Die trans* Person Karl Mühlemeyer im Interview mit dem rbb (Bild: rbb/Hannah Demtröder)
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Video: rbb|24 | 17.05.2019 | Hannah Demtröder, Klaas-Wilhelm Brandenburg | Bild: rbb/Hannah Demtröder

Internationaler Tag gegen Homo-, Bi- und Trans*phobie - "Die TU tut nichts für trans* Menschen"

Alle drei Berliner Unis sind Mitglied im Bündnis gegen Homo- und Transphobie. Karl Mühlmeyer ist trans*, studiert an der TU und findet: Die Uni legt transgeschlechtlichen Studierenden zu viele Steine in den Weg. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Karl Mühlmeyer sitzt im Mathematik-Gebäude der Technischen Universität (TU) in Berlin und schaut aus dem Fenster, über die Straße des 17. Juni, auf das Hauptgebäude der Hochschule. "Die hissen da drüben ganz gerne ihre Regenbogenflagge zum CSD, um ein Zeichen gegen Homo- und Transphobie zu setzen", erzählt Mühlmeyer und klingt dabei wenig begeistert.

Was zunächst erstaunen mag angesichts eines Signals, über das sich viele queere Menschen – also Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen – wohl freuen würden, wird verständlich, wenn Mühlmeyer weiter erzählt: "Echte Maßnahmen wären natürlich schöner."

Vorwurf: TU erkenne keine gewählten Vornamen von trans* Studierenden an

Aber an echten Maßnahmen, die das Leben für trans Personen wie Karl Mühlmeyer angenehmer machen, fehle es, und das sei jeden Tag spürbar. "Die TU weigert sich, die gewählten Vornamen von trans* Studierenden anzuerkennen, wenn diese noch keine Namensänderung nach dem Transsexuellengesetz hinter sich haben", beklagt Mühlmeyer. Konkret geht es um den Namen auf Dokumenten wie dem Studierendenausweis.

"Bei so einer Namensänderung muss man sich in zwei psychologischen Gutachten für krank erklären lassen." Sie kostet mehrere tausend Euro, am Ende entscheidet ein Gericht.

"Vornamen anzuerkennen kostet niemanden irgendwas"

Aber was heißt es, wenn auf dem Studierendenausweis ein anderer Vorname steht? "Der Studierendenausweis ist allgegenwärtig, ist gleichzeitig meine Fahrkarte und in der Mensa beim Bezahlen vorzulegen", erklärt Mühlmeyer. "Und wenn ich zu Hause bin und im Online-Portal meine Leistungen einsehen will, werde ich mit 'Hallo Frau Mühlmeyer!' begrüßt."

Trans* Personen würden dadurch in der Öffentlichkeit genauso wie den eigenen vier Wänden immer wieder als anders und abweichend markiert, so Mühlmeyer.

Die Praxis der TU könne außerdem auch nach der Uni-Zeit weiter für Probleme sorgen, denn der falsche Name steht auch auf dem Abschlusszeugnis. "Das heißt, diese Diskriminierung zieht sich dann einfach ins Berufsleben durch", beschreibt Mühlmeyer. "Das muss nicht sein. Die Vornamen anzuerkennen, das ist der kleinste Schritt, das kostet niemanden irgendwas."

Für viele transgeschlechtliche Menschen ist es eine große emotionale Belastung, ihren alten Namen weiter lesen zu müssen oder damit angesprochen zu werden. Mühlmeyer aber sagt: "Es geht nicht darum, wie ich mich persönlich fühle, sondern es geht darum, dass es eine Diskriminierung ist, und dass eine Diskriminierung immer eine Form von Gewalt ist, und Gewalt zu vermeiden ist."

Umsetzung in internen Systemen sei derzeit technisch nicht möglich

Als Grund dafür, dass der selbstgewählte Vorname nicht auf Studierendenausweisen, Zeugnissen und im Online-System stehen darf, nennt die TU auf rbb|24-Anfrage ein Schreiben der Senatskanzlei von 2017. Das empfiehlt lediglich, "in internen Angelegenheiten" wie den Online-Systemen der Hochschule, die selbst gewählten Namen zu verwenden. Das sei an der TU jedoch "technisch nicht möglich", so eine TU-Sprecherin.

Karl Mühlmeyer lässt das nicht gelten: "Ich bin an einer technischen Universität im Studiengang technische Informatik eingeschrieben – die TU sollte eine technische Lösung finden können."

Zu allen anderen, nicht-internen Angelegenheiten wie Studierendenausweis oder Zeugnis, steht in dem Schreiben der Senatsverwaltung nichts. Allerdings heißt es in einer rechtlichen Einschätzung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von 2016, "dass für die Hochschule grundsätzlich keine rechtlichen Bedenken dagegen bestehen, bei trans* Studierenden vollumfänglich deren selbst gewählten, (noch) nicht amtlich geänderten Vornamen zu verwenden." Der selbst gewählte Name auf Studierendenausweisen und Zeugnissen wäre danach also kein Problem.

Humboldt-Universität und Freie Universität verfahren ähnlich

Trotzdem wird auch an der Humboldt-Universität (HU) und der Freien Universität (FU) so verfahren wie an der TU. Sie alle sind Mitglieder im Bündnis gegen Homo- und Transphobie des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) Berlin-Brandenburg. "Dadurch verpflichten sich die Organisationen offiziell dazu, im Alltag jeglicher Form von Diskriminierung entgegenzutreten und sich für Anerkennung und Respekt gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender zu engagieren", erklärt LSVD-Geschäftsführer Jörg Steinert. Karl Mühlmeyer sieht die Praxis der Hochschulen anders: "Die TU tut nichts für trans* Menschen."

TU befindet sich nach eigenen Angaben in einer Umstellung auf ein neues Online-System

Immerhin befinde sich die TU aber derzeit in einer Umstellung auf ein neues Online-System. "Mit der Einführung ist in diesem System die Möglichkeit des Eintrags eines frei gewählten Vornamens geplant", teilt die Hochschule auf rbb24-Anfrage mit.

Außerdem habe die Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten der Berliner Hochschulen eine Arbeitsgruppe eingerichtet, um das Problem anzugehen - allerdings schon vor einem Jahr.

Mühlmeyer: Keine Zusammenarbeit mit dem Queer-Referat

Ein Beispiel nehmen könnte sich die TU Berlin an einer anderen deutschen TU. In Darmstadt haben die Universität und das Queer-Referat des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (AStA) zusammengearbeitet, damit trans* Studierende ihren gewählten Namen auf Uni-Dokumenten und im Online-System benutzen können. "Die TU hat es leider bisher nicht geschafft, sich mit ihrem eigenen Queer-Referat zusammenzusetzen", erzählt Karl Mühlmeyer, selbst engagiert im Queer-Referat. Dabei sei das Queer-Referat bereits mehrfach auf die TU zugegangen.

Sogar für die Diversitätsstrategie, die laut TU gerade erarbeitet wird und "die selbstverständlich auch Maßnahmen zur Berücksichtigung der Bedürfnisse von trans* Studierenden beinhalten wird", sei das Queer-Referat nicht von der TU angefragt worden.

Mühlmeyer will weiterkämpfen

Dabei gibt es mutmaßlich viele Betroffene. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 3,3 Prozent der Bevölkerung nicht binär, trans- oder intergeschlechtlich sind. Auf die TU mit 34.000 Studierenden übertragen wären das 1.100 betroffene Studierende.

Für diese will Mühlmeyer weiterkämpfen. Und für sich. Vielleicht steht dann in ein paar Jahren wenigstens auf dem Abschlusszeugnis der selbst gewählte Name.

Sendung: Radioeins, 16.05.2019

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12 Kommentare

  1. 12.

    Meiner Meinung nach ist die TU nicht die richtige Stelle, an der es anzusetzen gilt.
    Man muss sich nunmal mit amtlichen Dokumenten an einer Uni einschreiben.
    Von daher muss der erste Schritt eine „offizielle“ Personenstandsänderung sein.
    Wie gesagt, man erhält einen Ausweis, zeitgleich eine Fahrkarte und muss dort „die richtigen Daten“ angeben.

    Es sollte lieber ermöglicht werden, dass *trans Menschen ohne großen finanziellen Aufwand diese Änderung beantragen können!
    Eine psychologische Begutachtung ist m. E. zwingend, damit solche eine Änderung amtlich durchgeführt werden kann. Aber eben vereinfachter und nicht so teuer.

    Wenn jedermann einen „selbstgewählten“ Namen auf die Ausweise schreiben lassen kann, ist das doch auch nicht richtig....

  2. 11.

    Probleme haben die Leute heutzutage- man kann es kaum glauben. Die Sozialisierung ist bei einigen mächtig schief gelaufen. Nicht weil sie queer, trans, oder was weiß ich nicht was sind (oder auch nur eingebildet sind), sondern weil sie meinen, dass die Gesellschaft auf jeden Pubs, der ihnen que(e)r liegt, in ihrem Sinne reagieren muss. Völlig absurd.

  3. 10.

    Ich empfinde die Aussage, die Uni tue nichts, als sehr überheblich und ich-bezogen. Quasi wird hier die Uni aufgefordert, eine Urkundenfälschung zu begehen, indem ein Studentenausweis auf eine nicht existente Person ausgestellt wird. Da der Ausweis jedoch auch zu diversen Vergünstigungen genutzt werden kann, ist das meines Erachtens gar nicht so einfach umsetzbar. So sehr ich das Ansinnen nachvollziehen kann, die Uni ist der falsche Kritik- und Ansprechpartner!

  4. 9.

    Trauriger Alltag an vielen achso aufgeklärten und weltoffenen Unis: In den Leitlinien und Selbstbildern stehen die würde- und respektvollsten Sachen, aber Hochschulleitung und -verwaltung stammen meistens eher von vorgestern als von gestern. Dass an der TU überhaupt die Vokabeln "technisch nicht möglich" verwendet werden und dann gegenüber einem IT-Studierendem, ist selbstredend lächerlich. Natürlich war es schon lange möglich, man interessierte sich nur nicht dafür. Die Reste von demokratischer Selbstorganisation, die es an Unis noch gibt, erwecken teils den Eindruck, nur die Interessierten ein wenig abzuspeisen, beschäftigen zu wollen. Ernste Anliegen seitens Hochschulleitungen gibt es oft nicht.

    Interessant auch, wie ignorant manche Leser*innen damit umgehen, dass im Text steht, wie viel Aufwand eine bloße Namensänderung mit sich bringt.

    Die Pathologisierung von Transpersonen stammt, leider ernst gemeint, aus dem ICD-10.

    Rbb, die Regenbogenfahne steht für alle(!) Menschen.

  5. 8.

    Seit einigen Jahren gibt‘s auch in Berlin Studi-Ausweise mit Foto. Die reichen dann zumindest in der BVG (früher musste man da theoretisch immer Perso + Stdu-Ausweis vorzeigen). In Museen oder Theatern reicht das auch.

    Das Foto entspricht aber keinen biometrischen Standards und der Ausweis an sich ist auch kein anerkanntes Ausweisdokument a als Perso, Führerschein, Pass.

  6. 7.

    Denke ich auch. Die Zuordnung von Zeugnissen oder anderen amtlichen Dokumenten sollte Vorrang haben.

    Ich kann verstehen, dass es für Betroffene einfacher wäre, zunächst an der Uni anzusetzen. Aber sinnvoll und nachhaltig wäre es doch eher, den eigentlich amtlichen Weg zu vereinfachen, also Hürden bei entsprechenden Personenstandsänderungen abzubauen.

  7. 6.

    Tja. Dafür gibt es "Frauenbeauftragte" nicht nur an jeder Uni, nein an jedem Institut und am besten mehrfach. Habe mich schon immer gefragt wo die Anderen hingehen sollen. Dabei wäre ein "Menschen"beauftragte*r die beste Lösung, aber die Lobby ist fest in Hand der Spießerhaften New Age Feministen aus dem Westen.

  8. 5.

    Also soll jeder einen Fantasienamen eintragen lassen können? Entweder macht man es richtig oder lässt es halt.

  9. 4.

    Verfahrenskostenhilfe (vormals Prozesskostenhilfe) kann beantragt werden, so dass dem Menschen mit geringem Einkommen kaum oder keine Kosten entstehen.


    Je Gutachten 5-9h à 95€ + Schreibgebühr +Steuer sowie 160€ bei Gericht. Viele Psychologen sind auch als Gutachter zugelassen, so dass die Kosten geringer ausfallen können.

    Gerade wegen des Abschlußzeugnisses sollte man den Weg der amtsgerichtlichen Namensänderung wählen.

    Ist der Studierendenausweis ohne ein weiteres amtliches Dokument wie Personalausweis oder Reisepaß gültig?

  10. 3.

    Ein Name ist nun einmal ein dokumentiertes Identifikationsmerkmal. Niemand kann den Namen auf dem einen oder anderen Ausweis oder Zeugnis mal eben ändern, weil es besser klingt, moderner ist oder das Geschlecht geändert werden soll. Es gibt nur den offiziellen Weg einer Namensänderung im Personenstandsregister. Und dann klappt es auch an der Uni. Sicher.

  11. 2.

    Wie im Text erwähnt, ist dies mit einem mehrere tausend Euro teuren, längerfristigen Verfahren mit offenem Ausgang verbunden. Eine Person die gerade studiert, hat vielleicht nicht gerade das Geld um dies in Gang zu setzen und dann am Ende eventuell doch den alten Namen behalten zu müssen weil das Gericht dem nicht stattgeben will. Und erst recht wollen diese Menschen wohl kaum ihren Abschluss für ein langes Verfahren aufschieben müssen.

  12. 1.

    Wenn der Name so wichtig ist, warum wird er dann nicht im Perso geändert? Dann müsste die Uni den neuen Namen doch auch benutzen?

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