Menschen mit einer Behinderung oder einer psychischen Erkrankung sind überdurchschnittlich oft armutsgefährdet. (Quelle: Pixabay)
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Armut in Berlin - Warum Kranke und Behinderte so häufig arm sind

Menschen mit einer Behinderung oder einer psychischen Erkrankung sind überdurchschnittlich oft armutsgefährdet - und damit doppelt ausgegrenzt. Dabei müsste das nicht so sein. Von Marie-Thérèse Harasim, Marisa Gierlinger und Simon Rustler

Wer gesund ist, kann arbeiten. Was aber passiert bei Krankheit oder Behinderung? Psychisch Kranke oder Menschen mit Behinderung haben ein höheres Armutsrisiko als andere. In offiziellen Statistiken zum Thema Armut wird dieser Zusammenhang jedoch bisher kaum berücksichtigt.

Dabei bedingen sich Armut und psychische Krankheit gegenseitig: Wer unter finanziellen Nöten leidet, entwickelt häufig psychische Störungen. Arme Menschen neigen vermehrt zu existenziellen Ängsten, Depressionen und Suchtkrankheiten. Gleichzeitig laufen Menschen mit psychischen Erkrankungen auch häufiger Gefahr, arm zu werden. Das liegt zum Teil daran, dass ihre Krankheit es ihnen nicht ermöglicht, in ausreichendem Umfang oder überhaupt zu arbeiten.

Neben mangelnden finanziellen Mitteln bedeutet das auch mangelnde gesellschaftliche Teilhabe: das Eis beim Italiener, das Kinoticket oder einen Ausflug - das alles verkommt zum finanziellen Stresstest. Eine Ausgrenzung dieser Bevölkerungsgruppen wird dadurch weiter begünstigt. Nicht selten ziehen sie sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, auch aus Angst vor Stigmatisierung.

Einer von vielen

Wie schnell man durch Krankheit ans Existenzminimum kommt, hat Mario Döhler* am eigenen Leib erfahren. Der 40-Jährige lebt in einer beschaulichen Erdgeschosswohnung in Berlin-Lichtenberg. Früher hat er als Metallarbeiter an Maschinen gestanden. Dass sich dadurch eine Knochenentzündung in seinen Füßen ausbreiten konnte, hat er zu spät bemerkt. Die Folgen: irreparabel. Zwei Zehen mussten amputiert werden und das Stehen ging nicht mehr. Einen mehrstündigen Job ausüben? Unmöglich. Nach dem Krankengeld und der Aussicht, dass sich an der gesundheitlichen Situation nichts mehr verbessern würde, bekommt er nun 752,27 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente.

Doch Döhler hatte Glück im Unglück. Er hat bereits als Teenager vor Berufsantritt eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen, die es ihm nun ermöglicht, ein Leben über der Armutsgrenze zu führen. 779,30 Euro extra – so lebt er von gut 1500 Euro im Monat. Seine Ausgaben muss er sich dennoch gut einteilen. Vor allem auch, weil er sich davon auch noch Erspartes für das Alter zur Seite legen muss. Denn mit 67, dem Renteneintrittsalter, endet die Berufsunfähigkeitsrente.

Zu seiner körperlichen Beeinträchtigung kamen, wie in vielen anderen Fällen auch, Depressionen hinzu. Der junge Mann, der hauptsächlich nur zuhause sitzen kann, hatte sich sein Berufsleben anders vorgestellt. Über den Psychotherapeuten, den er zur Verfügung gestellt bekommen hat, freut er sich deshalb sehr. Er hatte Glück: Denn viele psychisch Kranke warten lange auf einen Therapieplatz. Hinzu kommt die Verfügbarkeit von TherapeutInnen. Gerade in den östlichen Bezirken Berlins, wie Marzahn-Hellersdorf, kommen auf eineN TherapeutIn über 5000 EinwohnerInnen. In Charlottenburg-Wilmersdorf hingegen ist es einfacher einen Platz zu bekommen. Hier kommen nur gut 500 Menschen auf eineN TherapeutIn.

Mario Döhler hat dieses Problem nicht. Er fand unkompliziert einen Platz. Was nun bleibt ist der Ärger, den der junge Rentner verspürt, wenn er von Fremden gefragt wird, warum er keine Umschulung mache. So könne er doch arbeiten? Der Grund dafür ist eine Zwickmühle: Die Rente duldet keinen Zusatzverdienst und würde auch bei einer geringen Teilzeitbeschäftigung wegfallen – davon könnte Döhler nicht leben.

Stimmen für die Leisen

Offizielle Erhebungen wie der Berliner Sozialbericht erfassen Menschen mit Behinderung und Kranke nicht als Armutsgefährdete. Verbände wie der Paritätische Wolfahrtsverband und der Sozialverband Deutschland (SoVD) sprechen sich dagegen seit einigen Jahren öffentlich dafür aus und haben chronisch und psychisch Kranke sowie Menschen mit Behinderung als gesonderte Risikogruppen in ihre Agenda aufgenommen.

Claudia Tietz, Referentin für Sozialpolitik beim SoVD, sieht das Problem auch im sozialen Sicherungssystem. Dieses sei auf Hol-Schulden ausgelegt, anstatt Leute aktiv zu unterstützen. Meldepflichten, Anträge und gegebenenfalls rechtliche Einsprüche überfordern aber häufig gerade diejenigen, die aufgrund ihrer Beeinträchtigung Hilfe am meisten benötigen.

Anne Gersdorff arbeitet bei den Sozialhelden, einem Berliner Verein, der sich für Menschen mit Behinderung stark macht. Sie sitzt selbst im E-Rollstuhl und benötigt eine Assistenz, die rund um die Uhr für sie da ist. Nach dem Bundesteilhabegesetz darf sie nicht mehr besitzen als 30.000 Euro – alles darüber muss abgeführt werden. Grund: Der Staat zahlt für ihre Assistenz, bestehend aus acht Angestellten, die im Schichtbetrieb arbeiten, rund 14.000 Euro im Monat. Für Menschen mit Behinderung ist das eine große Belastung.

Fürs Alter sparen? Unmöglich. Das Haus der Eltern erben? Ausgeschlossen. Heiraten? Bloß nicht, denn der/die PartnerIn müsste dann genauso für die Kosten aufkommen. Zudem haben Menschen mit Behinderung auch höhere Fixkosten, erklärt Gersdorff. Sie haben höhere Heizkosten, brauchen auch mal besondere Hilfsmittel, deren Kosten die Krankenkasse nicht immer übernimmt und benötigen eine größere, barrierefreie Wohnung.

Der knappe Wohnraum und die steigenden Mietpreise führen dazu, dass Menschen mit Behinderung in die Randbezirke verdrängt werden.

Auf Bundesebene verändert sich aber aktuell etwas: Ab 2020 wird der Freibetrag auf 50.000 Euro angehoben – jedoch nur für Berufstätige auf dem regulären Arbeitsmarkt. Für die vielen Menschen mit Behinderung, die in einer Behindertenwerkstatt angestellt sind, ändert sich hingegen nichts. Und wer durch seine Behinderung keiner Arbeit nachgehen kann, muss mit einem Freibetrag von 5.000 Euro auskommen. Ungerecht, findet Dominik Peter, Vorsitzender beim Berliner Behindertenverband: "Wir kaufen uns davon Hilfsmittel und fliegen nicht auf die Malediven!"

Ein Projekt der Volontäre der Evangelischen Journalistenschule Berlin 

Armut in Berlin - die Beiträge zum Thema

Eine Frau hält am 01.07.2016 ein Kind an der Hand (Quelle: dpa/Marcel Kusch)
dpa/Marcel Kusch

Ein Projekt der Evangelischen Journalistenschule - Armut in Berlin

Den einen macht Arbeitslosigkeit arm, eine Familie treibt ein Krankheitsfall in Schulden, anderen reicht die Rente nicht: Armut hat viele Gründe - und viele Gesichter. Die Volontäre der Evangelischen Journalistenschule untersuchen Berlin: Wer ist arm, wo und warum? 

Beitrag von Marie-Thérèse Harasim, Marisa Gierlinger und Simon Rustler (EJS)

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Es gibt auch eine teilweise Erwerbsminderung durch die DRV. Dann bekommt man genau die Hälfte der EM-Rente und kann 3 bis 6 Stunden pro Tag arbeiten. Anrechnungsfreie Hinzuverdienstgrenze liegt durch das Flexirentengesetz bei ca. 80 % des vorherigen Verdienstes: Ein wirklich sehr sehr sinnvolles Modell! Leider wird üblicherweise nur schwarz-weiß gedacht, entweder ganz in die Rente oder ganz auf den Arbeitsmarkt. Voraussetzung für die Bewilligung der Teilrente durch die DRV scheint mir die Verfügbarkeit eines leidensgerechten Teilzeitarbeitsplatzes zu sein.

  2. 6.

    Ein sehr guter Artikel. Nur eine Anmerkung: auch psychisch Kranke können eine durch die Krankheit bedingte Schwerbehinderung habe.

  3. 5.

    Spätestens, wenn man als (schwer)behinderter Mensch den Eindruck gewinnt, dass Anträge vor der Klagemauer in Jerusalem mehr Erfolg versprechen als vor der Exekutive und Judikative in Deutschland, ist es Zeit elementare Fragen zu stellen.

  4. 4.

    Teil 3: Fortsetzung + Stichwort Belastbarkeit. Manchmal würde also bereits helfen, es dem Betroffenen offenzustellen, WANN er die Arbeit leiste, also ein weitestgehend offenes Arbeitszeitmodell (z.B. in Form eine Monatskontigents, ggf. noch größere Zeiträume). Mehr Heimarbeitsmöglichkeiten anbieten/schaffen. Auch Menschen mit Handicap stehen auf Autonomie!

    Es wird aus meiner Sicht wirklich ein Haufen Potential verschwendet durch die Unflexibilität der Arbeitswelt.

    Noch eins: auch Mensch mit Handicap freut sich, ein den Fähigkeiten und Möglichkeiten angemessenen Job machen zu dürfen. Auch da hakt es an den Konzepten (und Förderungen. RV: "Aufbau-Studium fördern wir nicht". Warum eigentlich nicht? (Wenn es jemanden statt in die Rente ggf. zurück auf den ersten Arbeitsmarkt verhilft.)

  5. 3.

    Nochmals wirklich herzlichen Dank, dass Sie das Thema aufgegriffen haben!
    Zweitens: viele Berentete könnten unter Umständen durchaus arbeiten. Unter Umständen. Nur werden diese nicht geschaffen, die Gesellschaft von Politik bis Arbeitgeber ist nicht bereit, sich da flexibel an die Bedürfnisse eines Gehandicapten anzupassen. Dabei bedürfte es manchmal ziemlich banaler Dinge.
    Beispielsweise eine Liegemöglichkeit. Entweder, um Erholungsphasen zuermöglichen (inkl. Pausenzeiten)oder aber, weil Sitzen (oder Stehen) schlicht nicht oder nur manchmal oder nur für eine bestimmte Dauer möglich ist. Nun, einen Laptop kann man sich auf den Bauch legen. Aber klar, das sieht kein AG gerne, schaut ja so "faul" aus.
    Noch ein Beispiel: Viele können durchaus am Tage mehrere Stunden arbeiten, nur eben nicht am Stück und auch "nicht immer". Die Belastbarkeiten sind nicht immer gleich bei vielen Erkrankungen. Unter dieser krankheitsbed. "Unzuverlässigkeit" leiden auch die Betroffenen.

  6. 2.

    "Wer unter finanziellen Nöten leidet, entwickelt häufig psychische Störungen." --> Es gibt auch viele Leute, die nicht unter finanziellen Nöten leiden und unter psychischen Störungen leiden. Sollen wir die "Armen" jetzt mit den "nicht so Armen", oder am besten mit den "Reichen" gleichmachen, um sie deren häufigen psychischen Störungen zuzuführen?

  7. 1.

    Fehlt der Mut aufzuzeigen, wer und was Menschen krank und zu Behinderten macht? - Mit oberflächlichem Journalismus werden die Symptome von Folgen der morbiden Erwartungshaltung gegenüber Menschen kaschiert, die den Unmöglichkeiten des Alltags hilflos und überfordernd ausgesetzt sind. Man braucht sich nur die vielfältigen möglichen Barrieren lt. ICF anzuschauen um festzustellen, dass auch nichtbehinderte Menschen durch Schikanen in den "Wahnsinn" getrieben werden können. Umso schlimmer stellen sich die Situationen für behinderte Menschen dar, die keine Mauer von Ignoranz und fehlendem Bewusstsein für ihre Würde überwinden oder durchbrechen können; und die Diskriminierungen bleiben wieder unerwähnt!

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