Nina Ohlmeier, Deutsches Kinderhilfswerk (Quelle: Privat)
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Interview | Nina Ohlmeier vom Deutschen Kinderhilfswerk - "Wir brauchen eine Grundsicherung für Kinder"

Welche Ursachen hat Kinderarmut, wie wirkt sie sich aus und wie lässt sie sich bekämpfen? Kinderrechts-Expertin Nina Ohlmeier vom Deutschen Kinderhilfswerk über Bürokratie, die Bildungsmisere und vier Euro am Tag. Von Maike Verlaat und Lucia Heisterkamp

Frau Ohlmeier, Deutschland ist ein reiches Land, trotzdem gibt es sehr viel Kinderarmut. Woran liegt das?

Nina Ohlmeier: Kinder sind immer mit ihren Familien arm. Meist hängt die Armut von Kindern damit zusammen, dass die Eltern entweder gar nicht oder nur in geringer Stundenzahl arbeiten können oder zu wenig verdienen. Außerdem ist unser System der Familienförderung derzeit so ausgestaltet, dass geringverdienende Familien weniger profitieren als gutverdienende. Viele Leistungen kommen bei Familien auch nicht an, weil sie zu kompliziert zu beantragen sind. Die Herausforderung besteht in Deutschland also darin, den vorhandenen gesellschaftlichen Wohlstand auch bei den betroffenen Kindern und Familien ankommen zu lassen.

Wann ist ein Kind arm?

Wir verwenden die Armutsdefinition der EU: Wenn Kinder aus Haushalten kommen, deren Nettoeinkommen unter 60 % des mittleren gesellschaftlichen Einkommens liegt, dann spricht man von relativer Armut. Häufig wird Armut auch mit dem Sozialleistungsbezug gleichgesetzt, also Familien, die von Hartz IV leben oder andere Sozialleistungen beziehen, wie den Kinderzuschlag oder Wohngeld.

Wie wirkt sich Armut konkret auf das Leben von Kindern aus?

Armutsbetroffene Kinder können nicht wie andere Gleichaltrige am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Es fehlt das Geld, um ins Schwimmbad zu gehen, mit den Eltern in den Urlaub zu fahren oder für ein Geschenk bei einem Kindergeburtstag. Darunter leiden die Kinder ganz akut und auch ihr Selbstwertgefühl wird dadurch von Kindesbeinen an auf eine harte Probe gestellt. Dazu kommen die Langzeitfolgen: schlechtere Bildungschancen zum Beispiel. Wir wissen genau, dass Kinder aus armen Familien seltener Abitur machen und studieren, was sich später wieder auf ihre Jobchancen auswirkt. Studien belegen auch die negativen Folgen für die Gesundheit: armutsbetroffene Kinder haben ein höheres Risiko für chronische Krankheiten, sind häufiger übergewichtig, bewegen sich im Schnitt weniger.

Kinder aus Hartz IV-Familien erhalten Leistungen vom Jobcenter. Reichen die Regelsätze nicht aus?

Die Regelsätze müssen dringen angehoben werden. Kindern zwischen 6 und 13 Jahren stehen derzeit pro Tag zum Beispiel gerade mal knapp 4 Euro für Essen und Getränke zur Verfügung. Ein normaler Alltag, wie ihn andere Kinder in dem Alter erleben, ist so nicht möglich.

Das Bildungs- und Teilhabepaket soll Kindern ja Leistungen ermöglichen, die nicht im Hartz-IV-Regelsatz enthalten sind: Zuschüsse zum Mittagessen oder für Klassenfahrten zum Beispiel. Trotzdem beantragen weniger als die Hälfte aller Familien in Berlin Leistungen aus dem Paket. Warum?

Weil die Beantragung sehr kompliziert ist und es viele bürokratische Hürden gibt. Manche Familien wissen gar nicht, dass es das Bildungs- und Teilhabepaket gibt. Andere wollen es beantragen, scheitern aber daran, dass sie so viele Formulare und Anträge ausfüllen müssen. Generell ist die Familienförderung in Deutschland sehr kompliziert ausgestaltet. Kinder und Familien müssen von einer Stelle zur anderen laufen, um Leistungen zu beantragen. Das ist ein großes Wirrwarr. Deshalb fordern wir eine Kindergrundsicherung, bei der Leistungen zusammengefasst werden und jedes Kind abgesichert ist, unabhängig davon, ob seine Eltern wenig verdienen.

So eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Kinder?

Genau. Allerdings bemisst sich die Höhe der Kindergrundsicherung auch nach dem Einkommen der Eltern, entsprechend wird die Leistung besteuert. Den Höchstsatz bekommen nur Kinder, deren Eltern nichts oder nur sehr wenig verdienen. Kinder aus Familien mit höherem Einkommen bekommen entsprechend weniger.

Warum ist die Armutsquote in Berlin besonders hoch?

Das ist zum Teil eine Stadt-Land Frage. In Städten wie Berlin gibt es mehr Familien, die ein hohes Armutsrisiko haben: Alleinerziehende, Familien mit Migrationshintergrund oder Geflüchtete. Ein Thema in Berlin ist auch bezahlbarer Wohnraum. Die Stadt wächst, es gibt nicht genug bezahlbare Mieten und nicht genug Sozialwohnungen für Familien.

Was muss passieren, damit die Kinderarmut sinkt?

Zu allererst müssen wir Eltern in die Lage versetzen, ihre Familie versorgen zu können, und zwar über armutsfeste Löhne und eine gute Betreuungsinfrastruktur. Bildung ist ein wichtiger Hebel, um den Armutskreislauf zu durchbrechen. Deshalb braucht es gerade dort, wo die Kinderarmut besonders hoch ist, eine gute Bildungsinfrastruktur: ausreichend Erzieherinnen und Erzieher in der Kita, gut qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer. Außerdem wissen wir, dass Beteiligung von klein auf Kinder und Jugendliche resilienter gegen Armut macht. Wenn sich Kinder schon in der Kita und der Schule als "selbstwirksam" empfinden und die Erfahrung machen, mitbestimmen zu können, dann lernen sie, besser mit den widrigen Lebensumständen umzugehen, in denen sie aufwachsen.

Ein Projekt der Volontäre der Evangelischen Journalistenschule Berlin 

Armut in Berlin - die Beiträge zum Thema

Eine Frau hält am 01.07.2016 ein Kind an der Hand (Quelle: dpa/Marcel Kusch)
dpa/Marcel Kusch

Ein Projekt der Evangelischen Journalistenschule - Armut in Berlin

Den einen macht Arbeitslosigkeit arm, eine Familie treibt ein Krankheitsfall in Schulden, anderen reicht die Rente nicht: Armut hat viele Gründe - und viele Gesichter. Die Volontäre der Evangelischen Journalistenschule untersuchen Berlin: Wer ist arm, wo und warum? 

Kommentar

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18 Kommentare

  1. 18.

    Nicht nur in Jobcentern besteht mMn eine langjährige bedarfs-kollektive Sehschwäche bei der Wahrnehmung und Umsetzung der UN-Vereinbarung über die Rechte von Kindern. Man achte auf das Jahr der Ratifizierung. https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&mtdsg_no=IV-11&chapter=4&lang=en#10 (6. März 1992!) - Ich finde, das Armutszeugnis besteht darin, dass das Volk Deutschlands keine besseren Politiker*innen hervorbringt.

  2. 17.

    Gerade war ich einkaufen. Gegen Monatsende das uebliche Bild an den Kassen. Ein Vater mit Kind hat 4 preiswerte Lebensmittel eingekauft und bei jedem Produkt angstvoll zur Kasse geguckt.
    Zu seinem Kind meinte er noch, es muesse später "zur Mama, da er wieder arbeiten muesse...".
    Das verschlägt einem die Sprache. Leiharbeit und Zwangsarbeit zu unterirdischen "Löhnen" sind eine kriminelle Angelegenheit!
    Wann verstehen das die Menschen. Es sind alles unsere Mitmenschen, du bist ich und ich bin du!
    Natuerlich muss sich Leistung besonders auszahlen, aber genauso ehrliche Arbeit und Familien mit Kindern in Armut zu lassen ist ein Armutszeugnis fuer eines der reichsten Länder der Erde.
    Ich hoffe dass doch wohl den Jobcentern mit der neuen Kindergrundsicherung verboten wird, diese von den anderen Leistungen abzuziehen? Das wäre doch die allerwichtigste Frage...

  3. 15.

    Alle Kinder einladen? Das durften ich und meine Geschwister auch nicht. Und meine Eltern habe beide gearbeitet. Drei Freundinnen zum Geburtstag, das reichte aus. Mehr ist ja auch Unsinn. Es gab selbstgebackenen Kuchen und dann haben wir uns selbst beschäftigt. Keine Bespaßung notwendig. Vielleicht sollten Sie Ihrer Tochter ein wenig Realismus beibringen und die Erwartungen etwas runterschrauben. Denn sowas kann sich niemand leisten. Aufstockung oder nicht.

  4. 14.

    Ich bin Mitglied einer Gewerkschaft, was mich nur bedingt weiterbringt. Entweder ist das Arbeitsrecht/ Demokratieverständnis im Osten ein anderes, als bei unseren Landsleuten aus der Altrepublik, aber in nahezu allen Fällen endet meine Willensbildung an der Bürotür meines direkten Vorgesetzten.
    Auch der vielbeschworene Personalrat stellt sich oft als nicht besonders hilfreich dar/ heraus.

  5. 13.

    Tolle Idee, dann komme ich mir endgültig ver.... vor. Darf überall zahlen (Kita, Hört, Ausflüge usw.) und drücke brav meine Steuern ab und darf mir dann noch anhören bin nicht sozial eingestellt. Und sehe ich wie Betroffene Leistungsemofänger befreit sind von Zahlungen. Daseist nicht sozial, denn wer arbeitet ist weniger, als wer nicht geht.

  6. 12.

    Ich bin in der glücklichen Lage, einen angemessen bezahlten Job zu haben. Dass sogar im Osten ;).
    Als Kind der DDR, mit einer fundierten Schulbildung, mit an- und abgeschlossener Berufsausbildung, sind mir heute viele sozialpolitische Entscheidungen einfach schleierhaft. Wenn ich mir vorstelle, dass wir in Brandenburg, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, ab September eine Rot-Rot-Grüne Landesregierung haben werden................
    Aber lassen wir das.

  7. 11.

    Weil man mit einem Haus was man abzahlt kein Wohngeld bekommt und das normale Gehalt vom Partner angerechnet wird.

    P.s. Arbeite selber im sozialen Bereich und kenne die Möglichkeiten.

    Sie wissen so sicher auch das ein Gehalt zwischen 1400 und 2400€ brutto auf das gleiche verfügbare Geld hinausläuft, da die Zuschüsse den Mehrertrag eines höheren Lohnes ausgleichen.

  8. 10.

    Genau so sieht es aus, ich möchte gerne wieder mindestens 30 Stunden arbeiten. Kann es mir aber praktisch nicht leisten, da ich nur für die Kita arbeiten würde.

    Sehr traurig.

  9. 9.

    Dieser Artikel ist eine Frechheit und zeugt von absoluter Realitätsferne.
    Die Beantragung von BuT Leistungen bedarf nicht einmal der Schriftform. Selbst wenn, es gibt nur 1 Formular für alle Leistungen. Äußert der Kunde mündlich das er/sie Leistungen begehrt, so ist dies als Antrag zu werten. Dann bekommt er/sie ein Schreiben von uns, in dem wir konkrete Unterlagen anfordern, fertig. Die Leistungen kommen nicht bei den Familien an, weil wir direkt an die Leistungserbringer zahlen (Sportvereine, etc.). Und das aus gutem Grund. Davon abgesehen entscheiden sich viele SGB II Bezieher WÄHREND des Leistungsbezuges für Kinder. Sie wissen also um die Situation.
    Und an den "armutsfesten Löhnen" die gefordert werden, hängt ja noch einiges mehr dran, als nur das sorgenfreie Leben der Kinder. Sollen jetzt bei qualifikationsarmen Jobs Mindestlöhne von >15.- gezahlt werden? Dann müssten auch alle anderen Löhne angeglichen werden. Und das greift dann tief ins Steuerrecht ein.

  10. 8.

    Wenn das Geld auch wirklich bei den Kindern ankäme... Häufig ist es in sozial schwachen Familien doch so, dass das Geld dann für Alkohol und Tabak sowie Technik ausgegeben wird, anstatt es den Kindern zugute kommen zu lassen. Hinterher wenn das Geld alle ist, wird dann nur noch billiger fraß gekauft. Man beobachte mal die einkaufswagen der Leute zum Monatsanfang und Monatsende... Geld für kippen und Alkohol scheint immer da zu sein, anderes muss hintenan stehen...

  11. 7.

    Geld, das ausgegeben werden will, muss auch erwirtschaftet werden. Die Steuerlast ist schon enorm und wird noch steigen. Der Haushalt schrumpft. Bevor als noch ein Geldgeschenk angedacht wird, bitte die Finanzierung klären.

  12. 6.

    Bin auch alleinerziehend, habe eine 4 Jahre alte Tochter.... Geh jeden Tag von Mo. - Fr. 5std am Tag arbeiten... Bekomme Aufstockung vom Jobcenter... Ich muss alles alleine Stämmen, meine Familie wohnt nicht hier... Ach ja wenn wenigsten das Kindergeld nicht angerechnet werden würde... Ich verzichte auf alles und versuche mein Kind alles zu ermöglichen... Meine kleine hat nächsten Monat Geburtstag und hat alle Kinder eingeladen... Musste ich ihr erklären wieso es nicht geht... Ach alles doof...

  13. 5.

    Bin auch alleinerziehend, habe eine 4 Jahre alte Tochter.... Geh jeden Tag von Mo. - Fr. 5std am Tag arbeiten... Bekomme Aufstockung vom Jobcenter... Ich muss alles alleine Stämmen, meine Familie wohnt nicht hier... Ach ja wenn wenigsten das Kindergeld nicht angerechnet werden würde... Ich verzichte auf alles und versuche mein Kind alles zu ermöglichen... Meine kleine hat nächsten Monat Geburtstag und hat alle Kinder eingeladen... Musste ich ihr erklären wieso es nicht geht... Ach alles doof...

  14. 4.

    Und warum haben Sie keine ergänzende Grundsicherung, Wohngeld beantragt ? Denn das ksnn jeder Arbeitnehmer der weniger als ALG2 plus Miete verdient.

    Scham, Feigheit, Angst. Unwissenheit , reicher Ehemann oder Unterhaltspflichtiger Ex ?

    Mich ärgert es als Dipl. Sozialarbeiter wenn immer erst (auf den Sozialstaat oder die "Harz4" Empfänger geschimpft wird, statt dem asozialen Arbeitgeber einen Tritt in den Hintern zu geben und für seie/ihre Rechte zu kämpfen! Dafür gibt es Gewerkschaften .

    PS : Natürlich ist Alg2 oder Grundsicherung für Angehörige zu gering. Ein noch größeres Problem war die Abschaffung der einmaligen Beihilfen (Renovierung, Kleidung,Möbel). Ich kenne keinen Alg2 Empfänger der dafür Geld ansparen kann. Meistens wird das dann auf Dahrlehsbasis vom Jobcenter bezahlt. Ach ja Strom / Gas ist NICHT im Alg2 enthalten. Anders als Heizung. Nachzahlungen müssen auch selst bezahlt werden



  15. 3.

    Dem muss ich mich leider anschließen. Mal von einer kleinen Elite abgesehen, ist es unglaublich, wie restriktiv gegen die arbeitende Bevölkerung vorgegangen wird.

  16. 2.

    Eine richtig gute Idee. Auch die Zahlen, die die Grünen vorgestellt haben, bis zu 500 Euro pro Kind zu zahlen, ist fantastisch. Wer ist denn dann noch so blöde und geht arbeiten? Es gibt sicherlich einige Situationen bei Familien, die unsere Unterstützung nötig haben. Wir haben aber auch genügend unbesetzte Arbeitsstellen, wo dringend Personal fehlt und dafür benötigt man kein Studium. Jeder von uns kennt Menschen, die auf der faulen Haut liegen, aber nur ein geringer Anteil kann aus nachvollziehbaren Gründen nicht sein eigenes Geld verdienen. Also bitte nicht Pauschal denken und unser Geld rausschmeißen , sondern schauen, wer das Geld wirklich dringend benötigt.

  17. 1.

    Der Artikel ärgert mich regelrecht.

    Ich verdiene normal und habe in der Elternteil weniger zum Leben übrig gehabt als ein Hartz4 Empfänger.
    Kosten für Haus, Auto und sonstige Lebenskosten laufen natürlich weiter auf.
    Zuschüsse gibt es keine, mein Partner könne mich ja mitfinanzieren.

    Zurück im Arbeitsleben ist es mir praktisch unmöglich wieder voll zu arbeiten, die horrenden Kitagebühren fressen den Lohn soweit auf, das man notdürftig eine Betreuung in der Familie organisieren muss.

    Auch dafür gibt es keine Zuschüsse.

    Würde ich in einer Sozialwohnung ohne Arbeitsverhältnis leben, hätte ich weit mehr Geld zur Verfügung, da ich berechtigt wäre zahlreiche Zuschüsse zu erhalten.

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