Mercedes Wild und der Candy-Pilot Gail S. Halvorsen. (Bild: imago images)
Audio: Inforadio | 07.05.2019 | Interview mit Mercedes Wild | Bild: imago images

Interview | Zeitzeugin über Berlin-Blockade - "Ich trage die Luftbrücke immer bei mir"

Mercedes Wild war sieben Jahre alt, als die sowjetische Blockade West-Berlin zwischen Juni 1948 und Mai 1949 vom Rest der Welt abschnitt. Sie erlebte den Schrecken eines abgestürzten Rosinenbombers - genauso wie die Freude an Fallschirmen mit Schokolade.

rbb: Frau Wild, wie ist heute, 70 Jahre später, Ihr Verhältnis zur Luftbrücke?

Mercedes Wild: Ich trage die Luftbrücke immer bei mir. 70 Jahre danach ist es emotional viel stärker. Die Vergangenheit war bei mir immer präsent. Denn ich lebe noch immer im selben Haus wie 1948 [in der Hähnelstraße in Berlin-Friedenau, Anm.d.Red.]. Ich habe hier auch den Krieg miterlebt.

Sie waren 1948 sieben Jahre alt, die Stadt stand unter Blockade, es fehlte an allem. Haben Sie das damals verstanden als Kind?

So richtig verstanden habe ich das nicht. Aber es gab schon vorher kleine Blockaden. Im März etwa hatte das Haus Schwierigkeiten, Koks zu bekommen, weil die Wasserwege blockiert waren. Man hoffte immer darauf, dass eine gewisse Verbindung zum Umland blieb. Es gab eine gewisse Vorahnung.

Dann kam die große Berlin-Blockade und mit ihr die Luftbrücke. Die Piloten brachten auch Päckchen mit Süßigkeiten – allerdings nicht für Sie. Was haben Sie gemacht?

Ich habe einen Brief an meinen Schokoladenonkel Colonel Gail S. Halvorsen geschickt: "Bitte wirf einen Fallschirm über meinem Garten mit den weißen Hühnern ab. Es ist auch nicht so schlimm, wenn du ein Huhn triffst, die sollen eh im Suppentopf landen." Und ich habe auf einen Fallschirm gewartet.

Pilot Gail S. Halvorsen wirft 1948 auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof amerikanische Süßigkeiten aus seinem C-54 Transportflugzeug (Quelle: dpa/lhe)Pilot Halvorsen wirft 1948 auf dem Flughafen Tempelhof amerikanische Süßigkeiten aus seinem C-54 Transportflugzeug

Was ist dann passiert?

An einem nebligen Novembertag kam ich aus der Schule nach Hause. Meine Großmutter gab mir einen Brief. Darin war ein Kaugummi. So etwas kannte ich nicht - ich habe ihn auf dem Kinderschwarzmarkt gegen eine Glasmurmel verscherbelt. Und der Lutscher musste bis Weihnachten reichen. Das Wichtigste war der Brief.

Haben Sie den noch?

Ja, der ist mittlerweile im Schließfach, denn der ist sehr wertvoll geworden. Colonel Halvorsen ist sehr oft Gast unserer Familie gewesen.

Leutnant Gail S. Halverson mit Kindern am Tempelhofer Flughafen (Quelle: dpa/AP)Candy-Bomber Gail Halverson, umringt von Kindern auf dem Flughafen Tempelhof am 8. Oktober 1948

Der Absender war Gail S. Halvorsen, jener Pilot, der als "Candy Bomber" berühmt wurde. Er war der erste Pilot, der für die Kinder von Berlin Süßigkeiten mit kleinen Fallschirmen während der Berliner Luftbrücke abwarf. Wie kam es denn dazu, dass Sie sich mit Ihrem Schokoladenonkel angefreundet haben?

1972 war wieder Tag der offenen Tür auf dem Flughafen Tempelhof. Mein Mann ging alleine hin, denn kriegsbedingt hasse ich Massenaufläufe. Er sah einen amerikanischen Offizier, umringt von vielen Menschen. Er fragte ihn, ob er möglicherweise seiner Frau diesen Brief geschickt hatte und gab ihm seine Visitenkarte. Später kam ein Anruf aus Tempelhof, wir sollten doch mal vorbeikommen. Erst wollte ich das nicht: Er war für mich wie eine Vaterfigur, eine amerikanischer Offizier und ich nur eine kleine Berlinerin. Aber dann kamen immer wieder Anrufe und dann war es ganz anders.

Inwiefern?

In diesem großen Raum mit den amerikanischen Fahnen saß ein Mann, kam auf uns zu, umarmte die zwei Kinder, die wir dabei hatten. Diese Geste war so menschlich, dass sofort die Erfüllung der Vaterfigur da war, der Traum eines Kriegskindes ohne Vater. Zweidrittel der Kinder hatten zu der Zeit keinen Vater. Auch mein Vater ist bis zum heutigen Tag vermisst. Darunter leidet man noch immer.

Wie entwickelte sich die Freundschaft?

Er nahm zusammen mit seiner Frau und zweien seiner Söhne unsere Einladung zum Abendbrot an. Ich wusste erst gar nicht, was ich zu Essen machen sollte. Dann dachte ich: Hühnchen isst jeder. Ich kochte Hühnerfrikassee und fragte in meinem Schulenglisch, ob das okay ist. Und er fragte auf Englisch: Die Hühner von 1948? Alle lachten, und das Eis war gebrochen. Wir haben danach sehr viele nette Stunden erlebt. Wenn er in Berlin war, hat er immer bei uns übernachtet. Er hat die Wiedervereinigung miterlebt, war im Harz, an der Ostsee, im Oderbruch. Er wollte wissen, was der Unterschied zwischen West und Ost mit den Menschen gemacht hat. 1978 haben wir ihn das erste Mal drüben besucht. 

14. Mai 1998: Präsident Bill Clinton und Bundeskanzler Helmut Kohl danken dem ehemaligen US-Piloten Gal Halverson. Rechts: Mercedes Wild (Quelle: dpa/AP/Michael Probst)14. Mai 1998: Präsident Bill Clinton und Bundeskanzler Helmut Kohl danken dem ehemaligen US-Piloten Gal Halverson. Rechts: Mercedes Wild

Was sagen Ihnen Krieg, Frieden und Völkerfreundschaften?

Die Freundschaften kommen von unten. Otto Normalverbraucher. Da können aus ehemaligen Feinden Freunde werden.

Trotz allem Positivem, das sich für Sie daraus entwickelt hat: Die Luftbrücke war eine harte Zeit. Welches Gefühl bleibt übrig nach 70 Jahren?

Wissen Sie, 200 Meter Luftlinie von uns entfernt ist ein Flugzeug abgestürzt, das erste in Berlin. Das war am 25. Juni, zu Beginn der Luftbrücke. Die Piloten haben nicht überlebt. Es war ein Schock. Wir dachten wirklich, die geben auf. Wir haben uns als Deutsche sehr negativ benommen in der Welt. Und doch ist uns weiterhin geholfen worden zu überleben. Dass es ein politischer Hintergrund war, habe ich als Kind nicht gesehen. Aber ich habe gesehen, dass da Menschen sind, die auf Kinder zugehen. Das ist übrig geblieben: Man muss auf Kinder zugehen, um etwas zu bewirken. Man muss zusehen, dass man das Gute im Menschen sieht. Kinder sind erstmal gut. Was daraus wird, ist Sache ihres Umfeldes.

Wer trägt die Erinnerung an die Luftbrücke weiter?

Wir müssen den Gedanken weitertragen: Dass einem Freiheit nicht einfach gegeben wird, sondern man darum kämpfen muss, dafür sein Leben lassen muss. Am 12. Mai gedenken wir auch der Toten der Luftbrücke. Man darf nicht darüber hinweggehen.  

70 Jahre Berliner Luftbrücke

70 jahre Luftbrücke

Die Blockade aller Land-, Schienen- und Wasserwege zwischen West-Berlin und den drei westlichen Zonen durch die Sowjetunion dauerte vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949. In diesen elf Monaten der Blockade wurden in fast 230.000 Flügen über 2,1 Millionen Tonnen Waren eingeflogen - nach Tempelhof, Gatow und Tegel. Insgesamt 78 Menschen verloren bei Unfällen während der Luftbrücke ihr Leben.

Berlin erinnert am 12. Mai mit mehreren Veranstaltungen an das Ende der Berlin-Blockade vor 70 Jahren. Zentrale Veranstaltung ist das "Fest der Luftbrücke" auf dem Gelände und in Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Mehr Infos: www.fest-der-luftbruecke.de

Das rbb Fernsehen sendet am 11. Mai 2019 einen Thementag zum Ende der Berliner Luftbrücke, dem 70. Jahrestag, mit zahlreichen Dokus und Reportagen.  

Mit Mercedes Wild sprach Sylvia Tiegs, Inforadio. Das Interview ist eine gekürzte und bearbeitete Fassung. Das Originalgespräch können Sie mit Klick auf das Aufmacherbild im Artikel nachhören.  

Sendung: Inforadio, 07.05.2019, 10:45 Uhr 

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ein großer Gedenktag und Dank an die wahren Freunde und Retter der Berliner Bevölkerung. Wäre es da nicht an der Zeit, über ein weiters Verbleiben der Denkmäler der Verursacher der Blockade nachzudenken?

  2. 2.

    Nach meinem Verständnis hat die Luftbrücke West-Berlin nicht vom Rest der Welt abgeschnitten sondern mit dem Rest der Welt verbunden. Liege ich da falsch?

  3. 1.

    Kleine Ergänzung zum Verständnis, ist mir neulich schon bei der Hörfunk-Ausstrahlung aufgefallen: Frau Wild hat nicht erwähnt, dass der Luftbrückenpilot Gail Halvorsen in den 70er Jahren erneut in Berlin tätig war - diesmal als Kommandant der US Air Base Tempelhof. Daher war er beim Tag der offenen Tür von Menschen umringt und trug an seiner Uniform sicher auch ein Namensschild, und da muss sich ihr Mann dann wohl an den Namen erinnert haben.

    Und zum Thema "Gedenken" auch noch eine Ergänzung: Inzwischen trägt ja eine Schule in Dahlem den Namen von Gail Halvorsen. Soweit ich mich erinnere, ist das nach der Astrid-Lindgren-Grundschule in Staaken (1966 im Beisein der Autorin eröffnet)erst das zweite Mal, dass eine Schule in Berlin nach einer lebenden Person benannt wurde. Also eine ganz besonders hohe Ehre.

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