Schüler der Wedding-Schule nehmen ihr Mittagessen am 29.09.2015 in Berlin ein. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Audio: Inforadio | 20.05.2019 | Kirsten Buchmann | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Kostenloses Schulessen in Berlin - Berliner Schülern droht beim Mittagessen bald Schichtbetrieb

An Berliner Grundschulen wird wohl bald in mehreren Durchgängen gegessen. Denn von August an ist das Schulessen kostenlos, und die Bezirke rechnen mit deutlich mehr Essensgästen. Das könnte die Schultage länger machen. Von Ansgar Hocke und Kirsten Buchmann

Anfang August könnte es voll werden in Berliner Schulmensen – denn dann beginnt das neue Schuljahr und das Mittagsessen an den Grundschulen und an den 5. und 6. Klassen der Gymnasien wird kostenlos.

Derzeit kann allerdings kein Bezirk die Frage beantworten, wie viele Schüler genau zusätzlich die Schulspeisung in Anspruch nehmen - und auch ein genauer Überblick darüber, welche Baumaßnahmen erforderlich sind, fehlt derzeit noch.

Es wird deutlich mehr Platz gebraucht

Eins zeichnet sich aber bereits ab: Alle Bezirke rechnen mit erheblich mehr Platzbedarf – und dieser Platz ist in den vielen Fällen nicht da. Zu kleine Mensen und fehlende  Kapazitäten in den Küchen erfordern Um- und Neubauten. Die Umsetzung bis zum Schuljahresbeginn am 5. August wird zumindest nicht einfach. Trotzdem wollen alle Bezirke die Versorgung sicherstellen.

Und: Alle Bezirke bestätigen auf Anfrage, dass zusätzliche Essensdurchgänge erforderlich sein werden, um die Schulspeisung zu garantieren. Damit wird sich der Unterricht voraussichtlich in den Nachmittag hinein verschieben.

Mammutaufgabe für die Bezirke

Für die Bezirke ist es eine Mammutaufgabe oder wie es der Pankower Stadtrat Torsten Kühne (CDU) gegenüber rbb 24 Recherche formuliert: "eine schulorganisatorische, administrative und bauliche Herausforderung". Kühne rechnet damit, dass fast alle der über 20.000 Grundschüler in Pankow das beitragsfreie Mittagsessen in Anspruch nehmen, jedenfalls bereite man sich darauf vor. Behelfslösungen seien erforderlich, zum Beispiel das Aufstellen von Containern, um das Platzproblem zu lösen. An über 40 Grundschulen soll das Essen zwischen 11 und 14 Uhr gestaffelt in bis zu fünf Durchgängen ausgeteilt werden.

In manchen Schulen wird es "ruckeln"

Es gebe Schulen, so wird in der Senatsverwaltung auf Nachfrage eingeräumt, für die die Umsetzung schwierig ist, und bei denen es anfänglich "ruckeln" wird. Die Bezirke haben für die Umsetzung der Maßnahmen fünf Millionen Euro zusätzlich erhalten.

Im Bezirk Mitte geht der zuständige Schulrat Carsten Spallek von 4.600 zusätzlichen Essen aus. An manchen Schulen bedeutet das, die Schüler werden in bis zu acht Durchgängen verköstigt. Es soll zwar Übergangslösungen geben, auf Dauer seien jedoch "umfangreiche Baumaßnahmen" erforderlich. Das gilt auch für Reinickendorf. Dort sind an insgesamt 30 Grundschulen Erweiterungen und Umbauten geplant. An sechs Schulen kann ohne kurzfristige Maßnahmen das Angebot nicht umgesetzt werden.

Der Schulalltag verändert sich

Die Schulen stehen auch vor einem organisatorischen und personellen Problem. Um das Essen in mehreren Gängen anbieten zu können, müssen häufig die Pausenzeiten geändert werden. In Friedrichshain-Kreuzberg werden derzeit täglich 10.000 Essen ausgegeben. Im neuen Schuljahr werden es wahrscheinlich 4.000 mehr sein. Derzeit sucht die Verwaltung im Umfeld der Schulen nach passenden Räumen, die angemietet werden können. Wie hoch die Kosten sind, ist derzeit noch unklar.

In Treptow-Köpenick lautet die Prognose: 150.000 Portionen statt 142.000. "Die Raumkapazitäten stoßen allgemein an ihre Grenzen", erklärt die zuständige Schulstadträtin Cornelia Flader. Das gleiche Bild bietet sich in Tempelhof-Schöneberg: Hier haben sechs Schulen derzeit Schwierigkeiten, das neue Angebot umzusetzen, so Bildungsstadtrat Oliver Schworck.

Auch in Marzahn wird es mehrere Durchgänge geben

Auch wenn die Schulen im Ostteil der Stadt generell besser ausgestattet sind: An den Grundschulen in Marzahn-Hellersdorf werden zwischen zwei und fünf Essensdurchgänge zum Normalfall werden. Der Bezirk plant für die Zukunft größere Investitionen für Bauvorhaben, um das Raumproblem zu lösen.

In Zehlendorf -Steglitz mit seinen 31 Grundschulen fühlt man sich vom Senat alleingelassen. Bezirksstadtrat Frank Mückisch beklagt fehlende Räume und zu wenig Personal, um die Essensausgabe zu betreuen. In Neukölln reichen die Mensenplätze bereits heute nicht aus. Die Schüler werden sich auch hier auf bis zu sieben Durchgänge einstellen müssen, in sechs Schulen sind Umbaumaßnahmen notwendig. In Charlottenburg- Wilmersdorf gibt es an sieben Standorten ernsthafte Probleme.

Kritik von der Gewerkschaft

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Doreen Siebernik, warnt inzwischen vor personellen Engpässen. Wenn die Kinder zukünftig in mehreren Durchgängen essen, müssten die Schulen die Pausenzeiten entsprechend verlängern. Das bedeute für Lehrer einen späteren Beginn ihrer fünften Unterrichtsstunde und damit auch einen späteren Schulschluss.

Siebernik fordert, für Lehrer dürfe es nicht zu Mehrbelastungen kommen. In den Schulen fehle es zudem an Arbeitsplätzen, damit die Lehrer die verlängerte Pausenzeit gegebenenfalls für Elterngespräche oder Korrekturarbeiten nutzen können.

Aus der Senatsschulverwaltung heißt es dazu, dass sich die Schultage nicht verlängern werden, auch wenn in mehreren Durchgängen gegessen werden muss.

Sendung: Inforadio, 20.05.2019, 13:00 Uhr

Beitrag von Ansgar Hocke und Kirsten Buchmann

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Da stimme ich Ihnen zu. Der Ansatz, dass alle Berliner Kinder ein Mittagessen bekommen sollen, der ist menschlich und zeugt von Verantwortungsbewusstsein armen Menschen gegenüber. Aber ich hätte mir dennoch gewünscht, dass die Speisung einkommensabhängig wird. Es sind bestimmt viele Eltern bereit dafür zu zahlen. Was natürlich auch die Qualität des Essens verbessern würde, machen wir uns nichts vor.

  2. 7.

    Hungrige Kinder sind in einer Gesellschaft nicht akzeptabel. Bei aller Theoretisiererei sollte man die Humanität nicht vergessen.

  3. 6.

    Kai, wieso schreiben Sie wollen? Die setzen ihre Ideologie doch um, machen Steuergeschenke, die sich Berlin gar nicht leisten kann. HInterlassen genau den Kindern, denen sie jetzt Sand in die Augen streuen, diese Schulden.

    Mein Freund hat Geburtstag und damit er mich auch weiter gut leiden kann, werde ich ihm ein Auto schenken. Ich habe zwar das Geld selbst nicht, werde es aber einfach von meinem Nachbarn nehmen. So funktioniert unsere jetzige Regierung, die Berlin immer weiter in die Verschuldung treibt.

  4. 5.

    Nur wenige Kommentar zu diesem wichtigen Thema?
    Wo es doch um unsere Kinder geht? Die schon beim Essen auf ihr späteres Leben vorbereitet werden, wenn sie dann im Schichtdienst am Fließband stehen.

  5. 4.

    Helena hat doch recht. Ein Land das mit € 57 Mrd. verschuldet ist, sollte ein bisschen mehr haushalten, anstatt ideologische Träumereien umsetzen zu wollen.

    Und welche (anderen) Probleme haben wir Berliner denn zusätzlich zu bewältigen, die andere Bundesländer nicht auch haben? Von den repräsentativen Hauptstadtaufgaben mal abgesehen.
    Die Probleme die uns hier derzeit am dringendsten plagen, sind alle hausgemacht. Das die Geberländer im Finanzausgleich bei den Berliner Eskapaden schlechte Laune bekommen, wundert mich nicht.

  6. 3.

    Klaro!!! Die Berliner Schmarotzer schlagen wieder zu. Und Ihr werdet gemolken. Letzendlich leben wir im nicht funktionierenden Teil Deutschlands. Satire Ende. Ich kann es nicht mehr hören. Wir arbeiten genauso hart und zahlen genausoviel Steuern wie alle anderen. Haben dafür andere und viel mehr Probleme zu meistern. Das Schulessen wird von Steuern bezahlt, ja. Wie könnten sie besser angelegt sein, als für Kinder?

  7. 2.

    Und von welchem Geld wird das kostenlose Essen bezahlt? Geht jetzt noch mehr Geld aufgrund des Finanzausgleichs nach Berlin.

  8. 1.

    Typisch für diesen Berliner Senat. Jahrzehnte wird zu Lasten unserer Kinder alles kaputtgespart, jahrelang wichtige gesellschaftliche Prozesse verschlafen, gefangen in dumpfer Ideenlosigkeit gepaart mit einer hilflosen Untätigkeit die an unterlassener Hilfeleistung grenzt ... und seit 10 katastrophalen Jahren pfuschen die Bildungsexperten der SPD unter Leitung von Frau Scheeres unser an sich schon peinlichst veraltetes Bildungssystem personell und inhaltlich auf Jahre hinaus in die Tonne. Nicht nur das ... die von uns gewählten Volksvertreter schiessen , am Hirn und gesundem Menschenverstand vorbei , über die nächste Linie hinaus und beglücken unsere Kinder mit kostenlosem Essen nebst dazugehörenden organisatorischer Kostprobe von fachlicher Unfähikeit und Chaos für alle. Danke lieber Senat. Hier ist Fremdschämen angesagt. Bald sind wieder Wahlen ... meine Damen und Herren. Carpe Diem.

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