Arbeiter befestigen Stahlarmierungen auf einer Baustelle an der U-Bahn-Linie am Schlossplatz (Quelle: Jens Büttner / dpa)
Audio: Inforadio | 06.06.2019 | Benjamin Eyssel | Bild: ZB

Frauenförderplan für Baukolonnen - So bremst Berlin mit absurden Auflagen Investitionen aus

Drei Viertel der Berliner Unternehmen beteiligen sich nicht mehr an öffentlichen Ausschreibungen. Das liegt auch an einer Flut von Auflagen im Vergabegesetz. Wie absurd diese Vorgaben teilweise sind, zeigen Recherchen von "Kontraste". Von Benjamin Eyssel

Überall in Berlin gibt es großen Sanierungsbedarf – von Schulen bis Straßen. Doch die Ausschreibungspraxis der Stadt bringe Firmen an ihre Grenzen, beklagt Dieter Mießen vom Bauunternehmen Frisch und Faust – die Auflagen bedeuteten viel Aufwand und eine immense Bürokratie. Zumal er den Sinn vieler Auflagen nicht erkennen kann: "Uns erschließt sich das nicht, dass wir hundert verschiedene oder teilweise 120 verschiedene sogenannte Vorbemerkungen lesen und beachten müssen, von denen viele mit der eigentlichen Bauausführung nichts zu tun haben", sagt Mießen dem ARD-Magazin Kontraste.

Von den Baufirmen wird beispielsweise verlangt, dass sie bei Ausschreibungen einen "Frauenförderplan" vorlegen. Realitätsfern, findet Dieter Mießen vom Bauunternehmen Frisch und Faust:  "Zur Beachtung der Frauenrichtlinie können wir eine Baustellenkolonne, die aus Männern besteht, nicht durch Frauen ersetzen. Die Frauen stehen dem Markt nicht zur Verfügung in der Menge, in der Anzahl."

Behördendschungel: Über 1.000 Vergabestellen in Berlin

Die Kritik an der Berliner Vergabepraxis nimmt zu. Henrik Vagt von der Industrie- und Handelskammer Berlin warnt im Interview davor, dass immer mehr Unternehmen öffentliche Aufträge ablehnen. Eine Befragung der Unternehmen habe ergeben: Fast drei Viertel der Befragten beteilige sich gar nicht mehr an öffentlichen Ausschreibungen.

"Das liegt zum Teil an Kriterien, die in Berlin besonders gestellt werden, es liegt aber auch daran, dass wir über 1.000 Vergabestellen in der ganzen Stadt haben, die öffentliche Aufträge vergeben, die wiederum mit unterschiedlicher Kompetenz unterwegs sind, mit unterschiedlichen Anforderungen umgehen“, erläutert Vagt.

Viele Unternehmen kritisieren zudem, dass der Berliner Senat in den Ausschreibungen auch auf einen höheren Mindestlohn besteht als das benachbarte Brandenburg. In Berlin beträgt er 11,30 Euro pro Stunde, in Brandenburg 10,50 Euro.

Kein einziger Bewerber für Kita-Großauftrag

Derzeit können sich Firmen die Aufträge aussuchen. Der Senat will gerade rund 30 neue, dringend benötigte Kitas bauen für rund 3.000 Kinder bauen und macht dabei viele Auflagen. Die Folge: Auf die erste Ausschreibungsrunde, die bis März lief, meldeten sich zwar 30 Unternehmen - aber keine einzige Firma machte schließlich ein Angebot.

Sendung: Kontraste, 06.06.2019, 21:45 Uhr

Beitrag von Benjamin Eyssel

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27 Kommentare

  1. 27.

    Was den Frauenförderungsplan betrifft, den finde ich absurd und hohl! Erst Recht bei einem körperlich schweren Job, wie auf dem Bau! Es gibt da mit Sicherheit Jobs, die Frauen machen können und wollen. Aber die halten sich auf dem Bau in Grenzen!
    Allerdings der Mindestlohn von 11,30 € sollte wohl kein Beschwerdegrund sein! Selbst das ist für den Job auf dem Bau noch viel zu wenig. Wer sich darüber beschwert, will sich auf Kosten der Arbeiter bereichern! In anderen Bundesländern wird entschieden mehr bezahlt und das ist für solch körperlich schwere Arbeit auch richtig.
    Dass die Bürokratie den meisten Unternehmen über den Kopf wächst bei öffentlichen Ausschreibungen, das ist allseits bekannt. Auch anderswo haben öffentliche stellen deshalb Probleme, Firmen zu finden. Allerdings werden hier nur zwei Auflagen beim Namen genannt. Wenn sie keine Angebote bekommen, kann es mit Sicherheit nicht nur an diesen zwei Auflagen liegen!

  2. 26.

    Zufällig kenne ich eine Frau die früher auf dem Bau tätig war. Heute ist ihr Rücken dermaßen angeschlagen, das sie einfache Tätigkeiten bei ihrem jetzigen Beruf nur mit Hilfe von Schmerzmittel ausüben kann.

  3. 25.

    "Geprolle mit kleinem Hirn, dafür aber mit großer Schnauze" stelle ich vor allem in Ihrem Kommentar fest. Sie haben Recht - davon wird einem in der Tat übel. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Argumenten?

    Und Sie glauben tatsächlich, daß Frauen DESHALB nicht in dieser Branche arbeiten wollen? Da irren Sie. Tatsache ist, daß der weibliche Körper i.d.R. gar nicht die Muskelmasse aufweist, um diese körperlich schwere Arbeit langfristig stemmen zu können. Balken, Steine, Mörtelsäcke und Dachziegel schleppen? Über Kopf arbeiten? Und das bei Wind und Wetter? Da will ich Sie mal erleben. Haben Sie überhaupt schon mal einen 30-kg-Mörtelsack angehoben?

  4. 24.

    Grün-links gewählt - grün-links bekommen. Das Problem ist nur, dass es vor allem Nichtberliner sind, welche die ideologisierte Berliner Politik zu zahlen haben.

  5. 23.

    Geballtes Machogeprolle mit kleinen Hirn, dafür aber mit großer Schnauze. Da wird einem ja übel...

    Kein Wunder wenn Frauen in dieser Branche nicht arbeiten wollen.

  6. 22.

    Herrlich kommentiert. Ja, den sog. einfachen Bauarbeiter in weiblich. Zumal diese Kräfte vielfach aus Osteuropa kommen. Am besten wir machen eine Frauenquote im Bau. Mindestens jede dritte Kraft muss weiblich sein. Ansonsten darf nicht weitergebaut werden. Notfalls mit Zwangsrekrutierung über den Jobcenter. So, genug Zynismus für Pfingsten. Berlin muss halt entsprechende Baufirmen finden. Bewerben um öffentliche Aufträge ist ohnehin nicht sehr spaßig. Zumal die Rechnungen sehr schleppend beglichen werden.

  7. 21.

    Manche Leute disqualifizieren sich durch ihr realitätsfernes Geplapper derart heftig, so daß man es eigentlich nicht mal in den Fokus rücken müßte. Was Sie hier abliefern, ist Realsatire, wie man sie selten erlebt. Hochmotivierte Bauarbeiterinnen kommen also nicht in den Genuß einer Bauarbeiterinnenkarriere, weil böse, alte, weiße Männer das verhindern. Ich lach mich schief! Das Tragische ist, daß Sie Ihren Unfug selbst glauben. Das ist so peinlich.

  8. 20.

    Lustig, wie Leute ohne nachzudenken losplappern. Würde das gerne mal in Realität auf'm Bau miterleben dürfen.

  9. 19.

    Leute, die in ihrem Leben nie richtig praktisch gearbeitet haben und Entscheidungen ideologisch treffen. Iich finde es übrigens diskriminierend, dass nur eine genderspezifische Förderung für Frauen verlangt wird, während sich doch alle einig sind, dass das dritte Geschelcht überaus wichtig ist. Das muss unbedingt politisch korrekt ergänzt werden, sonst wird das ganze Gendergerede einfach unlogisch.

  10. 18.

    Hier ist eine Frau vom Bau! Ich habe mich bewusst für körperlich schwere Arbeit entschieden, weil's Spass macht. Es wenige, aber es gibt sie .
    Ganz nebenbei bin ich aber auch gegen diesen ganzen Kram, mit dem man Augenscheinlich die Welt retten will. Das ist Quark mit Käse.

  11. 17.

    Frauenförderplan bei Baukolonnen. Ich lach mich scheckig. Ich bin jetzt seit Jahrzehten als Bauingenieur selbständig - aber eine Frau als Handwerkerin habe ich noch auf keiner Baustelle gesehen. Klar - welche Frau will sich diese körperlich schwere Arbeit und dies obendrein bei Wind und Wetter antun? Und wie realitätsfrei muß man sein, um so etwas vorzuschreiben? Wer macht so was? Und wer wählt so was?

  12. 16.

    Wenn ich arbeiten will und jemand meine Leistung (nicht in Grammatik..) nachfragt, dann will ich nicht vorher 130 Seiten, Schriftgröße Arial 0, lesen und mind. 60 davon ausfüllen müssen... und im Nachbarbezirk, die nächste Kita, dann fast das gleiche, nur mit anderen Formularen. Das finde ich als Handwerker ziemlich g... :-)

    Wenn ich als Ein-Mann-Betrieb die Frauenquote erfüllen soll, habe ich auch Spaß :-)

    Es scheint nicht wirklich dringend zu sein, sonst würde vielleicht bei Senatens mal jemand darauf kommen, dass das nicht läuft, so wie es läuft....

  13. 15.

    So neu ist das nicht. Das macht Berlin und Brandenburg schon lange, nur ist es bis dato nicht so bekannt. Wenn sagen wir Firma XYZ über Förderprogramm ABC einen wie auch immer gearteten Lohnkostenzuschuss beantragt, muss es bspw. erklären, dass dies Gender gerecht ist. Geht nur eben schlecht, wenn man nur für eine Person beantragt. Und ansonsten kann ich nur sagen: Solange wie man anderswo auf dem Bau gutes Geld verdient, solange muss man auch nicht in Berlin an Ausschreibungen teilnehmen.

  14. 14.

    Was soll Kontraste aufgedeckt haben? Ich hab den Bericht gesehen, da wurde so gut wie nichts erwähnt?

    Und bei den Kita's, sind es dort nicht die gleichen Leute, die sich auch bescheren würden, wenn die Holzbauweise der Kitas fallen gelassen würde und es alles beim alten bliebe. Dann würden diese Leute der Politik vorwerfen, sie ließe sich erpressen. Es gibt nur noch Nörgler. Erinnert mich an Nachbarn die sich für die anderen Gärten mehr interessieren als für den eigenen.

  15. 13.

    Auch diese Arbeiter müssen den Mindestlohn im Baugewerbe bekommen. Steht jedenfalls so im Gesetz. Im Zweifel ist es auch ein deutscher Generalunternehmer- der dann natürlich nicht wußte daß die Arbeiter für 5 Euro gearbeitet haben.

  16. 12.

    Weitere wesentliche Punkte sind wohl, dass sich Firmen bei öffentlichen Aufträgen meist mit praxisfernen Planungsbüros und häufigen Änderungen der Anforderungen herumschlagen dürfen und dass die Zahlungsmoral öffentlicher Auftraggeber hinter der privater um einiges zurücksteht. Der Staat hat sich als Auftraggeber unattraktiv gemacht - und das ist selbstverschuldet, vielen Dank auch dafür an die Politik! Statt zu jammern, dass man "keine Firmen findet", müssten die Bedingungen für Auftragsannahme und -ausführung verbessert werden. Oder man wartet halt bis zur nächsten Wirtschaftskrise, wenn für die Firmen die "Abstimmung mit den Füßen" nicht mehr möglich ist.

  17. 11.

    Meine volle Zustimmung! @rbb Die Vorschrifteen sind schon o.k. Nur wenn die Auftragsbücher schon voll sind und die Mitarbeiter auf mehreren Baustellen "gleichzeitig" arbeiten, dann ist es absurd an weiteren Ausschreibungen teilzunehmen.
    Einfach mal auf verschiedenen Baustellen vorbeischauen. Oft sind da nur ein paar Mann statt der ganzen Kolonne ;)

  18. 10.

    Merken die bei RRG noch irgendwas?

  19. 9.

    An Stelle der nicht nachvollziehbaren „Frauenquote“, sollte lieber darauf geachtet werden, dass eine Kommunikation untereinander stattfinden kann, ungeachtet in welcher Sprache. Das hätte mit Sicherheit auch die vielen Sprachbarrieren durch Subunternehmer am BER verhindert.

  20. 8.

    "Derzeit können sich Firmen die Aufträge aussuchen." Das wird auch eine Weile so bleiben. Warum sollen Firmen also sich mit dem Staat herumplagen? Die Auflagen gehen ins Leere.

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