Vier Personen in glitzernder Aufmachung tragen einen goldenen Sarg über eine Spreebrücke. An einem Laternenmast steht "Jordan" geschrieben (Quelle: rbb|24/Oliver Noffke)
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Video: rbb|24 | 24.05.2019 | Bild: rbb|24

Demonstration als Trauerzug - Alternative Szene beerdigt Berlins Club-Kultur

Clubsterben ist zu einer Berliner Vokabel geworden. Am Donnerstag trauerten wenige Hundert Demonstranten um verlorene Orte, doch die Szene läuft sich gerade erst warm: Am Samstag wird eine der Schlagadern der Stadt lahmgelegt. Von Oliver Noffke

Rosi's, Bassy Club, Jonny Knüppel oder das Café Rizz: Berlins Partylandschaft hat in den vergangenen Monaten einige seiner kultigsten Clubs und Kneipen verloren. Steigende Mieten, Wettbewerbsdruck waren oftmals der Grund, oder die ausgetauschte Nachbarschaft wusste nach der Gentrifizierung nichts mehr mit den alteingesessenen Orten anzufangen, so die Inititiave Reclaim Club Culture.

Am Donnerstagabend hat sie deshalb einen Trauerzug durch den Westen der Stadt geführt und anschließend eine symbolische Beerdigung abgehalten. Etwa 200 Leute nahmen daran teil.

"Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass es gerade echt kurz vor Schluss ist", so eine der Sprecherinnen von Reclaim Club Culture, die alle unter dem Pseudonym Rosa Rave auftreten. Neben Musikclubs hätten im letzten Jahr auch viele Kulturräume oder Gemeinschaftsgärten Investorenprojekten weichen müssen, sagt sie. "Wenn wir so weiter machen mit dem Ausverkauf der Stadt, dann wird es diese Räume hier bald gar nicht mehr geben."

Rosa Rave von der Initiative Reclaim Club Culture im Interview (Quelle: rbb|24/Mara Nolte)
| Bild: rbb|24

Enttäuschung über Kultursenator Lederer

Mit der Demonstration fordern sie langfristige Mietverträge oder Rückkäufe, um noch existierende Projekte dauerhaft zu sichern; mehr Verständnis und Unterstützung von Behörden bei der Anmeldung und Durchführung von Veranstaltungen. "Es muss einfacher für uns sein, Genehmigungen zu bekommen in Bezug auf Brandschutz und Lärm und Bau", so die anwesende Rosa-Rave-Inkarnation.

Enttäuschung herrscht über die Arbeit des aktuellen Kultursenators. "Wir fragen uns auch: Was ist eigentlich mit Klaus Lederer, wo bleibt der eigentlich gerade?", so die Sprecherin. "Wir erleben, dass diese Räume sterben und im Endeffekt nichts dagegen getan wird." Es sei besonders frustrierend, das Verschwinden dieser Räume mitzuerleben, während ein Linken-Politiker wie Lederer die Kulturpolitik der Stadt lenke.

"Es hilft, Gruppen zu gründen"

An der Demonstrationsroute lag auch der Reformations-Campus in der Moabiter Wiclefstraße. Neben einer Kita befindet sich auf dem Areal auch ein Jugendtheater sowie diverse Kulturräume. Alles nur möglich, weil das Konzept die Evangelische Kirche überzeugte, sagt Tobias Horrer, der sich für das Projekt engagiert. "Andernfalls würde hier heute alles dicht bebaut sein, wahrscheinlich mit Eigentumswohnungen." Dank eines Erbbaurechtsvertrags gehört das Areal heute einem Verein.

Horrer sei zwar bewusst, dass der Reformations-Campus einen Eigentümer überzeugen musste, bei dem Profit nicht die oberste Priorität sei, sagt er. Er hofft dennoch, dass der Campus anderen ein Vorbild sein kann. "Was wir anderen mitgeben können, ist, dass es hilft, verbindliche Gruppen zu gründen. Menschen, die ein gemeinsames Ziel teilen, sind besser aufgestellt." Ende des Monats wird der Verein Workshops und Diskussionen zu Stadtentwicklung und Utopien anbieten.

Protest-Rave auf der Elsenbrücke, Abschiedsfeier am Kottbusser Tor

Dass Aufmerksamkeit die Meinung von Eigentümern oder Vermietern ändern kann, erlebte zuletzt das Team vom Hafen im Nollendorfkiez. Nach 28 Jahren stand die Bar vor dem Aus, weil Uneinigkeit über zukünftige Mietbedingungen herrschte. Fans, Stammgäste und Personal trauerten online, schalteten die Medien ein und organisierten eine lange Abschiedsfeier. Kurz darauf gab es doch noch eine Einigung. Das Hafen bleibt vorerst bestehen.

Reclaim Club Culture sieht für die Zukunft von Berlins Clubs, Kultkneipen oder Kunsteinrichtungen jedoch schwarz. Entweder sie müssen abstreifen, was sie einzigartig macht und sich näher am Profit orientieren oder sie werden schließen müssen - das ist die Essenz der Veröffentlichung zur Demonstration. "Das wird nicht die letzte Beerdigung sein, auf der ihr seid", so eine der Rednerinnen. "Gewöhnt euch dran." Eine Liste akut gefährdeter Berliner Orte führt die Initiative bereits.

Darauf steht etwa der Techno-Club Wilde Renate an der Ecke Markgrafendamm und Alt-Stralau. Sollte die A100 wie bislang geplant einmal über die Spree bis ins Zentrum Friedrichhains verlängert werden, müsste der Club weichen. Gemeinsam mit vier anderen Clubs und dem Aktionsbündnis A100 stoppen wird die Wilde Renate dagegen einen Protest-Rave auf der Elsenbrücke veranstalten. Mehr als 1.200 Menschen haben sich dafür bereits angekündigt [facebook.de].

Wenig später findet am Kottbusser Tor die Abschiedsfeier eines weiteren Kult-Clubs statt: Nach zehn Jahren schließt der Farbfernseher.

Beitrag von Oliver Noffke

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12 Kommentare

  1. 12.

    Tja, wenn man sonst keine Sorgen hat....
    Aber btw. hat man hier dann bei der Aufzählung mal geflissentlich die Clubs verschwiegen, die offenbar dem politisch korrekten Mustermännern (m/w/x) doch ein bisschen zu wild und zu sehr Schmuddelecke, die auch "gestorben" sind.
    Ich bin mir aber sicher: irgendwo werden sie wieder auferstehen, nur vielleicht nicht IN Berlin.

  2. 11.

    Ja, immer schön feiern als gäbe es kein Morgen...

  3. 10.

    Wo ist bitte der "Kottbusser Platz"?

    Meinen Sie den Cottbusser Platz in Hellersdorf, nach dem auch eine Station der U 5 benannt ist?


  4. 9.

    Ganz genau. Die irgendwie "aus der Zeit gefallenen" Objekte waren, sind und werden überplant, d.h. die sind in Augen der Investoren schon längst abgerissen und neu gebaut, häufig halt mit völlig anderer Nutzung. Durch die Goldgräberstimmung, befeuert auch durch Panama/Luxembourg-Geld wird bald alles umgenutzt / abgerissen worden sein.
    Und ja, spannend war Berlin für mich vor dem Mauerbau und max. bis Anfang der 2000er, sorry to say. Das soll jetzt aber kein Spätzlebashing sein.

  5. 8.

    kunst braucht immer sponsoren-unterstützung, war immer so, auch früher mal während renaissance zum beispiel. und berlin wird wirklich planmäßig zur geldmaschine. wegen regierungssitz höchstwahrscheinlich. das war allen klar, ist aber trotzdem traurig, dass freiheit und spaß verschwinden von hier immer weiter weg... das berlin ist tot, lang lebe das berlin!

  6. 7.

    Jeder, der von hier ist, oder schon länger als 10-12Jahre hier lebt, kennt es noch, das wilde Berlin, das in den 90er Jahren so unglaublich kreativ und auf verschiedenste Art und Weise wild feiern konnte. Da ging was, weil die leeren Fabriken und Brachen den Raum boten. Allen war aber immer klar, dass es temporäre Locations sind, vor dem Neubau kam der Abriss, traurig, aber unumgänglich. Das, was noch übrig ist, ist ein trauriger Rest, siehe Sage-Club. (der war für echte Berliner übrigens schon immer no-go!) Die Stadt passt sich dem globalen Einheitspreis eben an...

  7. 6.

    Oh Mann, das sind ja wieder "Erkenntnisse"

    Zitat M.König "Man kann auch mangelnde Nachfrageanpassung von inkompetenten Location-Betreibern zum Stadt-Problem erklären"

    Das würde der Herr König dann auch dem Eisbären am Polarkreis so erklären, wenn unter seinem Arsch die Scholle wegtaut. "Haste halt auf die falsche Scholle gesetzt"....

    Natürlich ist das Problem vieler Berliner Clubs nicht eine sinkenden Nachfrage, sondern die vielfältige Bedrohung durch die wachsende Stadt. Wie ein hübsches Blümchen auf einer Wiese wird die Szene durch Immobilien-Geschachere (häufig auch noch durch "Panama"Konstrukte), durch Anwohner, die leider am längeren Hebel sitzen dürfen, und durch eine Regulierungswut der Verwaltung zertrampelt. Die Clubszene, allem voran Reclaime und die Clubcommission machen seit Jahren auf die Problematik aufmerksam, aber viel mehr als ab und zu ein "Pflaster" wird nicht verteilt. Während die "Scholle" immer kleiner wird. Wem gehört die Stadt ?

  8. 5.

    Die wollen einfachere Brandschutzgenehmigungen? Na dann vorwärts in die nächste Katastrophe, wenn sich eine dieser Partydrogenhöhlen in ein Flammeninferno verwandelt!

    Für den BER gab es damals auch keine Ausnahme und das aus gutem Grund.

  9. 4.

    schließe mich der Antwort an.

    Generell zweifele ich an Haltungen wie "wenn das so weitergeht dann...". Es stimmt auch, das Schließungen nicht selten mit Betreiber-Verhalten selbst zu tun haben. Aber den Finger immer auf Andere zu richten ist eben einfacher und medienwirksamer. Offensichtlich wird ständig ein Feindbild benötigt, egal bei welchem Thema!

  10. 3.

    "Man kann auch mangelnde Nachfrageanpassung von inkompetenten Location-Betreibern zum Stadt-Problem erklären."

    Kann man. Ist aber komplett an der Realität vorbei. Anwohnerbeschwerden oder Neubebauung der Grundstücke durch die Grundstücksbesitzer (wie jetzt beim Rosi's, wo ein Bürokomplex entsteht) sind die vordergründigen Ursachen für das Club-Sterben.

    Welche kulturelle Erneuerung Berlins erkennen Sie?

  11. 1.

    Meine Güte, "Clubsterben": Drama, Baby, drama!!!". Fangen wir doch alle an zu heulen. Man kann auch mangelnde Nachfrageanpassung von inkompetenten Location-Betreibern zum Stadt-Problem erklären. Meine Lieblings-Gegenbeispiele sind die Ballhäuser der Stadt und on-top das Cafe Keese.

    Berlin steht für Veränderung, insbesondere kulturell. Das Verschwinden von Party-Locations ist die Essenz unserer permanenten Erneuerung. Es stirbt da übrigens auch niemand. Lasst die Kirche mal im Dorf oder den "Club" mal im Partykeller.

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