Ein Berliner Mieter protestiert am 17.05.2019 gegen eine Mieterhöhung. (Quelle: rbb/Helena Daehler)
Audio: rbb88,8 | 23.05.2019 | Helena Daehler | Bild: rbb/Helena Daehler

Dreimal so viel Miete für Wohnung in Friedrichshain - "Ich gehe hier nicht raus - auch aus Prinzip"

1.408 Euro Kaltmiete soll Niklas zahlen, wenn seine Zweizimmerwohnung in Friedrichshain  modernisiert ist. Niklas glaubt: Er soll ausziehen, damit die Wohnung verkauft werden kann. Helena Daehler recherchiert den Fall und stellt fest: Ganz unrecht hat er wohl nicht.  

Von 458 Euro auf 1.408 Euro soll die Miete in der Lenbachstraße 7 steigen - so steht es in der Modernisierungsankündigung, die ein Mieter Ende vergangenen Jahres im Briefkasten fand. Niklas, 30 Jahre alt, ist Schauspieler und Barkeeper. Er ist der erste in meinem persönlichen Umfeld, der den Berliner Mieteralbtraum erlebt.

Niklas will bleiben - auch aus Prinzip

Die Lenbach 7 – wie sie von den Mietern genannt wird – in Friedrichshain, ist ein klassischer Altbau mit hellgrauer Fassade. Nichts Prunkvolles. Die vielen Fenster ohne Gardinen lassen auch tagsüber erkennen: Hier wohnen nicht mehr viele, von 16 Mietparteien sind schon elf ausgezogen. Einige der Wohnungen stehen schon seit Jahren leer. Am Haus hängen zwei Transparente, bemalte weiße Bettlaken: "Ohne Moos nix los" - "Unsere Miete - eure Rendite".

Niklas wohnt hier noch. Und er will bleiben - auch aus Prinzip.

Er wohnt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock. Die weißen Wände, das dunkle Parkett, das kleine Bad - mir scheint, die Wohnung ist eigentlich ganz gut in Schuss. In der etwas engen Küche stehen Waschmaschine, Geschirrspüler und Kühlschrank, alles ein wenig zusammengesucht - wie in so vielen Berliner Küchen.

Kaltmiete steigt von 458 auf 1.408 Euro

Auf einem kleinen Holztisch stehen Bier und Chips. Daneben liegt ein dicker blauer Ordner: die Korrespondenz mit der Hausverwaltung. "Das Erste, was ich dachte, war: Ist doch klar, die Modernisierung ist nur ein Vorwand", sagt Niklas. "Der Mieter muss tausend Euro mehr Miete bezahlen, kann sich das nicht leisten, zieht aus, die Wohnung wird verkauft".

Wenn Niklas vom Briefwechsel mit der Hausverwaltung oder den Gesprächen mit Anwälten erzählt, klingt das nach einer Mischung aus Resignation und Galgenhumor. Er zeigt mir die lange Liste der Modernisierungsankündigung und lacht leise. "Wir sollen einen Kokosboden kriegen im Treppenhaus, völliger Quatsch. Den Lift werden wir ja auch nie benutzen, der hält das erste Mal ein halbes Stockwerk über uns." Unter der Liste steht es dann nochmal zusammengefasst: Hiermit erhöht sich Ihre Kaltmiete von 458 Euro um voraussichtlich 950,75 Euro auf insgesamt 1.408,75 Euro.

Fortis Group gibt erstmal kein Interview

Hinter der Modernisierungsankündigung samt extremer Mietsteigerung an der Lenbachstraße 7 steckt die Berliner Immobilienagentur Fortis Group. Mit dem gleichen Prinzip geht Fortis auch in der Samariterstraße 8, der Rigaerstraße 35 und der Maximilianstraße 46 vor. Die Wohnungen in der Maximilianstraße in Pankow werden bereits über die Webseite maximilian46.de verkauft. Während meiner Recherche finde ich heraus, dass Fortis die Domain lenbach7.de bereits reserviert hat.

Ich frage Fortis mehrfach für ein Interview an, alle Anfragen laufen ins Leere. Einmal wird ein Interviewtermin verschoben und findet schlussendlich gar nicht statt.

Dann probiere ich es halt als Kaufinteressentin

Die Einzigen, mit denen Fortis scheinbar spricht, sind Kaufinteressenten. Also werde ich kurzerhand zu einer solchen. Dabei wird mich ein Bekannter unterstützen, der Erfahrung hat mit Immobilienfirmen und sich vor zehn Jahren selbst eine Eigentumswohnung gekauft hat.

Wir vereinbaren einen Termin bei Fortis zur Wohnungsbesichtigung in der Maximilianstraße 46. Uns wird angeboten, dass wir eine Zwei-Zimmer-Wohnung auch mit einer anderen Wohnung zusammenlegen könnten, da sei aber noch ein Mieter drin. Das sei noch etwas schwierig.

Während er uns die Wohnung und das Haus zeigt, spricht der Verkäufer sehr frei darüber, wie Fortis vorgeht. Das Haus in der Maximilianstraße sei vor zwei Jahren bereits saniert worden und eigentlich in einem sehr guten Zustand. Fortis würde jetzt aber noch Balkone anbringen, das Dachgeschoss ausbauen, den Eingangsbereich und den Innenhof neu gestalten.

Für 80.000 Euro rausgekauft

Im Vorderhaus gäbe es noch eine Vier-Zimmer-Wohnung, in der aber ein Mieter drin sei, der nicht raus wolle. 20.000, 30.000 hätte man ihm schon angeboten. Er wisse auch von einem Fall, da hätte Fortis einer Mieterin sogar 80.000 Euro für 80 Quadratmeter gezahlt - damit sie auszieht.

Gegen Ende der Besichtigung spricht der Fortis-Mitarbeiter davon, dass er bald noch mehr Wohnungen anbieten könne. In vier bis fünf Monaten würden neue Wohnungen frei in Friedrichshain. In der Samariter und der Lenbachstraße. In dem Haus, in dem Niklas wohnt.

Fortis will "alles im Guten mit den Mietern regeln"

Mit diesen neuen Informationen frage ich Fortis noch einmal für ein Interview an. Dieses Mal klappt es. Ich konfrontiere Fortis-Geschäftsführer Mark Heydenreich damit, dass die Wohnungen in der Lenbachstraße, in der noch Mieter sind, bereits Kaufinteressenten angeboten werden. "Das können wir nicht bestätigen", heißt es. "Wir wollen erst eine endgültige und für alle Seiten zufriedenstellende Lösung, uns ist sehr daran gelegen, alles im Guten mit den Mietern zu regeln." Weiter betont Heydenreich, dass die Mieterhöhung nach der Modernisierung wohl doch nicht so hoch ausfallen wird.

Modernisierungsankündigung kurz vor Jahreswechsel

Was Fortis macht, kann man moralisch bedenklich finden. Illegal ist es aber nicht. Die Modernisierungskosten auf Mieter umwälzen, das ist erlaubt. Bis letztes Jahr waren es elf Prozent. Seit dem 1. Januar sind es noch acht Prozent. Die Modernisierungsankündigung für die Lenbachstraße ist am 28. Dezember in den Briefkästen der Mieter gelandet. Drei Tage vor Inkrafttreten der Gesetzesänderung.

Niklas und den anderen verbleibenden Mietern in der Lenbachstraße 7 wurden mittlerweile Einzelgespräche angeboten. Für Niklas steht aber fest, dass er sich nicht "rauskaufen" lassen möchte: "Selbst wenn man 50.000 Euro bekommen würde, um hier auszuziehen, säße man ja immer noch auf der Straße, weil es keine Wohnungen in Berlin gibt. Ich gehe hier nicht raus - auch aus Prinzip".

Sendung: rbb88,8, 23.05.2019

Beitrag von Helena Daehler

Kommentar

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24 Kommentare

  1. 24.

    Schon klar... ihre Vorstellung ist schon eigenwillig. Selbst wenn man sparen könnte, erhalten Alleinerziehende, Rentner etc nicht einfach mal so eben einen Kaufvertrag, welcher von der Bank genehmigt wird. Es ist immer nur solchen vorenthalten, die Geld haben, egal ob als monatliche/ wiederkehrende Einnahmen oder/ und weil auf der Bank schon Geld rumliegt. # Manche Personen hier sehen das alles sehr einfach und locker. "Und man könnte ja mal so eben.... " etc pp... nein, so einfach ist das heute nicht mehr. Leider. Und traurig ist dieser Zustand hier in Berlin. Da ist man nur noch fassungslos.

  2. 23.

    Sie haben offensichtlich keine Ahnung vom aktuellen Immobilenmarkt. Der ist nämlich total überhitzt. Die Preise bilden nicht den Immobilienwert ab, sondern sind ins Astronomische geklettert. Die Zeiten, in denen der Normalverbraucher zu einigermaßen realen Preisen einkaufen konnte, sind lange vorbei.

  3. 22.

    Hohen Neuendorf zum Beispiel ist kein Dorf, sondern eine Vorstadt. Günstigere Wohnungen hier in der Gegend gibt es allemal und die Verbindung mit der S1 ist hervorragend. So what? Habe kürzlich noch günstige Angebote von Wohnungsgesellschaften in Hennigsdorf und Velten gesehen. Es muss nicht immer nur der Berliner Kietz sein. Also nicht nur jammern, sondern selber sich bemühen was zu erreichen,- z.B. Eigentum. In anderen Weltstädten ist es viel prekärer.

  4. 21.

    Dann erzählen sie mal ihr Märchen dem Aufstocker, dem Stundenten oder der alleinerziehenden Mutter. Solche geisteige Ergüsse gab es doch schon von "Dicker-Pulli-Sarrazin", die waren in etwa gleich dumm.

    Soviel Unsinn, das muß ja schon körperlich wehtun!

  5. 20.

    Ein normaler Vorgang, um Wohnungen auf den heutigen Standard zu bringen und auch für Menschen zugänglich zu machen, die eben nicht in veralteten Buden hausen wollen. Finde ich gut, wenn ein Investor da Geld reinsteckt. Es ist immer ein unternehmirisches Risiko. Der Mieter hat übrigens ein Vorkaufsrecht. In dem verbesserten Zustand sollt er die Wohnung kaufen.

  6. 19.

    Sehe ich genauso wie Sie! Es ist ja heute nun wirklich kein Problem, sich Wohneigentum zu kaufen. Man muss nur eines tuen: Die ganz persönlichen Prämissen etwas anders legen. Immer das aktuelles Smartphone und der neues Fummel müssen ja nicht sein. Schon hat man eins, zwei fix Geld für eigenes Wohneigentum gespart.

  7. 17.

    "Der junge Mann kann doch einfach ein paar Strassen weiter ziehen oder selber Eigentum erwerben."

    "S'ils n'ont pas de pain, qu'ils mangent de la brioche." (fälschlicherweise der „Witwe Capet“ zugeschreiben).

  8. 16.

    Die wollen die Armen und Normalverdiener ja gerade weg haben. Aus deren Sicht sind wir alle nur Neider und potentielle Diebe. Achten Sie mal drauf.

  9. 15.

    "Der junge Mann kann doch einfach ein paar Strassen weiter ziehen oder selber Eigentum erwerben."

    … sagt jemand, der auf dem Dorf wohnt und von der Situation überhaupt nicht betroffen ist. Den Artikel hat er wohl auch nicht gelesen, denn sonst wäre ihm wohl das Zitat "Selbst wenn man 50.000 Euro bekommen würde, um hier auszuziehen, säße man ja immer noch auf der Straße, weil es keine Wohnungen in Berlin gibt." aufgefallen. Das ist die Realität in Berlin. Es gibt schlicht kaum Wohnungen zu erschwinglichen Kosten und Eigentum erwerben kann man bei den Preisen auch nur, wenn man weit über dem Berliner Einkommensdurchschnitt verdient. Im Übrigen wird jedem der Rahmen, in dem er sein Eigentum nutzen kann, vorgeschrieben. Das nennt sich Gesetze und die gibt es nicht nur, aber auch in Berlin.

  10. 14.

    Hast Du sehr toll geschrieben. Vielleicht hast Du für die tausenden anderen ähnlich betroffenen noch einen guten Tipp, wie man eine bezahlbare Wohnung zwei Straßen weiter findet bzw. wie man es schafft sich dann noch gegen die tausend anderen Interessenten durchzusetzen (zum Leid der anderen tausend Interessenten). Naja, ich glaube an das Karma und das urteilt ggf. zur rechten Zeit.

  11. 13.

    Ist es doch inzwischen?!
    Die Mieterhöhung konnte nur deshalb so utopisch hoch ausfallen, weil sie noch schnell im Dezember und damit vor Inkrafttreten der neuen gesetzlichen Vorgaben verschickt wurde. Für diese zeitliche Lücke sind "Danksagungen" an die Bundesregierung zu senden.

  12. 12.

    Immer wieder frage ich mich, warum es überhaupt Leute gibt, die in so eine teure Wohnung ziehen? Die Gegend dort wird dann zwar "Luxuriös", aber wem nutzt die kalte Pracht, wenn es nur noch hochnäsige Superverdienende dort gibt und nach und nach alles verschwindet, wie Cafes/Kneipen zum Draußensitzen, Spätis, Lädemn, die keiner Kette angehören, nette vielschichtige Nachbarn, Touris aus aller Welt usw. Die Luxusgegend tendiert zur Betonwüste und die "Neumieter" müßten ein schlechtes Gewissen haben. By the Way: 1400 € Miete/Monat (und dabei wird es nicht bleiben) sind fast 17.000 € Miete im Jahr, die rausgeschmissenes Geld sind. In 5-6 Jahren entspricht das dem Grundstückspreis (mit Seeblick) im Raum Königs-Wusterhausen z.B. Und das ist dann sogar Eigentum!

  13. 11.

    Warum sollte der Eigentümer Rücksicht nehmen? Es ist nun mal sein ehrlich erworbenes Eigentum und er ist nicht das Sozialamt das niedrig subventionierte Mieten ermöglicht. Wer soll sich in so einer Stadt noch privat engagieren, wenn ihm vorgeschrieben wird, was er zu verdienen hat mit seinem gegen Bezahlung zur Verfügung gestellten Besitz? Der junge Mann kann doch einfach ein paar Strassen weiter ziehen oder selber Eigentum erwerben.

  14. 10.

    Diese widerlichen Geier! Lasst doch mal die Mieter in Ruhe! Sucht euch ne Arbeit!

  15. 9.

    Das muss aufhören - ganz einfach. Es ist an der Zeit, den Kapitalismus einzudämmen und hier ist die Politik gefragt. Es kann nicht sein, dass sich nur noch Wohlhabende in den Wohnungsmarkt einkaufen. Irgendwann gibt es deswegen Unruhen, u.s.w. und darauf kann ich gerne verzichten. Aber es zeichnet sich doch ganz offensichtlich ab, dass das Ganze Ausmaße annimmt, die sich nicht mehr im Bereich des allgemeinen Interesses bewegen und für eine stabile Gesellschaft als Ganzes dauerhaft ungesund ist.
    Wohnung, Bildung, Umwelt - alles Bereiche, die vom Kapitalismus entbunden gehören...

  16. 8.

    Es muss schnellstmöglich und am besten rückwirkend diese Modernisierungsumlage abgeschafft werden.
    450EUR Kaltmiete entsprechen marktgerecht bei maximal 35 Jahresmieten einem Kaufpreis von 189.000EUR. Durch diese Umlage der Sanierungskosten auf 1400EUR Kaltmiete steigt der Marktwert bei 35 Jahresmieten auf absurde 588.000EUR! Die Sanierung kostet in dem Bespiel "nur" 91.200EUR (950 Mieterhöhung mal 8 Jahresmieten).
    Ergebnis: durch falsche und dumme Gesetze verdient der Investor 300.000EUR je Wohnung!

    Wer jetzt noch gegen Enteignung bei Heuschrecken wettert, ist entweder an diesem System beteiligt oder kann nicht rechnen!

  17. 7.

    Wem gehört Berlin? Den Menschen wohl schon lange nicht mehr. Bravo und weiter so! Berlin schafft sich selber ab. Und dabei immer noch schön so weiter tun, als sei Berlin der Nabel der Welt und die coolste und lebenswerteste Stadt der Welt - demnächst dann ohne normale Menschen...

  18. 6.

    Wenn man nicht bald was gegen diesen Raubtierkapitalismus tut, wird das wohl nicht mehr lange dauern mit unserer schönen Demokratie.

  19. 5.

    "Was Fortis macht, kann man moralisch bedenklich finden. Illegal ist es aber nicht."

    Dann sollte es schnellstens illegal werden, die Politik hat die Macht dazu...wenn sie von uns Wählern dazu gezwungen wird.

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