Blick auf die Westseite der Gleimstraße (Quelle: Tobias Hausdorf)
Bild: Tobias Hausdorf

Armut in Berlin - Wie an der Gleimstraße soziale Welten aufeinander prallen

Zwischen Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen verläuft eine unsichtbare Mauer. Wo einst Beton Menschen an der Gleimstraße voneinander trennte, bildet das Wohlstandsgefälle eine neue, soziale Barriere. Warum ist das so? Von Tobias Hausdorf und Tomke Giedigkeit

Per Spix tritt vor seine Haustür im Gesundbrunnen und geht die 500 Meter durch den Gleimtunnel in Richtung Prenzlauer Berg. Ein Montag, Abendsonne. Der 27-Jährige will noch etwas trinken, danach im Mauerpark entspannen. "Meine Freizeit verbringe ich oft im Prenzlberg", sagt Spix, der bei Brot für die Welt arbeitet. Kneipen, Restaurants, Läden: Es gibt ein großes Angebot. Anders als in seinem Wohnbezirk ein paar hundert Meter weiter.

Seit zweieinhalb Monaten wohnt er an der Westseite der Gleimstraße, im Gesundbrunnen. "Wer auf der Kante wohnt, hat den Vorteil der relativ geringen Mieten", sagt Per Spix, roter Bart, ganz in schwarz gekleidet. Er sieht die soziale Grenze zwischen den Viertel: "Es ist ein ganz anderes Publikum im Brunnenkiez als im Prenzlauer Berg." Migrantisch geprägte Familien auf der einen, wohlhabende AkademikerInnen auf der anderen Seite.

Per Spix wohnt an der Gleimstraße (Quelle: Tobias Hausdorf)
Per Spix wohnt an der Gleimstraße – im Teil, der zum Wedding gehörtBild: Tobias Hausdorf

Die Gleimstraße: Während sich der zum Prenzlauer Berg gehörende Ostteil zum hippen Viertel mit teuren Kinderwägen und Burgerläden entwickelte, ist im Brunnenviertel am Westende der Straße davon wenig zu spüren. Eine Straße, 1,33 Kilometer, zwei Welten.

Per Spix: "Ich wohne im Brunnenviertel, aber mein Geld gebe ich im Prenzlauer Berg aus."

Es staubt in der Mittagshitze, ein Betonmischer lärmt. Am Ostende der Gleimstraße im Prenzlauer Berg arbeiten Handwerker an einer weiteren Fassadensanierung eines Altbaus. Im Westen der Straße, der zum Brunnenviertel gehört, stehen zweckmäßige Häuser, die mit Mitteln des Marshall-Plans errichtet wurden. Dazwischen der Gleimtunnel.

"Die soziale Grenze in der Gleimstraße ist immer noch da", sagen Dunja Berndt und Holger Eckert vom Nachbarschaftsverein Brunnenviertel e.V. und bestätigen die Beobachtung von Per Spix. Mit ihrem Verein und verschiedenen Projekten wollen sie helfen, dass die Menschen an der Gleimstraße zusammenkommen – und die soziale Mauer abbauen. Zum Beispiel indem sie gemeinsam in der Gleimoase gärtnern.

Was Discounter und Schulen über die Kieze aussagen

Die soziale Grenze zwischen den Bezirken zeigt sich auch am Beispiel von Grundschulen und Einkaufsmärkten in der Nähe der Gleimstraße. Wenn man betrachtet, wie viele Kinder aus verschiedenen Kulturen gemeinsam im Klassenzimmer lernen, wird der Unterschied besonders deutlich.

Zur Schule lieber in den Prenzlauer Berg?

Manche Eltern aus dem Brunnenviertel versuchen ihre Kinder auf die nahen Schulen im Prenzlauer Berg zu schicken, da sie sich dort eine höhere Qualität erhoffen, sagt Dunja Berndt. Das trage zwar zu einer stärkeren sozialen Durchmischung der Nachbarschaft bei - allerdings nur in eine Richtung. Denn Kinder aus dem Prenzlauer Berg gehen in der Regel nur dort zur Schule - und nicht im Wedding.

Links: Insgesamt 497 SchülerInnen besuchen die Thomas-Mann-Grundschule an der Greifenhagener Straße im Prenzlauer Berg. Über 85 Prozent sprechen Deutsch als Muttersprache. Rechts: An der Heinrich-Seidel-Grundschule an der Ramlerstraße im Brunnenviertel lernen 549 SchülerInnen gemeinsam. Von nur fünf Prozent ist die Herkunftssprache Deutsch.

Luftlinie liegen die beiden Grundschulen nur 1,4 Kilometer auseinander. Doch die Multikulturalität in den Klassenzimmern unterscheidet sich stark. Während an der Heinrich-Seidel-Grundschule 95 Prozent der SchülerInnen eine nichtdeutsche Herkunftssprache sprechen, sind es an der Thomas-Mann-Grundschule im Prenzlauer Berg nur 12,1 Prozent. 22,4 Prozent der SchülerInnen, die an der Grundschule im Brunnenviertel lernen, haben einen ausländischen Pass. An der Thomas-Mann-Grundschule im Prenzlauer Berg ist der Anteil mit 8,5 Prozent weniger als halb so groß.

Auch das Wohlstandsgefälle zwischen dem Brunnenviertel und dem Prenzlauer Berg zeigt sich anhand der Grundschulen: Weil viele der Eltern von Kindern der Heinrich-Seidel-Grundschule sich die Zuzahlungen zu den Büchern und Lernmaterialien ihrer Kinder nicht leisten können, sind sie vom Lehrmittelzuschuss befreit. Eine finanzielle Belastung für die Schulen. Deswegen bekommt die Heinrich-Seidel-Schule einen Förderzuschuss von 80.000 Euro pro Jahr. In der Elternschaft der Thomas-Mann-Grundschule können mehr Eltern den Lehrmittelzuschuss für ihre Kinder an die Schule bezahlen. Sie braucht keine Förderung.

Händler passen Angebot an Kieze an

2.657 Euro beträgt die durchschnittliche Kaufkraft je Haushalt im Postleitzahlbezirk 13355, Berlin-Wedding. Ebenfalls an der Gleimstraße, im benachbarten Prenzlauer Berg (10437) liegt diese um 348 Euro höher, zeigt der Wohnmarktreport 2019 der Dienstleistungsunternehmen Berlin Hyp und CBRE. Die Haushalte im ehemaligen Westbezirk haben schlicht weniger Geld zur Verfügung.

"Das Angebot im Obi-Markt Berlin-Wedding ist deutlich abgespeckt", sagt Holger Eckart vom Brunnenviertelverein. Das habe ihm der Marktleiter erzählt. Es gebe vorwiegend billige Produkte. Hochpreisige Geräte, wie es sie in anderen Obi-Filialen gibt, seien in der Niederlassung im Wedding kaum verfügbar. Der Grund: Die Händler haben ihr Sortiment der Zahlungskraft des jeweiligen Kiezes angepasst.

Eine Angleichung gibt es dennoch

Die beiden Viertel, welche die Gleimstraße verbindet, nähern sich in einer Hinsicht an: Die Angebotsmieten steigen. Während diese im Prenzlauer Berg aber von 2016 zu 2018 um 16,3 Prozent zugelegt haben, stiegen sie auf der Gesundbrunnen-Seite im selben Zeitraum viel stärker, um 22 Prozent. Eine Annäherung im negativen Sinne. Die Mieten im Prenzlauer Berg sind bereits auf einem höheren Niveau.

Bei der nächsten Demonstration gegen Mietensteigerung wird Per Spix wieder dabei sein. Damit auch andere das Glück haben, das er hatte: Ein Bekannter sei ausgezogen, dessen Wohnung er übernehmen konnte. So ist er aus Zufall von einem anderen Kiez im Wedding ins Brunnenviertel gekommen. "Die niedrige Miete war ein Argument für mich umzuziehen", sagt Per Spix. Der Preis für die Zweizimmerwohnung sei vergleichbar mit dem für ein WG-Zimmer.

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Eine Frau hält am 01.07.2016 ein Kind an der Hand (Quelle: dpa/Marcel Kusch)
dpa/Marcel Kusch

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Beitrag von Tobias Hausdorf und Tomke Giedigkeit

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18 Kommentare

  1. 18.

    "soziale Welten" also beide Seiten sind sozial. Der eine ist Arbeitgeber der andere Arbeitnehmer, alles knuffig.

  2. 17.

    Na ja, Neid wohl überhaupt nicht sondern eher Mitleid, wenn mein voriger Text aufmerksam verfolgt wurde (Ericht hat's einfach nicht gecheckt, denke ich).
    Es ist doch ein zu beobachtendes Gesellschaftsphänomen, wenn bestimmte Bevölkerungsschichten (hat noch nicht mal was Geld zu tun) ihren Nachwuchs völlig abgeschottet und gepampert und immer schön vonne Eltern hinundhergekarrt aufwachsen lassen und die Sprößlinge eines Tages feststellen müssen:
    Ach Du Schxxx, es gibt ja noch 'ne ganze Menge andere Einflüsse von außen durch andere Sprachen, Kulturen und Mannigfaltigkeit der Leute - wie sollnwa denn damit jetzt plötzlich umgehen? Also hat es der 'ärmere Teil' der Gleimstr. (stellvertredend für ähnlich Kieze) durch Kita/Schule evtuell einfacher unbefangen auf andere Menschen zuzugehen und gemeinsam was zu machen als der verhätschelte Hosenscheißer. Hörmal, wir sind doch früher auch normal groß geworden ohne viel Brimborium (= chem. Symbol Bb, Nr. 139 im Periodensystem).

  3. 16.

    >...zwischen Gesundbrunnen und Prenzlau...<
    Janz schön langer Tunnel für so'ne platte Gegend ;-)

  4. 15.

    Typisches "berlinisches Genöle"!!
    Oh, wie ist das Leben doch so schwer!!
    Um den maroden Gleimtunnel interessiert sich wohl keiner?
    Ist ja ooch wieder einmal Provinzposse zwischen Gesundbrunnen und Prenzlau?!?
    Da müssen erst mal die Juristen ran, wer entscheiden darf!!

  5. 12.

    Ja - und umgekehrt sind's bestimmt mind. 75% im Prenzlauer Berg, die schwäbischen Migrationshintergrund (eben auch 'ne Sprach- und Kulturbarriere) haben und von Bionade oder Mate-Tee trinkenden Eltern im Tussenpanzer (= S.U.V.) bis uffn Schulhof gekarrt werden, weil die Kinder alle so schön selbständig und angstfrei sind.

  6. 11.

    @rbb24
    Danke, dass Ihr für die Kartendarstellung mal OpenStreetMap und nicht GoogleMaps verwendet habt!
    Weiter so!

  7. 10.

    Korinthenkack: Plural von Kinderwagen ist Kinderwagen. Überall außer in Frangen/Bayern :-)

  8. 9.

    Ein interessanter Schwung kommt ja nun durch die Mauerpark-Prunkbauten direkt an der Grenze zwischen Neuschwabien und Wedding.

  9. 8.

    Das Brunnenviertel gehört zum Ortsteil Gesundbrunnen und nicht zum Ortsteil Wedding. Die Journalistenschüler sollten sich mit der Bezirksreform des Jahres 2001 beschäftigen.

  10. 7.

    Nein, Sie haben m. E. nicht richtig gelesen bzw. die Grafik interpretiert. Bei 95 % der Beschulten in der besagten Weddinger Grundschule ist Deutsch nicht die Herkunftssprache. Über das gegenwärtige Vermögen, deutsch zu lernen und gelernt zu haben, sagt das nichts aus.

    Ich denke, das läst sich in etwa vergleichen mit den Anfängen des Ruhrgebiets bei dessen industrieller Nutzung. Bekanntermaßen sprechen die heute nicht vorwiegend polnisch, sondern gut deutsch und Einige haben sogar ihren Namen entpolnischt und eingedeutscht. Soweit braucht es aber bei weitem nicht zu gehen.

  11. 6.

    Habe ich richtig gelesen ? 95% sprechen kein Deutsch....in der Weddinger Grundschule.

  12. 5.

    "Dass früher mehr Altbauten abgerissen wurden, war dem Wohnungsschnitt und dem allgemein nicht mehr gültigen Baustandard geschuldet."

    Das war das Vorgeschobene, wie immer formale Regelungen vorgeschoben werden, wenn etwas Unliebsames nicht mehr sein soll.

    In Wirklichkeit fehlte gegenüber Altbauten, die in aller Regel eine höhere Stadtbildprägung aufweisen, einfach die Wertschätzung. Sie trat erst im Zuge verstärkter Denkmalaktivitäten ein. In schätze mal, aufgrund Ihres vermutlich geringeren Alters haben Sie den seinerzeitigen Wandel, der einer kulturpolitischen Revolution gleichkam, hautnah nicht mibekommen.

    Wäre dasjenige, was formal vorgeschoben wurde, (sich aber aufgrund der späteren Baupraxis als exzellent vereinbar erwies), jenseits allen Widerstands von Anwohnern wie geplant durchgepeitscht worden, so gäbe es heute weder das Westend in Frankfurt am Main, noch das Bremer Ostertorviertel, noch den Hamburger Stadtteil Ottensen.

  13. 4.

    Dass früher mehr Altbauten abgerissen wurden, war dem Wohnungsschnitt und dem allgemein nicht mehr gültigen Baustandard geschuldet. Holztreppenhäuser, die dem Brandschutz nicht mehr entsprachen, oder die Unmöglichkeit vernünftige Nasszellen einzubauen sind für frühere Abrisse größtenteils verantwortlich.

    Was hat denn ein Restaurator mit der Instandsetzung eines normalen Wohnhauses zu tun? Es geht hier nicht um Kunst- und Kulturgut. Baufirmen, die instandsetzen, gibt es genug. Kein Restaurator befasst sich mit Altbauten, es sei denn sie sind als Kulturgut eingestuft.

    Manchmal ist ein Abriss preiswerter als ein Neubau. Nur müsste der Neubau bzw. der Eigentümber dann Auflagen bekommen, nicht so gierig bei den Mieten zuzulangen, sondern auch moderate Mietpreise anbieten.

  14. 3.

    In meinen Augen mischen sich hier mehrere Dinge:
    Spekulation, die wg. eines hohen Restaurierungspotenzials da ist, ganz gewiss. Altbauten lassen sich von Spekulanten zehnmal besser vermarkten als vor 40 J. Damals galten die Altbauten als potenzielle Abrisskandidaten. Im Osten wie im Westen.
    Damit geht das nächste Problem einher, der Zustand der Gebäude über Jz. hinweg, dort, wo dann tats. nichts getan wurde - anfänglich aus erklärtem Nichtwillen heraus, später dann, weil der Beruf der Restauratoren faktisch ausgestorben war und für einige Renommierprojekte polnische Restauratoren herangezogen werden mussten.
    Die (östli.) Gleimstraße war zu sehr im hintersten Winkel verortet, als dass hier zu DDR-Zeiten jemals eine Restaurierung vorgesehen war.
    Die Herausforderung sorgsamer und verhaltener Altrestaurierung hätte m. E. wesentlich besser organisiert werden können, wenn bei der Bezirksreform Wedding und Prenzlauer Berg zusammengekommen wären. So sind sie getrennt.

  15. 2.

    Leider sind junge, gut ausgebildete Lehrer/ Lehrerinnen immer weniger bereit, an Brennpunktschulen, im Gesundbrunnen zu arbeiten. Nicht nur die Sprachprobleme der unterschiedlichen Kinder sind problematisch, sondern auch die Zusammenarbeit mit den Eltern, die zu sehr in ihrer Kultur und Religion verhaftet sind. Das fängt bei „Schweinefleischfres.....“ an und hört oft bei „Schei...Christ“ auf. Die Schulen in Prenzlauer Berg sind da kommunikativer besser durchmischt und vorbildlich in der Unterrichtsgestaltung. Leider nehmen sie, auch im Hinblick auf die Regelung der Einzugsgebiete, inur ungern Kinder aus dem Wedding auf.
    Traumvorstellungen vom friedlichen Miteinander an den Schulen im Gesundbrunnen sind größtenteils nur eins:“ Utopie“

  16. 1.

    Irgendwie empfinde ich, dass das ganze als "Problem"-Beitrag geschreiben ist, aber wo sollte das Problem sein? Unterschiede im Einkommen nah aufeinander sind normal in Berlin.

    Aus eigener Erfahrung kann ich Eltern empfehlen, Kinder auf Schulen mit mittelhohem Anteil von Kindern nicht deutscher Herkunft zu senden. Es bringt Kindern einen anderen "Habitus" und eine andere Offenheit (fast Neugier) im Miteinander bei, den sie später nur schwer lernen können. In Zukunft wird dies viel wichtiger sein als die letzte chemische Formel, die man in der Schule lernt.

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