Passanten gehen achtlos an einem Obdachlosen vorüber, der auf der Tauentzienstraße vor einer Zara-Filiale auf dem Boden liegt (Quelle: dpa/ Hurek)
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Ungleichstadt - Was die Spielhallen- und Biomarkt-Dichte über Berlin aussagt

In manchen Bezirken verdienen die reichsten 20 Prozent mehr als fünf Mal so viel wie die ärmsten - besonders groß ist der Abstand in Charlottenburg-Wilmersdorf. Doch die Ungleichheit hat in Berlin noch mehr Facetten. Von Tomke Giedigkeit und Tobias Hausdorf 

Die Turmstraße in Moabit, die Sonnenallee in Neukölln oder die Residenzstraße in Reinickendorf: Hier reihen sich Spielhallen und Wettbüros aneinander. An der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg dagegen finden sich gleich mehrere Biomärkte – genau wie rings um den Boxhagener Platz.

Viele Spielhallen, armer Kiez? Ganz so einfach ist es nicht. Zwar versprechen Automatenspiele hinter verdunkelten Scheiben plötzlichen Reichtum, aber viele beginnen mit dem Glücksspiel, weil sie arm an sozialen Beziehungen sind – nicht aus finanzieller Not. Spielotheken sind also nicht per se Anzeiger von Geldnot, aber können ein Anzeiger sozialer Probleme sein.

Biomärkte als Indikator von Aufschwung

Bioläden hingegen gibt es vermehrt dort, wo Menschen sich die Produkte auch leisten können. Sie sind ein Indikator für Aufschwung und wohlhabende Kieze. Die Analyse der Standorte zeigt, wie unterschiedlich die Berliner Viertel geprägt sind.

Biomärkte finden sich vermehrt in Steglitz-Zehlendorf und dem Prenzlauer Berg, aber auch in anderen früheren Arbeiterbezirken, die einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben. In Kreuzberg und dem nördlichen Neukölln sind Biomärkte und Spielotheken nah beieinander – ein möglicher Indiz für gesellschaftlich durchmischte Kieze.

Besonders viele Spielotheken haben sich in Wedding und Gesundbrunnen angesiedelt. Wer von der Außenwelt abgeschottet am Automaten spielen will, hat in den traditionell einkommensschwächeren Vierteln kürzere Wege.

"Spielhallen zerstören Kieze", sagt SPD-Politiker Daniel Buchholz. Seit 2016 hat Berlin das strengste Spielhallengesetz Deutschlands. Über 100 Spielotheken mussten seither bereits schließen. Doch noch immer sind über 270 Spielhallen im Gewerberegister von Berlin registriert. Dazu kommen mehrere hundert Wettbüros, die oftmals nicht offiziell gemeldet sind.

Spielsucht hat viele Facetten

Rund 37.000 BerlinerInnen gelten offiziell als spielsüchtig. Schätzungen gehen von einer viel höheren Dunkelziffer aus. Die, die gegen die Sucht kämpfen wollen, suchen zum Beispiel Hilfe bei Gordon Emons. Der Sozialarbeiter unterstützt Süchtige auf dem steinigen Weg zur "Spielfreiheit". Im Café Beispiellos in Kreuzberg berät er Betroffene und verzweifelte Angehörige.

Fünf Fragen an Spielsuchtberater Gordon Emons:

Hilfe für Spielsüchtige - Gordon Emons ist Sozialarbeiter im Café Beispiellos (Quelle: Tobias Hausdorf)Hilfe für Spielsüchtige - Gordon Emons ist Sozialarbeiter im Café Beispiellos

1. Stimmt es, dass die meisten Spielotheken in Neukölln stehen?

2. Wie viele Spielsüchtige suchen in Berlin Hilfe?

3. Berlin hat seit 2016 das strengste Spielhallen-Gesetz Deutschlands. Hilft es Spielsüchtigen?

4. Wer wird in Berlin spielsüchtig? Und stimmt das Klischee vom arbeitslosen Spielsüchtigen?

5. Wie hoch verschulden sich Spielsüchtige?

Berlins ungleiche Schuldenlast

Nicht nur Spielotheken und Bioläden zeigen, wie unterschiedlich die Kieze geprägt sind. Auch der Schuldenatlas verdeutlicht: Wo viele Spielhallen liegen, sind auch mehr Menschen verschuldet. Die private Schuldenlast der BerlinerInnen ist sehr ungleich über das Stadtgebiet verteilt, wie die Aufschlüsselung nach Postleitzahlengebieten erkennen lässt. Während in einigen Kiezen rund fünf Prozent der Bewohner verschuldet sind, haben in anderen Gebieten knapp 25 Prozent der Einwohner Schulden.

Besonders betroffen sind die Viertel im Nordwesten, Teile von Neukölln und die Randbezirke. In einigen Postleitzahlgebieten sind mit knapp 25 Prozent rund ein Viertel der Bewohner verschuldet. Im Zentrum sowie den Bereichen Prenzlauer Berg und Pankow ist die Schuldnerquote hingegen vergleichsweise niedrig.

Reiches Berlin, armes Berlin

"Im Zeitverlauf nimmt der Anteil der armen BerlinerInnen leicht zu", sagt Ricarda Nauenburg vom Amt für Statistik Berlin-Brandeburg. Die aktuellsten Daten von 2016 benennen eine Armutsquote von 7,2 Prozent. Das heißt für rund 270.000 BerlinerInnen, dass sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Während der Anteil der armen Menschen in Berlin zunimmt, schwankt der Anteil der Reichen im langjährigen Zeitverlauf bei rund neun Prozent. Als reich gilt in Berlin, wer pro Monat mehr als 3.076 Euro zur Verfügung hat.

"Das Verhältnis von Armut und Reichtum zeigt, wie unterschiedlich gut oder schlecht die BerlinerInnen finanziell dastehen. Ausreißer, wie zwischen den Jahren 2013 und 2014 sind auf Änderungen in der Erhebung zurückzuführen", erklärt Nauenburg.

Noch konkreter zeigt sich die Ungleichheit, wenn sich die Perspektive auf Bezirksebene verengt. Zwischen Geringverdienern und Menschen mit hohem Einkommen liegen manchmal nur ein paar Blocks.

Besonders ungleich ist das Verhältnis von Arm zu Reich in Charlottenburg-Wilmersdorf. Auch Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg liegen über dem Berliner Durchschnitt. Insgesamt 4,3 mal so viel Einkommen haben die besserverdienenden BerlinerInnen als das Fünftel mit dem niedrigsten Einkommen. Geschlossener ist die Einkommensschere in den Bezirken, in denen viele Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen wohnen: Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg.

Ungleiche Einkommensverteilung

Nicht nur wie viel mehr die reichen BerlinerInnen verdienen, sondern wie ungleich die Einkommen in den einzelnen Bezirken insgesamt verteilt sind, zeigt der Gini-Koeffzient. Das statistische Maß gibt an, wie das Gesamteinkommen aller BerlinerInnen auf den Einzelnen verteilt ist.

Einkommensgleichheit würde bedeuten, genau 50 Prozent der BerlinerInnen erhalten 50 Prozent des Gesamteinkommens. Je nachdem wie groß die Abweichung von diesem Zustand der Gleichverteilung ist, nimmt der Gini-Koeffizient einen Wert zwischen 0 und 1 an. Je näher der Wert an 1, desto ungleicher verteilen sich die Einkommen auf die Bewohner des jeweiligen Bezirks.

Im Vergleich der Berliner Bezirke haben die Einwohner von Lichtenberg einen verhältnismäßig gleichen Anteil am Gesamteinkommen des Bezirks. Auch in Pankow und Marzahn-Hellersdorf nimmt der Gini-Koeffizient kleinere Werte an, die Einkommensunterschiede sind als im Vergleich zu anderen Berliner Bezirken geringer. In Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte liegt der Gini-Koeffizient in Berlin am höchsten. Hier verfügt also ein kleiner Anteil der Einwohner über deutlich mehr Einkommen.

Ein Projekt der Volontäre der Evangelischen Journalistenschule Berlin  

Armut in Berlin - die Beiträge zum Thema

Eine Frau hält am 01.07.2016 ein Kind an der Hand (Quelle: dpa/Marcel Kusch)
dpa/Marcel Kusch

Ein Projekt der Evangelischen Journalistenschule - Armut in Berlin

Den einen macht Arbeitslosigkeit arm, eine Familie treibt ein Krankheitsfall in Schulden, anderen reicht die Rente nicht: Armut hat viele Gründe - und viele Gesichter. Die Volontäre der Evangelischen Journalistenschule untersuchen Berlin: Wer ist arm, wo und warum? 

Beitrag von Tomke Giedigkeit und Tobias Hausdorf (EJS)

Kommentar

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Antwort auf [Lothar/Berlin-Charlottenburg ] vom 12.07.2019 um 18:09
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24 Kommentare

  1. 24.

    Hier mit leugne ich offiziell die soziale Ungerechtigkeit. Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer lieber kifft, rumlungert und ausschläft, hat seinen Nachteil wieder ausgeglichen.

  2. 22.

    A) offenbar alle kennen diesen Software Fehler :-)
    B) offenbar gibt es immer noch Leugner sozialer Ungerechtigkeit. Zilles dralle Frauen sind verschwunden. Aber die Ungleichheit, um die es im Artikel geht, ist genauso eklatant wie dereinst.

  3. 21.

    Ungleiche Einkommensverteilung - NÖ finde ich nicht.

    Wenn man mit 16 Jahren eine Facharbeiterausbildung anfängt, mit 19-20 Jahren fertig ist, aufsteht und arbeitet, sich einiges kaufen kann, erst jetzt nach Sicherung der Existenz eine Familie gründet, nun über Hausbau nachdenkt, und sich Auto, Reisen und Haus leisten kann, der hat nichts falsch gemacht. Und schon gar nicht, wenn beide Elternteile die Vollzeit arbeiten und dadurch Doppelverdiener sind.

    Jedoch haben die die mit 25 noch nicht im Ansatz in Lohn und Brot stehen, den fleißigen Menschen nicht ihren erarbeiteten "Reichtum" bzw. Konsum abzusprechen. Sie wollen alle gleich machen. Sind sie aber nicht. Dazu fehlen ihnen zu viele Jahre verschenkte Zeit um überhaupt ansatzweise mitzureden.

  4. 20.

    Wenn Sie schon hier von „Menschlichkeit“ schreiben, dann richten Sie bitte diese auch mal an die richtigen Adressen. Woher kommen denn all die vielen gestrandeten bedauernswerten Obdachlosen, die immer mehr unsere Stadt bevölkern tun? Das hat mit Berliner Parteidünkel schier gar nichts zu tun. Jetzt haben wir diese armen Menschen bei uns. Warum wohl? Fragen über Fragen. Und noch etwas. Berlin war noch nie eine super cleane Stadt. Ich hatte mal hier von Schmuddelfaktor geschrieben und dies wurde mir von einigen Usern sehr übel genommen. Aber es ist leider nun mal eine Tatsache, wenn weiterhin der Speermüll auf Straßen landet und selbst Ermittlungen dagegen kaum etwas bringen. Soll ich weitermachen hier. Woher soll Ihrer Meinung nach all das Personal herkommen? Ich find, die BSR macht schon einen Super Job hier. Kann nur nicht immer gleichzeitig an jedem Ort zugleich sein. Denken Sie bitte auch darüber mal nach.

  5. 19.

    Ihre Antwort bestätigt meine Ansicht noch mehr, dass Sie keine Ahnung über die gravierenden Unterschiede der sozial Schwachen zwischen Zilles Zeiten und heute haben. Ich empfinde das als Verhöhnung unseres Sozialstaates, selbst wenn der nicht immer ideal sein mag.

  6. 18.

    Kann ich bestätigen. Scheinbar passiert das immer dann, wen jemand anderes auch gerade kommentiert hat und dessen Kommentar noch nicht freigeschaltet ist. Nervig ist es auf alle Fälle, aber auch kein Beinbruch. Trotzdem wäre es toll, wenn der Fehler behoben werden könnte.

  7. 17.

    Hallo Don Antonio; so habe ich auch gedacht; das gibt es weder hier noch in Birkenwerder. Das gab es auch früher weder in West-und Ostberlin. Es ist beschämend in der Welt von "Menschlichkeit".

  8. 16.

    Berlin wird schließlich von Parteileuten regiert und nicht von hochwertig ausgebildeten Fachpersonen. Wenn ich schon immer von superlangen Behördenwartezeiten höre oder lese bin ich bedient. Arbeitszeit ist Leistungszeit und nicht abwechselnd Kafffeepause oder rauchen. Dann noch die Überheblichkeit in dieser imer dreckiger werdenden Stadt. Schaut mal richtig hin; ich übertreibe nicht. Natürlich leben die "Sonderbürger" in gepflegten Gegenden.

  9. 15.

    Hallo Berlinerin.
    Das mit dem zweimal absenden passiert mir grundsätzlich, sobald ich längere Texte hier eingebe. Bin schon daran gewöhnt immer wieder genau hinzusehen, ob da der Hinweis „ es ist ein Fehler aufgetreten“ erscheint.

  10. 13.

    Das ist jetzt aber ein bisschen seltsam hier mit Fake Accounts und so. Aber Berlinerin haben sich auch schon etliche genannt. Mir egal, ich gebe auch nie eine Mail-Adresse an. Hilft nämlich nix, weder bei Freigabe noch gegen Softwarefehler.
    Was aber auffällt: jeden Sommer zur Ferienzeit wird die eh schon alte Software hakeliger, fast alles muss man 2 mal absenden ("es ist ein Fehler aufgetreten"). Und oft wird "kurz vor Feierabend" alles an gesammelten Kommentaren freigegeben, so von 17-21 Uhr beispielsweise. Das führt auch zu seltsamen Aneinandervorbeireden-Fällen.

  11. 12.

    Danke. Wie Sie im Umgang, auch mit Fragen, die nur an Sie gerichtet sind, umgehen, sehe ich ja hier deutlich an Nr.7

  12. 11.

    Leider können wir nicht nachvollziehen, hinter welchem Namen welche Persönlichkeit steht. Wir moderieren die Kommentare nach unserer Netiquette. Ihre Email-Adresse wird anderen Usern nicht angezeigt.

    Liebe Grüße,
    rbb|24

  13. 10.

    Möchte nur darauf hinweisen, das der Kommentar (7) nicht von mir geschrieben worden ist.

  14. 9.

    Bio Märkte und Spielhallen als Indikatoren zu nehmen ist etwas lächerlich und wirkt wie an den Haaren herbei gezogen.

  15. 8.
    Antwort auf [Lothar/Berlin-Charlottenburg] vom 12.07.2019 um 15:58

    Ich möchte fast sagen, Lothar, bei beidem handelt es sich um Geldwäsche. Beim einen offensichtlicher als beim anderen. Denn "ehrlich" verdient ist das Geld meist nicht, was die Latte Macchiato Muttis da verjubeln, wenn sie mit dem Firmen-SUV des Gatten dort am Biosupermarkt vorfahren, der einstweilen den Scooter durch Mitte schrammt...

  16. 7.
    Antwort auf [Lothar/Berlin-Charlottenburg] vom 12.07.2019 um 15:58

    An die rbb24 Redaktion.
    Schon sehr merkwürdig, wenn jetzt die rbb24 Redaktion es hier zulässt, wenn mein Name mit Angaben fälschlicherweise für Kommentare verwendet wird, die ich nicht geschaltet habe. Nimmt schon sehr seltsame Züge hier im Forum an. Beim User „Steffen“ ist das ja auch so geschehen. Benutzt dieser User eventuell auch fälschlicherweise meine E-Mailadresse. Oder kann ich mich nun hier nennen, wonach mir gerade der Sinn steht. Vielleicht auch mal so, um Personen hier zu verarschen?

  17. 6.

    Träum weiter, Steffen. Ein Innenklo mit H4 hat NICHTS mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Die Steffen-Insel-der-Seeligen scheint in Wannsee oder Grünewald zu liegen. Das letzte Mal mündete eine ähnliche soziale Situation in einer Diktatur, Krieg und weiteren 45 Jahren Diktatur, mit deren Folgen wir heute noch kämpfen! Arbeiter und Bauern(Staat) führte direkt ins H4, 40 Jahre (Aus-)Bildungslücke nebst ethisch-moralischem Vandalismus. Und nein, Jugendweihe ersetzt nicht Kultur. Zille lebt. Hier und jetzt. In Berlin und Brandenburg.

  18. 5.

    Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Ich finde den Vergleich mit Zilles Zeiten für ein wenig weit hergeholt aber im Prinzip hat sich gar nichts geändert. Das Lumpenproletariat sind dann nicht arme Berliner, obwohl es die auch gibt, das sind dann rechtlose Bulgaren oder Rumänen, die in Abbruchhäusern hausen und für 3 €/h schuften müssen.

    Wer von Hartz IV und Paradies fabuliert wiederholt nur das Märchen der sozialen Hängematte und lässt den zeitlichen Zusammenhang außer Acht. Der Hartz IV Empfänger ist der Paria wie der Arbeitslose zu Zilles Zeiten, da hat Berlinerin vollkommen recht. Die Rechte ggü. dem Jobcenter z.B. stehen nur auf einem Blatt Papier.

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