Zwei Kinder lassen am Wannsee in Berlin die Beine baumeln. (Quelle: dpa/Stephanie Pilick)
Audio: Inforadio | 03.05.2019 | Holger Hansen | Bild: dpa/Stephanie Pilick

Vorschlag der CDU - Wer schlecht Deutsch kann, soll in die "Sommerschule" gehen

Die Berliner CDU will gegen die oft schwachen Leistungen an Schulen vorgehen - mit ungewöhnlichen Vorschlägen: So sollen etwa Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen auch in den Sommerferien zur Schule gehen. Die Landesregierung lehnt das ab.

Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen sollen nach dem Willen der Berliner CDU mehr Unterricht bekommen. In einem Papier für eine Fraktionsklausur, die am Freitag in Thüringen begann, wird dazu eine "verpflichtende Summer-School für Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen" vorgeschlagen. Auch bei ungenügenden Mathekenntnissen könnte das Modell zum Einsatz kommen, sagte Christian Gräff, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion und Hauptautor des Papiers dem rbb. Die Sommerschule soll nach dem Willen der CDU in den Sommerferien stattfinden und "fester Bestandteil des deutschen Schulsystems werden".

Am Samstag wollen die CDU-Abgeordneten das Papier beschließen. Zuerst hatte der "Tagesspiegel" über die CDU-Konzepte berichtet.

Die Sommerschule soll es den Angaben Gräffs zufolge für Schüler ab der 3. Klasse geben. "Wenn dafür vier der sechs Ferienwochen aufgewendet werden, halte ich das für zumutbar". Altersgerechte Tests sollten klären, wer an der Sommerschule teilnehmen muss. 

"Zwangsbeschulung in den Ferien nicht sinnvoll"

Der Berliner Senat wies den CDU-Vorstoß am Freitag umgehend zurück. "Eine Zwangsbeschulung in den Ferien ist nicht sinnvoll", sagte Bildungsstaatssekretärin Beate Stoffers am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Außerdem gebe es schon ähnliche Kurse: "Wir haben bereits freiwillige Angebote für Schüler und Schülerinnen mit geringen Sprachkenntnissen durch die Feriensprachschulen." Der Vorschlag würde alle Familien in Berlin betreffen und einen harten Eingriff in das Familienleben darstellen. Die Frage sei auch, wer die Schüler unterrichten soll. "Auch Lehrkräfte brauchen Erholung."

Auch die Grünen lehnen verpflichtende Sommerschulen ab. "Zwang und Druck haben noch keinem Kind die Lust am Lernen zurückgebracht", so die Bildungspolitikerin der Berliner Grünen, Marianne Burkert-Eulitz. "Alle Kinder haben laut UN-Kinderrechtskonvention, die auch für Berlin verbindlich ist, ein Recht auf Ruhe, Freizeit und Spiel, ein Recht auf Ferien." Eine Sommerschule könne allenfalls ein freiwilliges Angebot sein.

Berliner Schüler im Vergleich schwach

Hintergrund des Vorstoßes der CDU sind schlechte Leistungen von Berliner Schülern in bundesweiten Vergleichstests. So ergab etwa der Test Vera für Schüler der dritten Klassenstufe, dass rund die Hälfte der Berliner Teilnehmer bei der Rechtschreibung nicht einmal die Mindestanforderungen erfüllte. Beim Lesen war es rund ein Drittel.

Auch aus der Wirtschaft häufen sich Klagen über Schulabgänger, denen Kernkompetenzen fehlten, wie etwa eine gute Beherrschung der deutschen Sprache. 2018 hatten sieben Prozent der Berliner Schulabgänger nach der 10. Klasse gar keinen Abschluss, an den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen waren es 13 Prozent.

Gräff: "Eltern wollen mehr Leistung"

Betroffen sind oft Schüler mit ausländischen Wurzeln. An vielen Berliner Schulen sind sie mittlerweile in der Überzahl: Laut Bildungsverwaltung waren zuletzt in 44 Prozent der Grundschulen, 40 Prozent der Sekundarschulen und 20 Prozent der Gymnasien jeweils mindestens die Hälfte der Schüler nichtdeutscher Herkunft. Diese müssen nicht zwingend schlecht Deutsch sprechen. Zum Teil ist das aber der Fall und das sorgt an etlichen Schulen für erhebliche Probleme.

Diskriminieren wolle man diese Kinder mit dem Vorschlag nicht, betonte Gräff im rbb. "Wir wollen sie unterstützen", so der CDU-Politiker. "Mein Eindruck ist, dass die Eltern in Berlin mehr Bildung wollen, dass sie mehr Leistung wollen, auch an vielen Stellen mehr Disziplin." 

Scheeres kündigte "Qualitätsoffensive" an

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte Anfang des Jahres eine "Qualitätsoffensive" an den Schulen angekündigt. Sie umfasst unter anderem eine zusätzliche Deutschstunde pro Woche für Grundschüler, um ihnen vor allem flüssiges Lesen und damit auch besseres Textverständnis beizubringen. Vorgesehen sind auch verbindliche jährliche "Sachstandstests", um das jeweilige Niveau der Schüler in Deutsch und in Mathematik festzustellen. Auf dieser Grundlage soll der individuelle Förderbedarf festgelegt werden.

Auch für Azubis mit Sprachdefiziten präsentiert das CDU-Papier nun einen Vorschlag: Für diese Lehrlinge soll das Ausbildungsjahr einen oder zwei Monate früher beginnen, um diese Zeit für berufsbezogene Sprachförderung zu nutzen.

Zeiterfassung gegen das Schwänzen

Um das Niveau der Berliner Schulen zu heben, setzt die CDU laut "Tagesspiegel" auch auf die stärkere Verbreitung digitaler Technologien: Spätestens ab 2030 soll Schülern ab der 3. Klasse ein Computer oder ein Tablet für die Hausarbeiten zur Verfügung gestellt werden.

Gegen das Schulschwänzen wird laut "Tagesspiegel" in dem Papier eine elektronische Zeiterfassung an Schulen vorgeschlagen. Sie soll für Jugendliche gelten, die mehr als vier unentschuldigte Fehlzeiten in einem Schuljahr haben.

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71 Kommentare

  1. 71.

    OK, aber welche Schule sollen schlechte Politiker*innen im Sommer besuchen?

  2. 70.

    Aber bitte nicht privatisiert. Das würde dann doch wieder auf „Rahm abschöpfen“ hinauslaufen, wenig Leistung für horrende Preise. Die Lehrer würden dann wahrscheinlich auch für einen Hungerlohn arbeiten. Leute von der Uni, die im Studium schon fortgeschritten sind, organisiert und kontrolliert vom Senat. Sonst wird das wieder nur ein Windei, dass uns Steuerzahler teuer zu stehen kommt.

  3. 69.

    Die Motivation für das Lernen und das Erlangen von Bildung muss im Elternhaus wachsen. Wer das von den Eltern nicht vermittelt und vorgelebt bekommt, der wird Schule wahrscheinlich nur als lästige Verpflichtung ansehen, die es irgendwie 10 Jahre lang abzuleisten gilt. Wenn diesen Schülern in den Schulen verdeutlicht wird, dass Bildung wichtig und wertvoll ist, wird sich die Situation in den Klassenzimmern auch wieder verbessern. Schon 3-4 lernunwillige Kinder, dazu Inklusionskinder und Kinder mit Lerndefiziten und es geht fast gar nichts mehr. Unser Fazit nach zwei Kindern. M.E. ist das Wichtigste die Wiedereinführung der Vorschule. In diesem Jahr kann schon eruiert werden, wo ein Kind reifemäßig steht und wo vielleicht schon mit Fördermaßnahmen angesetzt werden muss. Und zwar bei allen Kindern, nicht nur bei denen mit Sprachproblemen. Fördern in den Ferien halte ich für absolut sinnvoll, damit der Schulalltag wieder verbessert werden kann. So wie es jetzt läuft, bremsen die Kinder mit Defiziten alle aus. Bestimmt ungewollt, aber leider ist das so.

  4. 67.

    Den Vorschlag finde ich nicht schlecht. Manche Schüler Schülerinnen gehen auch zum Förderunterticht wie mein Enkel n in Mathe
    In der Freizeit! Und die Leistung verbesserte sich sprunghaft

  5. 66.

    Die Belastbarkeit ist nicht an sich gering, die hängt vom Lebensstil und der Umwelt ab. Wenn jemand jahrelang inhaltlich kaum gefordert wird, schafft er das in der Schule natürlich nicht. Helikopterkindern wird oft zuviel abgenommen. Kinder, die nicht in die Kita gehen, lernen oft soziale Anforderungen oder die Sprache zu spät kennen. Wenn jemand bis zur Einschulung nur vor Displays oder TV sitzt, sieht das mit Anforderungen nicht besser aus. Wenn jemand denkt, dass er ein Pascha wäre und nichts machen müsste, will er dann nicht mitmachen, ist das aber von zu Hause auch kaum gewöhnt usw.
    Die Lehrer berichten vor allem, dass es lauter solche Betreuungs- und Erziehungsprobleme gibt, die beim Kontakt mit Kindern und Eltern einfach ins Auge springen, und nicht, dass die Kinder "biologisch aus unerfindlichen Grünen degenieren".

  6. 65.

    Läuft Ihr Auto ohne Elektrik? - Mit anderen Worten, auch die CDU macht ungeheuren destruktiven Stress, ohne sich der wissenschaftlichen Erkenntnisse mit heutigem Stand im 21. Jahrhundert insbesondere auf den Gebieten der Medizin, Psychologie und Sozialpädagogik zu bedienen. Kinder und Jugendliche sind als Menschen nur begrenzt belastbar!

  7. 63.

    Das kann ich bestätigen. Die Klassenlehrerin unserer Tochter bittet auch bei jedem Elternabend darum, dass sich die Eltern wenigstens einmal pro Woche Zeit nehmen sollen, sich über schulische Belange ihres Kindes zu informieren und nötigenfalls auch zu üben. Lesen, schreiben, rechnen, Vokabeln. Was früher normal war, muss jetzt erbeten werden und findet meist trotzdem nicht statt. Auch wer arbeiten geht, muss sich die Zeit dafür nehmen. Sommerschulen ersetzen weder gute und genügend Lehrer, noch Eltern, die sich einbringen und kümmern. Aber zusätzlich dazu Förderung und „Nachhilfe“ in den Ferien kann auf keinen Fall schaden. Und ich glaube das würden auch viele gerne wahrnehmen.

  8. 62.

    Einige andere Elternteile und ich waren viele Jahre als Lesepaten in der Grundschule meiner Kinder dabei. Lange vor der Flüchtlingswelle. Es war z.t. erschreckend, wie schlecht manche Kinder sprachen und was sie von zu Hause erzählten. Und es war kein einziges Kind aus einem armen oder sozial auffälligen Elternhaus dabei. "Bei uns gibt es keine Bücher", "meine Mama macht Vorlesen keinen Spaß", "bei uns hat keiner Zeit zum Üben". Das waren fast ausschließlich deutsche Kinder mit deutschem Hintergrund. Ich bin auf jeden Fall für Förderunterricht, die personelle Ausstattung in den Schulen (auch Oberschulen!!) muss aber auch zeitnah dringend verbessert werden. Sommerschulen sind sehr praktikabel und es könnten Kompaktkurse für alle Arten von Problemen angeboten werden. In Teilen der USA z.b. gibt es das schon lange. Ich bin aber auch dafür, dass die Eltern wieder vermehrt mit ins Boot geholt und in die Pflicht genommen werden. Es kann nicht sein, dass diese sich immer mehr wegducken und sich nicht zu Hause mit ihren Kindern hinsetzen und üben. Die Schule soll's regeln, das wird immer mehr der Grundtenor. So darf das nicht weitergehen.

  9. 61.

    Worin besteht wohl der wesentliche Unterschied zwischen Füllfederhalter und Tastatur?

  10. 59.

    Auch arme Kinder haben ein Recht auf Ferien. Aber nur vor Handys abschieben, wie es in vielen Familien passiert ist kontraproduktiv. Es gibt zwar in der Stadt viele Ferienangebote aber deren Wahrnehmung eine organisatorische Meisterleistung. Vielleicht könnte die CDU helfen, die Angebote in den Ferien an die Schule zu holen und diese zu erweitern-nicht durch Honorarkräfte sondern durch Festangestellte. Beispielsweise Theater ist ganz hervorragend geeignet, die Sprachkenntnisse der Kinder zu verbessern.

  11. 58.

    "eine zusätzliche Deutschstunde pro Woche für Grundschüler" wird 100 pro nicht reichen.

  12. 57.

    Zitat:"...wird dazu eine "verpflichtende Summer-School für Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen" vorgeschlagen."
    Ist schon witzig, schwache Deutschkenntnisse mit einem englischsprachigen Begriff zu fördern.
    Wie schön, dass zumindest der rbb das deutsche Wort verwendet hat.

  13. 56.

    Völlige Zustimmung zu Ihrem Kommentar!
    Offenkundig sind der CDU 17 Prozent in den Umfragen immer noch zu viel. Dabei bräuchten wir dringend eine starke Opposition, die den Senat vor sich hertreibt. Aber mit derartig abstrusen Vorschlägen wird das nix!!
    Anstatt die Grundschulen insgesamt personell und materiell besser auszustatten, damit sie ihren Bildungsauftrag besser erfüllen können, sollen mit dieser eigenartigen "Sommerschule" leistungsschwache Kinder, die es ohnehin schwer haben, bestraft werden. Auch sie haben ein Recht auf Ferien und wollen vielleicht mit ihren Eltern mal etwas länger verreisen (ist übrigens auch ein Wert an sich), was ihnen dadurch völlig verdorben wird.
    Welche Kompetenzen bringen wirtschaftspolitische Sprecher eigentlich mit, um sich in die Bildungspolitik
    einzumischen?

  14. 55.

    Wegen der deutschen Sprache heißt die Idee auch " Summer School"? Wie wäre es mit Nachsitzen für Politiker die erst reden und dann denken?

  15. 54.

    Ja sicher. Daher muss zunächst für genügend Personal in den Schulen gesorgt werden, ehe ein nächstes, halbherziges, Projekt in das ohnehin dramatische Bildungsdilemma reingrätscht. Die Idee der Sommerschule ist nicht verkehrt, aber ein Schlag ins Gesicht der Lehrer und Eltern, die sich schon durch den normalen Schulalltag quälen müssen, verursacht durch Lehrermangel und Unterrichtsausfall.

  16. 53.

    Faseln was von mangelnden Deutschkenntnissen und nennen Ihren Vorschlag "Summer-School". Da fällt einem doch echt nix mehr ein.

  17. 52.

    Wie soll das denn funktionieren? Ich Berlin herrscht doch bestimmt auch Lehrermangel?

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