stecken will der Kölner Verein selbst auf gar keinen Fall: "Wir werden schon bald ein neues Häuschen errichten – am Mariannenplatz. Wir geben nicht klein bei", kündigt er an.

In Berlin hat "Little Homes" inzwischen 24 kleine Behausungen für Obdachlose gebaut. Sie stehen zum Beispiel unter einer Autobahnbrücke nahe dem S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf sowie auf Privatgeländen mit maximal fünf Häusern. Der Bedarf und die Nachfrage sind denkbar groß, betont Lüdecke: "Bundesweit stehen derzeit 17.000 Menschen auf unserer Warteliste."

Linke übt scharfe Kritik an Grünen-Stadtrat

Vom Bezirksamt selbst hieß es am Dienstag, die beiden Behausungen hätten wegen Sicherheitsbedenken aufgrund der Mai-Feierlichkeiten weichen müssen. Beiden Bewohnern der "Tiny-Houses" sei ein Umzug mit den mobilen Häuschen auf das Gelände der Thomaskirche angeboten worden, was beide aber ebenso abgelehnt hätten wie weitere Unterbringungsangebote durch das Sozialamt. Diese Entwicklung sei bedauerlich, heißt es in einer Pressemitteilung des Bezirks. Warum beide Häuschen aber gleich abgerissen werden mussten, geht aus der Mitteilung nicht hervor.

Kritik an dem Vorgehen des Bezirks übt auch die Linksfraktion im Bezirksparlament Friedrichshain-Kreuzberg. Die Räumung sei sozialpolitisch fragwürdig, beide Häuschen hätten niemanden gestört, teilte Fraktionschef Oliver Nöll mit. Das Maifest am Mariannenplatz könne keine Begründung für die Räumung sein – die Linke als Veranstalterin des Festes habe immer deutlich gemacht, dass sie keine Sicherheitsbedenken bezüglich der beiden Häuschen habe, so Nöll. Der zuständige Stadtrat Florian Schmidt (Die Grünen) stelle mit seinem Vorgehen die Zusammenarbeit der Parteien im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in Frage.

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48 Kommentare

  1. 48.

    florian schmidt hatte bei der entscheidung sicherlich nicht seinen besten tag. er hatte, wie ich finde, ganz grundsaetzlich schon mal bessere tage. vielleicht hat er inzwischen ein wenig zuviel hoehenluft geschnuppert.
    aber: die hetze gegen ihn ist auffaellig.
    florian schmidt ist ein hassobjekt der betongoldmafia, der ihnen immer mal wieder die tour vermasselt und der sie daran hindert, kasse in berlin zu machen, solange es geht, bis die naechste blase platzt.
    es ist entscheidend fuer die spekulanten, dass sie baurecht erlangen. dann ist - selbst wenn sie sich dann zeit lassen mit dem bauen - eigentlich schon alles verloren fuer die allgemeinheit. eine baureife immobilie ist mehr wert als ein blosses grundstueck oder eine ruine, die man abreissen, aber eben noch nicht bebauen darf mit den ersehnten und so dringend benoetigten eigentumswohnungen oder anderem dreck. genau deshalb stoert jemand wie florian schmidt, der immer mal wieder das durchmarschieren verhindert.

  2. 47.

    Ich hetze nicht, ich sage nur das, was wahr ist. Die Grünen etablieren sich immer mehr zu einer Verbots- und Bevormundungspartei. Ich erinnere nur an die Forderung nach dem Vegi-Day bei einer der letzten Bundestagswahlen oder das Verbannen sämtlicher Autos aus der Innenstadt oder die Verweigerung der Parkvignetten für Hotels usw.
    Man hätte die Hütten auch umsetzen können, aber gleich zu zerstören ist eine Symbolhandlung der Missachtung gegenüber den Spendern und gegenüber den Opfern (Obdachlosen). Und diese Missachtungs- und Verbotspolitik (Missachtung der Grünen auch gegenüber den älteren Mitmenschen!!!!) ist das neue Kernstück der Neo-Liberalen Politik in Grün!

  3. 45.

    Ich befürchte es bewahrheitet sich das, was ich mir von Anfang an gedacht habe. Da haben sich zwei unterschiedliche Ämter nicht abgesprochen, es waren ja wohl min. 3 involviert.

    Und ich hege sogar den Verdacht dass dort von min. einem Amt ein Exempel statuiert werden sollte, evt. sogar weil sich zwei Stadträte nicht grün sind.

    (Schönes aber ungewolltes Wortspiel!)

  4. 44.

    Auf jeden Fall sind sie schon dabei zu hetzen ohne die wahren Hintergründe der Räumung zu kennen, siehe hier:

    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2019/05/berlin-kreuzberg-geraeumte-tiny-houses-obdachloser-ueberrascht.html

  5. 43.

    Es war völlig richtig, die illegal aufgestellten Häuschen abzureißen. Auch wenn dafür mal wieder die Steuergelder der steuerzahlenden Bürger verwandt werden mussten.

    Es hätte nicht mal eines vorherigen Angebots an die beiden Obdachlosen bedurft. Gut, dass es dennoch gemacht wurde. Schlecht, dass es nicht angenommen wurde.

    Warum kommen denn inzwischen mehr ausländische (vorrangig osteuropäische) Obdachlose in die Stadt, verdrängen immer mehr einheimische Obdachlose und wir alle müssen dafür aufkommen? Weil es für die Herkunftsländer doch sehr bequem ist, alle Leute in ein Land abwandern zu sehen, wo es sogar Obdachlose noch relativ "komfortabel" haben und den Ländern weder Arbeit noch Kosten für die eigene Armut entstehen.
    Nein, ich bin nicht rechts angesiedelt. Wer Menschen mit meiner Meinung so etwas unterstellt, sollte mal darüber nachdenken, ob er sie nicht genau dadurch jemanden in die rechte Ecke schickt.

  6. 42.

    Diese Aktion ist ein Schlag in das Gesicht spendender Menschen. Gibt es doch eintausend und eine Möglichkeit derartiges auch anderes zu lösen. Man könnte man fast denken, da brauchte eine Abrissfirma kurzfristig einen Auftrag, wenn man sich ansieht, mit welch schwerem Gerät da angerückt wurde. Aber sei es drum: Trotzdem danke für diesen Hinweis kurz vor der Europa Wahl.

  7. 41.

    Fanden Sie es tatsächlich in Ordnung, dass auf einem innerstädtischen Platz wie dem Oranienplatz über einen längeren Zeitraum eine ganze Siedlung aus Bretterbuden toleriert wurde, weil die grüne Bezirksbürgermeisterin nicht in der Lage war, entschlossen durchzugreifen? Ich möchte einfach nicht, dass unsere Stadt verwahrlost. Meiner Meinung nach hat die arbeitende und steuernzahlende Normalbevölkerung einen Anspruch darauf, dass der Staat auch in diesem Bereich Recht und Ordnung durchsetzt. Wenn Sie da anderer Meinung sind, dann wird Sie niemand daran hindern, Flüchtlinge oder Obdachlose in Ihrer eigenen Wohnung oder in Ihrem eigenen Garten aufzunehmen und die Kosten für ihre Versorgung zu übernehmen. Aber ganz so weit wird Ihre Menschenfreundlichkeit dann doch nicht gehen, oder?

  8. 40.

    Es ist leicht, wenn man selbst im Warmen sitzt über andere zu urteilen und ihnen etwas weg zu nehmen.
    Die Amtsleute müssten selbst mal länger vor Ort sein.

  9. 39.

    Ja, stimmt. Anderem "Rechtsrahmen" 33-45?! Mir fällt dazu Martin Niemöller ein. In Kreuzberg zeigen sich gemeingesellschaftliche Entwicklungen: zuerst wurden Flüchtlinge vom Oranienplatz vertrieben, jetzt Obdachlose vom Mariannenplatz, wer ist als nächstes dran?
    "Sein starkes Eintreten für den Frieden ereignete sich in ihm als Prozess eines immer stärkeren Erkennens durch praktisches Erleben. Er blieb bei allem Eintreten für Menschenrechte und Frieden sehr differenziert in seinen Aussagen und seiner inneren Haltung. Vielleicht war es aber auch das, was ihm eine besondere Stärke verlieh? [...] es für solche Wege persönliche Voraussetzungen braucht, die nicht nur Mut verlangen, sondern auch durchdrungene Erkenntnisprozesse. Und diese müssen solcherart sein, dass sie nicht nur in wohlfeilen Lippenbekenntnissen stecken bleiben, sondern zu gelebten Liebestaten werden – ..." https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_martin_niemoeller_thema_gemeinschaft_zitat_9331.html

  10. 38.

    So menschenverachtend geht Politik. Okay, ich habe verstanden!

  11. 37.

    Diese Aktion passt voll und ganz in die menschenverachtende Verbotspolitik des Florian Schmidt von den Grünen. Man hätte dieses Spendenobjekt auch umsetzen können statt es zu zerstören. Die Grünen brauchten eben Platz für Party und Suff. Eine Wohnung konnte und wollte (er hat es gar nicht versucht!!) der grüne Stadtrat Schmidt den Obdachlosen auch nicht beschaffen, das passt nicht in seine Vorstellung von Menschlichkeit, lieber ließ er zwei Spendenobjekte komplett zerstören.
    Wann gibt es endlich Protest-Demos gegen diese Personalie Florian Schmidt????
    Ich wäre sofort dabei!

  12. 36.

    Dann wählen Sie Ihren Wohnsitz doch bitte dort wo es ihnen gefällt.
    Bedenken Sie , dass auch Sie schneller vom Schicksal ins Nirwana geschickt werden können, als Ihnen lieb ist, falls Sie zur Reflektion annähernd befähigt sind.
    BTT: was sich Grüne mittlerweile leisten ist schon beachtlich. Die Häuschen hätten verschoben werden können anstatt zwei Menschen ihre kleine, aber Heimat zu zerstören.
    Die Häuschen in Heinersdorf wurden übrigens neben den P&R- Parkplatz verschoben und stehen nicht mehr unter der Schwarzen Brücke.
    Ich finde die Little Homes besser als die Belagerung durch wilde Zeltlager oder Fußgängertunnel.

  13. 35.

    Ich glaube der grüne "Bau"stadtrat hat das mit dem "Enteignen von Deutsche Wohnen und Co" einfach falsch verstanden.
    PS: Den Banken mussten natürlich auch die 100 Milliarden geschenkt werden? Die Bürgschaft für den Berliner Bankenskandal musste das Parlament auch übernehmen? Ja klar, dann mussten auch die kommunalen Wohnungen verkauft werden?
    Politisch kann auch anders entschieden werden, wenn es GEWOLLT ist ;) Zu wessen Vorteil wird hier nach wie vor regiert? Ein Blick auch auf aktuelle Entscheidungen in der Rummelsburger Bucht können helfen die Augen weit zu öffnen. Anderslautende Wahlsprüche sollen wahrscheinlich nur ablenken, verwirren oder ich weiß auch nicht ...

  14. 34.

    Tja, man könnte ja Wohnungen in dem Bedarf entsprechender Anzahl bauen, muss aber auch die osteuropäischen EU-Staaten an deren Pflichten gegenüber ihren Bürgern stärker erinnern.

    Nur schreien die Berliner laut auf, wenn auf "ihrem" Ponyhof die Bagger anrollen sollen und in Polen, Rumänien und Bulgarien gibt es noch viele dicke Bretter zu bohren.

  15. 33.

    Danke für den Hinweis. Womöglich haben haben Sie damit Recht. Den Zusammenhang hatte ich so nicht auf dem Schirm - er wird in keinem der WP-Artikel hergestellt, und ich bin ja auch kein Berliner. Das ändert trotzdem nichts daran, daß die Vielfliegerpartei und die SPD eifrige Sozialstaatsdemontierer sind.

  16. 32.

    Ich bin jedenfalls hochzufrieden, dass hier ein Stadtrat mal einen kleinen Schritt in die richtige Richtung unternimmt, um der zunehmenden Verpennerung unserer Stadt ein wenig Einhalt zu gebieten. Ich würde solche Bretterbuden nirgendwo in der Stadt dulden, ebensowenig wie irgendwelche Wagenburgen. Mein Geschmack ist eher eine blitzsaubere Stadt ohne Beschmierungen, Zerkratzungen und vor allem nicht mit irgendwelchen "alternativen Wohnformen". Singapur gefällt mir sehr gut, aber dafür müssten wir unseren Rechtsrahmen ändern.

  17. 31.

    So schlimm wie es für die Obdachlosen ist,es kann aber auch nicht sein dass überhaupt solche Häuschen erlaubt sind.
    Da muss eine andere Lösung her.

  18. 30.

    Und wieder ein Beispiel dafür, dass arme Leute promblemlos und tagtäglich enteigenet werden...

  19. 29.

    Im Prinzip ist das "Häuschen" nur wilde Müllablagerung auf öffentlichem oder deutlicher gesagt: fremdem Grund. Und die gehörte schon lange entsorgt.

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