Notenblatt des Deutschlandlieds (Bild: imago/Bernd König)
Bild: imago/Bernd König

Vorschlag von Bodo Ramelow - Berlin und Brandenburg gegen neue Nationalhymne

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) stößt mit seinem Vorschlag für eine neue deutsche Nationalhymne auf Widerstand. Nach Einschätzung Ramelows singen auch 30 Jahre nach dem Mauerfall viele Ostdeutsche die Hymne nicht mit. Er plädierte in der "Rheinischen Post" für einen neuen Text, mit dem sich auch die Menschen in der ehemaligen DDR identifizieren könnten.

In Berlin und Brandenburg stößt der Vorschlag parteiübergreifend auf Ablehnung: Regierungschef Michael Müller (SPD) hält Ramelows Vorstoß für wenig realitätsnah: "Ich glaube, die Menschen bewegen andere Fragen mehr als eine Änderung der Nationalhymne", sagte Müller am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. "Ich bin davon überzeugt, dass unsere Nationalhymne vielen Menschen etwas bedeutet", fügte er hinzu. "Sie bietet Identifikation und vielleicht auch Heimat. Deshalb wird sie bei besonderen Anlässen gespielt oder gesungen."

Auch Brandenburgs SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke sprach von einem falschen Signal: "Die Hymne mit "Einigkeit und Recht und Freiheit" trifft mein eigenes Gefühl sehr gut. Diese Worte müssen aber auch von uns allen mit Leben gefüllt werden", sagte Woidke am Donnerstag in Potsdam.

Ramelow: "Kann die Bilder nicht ausblenden"

Berlins CDU-Fraktionschef Burkard Dregger sagte am Donnerstag dazu, "Einigkeit und Recht und Freiheit" drücke in “unübertrefflicher Schönheit und Klarheit die Sehnsucht der Deutschen in allen Bundesländern aus." Ramelow wolle aus Angst vor seiner “sicher bevorstehenden Abwahl in diesem Jahr Einigkeit durch Zwietracht ersetzen", sagte Dregger. "Das ist durchsichtig, miesepetrig und rückwärtsgewandt."

Auch Ramelows Amtskollegen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern - Michael Kretschmer, Reiner Haseloff (beide CDU) und Manuela Schwesig (beide SPD) - widersprachen unisono. Haseloff erklärte, man solle sich lieber den Themen zuwenden, bei denen tatsächlich dringender Handlungsbedarf bestehe, wie zum Beispiel der Energiewende oder der Mietpreisentwicklung, erklärte er am Donnerstag. "Als Ostdeutscher sage ich, der Inhalt der Nationalhymne ist ein Grund gewesen, der Bundesrepublik beizutreten. Denn für diese galt: "Einigkeit und Recht und Freiheit..."" Er halte den Vorschlag von Ramelow deshalb für völlig überflüssig.

Ramelow hatte der "Rheinischen Post" gesagt, er persönlich singe zwar die dritte Strophe des Deutschlandliedes mit. Dennoch könne er die Bilder in seinem Kopf nicht ausblenden: "Naziaufmärsche von 1933 bis 1945" sehe er vor seinem geistigen Auge. Das Plädoyer des gebürtigen Niedersachsen: einen neuen Text, "der so eingängig ist, dass sich alle damit identifizieren können und sagen: 'Das ist meins'".

Sendung: Inforadio, 09.05.2019, 15 Uhr

Kommentar

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21 Kommentare

  1. 21.

    Tja, ich lese auch darin nicht zuletzt, dass zu dieser Melodie Nazideutschland Krieg gefuehrt hat. Und Sie?

  2. 20.

    Offensichtlich herrscht in Deutschland teilweise eine Verunsicherung gegenüber der Geschichte unserer Nationalhymne. Ich lege allen, die unsicher sind, das Studium des Wikipedia-Artikels "Lied der Deutschen" nahe! Dieser Wikipedia-Artikel erklärt die Entwicklung des "Liedes der Deutschen" seit 1841 bis zur heutigen Nationahymne. Er benennt auch die Irritationen und Mißverständnisse in Bezug auf die Lied-Entwicklung, auf Mißdeutungen und politischen Mißbrauch.

  3. 19.

    Bertolt Brecht hat am Beginn der DDR eine Kinderhymne gedichtet. (Treffender doch: für Heranwachsende.) "Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand ..."

    In meinen Augen zehnmal aktueller als die heutige Hymne von 1841.

    Gewiss: In einem sechsstimmigen Satz ist die heutige Hymne wunderschön, einstimmig am Ende eines gewonnenen Fußballspiels gesungen kann einem schon das Fürchten kommen.

  4. 18.

    Hier beginnt die "mediale Verkürzung". Bodo Ramelow bezog sich bei dem Passus auf die Gesamtheit des Liedes, das von der dritten, heute gesungenen Strophe eben nicht zu lösen sei. Deutschland,, Deutschland über alles, ist immer noch Teil der Hymne, nur dass eben beim Schriftwechsel zwischen Adenauer und Heuss seinerzeit vereinbart wurde, nur die 3. Strophe zu singen.

    So wenig Hoffmann von Fallersleben 1841 auf Helgoland die Weltherrschaft Deutschlands dabei im Auge hatte, so ist doch im Zuge nicht der demokratischen, sondern der militärischen Einigung unter monarchistischen Vorzeichen der Charakter des Liedes gewandelt worden, dass es für die Nazis schließlich ein gefundenes Fressen war, die 1. Strophe für sich zu vereinnahmen. Eben im Sinne angestrebter Weltherrschaft, wovon die bereits begonnenen Bauvorhaben zur Weltherrschaft Germania beredt Zeugnis ablegten.

  5. 17.

    Nichts. Hab ich auch nie behauptet. Aber ich hoffe, ich muss Ihnen nicht erklaeren, was das Dritte Reich mit Antisemitismus zu tun hatte, oder? Und jenes Deutschland eben hat diese Hymne als Staatssymbol benutzt und zu diesen harmonischen Klaengen Millionen Menschen in den Tod geschickt. Damit ist diese Lied als Hymne - leider - auf ewig untragbar.
    Nicht einmal "Auferstanden aus Ruinen" wuerde ich noch als Hymne akzeptieren, obwohl sie textlich und melodioes wunderschoen ist und obwohl die Opferzahlen der DDR gegenueber jenen des Dritten Reichs nur einen Bruchteil betragen.

  6. 16.

    Ich denke wir sollren Nationalhymen abschaffen oder höchsten die EU Hymne benutzen

    Ich bin gegen jede Art von Nationalismus. Das hat schon vielem Menschen das Leben gekostet.

  7. 15.

    Wieso? Vielleicht erklären Sie mal was an der dritten Strophe des Deutschlandliedes auch nur die geringste Andeutung von Antisemitismus hat.

  8. 14.

    Wuerden Befuerworter der aktuellen Hymne das Ding z.B. vor juedischen Deutschen, die die Shoah ueberlebt haben, auch nur summen? Nein? Gut so, das zeugt von Anstand. Schon daraus folgt, dass wir beizeiten eine neue Hymne brauchen.

  9. 13.

    Erstens völlig unwichtig derzeit, weil wir andere Dinge zu klären haben, wie Herr R. auch den Medien entnehmen kann, wenn er es schon nicht selbst bemerkt. Zweitens wird die Hymne lediglich auf Sportveranstaltungen benutzt, also weiß ich nicht wie belegbar seine Aussagen sind und drittens ganz pragmatisch; wir würde ewig brauchen, um eine neue Hymne, die einen breiten Konsens findet, zu ... ähm... wie heißt das bei Hymnen? Komponieren? Entwickeln? ;-) Auf jeden Fall ist das mit den echten Ostdeutschen und den echten Westdeutschen und der ideellen Grenze hoffentlich bald Geschichte.

  10. 12.

    Eine neue Hymne würde gesellschaftliche Spaltungen eher vertiefen, das wäre ungünstig. Aber man kann ja zusätzliche Strophen dichten, z.B. eine Strophe aus Migrantensicht. Oder man kann die Hymne modernisieren durch verschiedene Fassungen unterschiedlichster aktueller Stilrichtungen.

  11. 11.

    Wenn Herr Ministerpräsident Ramelow beim Erklingen unserer wunderbaren Nationalhymne irgendwelche Nazi-Aufmärsche vor seinem geistigen Auge sieht, dann liegt das Problem wohl eher auf seiner Seite. In unserer Nationalhymne singen wir was von Einigkeit und Recht und Freiheit. Da stehe ich voll und ganz dahinter, denn das sind die Grundwerte unserer Gesellschaft. Nazis singen vollkommen andere Lieder.

  12. 10.

    "... könne er die Bilder in seinem Kopf nicht ausblenden." - Psychotherapie hilft!

  13. 9.

    Der Vorschlag ist Gut. Was soll ich mit einer Nationalhymne die nicht vollständig singen darf? Ohne Mut zum Neuen wäre die jetzige auch nicht entstanden.

  14. 8.

    Es scheint ein ausgesprochenes Nichtverhältnis zur Nationalhymne in Deutschland zu geben. Keinem Polen und keinem Franzosen würde so etwas einfallen.

    Wenn hier von Nationalhymne die Rede ist, dann eher von verkniffenen Gesichtern oder von einem bierseligen Gegröle. Das zeugt von Entfremdung. Und die kommt ja nicht von ungefähr. Die Utopie von 1841 ist keinesfalls eingelöst worden, sie ist 1848 zerschlagen worden. Die Reichseinigung geschah unter anderen Vorzeichen und unter anderer Hymne. (Heil Dir im Siegerkranz). Zu Weimar hat sie ein kurzes Leben gehabt und wurde doch im Sinne nationaler Omnipotenz unsäglich missverstanden, bis die Nazis vor allem die 1. Strophe zur Legitimationshymne in Dienst nahmen.

    Adenauer und Heuss haben sich mit ihrem Schriftsatz herumgemogelt. Auch das scheint typisch deutsch zu sein. Mein großer Dank an Bodo Ramelow, dieses überfällige Thema benannt zu haben.

  15. 7.

    Wirklich kein dringendes Problem. Aber auch mich (ehemaliger West-Berliner) aergert es seit Langem, dass meine Heimat noch immer die Melodie verwendet, zu der Nazideutschland sich "ueber alles, alles in der Welt" gestellt hat. Zwar ist jene Melodie, die der gute Sepp Haydn damals ja fuer seinen Oesti-Kaiser Franz geschrieben hatte, ganz ausgesprochen schoen - aber die Nazis haben sie leider fuer alle Zeit verbrannt. Die erste Chance, einen klaren symbolischen Schnitt zu diesem Erbe zu machen, hat die BRD 1949 versaeumt - und dann noch einmal 1990. Aber auch noch 2019 sollte jeder verantwortungsbewusste Deutsche grosse Probleme mit dieser Hymne haben, ganz egal ob aus Ost oder West. - Eine schoene Alternative finde ich z.B. das hier: "Anmut sparet nicht noch Muehe, Leidenschaft nicht noch Verstand, dass ein gutes Deutschland bluehe, wie ein andres gutes Land..."
    https://youtu.be/a7GkiBcPz1s

  16. 6.

    Einigkeit und Recht und Freiheit. Die erste Zeile sagt doch schon sehr viel aus. Was bitte Herr R. ist daran auszusetzen? Oder sollen wir alle jetzt: Hänschen klein ging allein, in die Weite Welt hinein singen? Also mal ehrlich, sonst haben Sie echt keine anderen Sorgen? Und ich finde Ihre Haltung dazu sehr respektlos.

  17. 5.

    Sinnlos wie ein Kropf dieser Vorschlag...da will einer in die Talkshows

  18. 4.

    Zitat: "Nach Einschätzung Ramelows singen auch 30 Jahre nach dem Mauerfall viele Ostdeutsche die Hymne nicht mit." Meine Frage als geborgener und bis 1990 in der DDR lebender Deutscher: Was versteht Herr R. unter dem sehr abstrakten Wort "VIELE"? Wie viele Ostdeutsche kennt er denn wirklich, die nicht mitsingen? Auch ich singe die Hymne nicht mit, aber nicht, weil ich sie ablehne, sondern weil ich schon immer nie gern Texte auswendig gelernt habe. Im übrigen: Wir, die alten Ostdeutschen, sterben demnächst sowieso aus. In ein paar Jahren gibt es diese Kunstgrenze Ost-West nicht mehr, weil es neue Generationen mit neuen Horizonten gibt. Übrigens könnte Herr R. demnächst auch als Politiker aussterben, wenn er sich weiterhin auf solch ein abstraktes Problem wie das Hymne-Mitsingen kapriziert.

  19. 3.

    Die haben sorgen.Da kann man nur den Kopf schütteln.
    Der eine fordert eine Parkgebühr für Farräder,der andere will jetzt die Nationalhymne ändern.
    Traurig

  20. 2.

    Hat dieser Politiker von den Linken keine anderen Probleme in Thüringen?

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