Arbeitseinsatz von Frauen im Sommer 1948 für den Ausbau des Flughafen Tegels (Quelle: dpa/Walter Schulze)
Video: rbb|24 | 11.05.2019 | Material: Abendschau | Bild: dpa/Walter Schulze

70 Jahre Luftbrücke - Wie der Flughafen Tegel mit der Spitzhacke gebaut wurde

Beim Stichwort "Luftbrücke" denken die meisten Berliner sofort an den Flughafen Tempelhof. Was viele nicht wissen: Ohne die Berlin Blockade hätte es wahrscheinlich auch den Flughafen Tegel nicht gegeben. Von Georg Berger

Der Flughafen Tegel ist noch immer Berlins wichtigstes Tor zur Welt. Viele verbinden ihn mit dem Luftfahrtpionier Otto Lilienthal, nach dem er 1988 benannt wurde. 

Doch die Wiege der Luftfahrt stand nicht in Tegel: "Mit Otto Lilienthal hat es nicht viel zu tun. Hier wurde zwar gejagt, fliegen geübt. Aber den Flughafen gibt es erst seit Ende 1948, während der Luftbrücke", sagt Christiane Borgelt, Stadtplanerin und Kuratorin der Ausstellung "Als Schokolade vom Himmel fiel" im Museum Reinickendorf. Diese Krisensituation war der Grund für den Ausbau des ehemaligen Raketenabflugplatzes und Truppenübungsplatzes der Luftwaffe in der Jungfernheide.

Eine dritte Landebahn muss her

Vom 24. Juni 1948 an müssen zwei Millionen Westberliner aus der Luft versorgt werden. Denn bis zum 12. Mai 1949 blockiert die Sowjetunion alle Land- und Wasserwege nach West-Berlin. Die West-Alliierten reagieren mit der Luftbrücke. Doch schnell ist klar: Die Flughäfen Tempelhof und Gatow reichen nicht, um die 2,1 Millionen Einwohner West-Berlins aus der Luft zu versorgen. Eine dritte Landebahn muss her. Sechs Wochen nach Blockade-Beginn bauen die Franzosen in ihrem Sektor die Jungfernheide, zur Kaiserzeit Zeppelinstartplatz, zum Frachtflughafen aus.

Berliner Einwohner entfernen im August 1948 auf dem alten Schießplatz in Berlin-Tegel die vorhandenen Sandberge (Quelle: dpa-Report)
Berliner entfernen im August 1948 auf dem alten Schießplatz in Tegel die Sandberge. Der Sand wird mit Lkw's abtransportiert, das Gelände, das künftig als Flugplatz genutzt werden soll, wird anschließend planiert. Bild: dpa-Report

Wer beim Flughafenbau mithilft, bekommt eine warme Mahlzeit

Bis zu 19.000 Berlinerinnen und Berliner finden hier einen begehrten Arbeitsplatz. "Das waren halb und halb Frauen und Männer. Die haben 200 Mark verdient. Das war nun nicht ganz wenig. Und: Sie haben die Karte 2 bekommen (Anm.d.Red: Lebensmittelkarte)", erinnert sich Manfred Omankowsky, damals Pressesprecher im Rathaus Reinickendorf.

Es geht also ums Essen. Denn auch drei Jahre nach Kriegsende sind Lebensmittel immer noch knapp. Deswegen kommt vielen Berlinern der Flughafenbau gerade recht: "Die französische Militärregierung hat darauf geachtet, dass alle, die dort arbeiten, eine warme Mahlzeit und Kaffee bekommen. Das war für viele sehr interessant", sagt Christiane Borgelt.

Planierraupen auf der Baustelle der zweiten Start- und Landebahn auf dem Flugplatz in Berlin-Tegel 1948 (dpa-Report/UPI)
Planierraupen auf der Baustelle der neuen Start- und Landebahn auf dem Flugplatz in Berlin-Tegel 1948. Bild: dpa-Report/UPI

Nach nur drei Monaten steht der Flughafen

Auf dem Gelände des künftigen Flughafens liegen noch immer Blindgänger aus dem Krieg. Die müssen weg, bevor der Kriegsschutt aus der zerstörten Stadt die Grundlage für die Landebahnen wird. Die Arbeit ist hart, die Stimmung aber gut, erzählt Christiane Borgelt: "Es wurde in drei Schichten gearbeitet – fast rund um die Uhr in einer 7-Tage-Woche. Zwar gab es ein paar Bulldozer. Aber die überwiegende Arbeit wurde mit der Spitzhacke und der Schaufel gemacht."

Nach dem Schotter wird Asphalt aufgetragen – geradezu luxuriös für die Piloten, bestehen die Landebahnen in Gatow und Tempelhof doch aus Lochblechen, die ständig verrutschen. Nach nur drei Monaten steht der einfache Flughafen: mit einer Landebahn, die mit knapp 2,5 Kilometern damals die längste Europas ist.

16. Dezember 1948. Sprengung des Sendeturms des sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunks in Berlin-Tegel durch franz. Pioniere wegen Gefährdung der Flugsicherheit (Quelle:dpa/akg-images)
16. Dezember 1948: Der gesprengte Sendeturm des sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunks in Tegel Bild: dpa/akg-images

"So lange halten wir das nicht mehr durch"

Anfang November 1948 landet die erste Maschine auf dem Flughafen, der erst einen Monat später offiziell eingeweiht wird.

 Am 16. Dezember 1948 werden zwei Sendetürme des Berliner Rundfunks, betrieben von den Sowjets, von den Franzosen kurzerhand gesprengt, weil sie den Flugbetrieb beeinträchtigen.

Mit der neuen Landebahn in Tegel erreicht die Luftbrücke neue Fracht-Rekorde. Die Stimmung unter den Westberlinern steigt, erinnert sich der ehemalige Pressesprecher des Rathaus Reinickendorfes: "Durch den Flughafenbau haben die Russen wohl gesehen: Die machen so lange weiter – so lange halten wir das gar nicht mehr durch." 

Damit sollte Manfred Omankowsky wohl recht behalten: Am 12. Mai 1949 endet die Berlin-Blockade. Der Flughafen Tegel, aus der Not geboren zur Versorgung der Westberliner, wurde später ein Tor zur Welt für die komplette Stadt.

70 Jahre Berliner Luftbrücke

70 jahre Luftbrücke

Berliner Luftbrücke

Die Blockade aller Land-, Schienen- und Wasserwege zwischen West-Berlin und den drei westlichen Zonen durch die Sowjetunion dauerte vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949. In diesen elf Monaten der Blockade werden in fast 230.000 Flügen über 2,1 Millionen Tonnen Waren eingeflogen – nach Tempelhof, Gatow und Tegel. Insgesamt 78 Menschen verloren bei Unfällen während der Luftbrücke ihr Leben.

Berlin erinnert am 12. Mai mit mehreren Veranstaltungen an das Ende der Berlin-Blockade vor 70 Jahren. Zentrale Veranstaltung ist das "Fest der Luftbrücke" auf dem Gelände und in Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Mehr Infos: www.fest-der-luftbruecke.de

Sendung: rbb Fernsehen, 11.05.2019 , 14:10 - 17:25  Uhr

Beitrag von Georg Berger

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