Verschiedene Läden, darunter Nagelstudios, im Berliner Dong Xuan Center
Audio: Inforadio | 21.06.2019 | Frank Zimmermann (SPD) im Gespräch mit Klemens Schulze | Bild: Arco Images/dpa/Joko

Verschwundene vietnamesische Kinder - Innenausschuss will über mutmaßlichen Menschenhandel beraten

Nach rbb-Recherchen zum Menschenhandel mit vietnamesischen Kindern will die Berliner SPD das Thema im Abgeordnetenhauses beraten. Die Polizei bestätigt, dass das Dong Xuan Center eine Rolle spielt. Der Betreiber versichert, umfänglich mit der Polizei zu kooperieren.

Der Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses wird sich mit dem Menschenhandel mit vietnamesischen Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Vorangegangen waren Recherchen des rbb. Der innenpolitische Sprecher der Berliner SPD-Fraktion, Frank Zimmermann, sprach von einer "besonders abstoßende Form der organisierten Kriminalität", die leider nicht neu sei. Die Polizei sei seit langem in Sachen Menschenhandel alarmiert und kenne die Strukturen.  

Polizei hat Schwierigkeiten, Schleuserbanden zu zerschlagen

Nachforschungen von rbb24 Recherche hatten ergeben, dass Schleuserbanden seit Jahren vietnamesische Kinder nach Berlin bringen und hier dazu zwingen, die Kosten der Reise abzuarbeiten. In Polen wird so einer Schleuserbande derzeit der Prozess gemacht. Einer der Angeklagten sagte: "Das Ziel, das wir ansteuerten, war immer dieses Dong Xuan Center in Berlin, in der Herzbergstraße."

Polizei-Sprecher Thilo Cablitz bestätigte dem rbb am Freitag, dass das Berliner Landeskriminalamt seit Jahren wegen dieser "schwerwiegenden Delikte" gegen Schleuserbanden ermittele. "Es sei eine sehr abgeschottete Gemeinschaft, deshalb ist es für uns sehr schwer, dort aufzuklären, Ermittlungsanhalte zu finden und dann solche Schleuserbanden tatsächlich zu zerschlagen", sagte Cablitz. "Die organisierten Strukturen, das klandestine Vorgehen und der hohe Grad an Verschwiegenheit erschweren die Ermittlungen immens", heißt es in einer Mitteilung der Polizei.

Ein weiteres Problem ist laut Informationen des rbb: Wenn die Minderjährigen nach Razzien dem Jugendämter übergeben werden, verschwinden sie nach kurzer Zeit wieder. Allerdings würde man bei den vermisst gemeldeten Kindern und Jugendlichen aus Vietnam rückläufige Zahlen registrieren. 2018 seien 58 solcher Fälle gezählt worden, 2014 noch 127, so die Polizei. Wie generell bei vermissten Minderjährigen würden die meisten Betroffenen wieder gefunden oder sie kehrten alleine zurück. Das gelte auch für die insgesamt 472 in Berlin vermisst gemeldeten Kinder aus Vietnam in den Jahren 2012 bis 2019, hieß es.

Kinder müssen in Nagelstudios arbeiten, Waren einräumen oder Putzen

Weiter bestätigte Cablitz: "Das Dong Xuan Center ist für Schleuser ein Anlaufpunkt, der im Rahmen der Schleusung sporadisch genutzt wird." Wesentlich häufiger griffen die Schleuser aus "sichere Unterkünfte" zurück, die der Zwischenunterbringung von Geschleusten dienen.

Es sei wichtig, die Sachverhalte in Bezug auf das Dong Xuan Center weiter aufzuklären, forderte hingegen der SPD-Innenpolitiker Zimmermann. "Es geht darum, zu gucken: Ist der Markt in Lichtenberg tatsächlich ein Umschlagplatz? Ist es tatsächlich eine strukturierte Vorgehensweise mit den Nagelstudios?", sagte Zimmermann.

Michael Bender vom Hauptzollamt Gießen hatte dem rbb gesagt, es habe Methode, dass Minderjährige mittels krimineller Schleusermethoden für Nagelstudios illegal nach Deutschland gebracht werden.

Wo genau die nach Berlin geschleusten vietnamesischen Kinder zur Arbeit gezwungen werden, ist unklar. Die Berliner Polizei teilte dazu in einer Pressemitteilung mit: "Die nach Berlin geschleusten Personen werden zu unterschiedlichsten Tätigkeiten – vom Auspacken, Einräumen von Ware, Erbringen von Dienstleistungen, Aufräumen, Reinigen bis hin zu Tätigkeiten in der Gastronomie – herangezogen. Auch der Handel mit unversteuerten Zigaretten fällt hierunter." Fälle von Zwangsprostitution seien der Polizei jedoch nicht bekannt.

Dong Xuan Center beteuert, hart durchzugreifen

Auf Anfrage des rbb äußerte sich auch Mguyen Dongthanh, ein Assistent der Geschäftsführung des Dong Xuan Centers. Er bestätigt, dass vor "einiger Zeit" zwei Personen im Dong Xuan Center entdeckt worden seien, die Dienstleistungen für Menschenhandel angeboten hatten, etwa das Erstellen falscher Papiere. "Als wir das erkannt haben, haben wir sofort die Polizei informiert und den beiden Personen Hausverbot erteilt."

Seither seien dem Sicherheitsdienst, der das Center rund um die Uhr überwache, keine weiteren Schleuseraktivitäten aufgefallen. "Wir haben dem Sicherheitsdienst die Anweisung ergeben, dass sie sehr oft kontrollieren sollen, ob solche Vorfälle bei uns vorkommen", sagte Dongthanh dem rbb. Sollten weitere Vorfälle bekannt werden, werde das Center sofort die Polizei kontaktieren.

Nach rbb-Recherchen ist das Dong Xuan Center schon mehrfach ins Visier deutscher Ermittler geraten - zuletzt im Mai 2018 in Verbindung mit Schleusungen, Scheinehen und Drogenhandel.

Sendung: Inforadio, 21.06.2019, 09.05 Uhr 

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6 Kommentare

  1. 6.

    Ins Visier geraten? Kann man sich sehr gut vorstellen: Breitscheidplatz! Der Sicherheitsdienst wird also nichts der Polizei melden, sondern ggf. das Center. Wers glaubt, wird...

  2. 5.

    Da kann ich nur zustimmen. Schliessen den Laden und alles entsorgen. Schlimm genug dass das Problem mit den Kindern schon lange bekannt ist und nichts passiert.

  3. 4.

    ...und wir sind hier nicht in Kambodscha oder in Mexiko, dies passiert mitten in Berlin!
    Aber mittlerweile wundert mich hier gar nicht mehr. Konsequenterweise müsste man den
    ganzen Laden erst mal schließen, ist sowieso das Allerletzte, was die für Müllberge in der
    Herzbergstr. hinterlassen!

  4. 3.

    Danke rbb, für Eure Recherchen. Weiter so, bleibt am Ball und weiterhin wachsam!

  5. 2.

    Zitat: "Innenausschuss will ..." - Ausschuss kennt man hierzulande viel, denn mussten erst rbb-Recherchen publiziert werden, damit der dt. Staat sich der Menschenwürde errinnert?

  6. 1.

    Wenn die Sachen bekannt sind, ist offen, wieso dann nur Rederunden abgehalten werden. Es ist auch unklar, wie der Kindernotdienst Kinder "verlieren" kann, indem er seinem Auftrag, die zu schützen, nicht nachkommt, und wieso dafür weder jemand zur Verantwortung gezogen wird noch verbesserte Maßnahmen zum Schutz dieser Kinder ergriffen werden.
    Für solche grotesken Misstände kann man sich hier als Bürger einfach nur fremdschämen.

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