Niedergörsdorf, Kommunalwahlen in Brandenburg (Quelle: Johanna Siegemund/rbb)
Bild: Johanna Siegemund/rbb

Brandenburger Kommunalwahlen - Neustart in Niedergörsdorf mit gemischten Gefühlen

Nach der Kommunalwahl in Brandenburg steht Niedergörsdorf vor einem Neustart. Die meisten Mitglieder des Gemeindeparlaments wurden ausgetauscht, die AfD erreichte aus dem Stand ein zweistelliges Ergebnis. Die Gemeinde ist gespalten. Von Johanna Siegemund

Besonders der Niedersgörsdorfer Bürgermeisterin Doreen Boßdorf (Bürgergemeinschaft) steht nach der Wahl die Ratlosigkeit über das Ergebnis ins Gesicht geschrieben. Man habe hier am Sonntagabend mit Schrecken die Zahlen niedergeschrieben, sei mit Schrecken ins Bett gegangen und habe sich gefragt, was sie jetzt erwarte.

Niedergörsdorf, Kommunalwahlen in Brandenburg (Quelle: Johanna Siegemund/rbb)
Bürgermeisterin Doreen BoßdorfBild: Johanna Siegemund/rbb

"Kein Niedergörsdorfer Phänomen"

Auf jeden Fall ein neuer Start. Nach 25 Jahren werden die meisten Gemeindevertreter und Vertreterinnen ausgewechselt. Das habe man sich auch gewünscht. Die Gemeinde wollte einen politischen Generationswechsel mit mehr Frauen und jüngeren Köpfen. Das sei auch gelungen, nur bei den zwei neuen Gemeindevertretern aus der AfD, da müsse man erst einmal abwarten. Schütze und Boßdorf formulieren das sehr diplomatisch. Sie glauben nicht, dass die Unzufriedenheit etwas mit Ihrer Arbeit zu tun haben könnte: “Es ist kein Niedergörsdorfer Phänomen, es ist ein bundesweites Phänomen“, sagt die Bürgermeisterin. “Es ist eine Unzufriedenheit mit der Bundes- und Landespolitik – und das ist jetzt die Rückkopplung.“

Niedergörsdorf, Kommunalwahlen in Brandenburg (Quelle: Johanna Siegemund/rbb)
Hier tagt die Gemeindevertretung | Bild: Johanna Siegemund/rbb

Parallelwelten in Niedergörsdorf?

Frank Woitzik von der AfD sieht das anders. Eigentlich habe sich der selbstständige Kurierfahrer nie für Parteipolitik interessiert, aber das Gegengewicht habe gefehlt. Er klagt über die armen Rentner, die klauen gehen müssen, über die schlechten Straßenzustände und über die mangelnde Polizeipräsenz. Viele Leute wären auf ihn zugegangen, hätten das Gespräch mit ihm gesucht, als er sich zur Wahl gestellt hat. Er und Danny Gall, jetzt ebenfalls in der Gemeindevertretung, "wurden von allen angesprochen – egal von welcher Schicht.“  Sie hätten zugehört und die Leute wachgerüttelt. Die Bürger wären sehr sauer gewesen. Auch, was die "die neuen Gäste" angeht. Die sagen nämlich nichts, "wie in einer Parallelwelt". Weiter führt er diesen Punkt nicht aus.

In der Gemeindevertretung will er in Zukunft das umsetzen, was geht – damit man wieder gut und gerne in Niedergörsdorf lebt. Seine Wähler hätten sich sehr über seinen Wahlerfolg gefreut, sagt Woitzik.  

Niedergörsdorf, Kommunalwahlen in Brandenburg (Quelle: Johanna Siegemund/rbb)
Max Göritz, Andrea Schütze und Doreen Boßdorf | Bild: Johanna Siegemund/rbb

Wenn sich ein ganzer Ortsteil mobilisiert

Die meisten Stimmen hat die AfD in Altes Lager, dem bewohnermäßig größten Ortsteil von Niedergörsdorf, bekommen. Fast ein Viertel der Stimmen ging hier an Gall und Woitzik. Den 22-jährigen Max Göritz (parteilos), der jetzt ebenfalls erstmals in die Gemeindevertretung gewählt wurde, wundert das nicht. Er ist Vorsitzender des frisch gegründeten Feuerwehrvereins Altes Lager und kennt seinen Ortsteil in- und auswendig.

In Altes Lager sind nur wenige Parteien sichtbar vertreten, besonders von der SPD und der Linken. Er habe die Kandidaten von der AfD häufig in Altes Lager angetroffen: "Die haben ihre Chance gesehen." Trotzdem hat Göritz mit 317 Stimmen die meisten Wähler in Altes Lager begeistern können. Mit gerade einmal 22 Jahren wurde der technische Zeichner in die Gemeindevertretung gewählt – als Einzelwahlvorschlag.

Niedergörsdorf, Kommunalwahlen in Brandenburg (Quelle: Johanna Siegemund/rbb)
Hohe Wahlbeteiligung auch in Niedergörsdorf | Bild: Johanna Siegemund/rbb

Wahlbeteiligung hat sich verdreifacht

Ein Jahr lang hat er jede Sitzung in der Gemeinde mitverfolgt. "Mich hat gestört, dass viele nicht anwesend waren. Mindestens drei haben immer gefehlt und da dachte ich, das kann ich besser", sagt Göritz. Eigentlich wollte er erst in fünf Jahren kandidieren, aber er habe viel Unterstützung bekommen.

Boßdorf und Schütze glauben, dass besonders er und die AfD einen Anteil daran gehabt haben, dass mehr Bewohner wählen gegangen sind. Besonders in Altes Lager zeigt sich das deutlich: Im Gegensatz zur Bürgermeisterwahl im vergangenen Jahr hat sich die Wahlbeteiligung verdreifacht. Trotzdem bleibt er erst einmal bescheiden über seinen Erfolg: "Erst, wenn ich in fünf Jahren wiedergewählt werde, dann habe ich was richtig gemacht."

Eine gespaltene Dorfstraße

Und wie reagieren die, die gewählt haben? Am Tag nach der Wahl trifft man nicht viele Niedergörsdorfer auf der langen Dorfstraße an. Die meisten, die trotz Regen auf der Straße sind, wollen auch gar nicht erst über die Wahl sprechen. Eine ältere Frau sagt, sie sei enttäuscht, aber ihre Meinung sei nicht so wichtig wie die der jüngeren Leute. Andere haben mit dem Ergebnis gerechnet – und sind zufrieden. Eine Frau am Fenster sagt, dass die Leute doch überall unzufrieden sind. Sie selbst fühle sich nicht mehr sicher: "Man kann doch abends nicht mehr raus, wir sind früher mit dem Fahrrad einkaufen gefahren über den Acker. Jetzt treiben die sich ja überall rum, das geht nicht." Mit "Die" sind die 238 Ausländer gemeint, die in der 6.200-Einwohnergemeinde leben. Zudem lebten Ende 2018 auch 46 Geflüchtete in einem Wohnverband in Niedergörsdorf. Das Wahlergebnis musste so kommen, sie kenne auch keinen, der eine andere Partei gewählt habe.

Die Grünen "sind sichtbar geworden"

Bis auf ihren Mann. Der nickt zwar zustimmend, aber er wusste einfach nicht, welche Partei er wählen soll. Die Altparteien hätten ihre Chance gehabt, die Linke könne sich nicht durchsetzen. Außerdem könne man als Ossi auch nichts mit den Grünen anfangen. Trotzdem haben die Grünen auch in Niedergörsdorf mehr Stimmen erhalten.

Und was für die AfD-Befürworter und Mitglieder laut Woitzik "kaum zu fassen" ist, ergibt für Wahlleiterin Andrea Schütze doch Sinn: "Die haben sich Themen gegeben und sind sichtbar geworden in der letzten Zeit. Sie haben sich ehemalige Mülldeponien angeschaut oder illegale Müllablagerungen." Das hätten die Wähler honoriert. Es sei ein besonderer Wahlkampf gewesen, sagt Schütze: "Auf kommunaler Ebene hatten wir noch nie so viele Flyer und Äußerungen."

"Müssen alle an einem Strang ziehen"

Bei den Grünen bleibt es trotzdem nur bei dem einem Sitz in der Gemeindevertretung. Auch die CDU schrumpft auf einen Sitz, die Linke hat nur noch drei statt fünf Sitze, die Bürgergemeinschaft dafür vier statt drei Sitze. Zwischendrin werden dann die Neulinge AfD und Max Göritz sitzen, die alle erst einmal abwarten wollen, wie sich die Zusammenarbeit entwickelt. Auch im Gemeindehaus will man konstruktiv weiterarbeiten. Im Endeffekt arbeite man doch auf ein Ziel hin, sagt Bürgermeisterin Doreen Boßdorf: die Gemeinde weiterzubringen und das Leben hier lebenswert zu erhalten. Da müsse man an einem Strang ziehen, "egal aus welcher Partei, egal aus welcher Richtung", sagt sie.

Sendung: Antenne Brandenburg, 28.05.2019, 07 Uhr

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    "Na ja, beenden wir diese nicht zielfuhrende "Diskussion" mal lieber, die sich vom Thema doch arg entfernt."

    Zuuufälligerweise immer dann wenn Fragen offen sind die sie in Bedrängnis bringen und wenn ich sie auffordere zu einer sachlichen Diskussion zurückzukehren. Ein Schelm...

    "Wo verdrehe ich denn meine eigene Aussage?"

    Aber is scho recht... sie wollen ohnehin nicht diskutieren. Sie führen keine Diskussionen, sie führen sinnlose Gefechte. Dieses Nivau ist mir zu blöd.

  2. 8.

    Angemeldet? Hier? Ich liege gerade auf dem Boden vor Lachen! Nur weil Sie sich jetzt anders nennen, sind Sie nicht seit Jahren hier äußerst aktiv? Na ja, beenden wir diese nicht zielfuhrende "Diskussion" mal lieber, die sich vom Thema doch arg entfernt.

  3. 7.

    "Die AfD verschwindet nach Ihren seit Jahren getätigten Prognosen spätestens zur nächsten Wahl."

    Komisch, so lange bin ich hier noch gar nicht angemeldet, erste Lüge entlarvt.

    "Ihr Spruch zur "Werbung" ist auch schon mehr als abgedroschen, ich hab es nicht nötig, für irgendwen zu werben." Sie tun es aber ständig, sind aber zu feige sich dazu zu bekennen oder aber und das halte ich für wahrscheinlicher ist das ihre perfide Masche ala "also, ich wähle ja nicht die AfD aber...", da sind sie ja nicht der Einzige hier, nur etwas raffinierter als andere.

    "Ihr Geningel bezüglich Nichtdiskussion ist genau so köstlich, verweigern Sie sich derselben doch konsequent."

    Merkwürdig, wer muß sie denn andauernd auffordern (wieder) zu einer sachlichen Diskussion zurückzukehren? Stattdessen kommt von ihnen nur billige Polemik, Diffamierungen und unhaltbare Vorwürfe. Und ihre gespielte Freude darüber können sie sich schenken.

    Wo verdrehe ich denn meine eigene Aussage?

  4. 6.

    Sie verdrehen schon wieder Ihre eigene Aussage! Köstlich! Die AfD verschwindet nach Ihren seit Jahren getätigten Prognosen spätestens zur nächsten Wahl. Und die Realität? Aber wenn Sie sich das ganz doll wünschen, wird es bestimmt zur Landtagswahl im Herbst wirklich wahr.
    Ihr Spruch zur "Werbung" ist auch schon mehr als abgedroschen, ich hab es nicht nötig, für irgendwen zu werben. Wenn die AfD aber tatsächliche Probleme anspricht, dann hat sie da eben recht. In anderen Themen hat sie es nicht, da haben andere Parteien die meiner Meinung nach richtigen Lösungsansätze. Wenn die Parteien, allen voran die SPD aber nicht fähig sind, ihre Ideen und Erfolge an die Wähler zu verkaufen oder sogar mit bekloppten Ideen wieder kaputt zu machen, dann werden sie vom Wähler abgestraft. So ist das Leben. Möge der Bessere gewinnen.
    Ihr Geningel bezüglich Nichtdiskussion ist genau so köstlich, verweigern Sie sich derselben doch konsequent. ^^

  5. 5.

    Ersterns erzähle ich das nicht seit Jahren, sondern das ist bittere Realität.

    https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/hammelsprung-erzwungen-afd-blockiert-den-bundestag-und-droht-es-wird-fuer-alle-abgeordneten-kuenftig-ungemuetlicher/23763742.html?ticket=ST-39970-bbZD3ej1ZeV5PU1PWGef-ap1

    https://www.focus.de/politik/deutschland/nach-aussen-schiebt-partei-schuld-auf-andere-bitten-andere-parteien-um-hilfe-afd-blockiert-sich-durch-handwerkliche-fehler_id_8379719.html

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/afd-in-berliner-bezirken-oft-blockierend-provozierend-manchmal-pragmatisch/22858058.html

    Zweitens reicht der Platz hier nicht aus um ihre ständige Werbung für die rechtsextreme AfD aufzuzählen.

    Ihre billige Polemik ("herbe enttäuscht[...]verklärt sich der Blick schon mal")beweist nur wieder einmal ihre Unfähigkeit zu diskutieren.

  6. 4.

    Erstens erzählen Sie uns das seit Jahren. Lassen Sie sich mal was anderes einfallen. Dann sind Sie vielleicht auch nicht jedes mal auf's Neue so herbe enttäuscht. Die Ideen, die Sie hier im Allgemeinen so vertreten, scheinen im Osten der Republik so schnell nicht mehr an Boden zu gewinnen. Und das ist auch gut so.
    Zweitens wäre es schön, wenn Sie mal ausführen könnten, wo ich über die AfD frohlockt hätte. Wenn man aber krampfhaft auf alle meine Beiträge antworten muss, verklärt sich der Blick schon mal.

  7. 3.

    Warten wir die 5 Jahre ab, bislang hat sich die rechtsextreme AfD egal wo sie angetreten ist als Luftnummer erwiesen.

    Da hilft auch ihr Frohlocken über das Abschneiden der AfD nicht.

  8. 2.

    Absolut interessant sind die doch extrem unterschiedlichen Wahlergebnisse zwischen Kommunal- und Europawahl. Das widerspricht meines Erachtens der immer wieder gern gestellten These der Protestwahl, die Wähler scheinen sich recht sicher, wem sie wo was und warum zutrauen. Gut erkennbar ist zudem, dass überall, wo Politiker mit klar erkennbarem Profil antreten, diese auch Stimmen gewinnen, die Profillosen fallen immer schneller hinten runter. Und das unabhängig irgend einer Parteizugehörigkeit.

  9. 1.

    Die Leute fassen wieder Mut. Die Wahlbeteiligung hat sich verdreifacht.

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