Claudius Schulze sitzt am 29.04.2019 auf seinem Hausboot auf der Rummelsburger Bucht, das er als Arbeitsplatz nutzt (Bild: rbb/Oliver Noffke)
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Rummelsburger Bucht - Ankern, wo andere bauen wollen

Lärm, Müll, Umweltschäden: Gegen das Wohnen auf der Rummelsburger Bucht gibt es einige Vorbehalte. Der Senat will ein Ankerverbot für Hausboote durchsetzen. Immobilieninvestoren unterstützen das. Ob die zuständige Behörde mitspielt, muss bezweifelt werden. Von Oliver Noffke

Unaufhörlich klatschen kleine Wellen gegen den Bug des Ateliers. Enten zuckeln mit ihren Küken vorbei. Nachbarn werfen ihren Außenbordmotor an, weil sie einkaufen müssen oder um ihre Häuschen umzuparken. Der Fotograf Claudius Schulze hat sich seinen Arbeitsplatz auf dem Wasser der Rummelsburger See eingerichtet - jenem stillen Seitenarm der Spree, der allgemein als Rummelsburger Bucht bekannt ist. Zum ewigen Schwibschwab des Wassers rascheln Baumkronen im Wind, dumpf ist das Rauschen der Kynaststraße zu hören. "Das hier ist ein Stückchen Berliner Freiheit", sagt Schulze.

Spreeblick, Feierabendbierchen, Sonnenuntergang - in der Vergangenheit warb Berlin mit solchen Szenen um Touristen. Doch wenn es nach dem Senat geht, wird sich der Fotograf einen neuen Ort für seine Pausen suchen müssen. Die Landesregierung hat beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Berlin (WSA) ein Anker-, Liege- und Nachtfahrverbot für die Bucht beantragt. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hält diesen Schritt für notwendig, "um eine möglichst konfliktfreie Nutzung der Rummelsburger Bucht als Wohn- und Erholungsraum zu gewährleisten", wie die Behörde rbb|24 mitteilt. Die angrenzenden Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg sowie die Wasserschutzpolizei und die Bundeswasserstraßenverwaltung unterstützen den Antrag.

Streitpunkte: Lautstärke, Müll, Umweltschutz

Bereits seit geraumer Zeit gebe es Beschwerden benachbarter Landbewohner über nächtliche Ruhestörungen, vermüllte Uferbereiche und "Hinterlassenschaften des dauerhaften Wohnens auf dem Wasser", heißt es. Außerdem seien einige Uferbereiche mit Giftstoffen belastet und müssten saniert werden. Dabei störten die Hausboote, so die Senatsverwaltung.

Ähnlich sieht das die "Interessengemeinschaft Eigentümer in der Rummelsburger Bucht", kurz IG Rummelsburger Bucht, ein Zusammenschluss von Investoren und Grundstückseigentümern. Zu den zwölf Mitgliedern gehört die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge, zwei Tochterunternehmen der Immobilienfirma Streletzki sowie Coral World Berlin, ein Unternehmen, das mit seinen Plänen für ein großes Aquarium selbst auf wenig Gegenliebe bei den Anwohnern stößt. Mit einem Ankerverbot würde es keine Regelverstöße mehr auf dem Wasser geben, sagt Sprecher Ottfried Franke. Denn oftmals werde länger geankert, als erlaubt, illegal an Spundwänden oder flachen Uferbereichen festgemacht, die Ver- und Entsorgung der Boote sei ungenügend. "Die Wasserpolizei hat gar nicht die Kapazitäten, dauerhaft zu kontrollieren, ob dort alle Regeln eingehalten werden", sagt er. Außerdem müsse verhindert werden, dass belastete Sedimente in der Bucht aufgewirbelt würden.

Sollte das Wasserstraßenamt entsprechende Verbote anordnen, müssten Besitzer von Hausbooten und anderen schwimmenden Plattformen eine Ausnahmegenehmigung beantragen, um dauerhaft in der Rummelsburger Bucht zu liegen, so die Senatsverwaltung. Gleichzeitig teilt die Behörde jedoch mit, dass die 1,6 Kilometer lange Spreebucht dann "nicht mehr als dauerhafter Wohnort" genutzt werden könne. Schulze müsste sich dann nach einer anderen Anlegestelle für sein schwimmendes Atelier umsehen. Seine Nachbarn bräuchten neue Wohnorte. Im Herbst könnte das Verbot kommen, glaubt die Senatsverwaltung.

Entscheidend sind "Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs"

Dass es soweit kommen wird, glaubt Claudius Schulze nicht. Mit anderen Hausbootbesitzern und Leuten, die Flosse oder ähnliches für Kunst und Kultur nutzen, hat er den Förderkreis Spreepublik ins Leben gerufen. "Wir bezweifeln, dass es am Ende dieser Prüfung ein vollständiges Verbot geben wird", sagt er.

Das WSA prüft lediglich, ob Gründe für ein Ankerverbot gegeben sind. Die Entscheidung fällt jedoch die vorgesetzte Bundesbehörde, die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt - kurz GDWS. Ihre Aufgabe besteht unter anderem darin "die Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs" zu gewährleisten - insbesondere auf Bundeswasserstraßen. Das WSA prüft lediglich, ob Gründe für ein Ankerverbot gegeben sind.

Stören die Hausboote in der Bucht also den Schiffsverkehr auf der Oder-Spree-Wasserstraße, die parallel zur Bucht auf der anderen Seite der Halbinsel Stralau vorbeiführt? Lautstärke, Müll oder Umweltschutzgründe dürfen bei dieser Prüfung keine Rolle spielen, wurde Spreepublik bereits mitgeteilt.

Hausboote liegen im April 2019 in der Rummelsburger Bucht (Bild: rbb/Oliver Noffke)
Bild: rbb/Oliver Noffke

Wird der Konflikt verlagert?

Sollte es dennoch ein Ankerverbot in der Rummelsburger Bucht geben, würden sich die Schifffahrtsämter einen Schuss vor den eigenen Bug geben, so Schulze. "Wenn diese extrem bunte Mischung an Booten hier verdrängt wird, dann tauchen sie eben an anderen Orten wieder auf." Und zwar in jedem Fall näher an der Fahrrinne, etwa am Treptower Park, wo es in der Vergangenheit bereits zu Spannungen zwischen Hausbootbewohnern und Ausflugsschiffen kam.

Dass es durchaus Probleme gibt, räumt Schulze ein. Die bestehenden Verordnungen und Gesetze reichten aber bereits aus, um gegen Vermüllung oder Ruhestörungen vorzugehen. Sie müssten eben nur angewandt werden. Die Vorwürfe der Senatsverwaltung hält er zudem für vorgeschoben. Dönertüten, Bierdosen - ein Großteil des Mülls werde vom Ufer aus ins Wasser geschmissen und nicht umgekehrt. Das werde jedem klar, der sich an einer der Reinigungsaktionen beteiligt, die Spreepublik regelmäßig durchführt - und bei die Gruppe von der Stadt unterstützt wird.

Um das belastete Westufer zu sanieren, müsse außerdem nur ein zweitweises Verbot ausgewiesen werden, dann könne man loslegen. "Stattdessen wird immer wieder der Presse gesagt: 'Wir können nicht arbeiten, weil Leute da sind'. Es wurde den Leuten aber kein einziges Mal gesagt: 'Ihr könnt da jetzt nicht ankern'."

Dass ein Plan fehlt, um die kontaminierten Areale zu sanieren, bestätigt auch Ottfried Franke von der "Interessengemeinschaft Eigentümer in der Rummelsburger Bucht". Berlin müsse sich da mit dem Bund etwas überlegen, sagt er. "So kann es nicht weitergehen, es weiß ja niemand, welche Folgen diese Gifte für den Menschen haben könnten."

Grün entfernen, um einen Park zu schaffen

Gegen Müll und Lärm könnte es auch helfen, wenn sich die Stadt besser um die Menschen vor Ort kümmere, heißt es von Spreepublik - denn in der Rummelsburger Bucht treffen Arm und Reich mit Wucht aufeinander: Am Westufer campieren seit Monaten Obdachlose, Alkohol und Drogen spielen im Leben vieler offensichtlich eine Rolle - inklusive aller Probleme, die Sucht mit sich bringt. Auch einige der nahegelegenen Bootsbewohner teilen offensichtlich ähnliche Schicksale. Es könne aber nicht sein, dass alle Hausbootbesitzer und Anleger über einen Kamm geschert werden, findet man bei Spreepublik. Anwohner fordern, dass die Stadt Hilfsangebote macht oder zumindest Wasserspender aufstellt.

Vor wenigen Wochen wurde der Bebauungsplan für das Stück Land zwischen Bucht und Ostkreuz unter großem Protest beschlossen. Das grüne Dickicht wird verschwinden und damit auch die Zelte und Bretterbuden. Unter den Investoren und Entwicklern sind auch einige Mitglieder der "IG Rummelsburger Bucht". Den Vorwurf, dass die IG mit Umweltschutz gegen die einen argumentiert, aber nun selbst eine Grünfläche zubetonieren wolle, lässt Ottfried Franke nicht gelten: "Da hat es sicher Spontan-Vegetation gegeben. Aber das kann ja nun nicht einen seit 26 Jahren verhandelten und nunmehr bestehenden Bebauungsplan verhindern, der nun durch die BVV beschlossen wurde." Das neue Quartier werde auch öffentliche Grünflächen haben, die der Bauherr mindestens 20 Jahre lang unterhalten will, sagt Franke.

Ob man von dort aus einmal ankernde Boote auf der Rummelsburger Bucht sehen wird, muss noch entschieden werden.

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Beitrag von Von Oliver Noffke

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 11.

    Hoffentlich kommen noch mehr Urlauber nach Berlin und schickt diese so schnell als möglich zur Rummelsburger Bucht mit Tonnenweise Schrott Boote und noch mehr Lebensmittel Müll damit Ratten " Die Welt in Büchsen haben "
    Genau das will der Senat in Berlin !!!

    Das hat der Senat mir selber bestätigt in einem Schriftwechsel vor Ca. 4 Wochen.

  2. 10.

    Ich finde es interessant, dass viele Menschen glauben, sie hätten ein gottgegebenes Anrecht auf einen kostenlosen Liegeplatz an einem öffentlichen Ufer oder auf einem öffentlichen Gewässer. Alle anderen sollen es hinnehmen und toll finden, sonst sind sie reiche Spießer. Ehrliche Bürger, die mit viel Aufwand und Kosten einen Steg beantragen und bauen sind wieder die dummen. Rattenplage und Müll am Ufer nehmen Überhand. Die Müllsammelaktion war gut, aber von regelmäßigen Aktionen kann keine Rede sein. Das Grünflächenamt musste die Reinigungsintervalle erhöhen - zu Lasten des Steuerzahlers. Und ja, das Nordufer ist ein Slum, was soll man da herumreden.

  3. 9.

    Nein natürlich sind die Anwohner, neu oder alt, keine schlechten Menschen. Aber dass links, rechts und auf dem Wasser dann alles nach deren Pfeife der Baugesellschaften tanzen soll, das geht so nicht! Ausserhalb des eigenen Gartenzauns hat man gefälligst auch andere Lebensweisen zu akzeptieren, und nicht mit dem dezenten Hinweis dass man ein kaufkräftiges Klientel vertritt sich an Staat und Politik ranzuschmeissen um die anderen zu vertreiben! Wer keine Toleranz zeigt, und andere, die sich da wohlfühlen, als "Slum" verunglimpft, der braucht bei mir auch nicht nach Toleranz fragen, für den habe ich keinen feuchten Furz an Toleranz übrig und der bestätigt all meine "Vor"-Urteile!

  4. 8.

    So viele Vorurteile in so wenig Text... Das Nordufer der Bucht sieht aus wie ein Slum, das dürfte ja auffallen.
    Auf die Bösen reichen Anwohner schimpfen..., zu einfach.

  5. 7.

    Sind denn Besserverdienende schlechtere Menschen? Man braucht doch die Steuern, um, die deutlich weniger leisten, zu subventionieren. Und wohnen müssen die auch. Also umso mehr Gutverdiener, umso besser. Der gewählte Senat handelt typisch rot/grün: verbieten statt schaffen. Also raus mit dem Ordnungsamt an die "Front" und Kampf gegen den Müll - mit dem gleichen Eifer wie man Parksünder kriminalisiert.

  6. 6.

    Mich stören die Hausboote überhaupt nicht, was mich stört sind das Bau- und Immobilienunternehmen erst die Bucht ringsum mit Wohnschachteln für Besserverdienende zugeklotzt haben, und sich jetzt aufspielen als gehörte ihnen die Wasserfläche! Wie Feudalherren führen sie sich auf, die Entmieter, Teuer-Vermieter, Berlinverbetonierer und Stadtverspießerer! Lebensqualität schaffen, ja klar, für Leute mit Monatseinkommen von 5000, 10000 Euro, der Rest soll doch sehen wo er bleibt! Wie die Heuschrecken, zum Kotzen!

  7. 5.

    Ich hoffe sehr, dass Sie vegan mit Produkten aus der Region leben und für Ihre Ernährung keine Tiere sterben oder leiden müssen - dann könnte ich Ihre Forderung unterstützen - ansonsten wäre diese Position sehr unehrlich.

  8. 3.

    man hätte gut und gerne in den Bericht noch die ganzen Partyboote mit aufnehmen können, die auf der Spree die Anwohner mit lauter Musik belästigen.
    Denn der Punkt ist doch: Darf jeder auf dem Wasser machen, was er will? JA!! Rechtsfreie Räume
    Wasserschutz hält sich insbsondere bei Lärm im Stadtbereich fein raus, zu viel Kilometer Wasserweg, wir können nicht überall sein. Wo entsorgen die ganzen Hausboote ihren Müll und die Notdurft?

    Es gibt in der Bucht und auf der Spree seriöse Hausboote aber die Masse schafft rechtsfreie Räume. Hier muss gehandelt werden!

  9. 2.

    Ich finde die Verbotsargumentation bezüglich des Umweltschutzes und der Lautstärke vollkommen schlüssig und unterstützenswert, wenn sie statt auf die paar Boote auf den nachweislich giftigen und zu lauten Autoverkehr auf Berlins Straßen Anwendung findet. Private Autos müssen daher leider auf Berliner Straßen komplett verboten werden mit Ausnahmegenehmigungen für Rettungsfahrzeuge und notwendige betriebliche Fahrzeuge. Die Autos vergiften weiterhin unsere Atemluft. Bereits angekündigte neue Grenzwerte für die Luftreinhaltung können absehbar nicht eingehalten werden. Ich freue mich schon auf die fast autofreie Stadt ;)

  10. 1.

    Müsste es nicht "Spundwände" heißen?

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